HITZESCHUTZ · 27. JUNI 2026
KI-generiertKlüger gegen die Hitze: Die Klimaanlage in Deutschland ist erst der Anfang
Bei 40 Grad wird Kühlung von Gebäuden zu einer Frage der Gesundheit. Die beste Klimaanlage in Deutschland ist mutmaßlich ein Split-Klimagerät, das heizt und kühlt. Doch gegen die Hitze braucht es weitere Maßnahmen als nur eine Technologie: Verschattung, kühle Gebäude, grüne Städte.
Am bislang heißesten Tag des Jahres rückten in Krefeld Rettungskräfte zu einem Großeinsatz in einem Seniorenheim aus, rund 40 Bewohner betroffen, fünf im Krankenhaus. Es ist einer von vielen Hitze-Notfällen dieses Sommers. Auch das AWO-Seniorenzentrum im mittelfränkischen Roth ist nicht klimatisiert. Tagsüber heißt es dort: Fenster zu, Rollos runter, abwarten.
„Wieder leiden viele der 800.000 Pflegeheimbewohner unter den extremen Temperaturen", betont Eugen Brysch von der Deutschen Stiftung Patientenschutz.
Ausgerechnet in dieser Lage philosophiert Axel Bojanowski über eine angebliche Klimaanlagen-Phobie der Deutschen. Unter dem Titel „Klimaanlagen-Phobie„ schreibt der WELT-Wissenschaftsjournalist, hierzulande herrsche der Aberglaube, „Durchzug“ mache krank, und genau deshalb verschmähe man die beste Technik gegen Hitze. Er führt die Weltgesundheitsorganisation an, die Klimaanlagen empfehle, erinnert an das Hitzedrama von Chicago 1995 und rechnet vor, im deutschen Hitzeschutzplan komme das Wort Klimaanlage nicht einmal vor.
In einem Punkt hat er recht: Deutschland ist zu zögerlich bei Hitzeschutz und dabei Kühlung genau dort hinzubringen, wo sie Leben rettet. Im Schnitt sterben hierzulande rund 4.800 Menschen pro Jahr an Hitze, und ohne Gegenmaßnahmen könnte sich diese Zahl bis 2100 verdreifachen.
Doch der Wissenschaftsredakteur überhöht diesen einzelnen Aspekt der Klimaanlage in Deutschland. Eine Phobie gibt es nicht, und der Erkältungsmythos ist längst widerlegt, das bestätigt sogar das Deutsche Rote Kreuz. Bojanowski hat den Klimaschutz schon früher einseitig dargestellt.
Tatsächlich muss es doch - ganz technologieoffen - um die jeweils intelligenteste Lösung für das jeweilige Gebäude gehen. Das kann eine Klimaanlage sein, zumal viele Wärmepumpen längst mitkühlen, ebenso aber die klassische Sanierung etwa mit Fenstertausch, eine Kühldecke oder ein eigens gekühlter Rückzugsraum. Übergreifend dreht sich Hitzeschutz um die Frage, wie aus städtischen Hitzeinseln wieder Begegnungsorte werden.
Die beste Klimaanlage in Deutschland ist eine Wärmepumpe
Schon der Begriff führt in die Irre. Unter „Klimaanlage" läuft alles Mögliche, vom Ventilator über Verdunstungskühler bis zum fest verbauten Gerät. Verbreitet ist das in Deutschland kaum: Nur rund sechs Prozent der Wohnungen haben eine fest installierte Anlage, weitere 13 Prozent behelfen sich mit mobilen Geräten (Verivox). In den USA sind es etwa 90 Prozent, in Europa im Schnitt rund 20 (IEA).
Wer kühlt, greift hierzulande meist zum mobilen Schlauchgerät aus dem Baumarkt, das gegen echte Hitze kaum hilft. Die wirksame Lösung montiert der Fachbetrieb fest an die Wand: die Split-Klimaanlage. Technisch ist sie eine Luft-Luft-Wärmepumpe, dieselbe Maschine, die auch heizt, nur mit umgekehrter Laufrichtung.
Sie kühlt nicht nur effizient, sie heizt auch. Sie macht aus einer Kilowattstunde Strom ein Mehrfaches an Heizwärme, in gut gedämmten Räumen ersetzt es sogar eine eigene Heizung. Dieselbe Technik steckt in den Wärmepumpen, die Deutschland für die Wärmewende gerade zu Hunderttausenden einbaut.
Mit Solarstrom vom eigenen Dach ist Kühlen deshalb keine Verschwendung. Mittags liefert die Sonne am meisten Strom, oft im Überfluss, und genau dann ist der Kühlbedarf am größten. So sieht es Michael Sterner, Energieprofessor an der OTH Regensburg, der den Ausbau solcher Geräte für überfällig hält. Den eigentlichen Unsinn sieht er in den getrennten Anlagen vieler Häuser: „Zwei Teile, zwei Systeme, doppelte Kosten, doppelte Wartung." Ein reversibles Gerät erledige beides.
Der Trend stützt diese Logik: Zwischen 2019 und 2024 stieg die Nachfrage nach Kühlgeräten in Deutschland um 75 Prozent (Eurovent). In Europa steigt der Bedarf an Kühlung, während der an Heizung sinkt. Wer mittags mit Solarstrom vorkühlt, wenn die Sonne am meisten liefert, nutzt den saubersten Strommix, und moderne Steuerung kann die Effizienz neuer Geräte um bis zu 40 Prozent steigern.
Vergessen in den Förderprogrammen
Dass die Kühlfunktion oft fehlt, ist kein Zufall. In den Förderprogrammen der Wärmewende war sie lange kein Thema. Geplant wurde die Heizung, der Sommer blieb außen vor.
„Die Bundesregierung lässt die Praxen beim Hitzeschutz im Stich", kritisiert Nicola Buhlinger-Göpfarth, Vorsitzende des Hausärztinnen- und Hausärzteverbands. Den jahrelangen Ankündigungen seien keine Taten gefolgt, die zugesagte Vergütung für Hitzeberatung in den Praxen fehle bis heute. Auch Pflegeheime müssten endlich in die Lage versetzt werden, ihre Bewohner zu schützen.
Für jedes Gebäude eine andere Lösung
Oft hält passive Technik die Hitze schon draußen. Außenliegender Sonnenschutz wie Raffstores oder Rollläden hält bis zu drei Viertel der Wärme ab, ein innenliegender nur rund ein Zehntel. Konsequente Nachtauskühlung über geöffnete Fenster bringt häufig mehr als das Kühlen am Tag.
„Klimageräte beseitigen nur die Symptome der Hitze, nicht die Ursache", sagt die Verbraucherzentrale. Wo aktiv gekühlt wird, bleibt es nicht beim Split-Gerät: Flächen- und Kühldecken arbeiten leise und zugfrei, gekühlte Wände und Decken speichern die Kälte, Erdsonden kühlen nahezu zum Nulltarif.
Krankenhäuser sind ein eigener Fall. In schlecht gewarteten Kühl- und Lüftungsanlagen können sich Legionellen vermehren und schwere Lungenentzündungen auslösen, weshalb für die Klimatisierung von Kliniken strenge Hygienevorschriften gelten. Was dort nötig ist, taugt nicht als Maßstab für ein Pflegeheim oder eine Schule.
Bojanowski rechnet der Politik vor, im Hitzeschutzplan tauche das Wort Klimaanlage nicht auf. Die fachliche Grundlage der Hitzeaktionspläne, die Handlungsempfehlungen des Umweltbundesamts von 2017, nennt Klimaanlagen jedoch mehrfach. Allerdings nachrangig, mit Verweis auf Strombedarf, Abwärme und den Wärmeinseleffekt in den Städten.
Wo das Kältegerät an Grenzen stößt
Diese Vorsicht hat Gründe. Die Zahl der Kühlgeräte weltweit könnte laut Internationaler Energieagentur von rund 1,6 Milliarden auf etwa 5,6 Milliarden im Jahr 2050 steigen. Jedes Gerät gibt seine Wärme nach draußen ab und heizt vor allem nachts die Städte zusätzlich auf, dort, wo Hitze am gefährlichsten ist. Hinzu kommen Kältemittel mit hoher Klimawirkung und eine soziale Schieflage, weil Mieter selten ein Außengerät anschrauben dürfen, Eigentümer dagegen schon.
Zugleich ist Kühlung eine soziale Frage. 38 Prozent der Europäer können sich das Kühlen ihrer Wohnung laut einer EU-Umfrage nicht leisten. „Kühlung wird immer noch viel zu oft als Luxus abgetan", sagt Stijn Renneboog vom Branchenverband Eurovent, dabei werde sie zum ernsten Gesundheitsproblem.
Auch die Stimmen, die Bojanowski für die Klimaanlage anführt, äußern sich differenzierter zum Thema Klimaanlage. Das WHO-Regionalbüro Europa etwa bezeichnet sie ausdrücklich als „keine nachhaltige Dauerlösung“ und empfiehlt sie gezielt für gefährdete Gruppen. Vorrang haben baulicher und planerischer Hitzeschutz. Klingt verdächtig nach Deutschlands Hitzeschutzplänen.
Auch die Stadt muss kühler werden
Mit dem einzelnen Haus ist es ohnehin nicht getan. Versiegelte Flächen, Asphalt und Steingärten speichern die Hitze und geben sie nachts wieder ab. Eine Stadt, die nicht abkühlt, treibt den Kühlbedarf in jedem Gebäude nach oben.
Die Mittel dagegen sind bekannt: Entsiegelung statt Pflasterwüste, Stadtbäume, begrünte Dächer und Fassaden, offene Wasserflächen. Ein großer Baum vor dem Fenster senkt die gefühlte Temperatur um bis zu zehn Grad. „Hitzeschutz in Städten muss zur Daueraufgabe werden", sagt UBA-Präsident Dirk Messner. Kommunen könnten kühle Orte ausweisen, Trinkwasser bereitstellen und öffentliche Gebäude als Rückzugsräume öffnen.
Manche Städte machen vor, wie das geht. In Köln rollen die Stadt und der Versorger RheinEnergie an heißen Tagen seit 2022 unter dem Namen „Cooling Cologne" Schläuche mit Sprühdüsen über zentrale Plätze wie den Rudolfplatz. Der feine Wassernebel kühlt die Luft. Sein Verbrauch von 16 Kubikmetern pro Stunde fällt kaum ins Gewicht, gemessen an den mehr als 300.000 Kubikmetern, die Köln an heißen Tagen ohnehin verbraucht.
Größere Städte gehen weiter. In Paris, Stockholm und Kopenhagen läuft Fernkühlung analog zur Fernwärme: Kaltwasser fließt durch unterirdische Leitungen und kühlt ganze Gebäudeblocks zentral.
Barcelona, Wien, Paris und London richten Kühlzentren ein, weiten das Stadtgrün aus und schreiben Gründächer vor (WRI). Deutsche Städte verlieren dagegen an Schutz: Laut dem Hitze-Check der Deutschen Umwelthilfe sind fast eine Million Stadtbäume verschwunden.
Das gilt gerade dort, wo Menschen krank sind. Wer frisch operiert wurde, aber wieder auf den Beinen ist, braucht mehr als ein kühles Zimmer: einen schattigen Park, Sitzgelegenheiten, Zugang zu Wasser. Solche Wege gehören in die Planung von Kliniken und Quartieren von Anfang an.
Die Frage für jeden Bauantrag
Deutschland muss seinen Gebäudebestand in den kommenden Jahrzehnten ohnehin sanieren und umbauen, für den Klimaschutz wie für die Wärmewende. Darin liegt der größte Hebel. Bei jedem Bau- und Sanierungsprojekt ließe sich eine Frage gleich mitbeantworten: Wie bleibt das Gebäude auch bei 40 Grad kühl?
Hitzeschutz ist dabei keine Aufgabe für ein einzelnes Amt. Er betrifft Stadtplanung und Bauämter ebenso wie Kliniken, Pflegeeinrichtungen und den Betrieb öffentlicher Gebäude.
Und er bleibt dringend. Der Weltklimarat warnt, dass extreme Hitzewellen schneller zunehmen als von den Modellen vorhergesagt, besonders in Westeuropa, die nächste kommt bestimmt. Wer heute plant, sollte die 40 Grad von morgen mitdenken, und Mut macht, dass die Technik dafür längst bereitsteht.
Im Seniorenheim Roth hoffen sie inzwischen auf eine neue Heizung, die auch kühlen kann. Ein Gerät, ein System, betrieben mit dem Solarstrom, der mittags im Überfluss da ist. Mit einer Phobie hat das nie etwas zu tun gehabt.
Häufige Fragen zur Klimaanlage in Deutschland
Ist eine Klimaanlage dasselbe wie eine Wärmepumpe?
Das gängige Kühlgerät, die Split-Klimaanlage, ist technisch eine Luft-Luft-Wärmepumpe. Sie nutzt denselben Kältekreis wie eine Heizungs-Wärmepumpe und kann heizen und kühlen. Auch viele Luft-Wasser- und Erdwärmepumpen kühlen, allerdings nur moderat.
Wie viele Hitzetote gibt es in Deutschland pro Jahr?
Je nach Methode schätzen Fachleute mehrere tausend hitzebedingte Sterbefälle pro Jahr, im Schnitt zuletzt rund 4.800. Im extremen Sommer 2022 waren es zwischen 4.500 (RKI) und rund 9.100 (Helmholtz Munich).
Was hilft gegen Hitze in der Wohnung außer einer Klimaanlage?
Am wirksamsten ist außenliegender Sonnenschutz, der bis zu drei Viertel der Wärme abhält. Dazu kommen nächtliches Querlüften, Kühldecken, Dämmung mit Speichermasse sowie Verschattung und Begrünung im Quartier.
Wann ist eine Klimaanlage sinnvoll?
In Pflegeheimen, Kliniken und für gesundheitlich gefährdete Menschen kann aktive Kühlung lebenswichtig sein. Für den Wohnungsbestand empfehlen WHO und Umweltbundesamt zuerst passive Maßnahmen und, wo aktiv gekühlt wird, effiziente reversible Geräte mit Solarstrom.
QUELLEN
- IEA The Future of Cooling
- Umweltbundesamt Handlungsempfehlungen für die Erstellung von Hitzeaktionsplänen
- Umweltbundesamt Kühle Gebäude im Sommer
- WHO Europa Strengthening heat-health action plans
- Verbraucherzentrale Wohnung kühlen: Was hilft gegen Hitze zu Hause?
- Robert Koch-Institut Hitzebedingte Sterbefälle (Epidemiologisches Bulletin 19/2025)
- Deutsche Welle Warum Deutsche keine Klimaanlagen haben
- Telepolis Schluss mit Schlauchlösungen: Warum Deutschland Split-Land werden muss