ENERGIEWENDE · 12. JUNI 2026
Patrick Schulz / PixabayNordic Twin Sea Zone: Norden plant grenzüberschreitende Strompreiszone mit Dänemark
Die IHK Schleswig-Holstein hat in Brüssel ein Konzept für eine neue grenzüberschreitende Strompreiszone vorgestellt. Die „Nordic Twin Sea Zone" (NTSZ) soll Schleswig-Holstein, Hamburg und Westdänemark zu einem gemeinsamen Energiemarkt verbinden – mit günstigeren Preisen, mehr grünem Wasserstoff und weniger Netzengpässen.
Am Dienstag präsentierte die IHK Schleswig-Holstein das Konzept für eine grenzüberschreitende Strompreiszone zwischen Schleswig-Holstein, Hamburg und Dänemark im EU-Parlament in Brüssel, in Anwesenheit von Energiewendeminister Tobias Goldschmidt (Grüne). Parallel dazu sprach Goldschmidt mit EU-Energiekommissar Dan Jürgensen über die mögliche Marktteilung. Das Fraunhofer-Institut für Energiewirtschaft und Energiesystemtechnik (IEE) hat die Pläne analysiert und für grundsätzlich umsetzbar befunden. Technisch soll die neue Zone ab 2030 einsatzbereit sein.
Der Kern des Problems: Deutschland betreibt mit Luxemburg eine einzige gemeinsame Strompreiszone. Der Börsenpreis für Strom bildet sich viertelstündlich einheitlich für das gesamte Gebiet – unabhängig davon, ob der Strom physikalisch auch dorthin transportiert werden kann. Im windenergiestarken Norden entstehen regelmäßig riesige Überschüsse, die mangels Leitungskapazität nicht in den Süden fließen können. Trotzdem wirken die niedrigen Großhandelspreise aus dem Norden als Signal für den gesamten deutschen Markt – und setzen dort die falschen Anreize.
Was die Strompreiszone Norddeutschland mit Dänemark bringen soll
Schleswig-Holsteins Energiewendeminister Tobias Goldschmidt bringt das Grundproblem auf den Punkt: „Wir akzeptieren unterschiedliche Preise bei Mieten, Lebensmitteln oder Kraftstoffen, weil Angebot und Nachfrage regional verschieden sind. Beim Strom tun wir oft so, als gäbe es diese Unterschiede nicht." Die einheitliche Gebotszone suggeriere Mangel, wo Fülle herrsche, und umgekehrt – mit entsprechend vermeidbaren Kosten für alle Verbraucher.
Die neue „Nordic Twin Sea Zone" würde ein Marktgebiet schaffen, in dem der Ökostromanteil bei mindestens 90 Prozent liegt. Das ist kein beliebig gewählter Wert: Er ist das entscheidende EU-Kriterium für die vereinfachte Zertifizierung von grünem Wasserstoff. Bislang müssen Elektrolyseure in Deutschland nachweisen, dass ihr Strom aus eigens dafür errichteten Anlagen stammt, räumlich in der Nähe liegt und zeitlich mit der Erzeugung synchron ist. In einer Zone mit 90 Prozent Ökostrom würden diese aufwändigen Nachweispflichten entfallen.
IHK-Hauptgeschäftsführer Björn Ipsen wirbt für das Konzept: „Eine deutsch-dänische Energiezone nutzt europapolitische Spielregeln in idealer Weise aus. Wenn Strom verstärkt dort genutzt wird, wo er entsteht, entlastet das die Netze, reduziert Abschaltungen von Anlagen und senkt insgesamt die Kosten." Gleichzeitig eröffneten sich neue Wertschöpfungsmöglichkeiten für die Herstellung von grünem Wasserstoff und die Umstellung industrieller Prozesse.
Wasserstoff, Netzentlastung und Preisdämpfung als Dreifachgewinn
Die Projektionen der IHK-Studie, die das Fraunhofer IEE geprüft hat, sind konkret: In der neuen Preiszone könnten Elektrolyseure mit einer Leistung von drei Gigawatt entstehen, die auf 5.000 Betriebsstunden pro Jahr kämen. Der Wasserstoffpreis könnte auf 3 bis 5 Euro pro Kilogramm fallen – ein Niveau, das wirtschaftliche Wasserstoffproduktion erst realistisch macht. Zum Vergleich: Heute liegt der Preis für grünen Wasserstoff in Deutschland meist deutlich darüber.
Jan Peter Grigat von der IHK Schleswig-Holstein beschreibt die Netzwirkung: „Wir schicken dann 5 Terawattstunden weniger über die Elbe. Windkraft müsste dann weniger oft abgeregelt werden, Länder wie Niedersachsen können die frei werdende Leitungskapazität für eigene Stromprojekte nutzen." Die Elektrolyseure würden zudem als natürlicher Puffer gegen extreme Preisschwankungen wirken: Bei Überangebot laufen sie auf Hochtouren, bei Knappheit und Preisen über 60 Euro pro Megawattstunde fahren sie freiwillig zurück.
Energiewendeminister Goldschmidt sieht darin einen regulatorischen Befreiungsschlag: „Im Norden erzeugter Wasserstoff wäre aufgrund des hohen Anteils Erneuerbarer Energien direkt grün. Bürokratische Hemmnisse würden aus der Welt geschafft und preisliche Anreize gesetzt."
Das Stromnetz zwischen Deutschland und Dänemark ist für solche Pläne bereits gut aufgestellt. Parallel zur A7 verläuft eine leistungsstarke Hochspannungsleitung, und die neue Westküstenleitung ist laut dem dänischen Netzbetreiber Energinet inzwischen auch auf dänischer Seite angebunden.
Widerstand aus Berlin gegen grenzüberschreitende Strompreiszone
In Schleswig-Holstein trägt das Konzept parteiübergreifend. Es gibt regionalisierte Netzentgelte, aber eine bundesweite Strompreiszone – „andersherum wäre es deutlich sinnvoller", sagt FDP-Fraktionschef Christopher Vogt. Ministerpräsident Günther (CDU) spricht von einem wichtigen Impuls, weil erneuerbarer Strom zwar im Norden entsteht, aber wirtschaftlich dort noch nicht ankommt, wo er produziert wird.
In Brüssel stößt das Konzept auf offene Ohren. Die EU-Kommission hat selbst Papiere zur Regionalisierung des europäischen Strommarkts vorgelegt – SSW-Bundestagsabgeordneter Stefan Seidler berichtet nach einem Gespräch mit Energiekommissar Dan Jürgensen, dieser finde die Initiative „sehr vielversprechend". Auch Hamburg und Niedersachsen signalisieren Interesse, bleiben im aktuellen IHK-Zuschnitt aber außen vor.
Niedersachsens Energieminister Christian Meyer (Grüne) verweist darauf, dass sein Bundesland die 90-Prozent-Hürde für grünen Wasserstoff ohnehin erfüllte: drei Jahre in Folge lag der Bruttostromanteil aus erneuerbaren Energien zwischen 99,5 und 102,6 Prozent. Im aktuellen IHK-Konzept bleibt Niedersachsen dennoch außen vor – eine Grenze quer durch das Flächenland würde den technischen Aufwand erheblich erhöhen.
Am Ende siegt die Physik, argumentiert Journalist Bernward Janzing in einem taz-Kommentar. Deutschlands Strommarkt sei so organisiert, als sei das Land eine Kupferplatte, auf der jeder Erzeuger seinen Strom jederzeit an jeden Verbraucher liefern könne. Die Netzengpässe aber sind real, und die Kosten für Systemeingriffe der Übertragungsnetzbetreiber gehen jährlich in Milliardenhöhe – bezahlt von Verbrauchern und Steuerzahlern.
Gegen den Plan stehen Bundesregierung und süddeutsche Länder. Im Koalitionsvertrag von CDU und SPD ist die einheitliche Stromgebotszone festgeschrieben, Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) teilt diese Position. Die Bundesregierung setzt auf ihren „Aktionsplan Gebotszone": schnellerer Netzausbau, mehr Stromspeicher, gezielte Verbrauchsanreize. Die EU prüft derzeit, ob das ausreicht – oder ob sie eine Teilung des deutschen Strommarkts von oben anordnet.
QUELLEN
- IHK Schleswig-Holstein / Fraunhofer IEE (2026): Nordic Twin Sea Zone – An EU Model Region for 2030
- WELT / Daniel Wetzel (10.06.2026): So planen Schleswig-Holstein und Hamburg die Flucht aus der deutschen Energiewende-Krise
- taz / Bernward Janzing (11.06.2026): Am Ende siegt die Physik (Kommentar)
- Tagesschau / NDR / Peer-Axel Kroeske (10.06.2026): IHK-Vorstoß: SH und Hamburg sollen deutschen Strommarkt verlassen