INEOS speichert erstmals CO2 unter der Nordsee

CARBON REMOVAL · 20. September 2026

INEOS startet ersten kommerziellen CO₂-Speicher in der Nordsee

INEOS Energy hat den CO₂-Speicher in der Nordsee vor Dänemark in den kommerziellen Betrieb überführt. König Frederik X. weihte die Anlage namens Greensand am 18. September 2026 im Hafen Esbjerg ein, Startkapazität sind 400.000 Tonnen CO₂ pro Jahr.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 5 Min. Lesezeit LESEN


Hinter Greensand stehen INEOS Energy als Betreiber, der britische Öl- und Gaskonzern Harbour Energy und der staatliche dänische Nordseefonds Nordsøfonden. Seit 2023 hatten die drei Partner in einer Demonstrationsphase Testmengen eingelagert. Mit der Einweihung endet der Versuch, Greensand verkauft Speicherplatz jetzt als Dienstleistung.

Als „erster kommerzieller Offshore-CO₂-Speicher der EU“ gilt Greensand nur, weil Norwegen nicht der EU angehört. Vor der norwegischen Küste speichert das Projekt Northern Lights bereits seit August 2025 CO₂, mit 1,5 Millionen Tonnen pro Jahr fast das Vierfache der Greensand-Startkapazität. Die Investitionsentscheidung für eine zweite Ausbaustufe mit mindestens fünf Millionen Tonnen ab 2028 ist bereits gefallen.

INEOS speichert CO₂ in der Nordsee vor Dänemark

Der CO₂-Speicher in der Nordsee liegt im ausgeförderten Ölfeld Nini West, rund 250 Kilometer vor der dänischen Küste und etwa 1.800 Meter unter dem Meeresboden. Zum Start stammt das eingelagerte CO₂ aus dänischen Biomethananlagen, also aus biogenen statt aus fossilen Quellen. Wo CO₂-Abscheidung an ihre Grenzen stößt und wo sie sinnvoll ergänzt, hat Cleanthinking grundsätzlich eingeordnet.

Verflüssigtes CO₂ fährt per Lkw zum Hafen Esbjerg. Dort übernimmt die „Carbon Destroyer 1“ die Ladung, laut INEOS das erste eigens gebaute CO₂-Transportschiff der EU, und bringt sie zur Injektionsstelle vor Nini West. Die Reservoir-Integrität hat der Geologische Dienst von Dänemark und Grönland (GEUS) geprüft, die Sicherheitsfreigabe kam vom Klassifikationsunternehmen DNV.

„Es ist ein voll funktionsfähiges Geschäft für CO₂-Transport und -Speicherung“, sagte INEOS-Gründer Jim Ratcliffe in Esbjerg. Neben ihm standen EU-Energiekommissar Dan Jørgensen und CINEA-Direktorin Paloma Aba Garrote. Europa erreiche kein Netto-Null, indem es Fabriken schließe und Arbeitsplätze exportiere. Die Industrie brauche Lösungen, die sie wettbewerbsfähig hielten und zugleich Emissionen senkten.

INEOS peilt acht Millionen Tonnen CO₂ pro Jahr an

Die Startkapazität von Greensand liegt bei 400.000 Tonnen CO₂ pro Jahr. INEOS nennt ein Ausbauziel von vier bis acht Millionen Tonnen, sobald weitere regionale Abscheideprojekte ans Netz gehen, ein Datum dafür nennt der Konzern nicht. Das EU-Ziel aus dem Net-Zero Industry Act liegt bei 50 Millionen Tonnen jährlicher Speicherkapazität bis 2030, Greensand deckt zum Start rund 0,8 Prozent davon ab.

Die EU fördert das Vorhaben „Greensand Future“ mit 41 Millionen Euro aus dem Innovationsfonds, gespeist aus Einnahmen des europäischen Emissionshandels. Der Förderantrag nennt 2,4 Millionen Tonnen CO₂ über acht Jahre, also rund 300.000 Tonnen im Jahresschnitt.

Carbfix verwandelt CO₂ in Island zu Gestein

Im ausgeförderten Ölfeld bleibt das CO₂ ein Gas, die Dichtigkeit hängt am Deckgestein. Das isländische Cleantech-Unternehmen Carbfix geht anders vor: Es löst CO₂ in Wasser und presst dieses in reaktiven Basalt. Dort reagiert es mit dem Gestein und wird binnen zwei Jahren zu Mineral. In der Natur dauert das Jahrtausende.

Zwischen Juli 2025 und Juni 2026 hat Carbfix am Geothermiekraftwerk Hellisheiði nach eigenen Angaben 99,6 Prozent des anfallenden CO₂ gebunden. Den Schwefelwasserstoff aus dem Kraftwerk von ON Power fing die Anlage vollständig ab. Im gemessenen Jahr kamen gut 19.000 Tonnen CO₂ in den Untergrund, seit Beginn des Verfahrens in Hellisheiði mehr als 120.000 Tonnen. Das gemeinsame Projekt Silverstone fördert die EU mit knapp 3,9 Millionen Euro aus demselben Innovationsfonds wie Greensand.

Abscheideanlage des Projekts Silverstone von ON Power und Carbfix am Geothermiekraftwerk Hellisheidi in Island
Die Anlage des Projekts Silverstone am Geothermiekraftwerk Hellisheidi. QUELLE: Carbfix

Die Zahl gilt für die Abscheidung am Kraftwerk, nicht für eine Transportkette. Hellisheiði bindet das eigene, geogene CO₂ der Geothermie und senkt so die Klimawirkung der eigenen Stromerzeugung, das ist Vermeidung und keine Entnahme aus der Atmosphäre. Für die Speicherfrage zählt der Rest: Der Weg vom Abgas ins Gestein verliert kaum etwas.

Deutschland erlaubt CO₂-Export, ein Abkommen mit Dänemark fehlt

In Deutschland ist am 28. November 2025 das Kohlendioxid-Speicherungs- und -Transportgesetz in Kraft getreten. Es erlaubt CO₂-Speicher in der deutschen ausschließlichen Wirtschaftszone und auf dem Festlandsockel. Im Küstenmeer bleibt die Injektion verboten, an Land sieht das Gesetz keine Speicherung vor. Einzelne Bundesländer können sie per Opt-in zulassen.

Am 29. Januar 2026 beschloss der Bundestag in zweiter und dritter Lesung die Novelle des Hohe-See-Einbringungsgesetzes und die Ratifizierung von Artikel 6 des Londoner Protokolls. Damit ist der Export von CO₂ rechtlich möglich.

Ohne Abkommen zwischen Deutschland und dem Zielstaat darf kein deutsches CO₂ in einem ausländischen Speicher landen. Mit Dänemark gibt es bislang keines. Offen bleiben außerdem Netzanschluss und Netzzugang für CO₂-Leitungen, die eine Verordnung regeln soll, sowie der Förderrahmen. Auch das geplante Exportterminal CarbonBridge in Bremen, das ab 2031 CO₂ verschiffen soll, wartet auf diese Regelungen.

Angeschlossen ist dagegen die Schweiz. Seit dem 2. September 2026 verschifft die Regionalwerke AG Baden biogenes CO₂ aus ihrer Biomethananlage in Niederwil nach Dänemark, bis zu 4.300 Tonnen pro Jahr. Es ist das erste nicht-dänische Projekt in dem Speicher.

Gemessen am deutschen Bedarf sind 4.300 Tonnen wenig. Heidelberg Materials will allein im Zementwerk Geseke ab 2029 jährlich 700.000 Tonnen CO₂ abscheiden und zunächst per Bahn abfahren, weil die Pipeline fehlt. Dieses eine Werk überschreitet die gesamte Startkapazität von Greensand um 300.000 Tonnen.

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