ENERGIEWENDE · 20. JUNI 2026
welt.de ScreenshotREN21 Report: Was Daniel Wetzel beim Kipppunkt übersieht
WELT-Redakteur Daniel Wetzel pickt wenige Zahlen aus einem 70-seitigen Report und macht daraus die Erzählung vom „Kipppunkt des Grüne-Energie-Booms”. Die übrigen Fakten zeigen: Die Welt hat sich längst für die Beschleunigung entschieden.
Die globalen Investitionen in Ökostrom-Erzeugung sind 2025 um neun Prozent gesunken. Diese Zahl steht im neuen REN21 Report, dem Statusbericht des Pariser Netzwerks für erneuerbare Energien, und in der WELT baut Redakteur Daniel Wetzel daraus einen „Kipppunkt des Grüne-Energie-Booms”. Der Bericht selbst kommt zu einem anderen Schluss.
Wetzels Text nutzt ein Muster, das sich durch den gesamten Beitrag zieht: eine reale Zahl isolieren, den Kontext weglassen, die pessimistischste Deutung als Befund präsentieren. Der Report hingegen dokumentiert Rekordzubau, sinkende Kosten, wachsende Beschäftigung und milliardenschwere Einsparungen bei Energieimporten. Die Überschrift des WELT-Artikels entsteht, indem man die eine rückläufige Zahl herausgreift und den Rest ignoriert.
„Die Lösung heißt nicht weniger Erneuerbare, sondern mehr und schnellere Investitionen in Netze und Speicher", sagt Rana Adib, Geschäftsführerin von REN21 und verantwortlich für den Report, gar im Gespräch mit der WELT. Der Engpass liege bei Infrastruktur, bei Leitungen und Speichern für den Ökostrom, der bereits produziert wird. Aber gibt es deswegen wirklich einen Kipppunkt?
Der REN21 Report trägt den Untertitel „Wie Erneuerbare Wirtschaft und Gesellschaft verändern” und untersucht genau das. Sein Schwerpunkt liegt auf dezentraler Versorgung und neuer Wertschöpfung in Regionen, die bisher von Energieimporten abhängen.
Was die neun Prozent wirklich bedeuten
Sinkende Ausgaben bei steigender Leistung sind auf dem Solarmarkt die Regel. Ein Solarmodul kostet heute rund zehn US-Cent pro Watt, 2010 waren es noch etwa zwei Dollar. Im selben Jahr, in dem die Investitionen um neun Prozent sanken, baute die Welt mit 741 Gigawatt so viel Ökostrom-Kapazität zu wie nie zuvor.
Rund 600 Gigawatt davon waren Solar. Seit 2010 ist der Preis für Solarstrom um rund 90 Prozent gefallen. Weniger Dollar bei Rekordleistung: so funktioniert die ideale Lernkurve.
Auch das Argument negativer Strompreise, das regelmäßig als Beleg für ein Scheitern der Erneuerbaren herangezogen wird, betrifft wenige Stunden im Jahr. In Deutschland traten 2024 an gerade zwei Tagen gravierende Preisausreißer auf. Der Ausbau von Batteriespeichern, deren Investitionsvolumen 2025 einen globalen Rekord erreichte, adressiert genau dieses Problem.
Der 9-prozentige Rückgang bei den globalen Investitionen in Erneuerbare bezieht sich nur auf ein Segment: die reine Stromerzeugung aus Erneuerbaren. Die gesamte Investition in die Energiewende, also Erneuerbare plus Netze, Speicher und Elektromobilität, erreichte 2025 nach Daten von BloombergNEF mit 2,3 Billionen Dollar einen neuen Rekord. Laut IEA fließt inzwischen fast doppelt so viel Kapital in saubere Energie wie in fossile Brennstoffe.
Das zeigt, dass die im Report identifizierten und insgesamt wenig überraschenden Engpässe längst von Investoren adressiert sind - und damit sichergestellt wird, dass sich der Erneuerbaren-Boom weiter beschleunigt, statt aufgrund eines Kipppunktes zurückzugehen. Denn immer mehr Länder schwenken in Folge des Iran-Krieges auf Erneuerbare um - und wollen lieber in die saubere Zukunft als in fossile Sicherheitsreserven investieren.
Die IEA hat 2025 erstmals berechnet, wie viel saubere Energie den fossilen Importländern spart: rund 260 Milliarden Dollar vermiedene Importkosten in einem Jahr. Solar ist mit rund 450 Milliarden Dollar zur größten Einzelposition im globalen Energieinvestment aufgestiegen, größer als Öl oder Gas. In den fortgeschrittenen Volkswirtschaften fließt zwölfmal mehr Kapital in saubere Stromerzeugung als in fossile, in China und Indien sechsmal mehr.
Der Denkfehler mit den 80 Prozent
Eine Zahl trägt die ganze Last der pessimistischen Lesart: Erneuerbare deckten bislang erst rund 15 Prozent des globalen Energieverbrauchs, fossile noch immer rund 80 Prozent. Trotz aller Milliarden also kaum Fortschritt? Die Zahl misst in Primärenergie, und diese Bezugsgröße verzerrt den Vergleich systematisch, weil die entscheidende Nutzenergie viel weniger fossilen Einsatz braucht.
Primärenergie zählt alles, was verbrannt wird, bevor daraus etwas Nützliches entsteht. Ein Kohlekraftwerk verliert rund zwei Drittel seines Brennstoffs als Abwärme, ein Verbrennungsmotor sogar etwa drei Viertel. Diese Verluste werden den Fossilen als Verbrauch gutgeschrieben, während Wind und Solar ihren Strom direkt erzeugen und in der Statistik kleiner wirken, als ihre tatsächliche Leistung rechtfertigt.
Jan Rosenow, Energieforscher an den Universitäten Oxford und Cambridge, nennt diesen Effizienzgewinn „Electrofficiency”: Ein Elektromotor wandelt 90 Prozent seiner Energie in Arbeit um, ein Verbrenner 25 Prozent, eine Wärmepumpe liefert drei bis fünf Einheiten Wärme pro Einheit Strom. Die fossilen 80 Prozent müssen deshalb gar nicht eins zu eins ersetzt werden, Elektrifizierung macht einen großen Teil davon schlicht überflüssig.
In Deutschland liegt der Anteil erneuerbarer Energien an der Stromerzeugung inzwischen bei rund 56 Prozent. Strom ist die Basis für sauberes Heizen, saubere Mobilität und sauberes Wirtschaften, deshalb ist dieser Anteil bei der Stromerzeugung maßgeblich.
Allein die deutsche Solarenergie hat nach Angaben des Bundesverbands Solarwirtschaft in den Jahren 2020 bis 2025 rund 390 Terawattstunden Strom erzeugt. Das ersetzte fossile Importe im Wert von rund 20 Milliarden Euro und vermied nach BSW-Berechnungen Klimafolgekosten von bis zu 250 Milliarden Euro.
Solar in Aleppo, E-Autos in Addis Abeba
Der REN21 Report kritisiert an einer Stelle zu Recht, dass nur wenige Länder umfassende Energiestrategien für alle Sektoren besitzen. Im WELT-Text wird daraus ein Beleg für Planlosigkeit. Doch wo Solar billiger ist als jede Alternative, wird es gebaut, mit oder ohne nationalen Plan. Als in Deutschland der Boom der Balkonkraftwerke begann, war dies eine rechtliche Grauzone, die der Gesetzgeber erst nach vielen Jahren schloss. Erneuerbare funktionieren dezentral und oft als Bürger-Entscheidung zuerst.
In den Trümmern von Aleppo stehen Solaranlagen auf Hausdächern. Kein Ministerium hat sie dort hingestellt; wo das Stromnetz zerstört ist, bedeutet ein Modul den Unterschied zwischen Energie und keiner Energie. Ähnliche Muster finden sich in Jemen, in Pakistan und in Teilen Lateinamerikas, überall dort, wo zentrale Versorgung versagt oder nie existiert hat.
Äthiopien verbot 2024 als erstes Land den Import von Verbrennern. Der Grund war ökonomisch: Die jährliche Spritrechnung von rund sechs Milliarden Dollar war nicht mehr zu stemmen, der Strom kommt zu etwa 90 Prozent aus heimischer Wasserkraft. Der E-Auto-Anteil stieg binnen kurzer Zeit auf rund sechs Prozent, mehr als im weltweiten Durchschnitt.
Die schnellste Elektrifizierung findet derzeit im Globalen Süden statt, beim Neubau statt beim teuren Nachrüsten. China, Indonesien, Indien, Marokko und Ägypten errichten ihre Energieversorgung gleich elektrisch. Rosenow schreibt: „Es sieht zunehmend so aus, als ob der wirtschaftliche Entwicklungspfad und der Klimapfad zusammenlaufen. Das ist vielleicht der am meisten unterschätzte Trend der Transformation."
Ein Teil dieser Versorgung braucht nicht einmal ein Stromnetz. In Afrika und Asien versorgen Solar-Heimsysteme und kleine Inselnetze Millionen Haushalte direkt. Während in Deutschland Gigawatt auf einen Netzanschluss warten, wächst anderswo eine erneuerbare Versorgung, die kein Netz braucht.
Für Wetzels These vom Abschwung wird auch die IEA herangezogen, die ihre Wachstumsprognose für Erneuerbare um fünf Prozent gesenkt hat. Den Grund blendet die Kipppunkt-Erzählung aus: Fast die gesamte Korrektur stammt aus den USA, wo die Trump-Regierung Steuervergünstigungen gestrichen und Offshore-Genehmigungen gestoppt hat. China investiert nach IEA-Daten mehr in saubere Energie als Europa, die USA und Japan zusammen. Global erwartet die IEA weiterhin eine Verdopplung der Erneuerbaren-Kapazität bis 2030.
Die IEA taugt als Zeugin gegen die Erneuerbaren denkbar schlecht: Sie unterschätzt das Solarwachstum seit zwei Jahrzehnten. 2010 sagte sie für 2030 weltweit 294 Gigawatt voraus, ein Wert, der 2016 überschritten war. Die Realität verlief exponentiell, die Vorhersagen linear.

REN21 Report: Was soll stattdessen kommen?
Seit März 2026 ist die Straße von Hormus, durch die rund 20 Prozent des weltweit gehandelten Öls fließen, faktisch gesperrt. Der Tankerverkehr im Persischen Golf ist um 95 Prozent eingebrochen, bei Flüssiggas um 99 Prozent. Wer auf fossile Versorgungssicherheit setzt, steht gerade vor einer geschlossenen Meerenge.
Durch Elektrifizierung ließen sich rund 70 Prozent der fossilen Energieimporte verdrängen. Die Kombination aus Solar, Wind, Batterien, E-Fahrzeugen und Wärmepumpen arbeitet rund dreimal effizienter als fossile Technik, die Kosten sinken mit jeder Verdopplung der installierten Kapazität um etwa 20 Prozent. Kingsmill Bond, Energiestratege beim Thinktank Ember, nennt das die Electrotech-Revolution.
Der REN21 Report selbst beziffert den globalen Investitionsbedarf in Netze und Speicher auf rund 5,5 Billionen Dollar bis 2030. Die Zahl wird als Beweis für die Unfinanzierbarkeit gelesen. Heruntergebrochen sind das rund 1,1 Billionen pro Jahr, ungefähr so viel, wie die Welt jährlich in fossile Förderung investiert, oder rund ein Prozent der globalen Wirtschaftsleistung.
Dabei fließen fossilen Brennstoffen nach wie vor mindestens zweieinhalb Mal mehr direkte staatliche Subventionen zu als erneuerbaren Energien. Das International Institute for Sustainable Development beziffert allein die Ausgaben der neun größten fossilen Importländer auf 314 Milliarden Dollar im Jahr 2024, gegenüber 122 Milliarden für Erneuerbare. Rechnet man die nicht eingepreisten Klima- und Gesundheitsschäden hinzu, kommt der Internationale Währungsfonds auf rund sieben Billionen Dollar jährlich für das fossile System.
Der Bericht gibt auch eine Antwort: mehr Investitionen in Netze und Speicher, schnellere Genehmigungsverfahren, gezielter Abbau fossiler Subventionen.
2012 kürzte die Bundesregierung die Solarförderung so drastisch, dass die damals weltführende deutsche Solarindustrie innerhalb weniger Jahre zusammenbrach. Von rund 110.000 Arbeitsplätzen in der Branche blieben bis 2015 etwa 36.000. Die aufstrebenden Volkswirtschaften setzen derweil auf die billigste Energiequelle, die es je gab.
Der WELT-Beitrag stellt keine dieser Zahlen dar und benennt keine Alternative zu den Erneuerbaren, deren Boom er für beendet erklärt. Die Frage, was an ihre Stelle treten soll, stellt er nicht. Auf dem Energiemarkt des Jahres 2026 gibt es darauf auch keine plausible Antwort.
Um es nochmal klar zu betonen: Der WELT-Artikel spricht viele relevante Punkte an und zitiert direkt aus dem Report bzw. die Leitautorin. Der Kritikpunkt sind nicht die herausgepickten Fakten, sondern das, was weggelassen und hineininterpretiert wird. Ein Ende des Erneuerbaren-Booms ist nun wahrlich überhaupt nicht ansatzweise zu erkennen - wenn man redlich mit Zahlen, Fakten und Kontext umgeht.
QUELLEN
- REN21, Juni 2026: Renewables-Based Economy Tracker 2026
- Daniel Wetzel, WELT, Juni 2026: Überlastete Systeme: Der Ökostrom-Boom steht am Kipppunkt
- IEA, Juni 2025: World Energy Investment 2025
- Ember / Kingsmill Bond, 2025: The Electrotech Revolution
- Jan Rosenow, Bright Spots, 14. Juni 2026: Is electrification happening fast enough?
- IISD, April 2025: Fossil Fuel Subsidies in Major Importing Economies
- IMF, Oktober 2023: Fossil Fuel Subsidies Data