Warum der private Solarboom nicht endet

PHOTOVOLTAIK · 27. JUNI 2026

Nein, der private Solarboom endet nicht

Die WELT erklärt das Ende des privaten Solarbooms, ausgerechnet in der Woche, in der die Photovoltaik in Deutschland Braunkohle und Erdgas überholt. Was als Einbruch verkauft wird, ist die Landung auf hohem Niveau. Die einzige echte Gefahr heißt EEG 2027, und sie steht im Konjunktiv.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 9 Min. Lesezeit LESEN


„Das Ende des privaten Solar-Booms”, mit dieser Überschrift verabschiedete die WELT vergangene Woche eine ganze Branche. Geschrieben hat den Text Daniel Wetzel, der Wirtschaftsredakteur, dessen Arbeiten immer wieder Thema bei Cleanthinking sind. Etwa hier, und hier und dort. Sein Befund: Der Rückgang bei privaten Solaranlagen werde „zu Unrecht” mit der Energiepolitik von Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche in Verbindung gebracht. Alles nur Normalisierung nach dem Corona-Hoch.

Die Daten, auf die sich Daniel Wetzel beruft, stammen vom Bundesverband Solarwirtschaft (BSW Solar). Bei genauerem hinsehen, erzählen sie aber mutmaßlich eine ganz andere Geschichte...

Letzte Woche zog die Solarbranche im Rahmen der Münchner Intersolar als Teil der The Smart E Europe Bilanz. Die Photovoltaik lieferte laut BSW Solar 2025 rund 19 Prozent des deutschen Stroms und überholte damit erstmals sowohl die Braunkohle als auch das Erdgas. Nur die Windkraft erzeugt noch mehr. Über sechs Millionen Anlagen mit mehr als 120 Gigawatt sind am Netz, beim weltweiten Zubau rückte Deutschland von Rang fünf auf Rang vier vor.

Auf der parallelen Speichermesse ees brachte es Andreas Piepenbrink, Chef des Osnabrücker Speicherherstellers E3/DC, in seiner Eröffnungs-Keynote auf den Punkt: Wer die konservative Presse lese, müsse die Energiewende für den größten Unsinn aller Zeiten halten. Die Realität auf den Dächern sehe anders aus.

Was als Einbruch verkauft wird, war das beste Jahr aller Zeiten

Wetzel arbeitet besonders eine Zahl aus der Jahresbilanz heraus: Der private Solarmarkt sei „bereits 2024” deutlich eingebrochen, also bereits vor dem Regierungswechsel. Doch dieses Narrativ erscheint fragwürdig zu sein: Denn die Jahre 2023, 2024 und 2025 waren die Jahre mit dem stärksten PV-Zubau seit 2006. im Vergleich zu 2022 ist auch der verringerte Wert von 2025 immer noch eine Verdopplung. Sie zeigt zwar das Ende einer „solaren Sonderkonjunktur“, wie der BSW Solar es beschreibt, aber keinesfalls das Endes des privaten Solarbooms.

privater Solarboom endet nicht

Für das laufende Jahr meldet die Solarbranche Werte, die höher sind als die aus 2025 - trotz oder vielleicht gerade wegen der Verunsicherungspolitik von Katherina Reiche, Leonard Birnbaum und Anderen. Der Solarboom wird also nur dann zu Ende gehen, wenn es der Energieministerin gelingen sollte, die Einspeisevergütung tatsächlich abzuschaffen.

Aktuell zieht die Nachfrage sogar wieder an. Die Iran-Krise und die Sorge vor steigenden Öl- und Gaspreisen lassen viele Hausbesitzer über Unabhängigkeit nachdenken. Mehr als sieben von zehn der vom Branchenverband befragten Betriebe im Heimsegment rechnen mit wachsender Nachfrage. Aus Niedersachsen berichtete der NDR von Solar-Installateuren im Dauereinsatz, die der Auftragslage kaum noch hinterherkommen.

Branchen-Kenner wie Andreas Piepenbrink halten das für unwahrscheinlich. Der Geschäftsführer von E3/DC setzt darauf, dass die Bundesländer die rigorose Abschaffung der Einspeisevergütung kippen werden. Das Unternehmen hat bewiesen, dass der regional erzeugte Dach-PV-Strom im jeweiligen Ortsnetz verbraucht wird und es so zu keiner Überlastung im Verteilnetz kommt.

Der Gesamtmarkt indes lebt derzeit stärker von Anlagen, die auf der Freifläche installiert werden, wie diese Übersicht zeigt:

Photovoltaik-Zubau 2025

Der Zubau blieb 2025 mit 17,6 Gigawatt fast auf Vorjahresniveau, in den ersten fünf Monaten 2026 lag er sogar fünf Prozent darüber, im Mai allein sechzehn Prozent. Was sich verschiebt, ist die Statik des Marktes: Die Freiflächen legten um 36 Prozent zu, das Gewicht wandert vom Dach aufs Feld und in den Speicher. Das ist Strukturwandel, nicht Sterben.

Selbst die kleinste Klasse wächst rasant. Die Zahl der Steckersolargeräte, im Volksmund Balkonkraftwerke, hat sich seit 2022 verzehnfacht. Ende 2025 waren über 1,2 Millionen registriert. Ausgerechnet das Segment, das die Energiewende für Mieter und kleine Budgets öffnet, soll ein Beleg für den Niedergang sein.

Das Plateau reicht nicht, und das ist das wahre Problem

Trotzdem zeigen die Zahlen eine Schwierigkeit auf dem Solarmarkt, die die Debatte um die Kürzung der Solarförderung völlig absurd erscheinen lässt: Der Ausbau von 17 Gigawatt in 2025 reicht nicht, um die gesetzlichen Ziele zu erreichen. Würde es Katherina Reiche darum gehen, diese einzuhalten, müsste sie von der Bremse gehen und aufs Gaspedal treten.

Hier müsste eine ehrliche Energieberichterstattung ansetzen, statt eine Grabrede zu halten. Denn gemessen an den eigenen Zielen wird zu wenig gebaut. Das Erneuerbare-Energien-Gesetz verlangt rund 20 Gigawatt Zubau pro Jahr, um das Ziel von 215 Gigawatt bis 2030 zu erreichen. Bislang sind davon erst 57 Prozent geschafft. Wir liegen bei 17,6 und müssten beschleunigen.

Denn in den kommenden Jahren ist mit einem Zubau von 20 GWp geplant worden. Der Branchenverband bezeichnet die 17 GWp zwar als „auf der Zielgeraden“, aber die Lücke zur Zielerreichung ist deutlich erkennbar:

auf der Zielgeraden Solarzubau 2025

BSW-Hauptgeschäftsführer Carsten Körnig fordert deshalb ein höheres Tempo, kein niedrigeres. „Wer die Energiewende zum Erfolg führen will, darf jetzt nicht auf die Bremse treten”, sagte er in München. Die Botschaft der Messe war ein Weckruf.

Wie dynamisch der Markt tatsächlich ist, zeigt der Speicherbereich, der gern mit einer einzigen Momentaufnahme abgetan wird. Weil an einem windstillen Dienstagabend der Börsenpreis kurz auf über 600 Euro je Megawattstunde sprang, gilt manchen die Batteriespeicherung schon als gescheitert. Die Zahlen sagen das Gegenteil: Bei den Großspeichern wuchs der Zubau im ersten Quartal um 290 Prozent, über alle Segmente legte der Speichermarkt von Januar bis Mai um 70 Prozent zu. Rund 30 Gigawattstunden Kapazität sind installiert. Einen Boom widerlegt man nicht mit einem Abend.

Und der volkswirtschaftliche Ertrag dieser Anlagen ist gewaltig. Allein seit 2020 hat der Solarstrom nach Berechnungen des Verbandes Klimaschadenskosten von bis zu 250 Milliarden Euro vermieden und fossile Energieimporte im Wert von über 20 Milliarden Euro ersetzt. Das ist die Bilanz, die in keiner Subventionsrechnung auftaucht.

Dass der Ausbau auch die Preise dämpft, bestätigt eine unabhängige Stimme jenseits der Branche. Leonhard Gandhi, Leiter der Energy Charts am Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme, verweist darauf, dass der starke Photovoltaik-Zubau seit 2022 die Auswirkungen hoher Erdgaspreise auf den Börsenstrompreis spürbar abfedert. Jede neue Anlage macht den Strommarkt ein Stück widerstandsfähiger gegen die nächste fossile Preiskrise.

Die einzige reale Gefahr trägt einen Namen

Sie liegt nicht in der Vergangenheit, sondern in der Zukunft. Im April wurde der Referentenentwurf für ein EEG 2027 bekannt. Für neue Anlagen bis 25 Kilowatt soll die feste Einspeisevergütung fallen. Wer dann noch einspeisen will, muss seinen Strom direkt vermarkten, oder er wählt die sogenannte Nulleinspeisung und darf gar nichts mehr ins Netz geben. Eine standardisierte, bezahlbare Direktvermarktung für kleine Dächer gibt es bislang allerdings kaum.

Was nach einem Genickbruch klingt, trifft den Markt weit weniger hart, als die lautesten Warnungen behaupten. Denn der wirtschaftliche Kern einer privaten Solaranlage ist heute der Eigenverbrauch. Seit Jahren entstehen rund 80 Prozent der neu verkauften Heimanlagen zusammen mit einem Batteriespeicher, rund 40 Prozent sogar mit Wärmepumpe oder E-Auto. Bundesweit sind über zwei Millionen Heimspeicher in Betrieb.

Wer seinen Sonnenstrom selbst nutzt, spart über 30 Cent Netzbezug je Kilowattstunde. Gegen diesen Wert fällt die Einspeisevergütung kaum noch ins Gewicht. Die Anlage rechnet sich über die gewonnene Unabhängigkeit.

Genau hier liegt der Denkfehler des WELT-Textes. Er widerlegt die Vergangenheit, um die Zukunft freizusprechen. Dass die Nachfrage 2024 nach dem Krisenhoch zurückging, stimmt. Dass Reiches Schnitt deshalb unbedenklich sei, folgt daraus nicht. Im selben Artikel zitiert der Autor sogar die Warnung des Branchenverbands, die Streichung verlängere die Amortisation spürbar, und erklärt sie im nächsten Atemzug für unbegründet. Schlechte und unnötige Politik bleibt schlecht, auch wenn sie den Boom nicht beendet.

Dazu passt die Subventionskeule, mit der der Text schließt: 10 Milliarden Euro für die Photovoltaik, mehr als die Hälfte der gesamten EEG-Vergütung. Was er verschweigt: Das sind die Altlasten aus Verträgen, die vor bis zu zwanzig Jahren mit weit höheren Sätzen abgeschlossen wurden. Neue Dachanlagen erhalten nur noch rund sieben Cent. So funktioniert das Muster der fossilen Erzählung: ein reales Faktum nehmen, den Kontext weglassen, den falschen Schluss ziehen.

Warum der Konjunktiv angebracht ist

Reiches Plan ist noch kein Gesetzestext, und der Widerstand ist gewaltig. Auf der Energieministerkonferenz im Mai auf Norderney sprachen sich alle 16 Energieminister der Länder einstimmig gegen die Streichung der Einspeisevergütung aus, quer durch alle Parteien. Das EEG ist zwar ein Einspruchsgesetz, das der Bundesrat nicht endgültig stoppen kann. Doch ein geschlossener Länderblock und der Vermittlungsausschuss sind ein politisches Schwergewicht, das ein Wirtschaftsministerium nicht einfach überrollt.

Hinter diesem Widerstand steht die Bevölkerung. In einer repräsentativen YouGov-Umfrage sprechen sich rund 70 Prozent dafür aus, die Abhängigkeit von fossilen Importen über mehr Erneuerbare und Speicher zu senken. Etwa acht von zehn Befragten wollen, dass die Förderung von Solaranlagen auf Gebäuden weitergeht. Eine Regierung, die das kleine Dachsegment ausbremst, legt sich mit einer satten Mehrheit an.

Aus der Branche kommt darum bemerkenswerte Gelassenheit. Piepenbrink zeigte sich „zutiefst überzeugt”, dass die feste Einspeisevergütung bis 25 Kilowatt bestehen bleibe, weil sie sachlich richtig sei und der Bundesrat mitziehen werde. Dabei liegt die Lösung für das eigentliche Problem, die Stromspitzen an sonnigen Tagen, längst auf dem Tisch.

Sie heißt Flexibilität. Speicher tragen den Mittagsüberschuss in den Abend. Dynamische Tarife belohnen den Verbrauch in den Sonnenstunden. Der Smart-Meter-Rollout nimmt Fahrt auf, und das Energy Sharing lässt Nachbarn ihren Solarstrom teilen.

Statt sauberen Strom abzuregeln, ließe sich der Mittagsüberschuss nutzbar machen. Das wäre die Antwort einer Industriepolitik, die nach vorn denkt, statt das produktivste Bürgersegment der Energiewende auszubremsen. Wer kleine Anlagen künstlich unwirtschaftlich macht, verschenkt genau die dezentrale Erzeugung, die das System günstiger und krisenfester macht.

Fazit: Endet also der private Solarboom?

Der private Solarboom endet nicht von selbst. Er steht auf einem Rekordplateau, von dem aus er eigentlich weiter klettern müsste, um die Klimaziele einzuhalten. Die Aufgabe der Politik wäre, diesen Aufstieg zu beschleunigen.

Stattdessen droht ausgerechnet ein Entwurf aus dem Wirtschaftsministerium, das stärkste Bürgersegment der Energiewende abzuwürgen. Ob er kommt, ist offen, und genau das ist die Nachricht: Wer den Boom für beendet erklärt, verwechselt eine politische Drohung mit einer ökonomischen Tatsache. Die Eigenheimbesitzer, die Handwerksbetriebe und 16 Länder-Energieminister sehen das anders.

Die Sonne scheint weiter. Die Frage ist nur, ob Berlin sie weiter aufs Dach lässt.

QUELLEN

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  1. Bundesverband Solarwirtschaft: Marktdaten zur Intersolar Europe und ees Europe 2026 (Juni 2026).
  2. NDR, Studio Osnabrück (03.06.2026): Boom bei Solaranlagen: Installateure in Niedersachsen im Dauereinsatz
  3. Zeitung für kommunale Wirtschaft: Energieministerkonferenz: 16 Minister geben Reiche Kontra
  4. Freie Presse / dpa: Länder stellen sich gegen Reiches Energie-Reformpläne
  5. Dr. Andreas Piepenbrink (E3/DC), Eröffnungs-Keynote ees Europe 2026.
  6. Cleanthinking: Überlastung im Verteilnetz? E3/DC-Messung im Ortsnetz
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