60 Millionen Euro: Lyten kauft Northvolt-Reste in Heide

SPEICHER · 20. JUNI 2026 · AKTUALISIERT IM JULI 2026

Lyten kauft Northvolt-Reste in Heide für 60 Millionen Euro

Der Spiegel berichtete zuerst von einer Einigung zwischen dem Batteriehersteller Lyten, der Förderbank KfW sowie den Regierungen in Land und Bund. Inzwischen ist die exklusive Absichtserklärung unterzeichnet, seit Anfang Juli trägt Lyten die laufenden Kosten der Baustelle. Nach der Northvolt-Pleite eine positive Nachricht für die Region.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 7 Min. Lesezeit LESEN


Das amerikanische Cleantech-Unternehmen Lyten will auf dem ehemaligen Northvolt-Grundstück in Heide sowohl eine Batteriezellfabrik als auch einen Großbatteriespeicher und ein Datencenter errichten. Das berichtet der Spiegel über die Nutzung der Northvolt-Reste. Die Pläne ähneln dem, was Lyten in Schweden vorhat: Lyten finanziert sein Batteriewerk mit den Einnahmen aus einem Datenzentrum.

Absichtserklärung unterzeichnet: Lyten trägt seit Juli die laufenden Kosten

Ende Juni hat die Landesregierung die Weiche gestellt: Lyten, die Förderbank KfW, die deutsche Northvolt Drei Project GmbH und deren Treuhandgesellschaft LG Batterie GmbH unterzeichneten eine exklusive Absichtserklärung. Das Land selbst ist keine Vertragspartei. Wirtschaftlich profitiert es dennoch, denn der Kaufpreis fließt bei der späteren Abwicklung der Projektgesellschaft über die KfW je zur Hälfte an Bund und Land.

Seit dem 1. Juli trägt Lyten die Kosten für Erhalt und Sicherung der Vermögenswerte, einschließlich der Personalkosten bei der deutschen Northvolt-Tochter. Im Gegenzug verhandelt das US-Unternehmen exklusiv über den Kauf. Rechtlich bindend ist die Absichtserklärung nicht, sie legt aber die wesentliche Struktur und die Konditionen fest, auf deren Basis der verbindliche Kaufvertrag im dritten Quartal 2026 unterzeichnet werden soll.

Firmenchef und Mitgründer Dan Cook kündigte an, den Standort zu einem deutschen Zentrum für saubere Batterieproduktion und industrielle Fertigung entwickeln zu wollen; auch Infrastruktur für Künstliche Intelligenz soll dort entstehen. Ministerpräsident Daniel Günther sprach davon, dass die monatelangen Verhandlungen über die deutsche Northvolt-Tochter auf die Zielgerade einbiegen.

EckdatenStand Juli 2026
Kaufpreis für die Northvolt-Reste60 Millionen Euro
Von KPMG taxierter Wiederverkaufswert7 bis 12 Millionen Euro
Zugesagte Förderung von Bund und Land600 Millionen Euro
Davon gerettetrund 220 Millionen Euro
Fläche bei Heiderund 100 Hektar
Geplanter Baustart2027
Start der Zellproduktion2028
Geplante Arbeitsplätzerund 1.000 (Northvolt plante bis zu 3.000)

Einigung auf Übernahmepreis von 60 Millionen Euro

Mit der Einigung auf einen Übernahmepreis von 60 Millionen Euro für die Flächen in Heide gelingt es den beteiligten Regierungen zumindest, 1.000 Arbeitsplätze zu schaffen und einen bedeutenden industriellen Energieverbraucher anzusiedeln.

Wirtschaftsminister Ruhe Madsen hatte vor einigen Wochen in der ARD-Sendung Maischberger im Gespräch mit Herbert Diess deutlich gemacht, wie händeringend die Netzbetreiber im norddeutschen Bundesland nach Abnehmern für den vorhandenen Windstrom werben. Um die Vorteile des grünen Stroms auch für die Wasserstoff-Produktion nutzen zu können, erwägt Schleswig-Holstein zusammen mit Hamburg und Westdänemark die Einführung einer eigenen Preiszone.

Über die Übernahme der Vermögenswerte von Northvolt muss aber noch der Finanzausschuss des Landtags befinden - Ministerpräsident Daniel Günther hatte zuletzt im Landtag Fehler bei der Ansiedlung von Northvolt eingeräumt. Letztlich betont der Ministerpräsident aber, er würde in der gleichen Lage wieder genauso entscheiden. Wohlwissend, dass es Risiken bei der Ansiedlung einer solchen Fabrik gäbe. Die Kritik der Opposition zielt vor allem darauf ab, dass der Landtag selbst nicht ausreichend informiert wurde.

Bund und Land hatten insgesamt 600 Millionen Euro zur Verfügung gestellt. Davon konnten aber etwas mehr als 220 Millionen Euro gerettet werden. Die 60 Millionen Euro für den Verkauf der Northvolt-Reste sind laut SPIEGEL ein guter Deal. KPMG hatte den Wiederverkaufswert auf sieben bis 12 Millionen Euro taxiert.

Was aus den Northvolt-Plänen in Heide wird

Northvolt hatte in Heide eine Gigafactory mit bis zu 3.000 Arbeitsplätzen versprochen, ehe das schwedische Unternehmen im März 2025 Insolvenz anmeldete. Die Hintergründe hat Cleanthinking in der Analyse zur Northvolt-Insolvenz aufgearbeitet. Seither hält die Treuhandgesellschaft den Standort betriebsbereit, genau diese Kosten übernimmt nun Lyten.

Lytens Fahrplan ist bescheidener als der des Vorgängers. Der Bau soll 2027 beginnen, die Zellproduktion 2028 anlaufen, geplant sind rund 1.000 Arbeitsplätze auf dem rund 100 Hektar großen Areal. Das ist etwa ein Drittel der Stellen, die Northvolt einst in Aussicht gestellt hatte.

Produziert werden sollen Zellen für Elektrofahrzeuge, Drohnen, Verteidigungsanwendungen und stationäre Energiespeicher. Gerade Drohnen und Verteidigung gelten als Einstiegsmärkte, weil dort das geringe Gewicht der Lithium-Schwefel-Zellen den Ausschlag gibt und höhere Preise akzeptiert werden. Der Massenmarkt Elektroauto dürfte erst folgen, wenn die Zellchemie ihre Haltbarkeit bewiesen hat.

Wer ist Lyten? 3D-Graphen trifft Lithium-Schwefel

Das amerikanische Cleantech-Startup Lyten gilt als kleiner, aber innovativer Player im globalen Batteriemarkt. Das Unternehmen setzt - ähnlich wie etwa Skeleton Technologies bei Ultrakondensatoren - auf das Material Graphen. Dieses ist stärker als Stahl, besonders leicht und leitfähig.

Lyten hat aus der eindimensionalen Struktur eine dreidimensionale Struktur gemacht: Das Graphen ähnelt einem zusammengeknüllten Stück Papier. So kann sich das Material mit anderen Elementen chemisch verbinden. Das Unternehmen bezeichnet diese Erfindung als 3D-Graphen.

Neben der speziellen Nutzung von 3D-Graphen setzt Lyten auf Lithium-Schwefel-Batterien. „Die Lithium-Schwefel-Batterie hat das Zeug dazu, die globale Disruption zur Elektromobilität zu beschleunigen“, wird Carlos Tavares, der frühere Stellantis-CEO auf der Webseite zitiert. Besonders das Fahrzeuggewicht könne durch die Technologie reduziert werden - eine entscheidende Größe insbesondere im Automobilsektor.

Der Reiz der Zellchemie: Lithium-Schwefel-Zellen kommen ohne Nickel, Mangan und Kobalt aus. Schwefel ist ein günstiges Nebenprodukt der Industrie und nahezu überall verfügbar. Nach Unternehmensangaben erreichen die Zellen perspektivisch die doppelte Energiedichte heutiger Lithium-Ionen-Batterien, bei einer um bis zu 80 Prozent besseren CO2-Bilanz.

Die Kehrseite ist bekannt: Lithium-Schwefel-Zellen galten jahrzehntelang als kurzlebig, weil wandernde Schwefelverbindungen die Zelle beim Laden schleichend zersetzen. Lyten verspricht, genau dieses Problem mit der 3D-Graphen-Kathode zu lösen. Den Beweis im industriellen Maßstab muss das Unternehmen erst noch erbringen.

Gegründet wurde Lyten 2015 im kalifornischen San José. Mehr als 425 Millionen US-Dollar haben Investoren wie Stellantis, FedEx, Honeywell und der Europäische Investitionsfonds bislang in das Unternehmen gesteckt. Eine Verbindung nach Schweden gab es schon vor dem Heide-Deal: Ende 2024 übernahm Lyten Fertigungsanlagen der früheren Northvolt-Tochter Cuberg in Kalifornien.

In Reno im US-Bundesstaat Nevada plant Lyten zudem die nach eigenen Angaben weltweit erste Gigafactory für Lithium-Schwefel-Batterien mit bis zu 10 Gigawattstunden Jahreskapazität. Zum Vergleich: Die bestehende Fertigung in Kalifornien soll zunächst auf 200 Megawattstunden pro Jahr wachsen. Der Sprung in die Massenproduktion steht dem Unternehmen also noch bevor, in den USA wie in Europa.

Parallelprojekt in Skellefteå: Rechenzentrum finanziert Batteriewerk

Auch am früheren Northvolt-Stammsitz im schwedischen Skellefteå hat Lyten übernommen. Dort entsteht neben der Batteriefertigung ein Rechenzentrum mit einer Leistungsaufnahme von einem Gigawatt, das der US-Spezialist EdgeConnex besitzen und betreiben wird. Die Investitionssumme übersteigt zehn Milliarden US-Dollar, der Baubeginn ist für Ende 2026 vorgesehen.

Das Kalkül dahinter: Ein Rechenzentrum als zahlungskräftiger Mieter mit gesichertem Strombedarf verändert die Risikostruktur des gesamten Standorts und macht das Batteriewerk für Kapitalgeber finanzierbar. Wie das Modell im Detail funktioniert, erklärt Cleanthinking im Beitrag Lyten finanziert Batteriewerk mit Datenzentrum. Dieses Modell überträgt das Unternehmen nun auf Heide.

Warum passt die Ansiedlung nach Schleswig-Holstein?

Schleswig-Holstein erzeugt deutlich mehr Windstrom, als das Land selbst verbraucht. Große industrielle Verbraucher direkt an der Quelle entlasten die Netze und senken die Kosten für abgeregelte Windräder, die alle Stromkunden über die Netzentgelte mittragen. Eine Batteriefabrik samt Großspeicher und Rechenzentrum passt in dieses Profil.

Dazu kommt die Fläche: Das Areal bei Heide ist erschlossen, der Netzanschluss für das Northvolt-Projekt vorbereitet. Für Lyten verkürzt das den Weg zur Produktion erheblich. Für das Land ist es die Chance, aus dem Northvolt-Debakel doch noch eine Industrieansiedlung zu machen.

Übernahme der Northvolt-Reste aus Electrotech-Sicht

Aus Sicht der Electrotech-Revolution und im Hinblick auf die Versuche der EU, u.a. mit AccelerateEU sich unabhängiger aufzustellen, ist die voraussichtliche Entscheidung für die Ansiedlung von Lyten eine gute Nachricht. Klar ist aber auch, dass Lyten ein jüngeres Unternehmen ist als Northvolt - und somit auch hiermit Risiken verbunden sind.

Offen bleibt vor allem die Finanzierung des Ausbaus. Die bislang eingesammelten rund 425 Millionen US-Dollar decken den Bau einer Zellfabrik dieser Größenordnung nicht ab, Lyten braucht frisches Kapital. Wie schwer das in der Batteriebranche derzeit zu beschaffen ist, hat die Northvolt-Pleite gezeigt.

Aus technologischer Perspektive muss Lyten nun unter Beweis stellen, dass sie im großen Maßstab sehr gute Qualität abliefern können und Batteriezellen entstehen, die vom Markt wirklich nachgefragt werden. Letztlich ist aus einer europäischen Ansiedlung eine amerikanische Ansiedlung geworden. Nach den Irrungen und Wirrungen der vergangenen Monate eine Kröte, die geschluckt werden muss.

QUELLEN

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  1. DER SPIEGEL: Lyten will rund 60 Millionen Euro für Northvolt-Reste bei Heide zahlen, 20. Juni 2026
  2. Staatskanzlei Schleswig-Holstein (Pressemitteilung): Land stellt Weiche zur Übernahme der Northvolt-Drei-Projektgesellschaft durch US-Investor, 30. Juni 2026
  3. heise autos: Northvolt-Nachfolge: Lyten übernimmt Kosten für Baustelle in Schleswig-Holstein, 1. Juli 2026
  4. Lyten (Pressemitteilung): Lyten Announces Plans to Build the World's First Lithium-Sulfur Battery Gigafactory in Nevada, 15. Oktober 2024
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