PHOTOVOLTAIK · 02. AUGUST 2026
GreenYellowSolarparkplatz: Deutschlands größte freie Solarfläche liegt brach
Auf deutschen Parkplätzen liegen 47.060 Hektar versiegelte Fläche. Das technische Solarpotenzial darauf beträgt 59 Gigawatt peak, gut ein Viertel des Ausbauziels von 215 Gigawatt bis 2030. Acht Bundesländer verpflichten Bauherren, acht nicht.
Der Solarparkplatz ist das seltene Solarthema ohne Flächenkonflikt. Die Fläche ist bereits versiegelt, sie wird doppelt genutzt, und der Ladepunkt sitzt direkt darunter. Niemand muss dafür einen Acker opfern oder eine Bürgerinitiative überzeugen.
Trotzdem verzeichnete das Marktstammdatenregister Ende 2023 nur rund drei Megawatt installierte Leistung auf Parkplätzen. Gegenüber dem technischen Potenzial von 59 Gigawatt peak ist das ein Verhältnis von etwa eins zu zwanzigtausend. Beide Zahlen stammen aus einer Auswertung des Kompetenzzentrums Naturschutz und Energiewende, das sich auf Flächendaten des Fraunhofer ISE stützt.
Die Ursache liegt im Regelwerk. Es existiert in acht Bundesländern gar nicht, und wo es existiert, zielt es fast ausschließlich auf Neubauten.
Wo in Deutschland eine Solarpflicht für Parkplätze gilt
Acht Länder verpflichten Bauherren, neue Parkplätze ab 35 bis 70 Stellplätzen mit Photovoltaik zu überdachen. Die Rechtsgrundlagen reichen von der Landesbauordnung bis zum Klimaschutzgesetz. Die Schwellen unterscheiden sich um den Faktor zwei.
| Bundesland | Ab Stellplätzen | Rechtsgrundlage | Gilt seit | Bestand erfasst |
|---|---|---|---|---|
| Baden-Württemberg | 35 | Klimaschutzgesetz BW, §§ 23-24 | 01.01.2022 | teilweise, nur landeseigen |
| Nordrhein-Westfalen | 35 | BauO NRW 2018, § 48 Abs. 1a | 01.01.2022 | nein |
| Rheinland-Pfalz | 50 | Landessolargesetz, § 5 | 01.01.2023 | nein |
| Niedersachsen | 50 | NBauO, § 32a Abs. 3 | 01.01.2023 | nein |
| Hessen, landeseigen | 35 | Hessisches Energiegesetz, § 9a | 29.11.2023 | nein |
| Hessen, privat | 50 | Hessisches Energiegesetz, § 12 | 29.11.2023 | nein |
| Hamburg | 35 | HmbKliSchG, § 16a | 01.01.2024 | nur bei Erweiterung |
| Brandenburg | 35 | BbgBO, § 32a Abs. 2 | 01.06.2024 | nein |
| Schleswig-Holstein | 70 | EWKG, § 10 | 29.03.2025 | nein |
Neun Zeilen für acht Länder, weil Hessen zwischen landeseigenen und privaten Parkplätzen unterscheidet. Quellen: Bundesverband Solarwirtschaft, Übersicht Solarpflichten der Bundesländer, Juni 2024; Kompetenzzentrum Naturschutz und Energiewende, Antwort 353, Dezember 2023; für Schleswig-Holstein die EWKG-Novelle, vom Landtag beschlossen am 30. Januar 2025 und in Kraft seit dem 29. März 2025.
In Bayern, Berlin, Bremen, Mecklenburg-Vorpommern, im Saarland, in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen gibt es keine Solarpflicht für Parkplätze. Für Bayern ist das bemerkenswert, weil zahlreiche Ratgeberportale eine Pflicht ab 35 oder 50 Stellplätzen behaupten. In der Verbandsübersicht steht bei Bayern unter Parkplätzen ausdrücklich „keine Pflicht”, und Artikel 44a der Bayerischen Bauordnung bezieht sich ausschließlich auf Dachflächen.
Schleswig-Holstein hat die Schwelle 2025 von 100 auf 70 Stellplätze gesenkt. In Nordrhein-Westfalen dürfen Bauherren die Solarpflicht durch Bäume ersetzen, ein geeigneter Laubbaum je fünf Stellplätze. Diese Ersatzregel wird im Frankreich-Vergleich noch eine Rolle spielen.
Warum die Pflichten den Bestand nicht erreichen
Die Länderregelungen zielen im Kern auf neu errichtete Parkplätze. Zwei Länder gehen darüber hinaus: Hamburg erfasst auch die Erweiterung um mehr als 35 Stellplätze, Baden-Württemberg als einziges Land einen Teil des Bestands, nämlich landeseigene Parkplätze ab fünf Stellplätzen außerhalb des öffentlichen Raums.
Damit greifen die Regeln genau dort nicht, wo die Fläche liegt. Die 47.060 Hektar sind überwiegend seit Jahrzehnten asphaltiert. Für Handel, Industrie und Kommunen bleibt die Nachrüstung eines vorhandenen Parkplatzes praktisch überall freiwillig.
Hinzu kommen Ausnahmetatbestände, die sich fast wortgleich durch die Gesetze ziehen. Stellplätze entlang öffentlicher Straßen sind ausgenommen, ebenso Fälle technischer Unmöglichkeit oder wirtschaftlicher Unzumutbarkeit. Hamburg beziffert die Zumutbarkeitsgrenze auf 20 Prozent der Gesamtbaukosten der Stellplatzanlage.
Was Frankreichs Pflicht wirklich bewirkt hat
Frankreich hat 2023 mit dem Gesetz zur Beschleunigung erneuerbarer Energien den umgekehrten Weg gewählt. Die Pflicht gilt landesweit und erfasst auch vorhandene Flächen. Sie bemisst sich nach Fläche: Außenparkplätze über 1.500 Quadratmeter müssen mindestens zur Hälfte überdacht werden.
Die Fristen sind gestaffelt. Parkplätze über 10.000 Quadratmeter mussten bis zum 1. Juli 2026 liefern, kleinere Flächen haben bis 2028 Zeit. Wer die Pflicht ignoriert, zahlt zwischen 20.000 und 40.000 Euro jährlich.
Nach Angaben des Finanzportals Boursorama waren zum Stichtag im Juli 2026 rund 15 Prozent der betroffenen Standorte konform. Elf Verbände aus Handel, Vertrieb und Parkraumwirtschaft haben das Umsetzungsdekret im Januar 2025 vor dem Conseil d'État angegriffen.
Wo gebaut wird, entstehen dafür große Anlagen. In der Metropolregion Bordeaux hat der Betreiber GreenYellow mit dem Projektentwickler Néomix rund 500 Stellplätze an mehreren Standorten überdacht, darunter den Parkplatz am Stade Colette Besson. Zusammen kommen die Anlagen auf etwa fünf Megawatt peak, die erste ging im Dezember 2025 in Betrieb.
Im November 2025 hat der Gesetzgeber nachgegeben. Seither erfüllt auch schattenspendende Begrünung einen Teil der Pflicht. Parkplätze, auf denen Bäume bereits mehr als die Hälfte der Fläche beschatten, sind ganz befreit, und damit gilt in Frankreich dieselbe Baum-Ersatzregel wie in Nordrhein-Westfalen.
Die französische Erfahrung zeigt die Grenze der Pflicht. Ohne Vollzug und ohne belastbare Wirtschaftlichkeit entstehen Ausweichbewegungen.
Was ein Solarparkplatz kostet und wer trotzdem baut
Solarparkplätze sind teuer. Eine Dachanlage kostet nach Marktübersichten der Fachportale rund 1.600 bis 2.000 Euro pro Kilowatt Leistung, weil die Statik bereits steht. Beim Solarparkplatz muss die Tragkonstruktion neu gebaut werden, was den Preis auf etwa 2.800 bis 3.500 Euro je Kilowatt treibt.
Ein Ausgleich dafür fehlt. Parkplatzanlagen gelten nach dem EEG 2023 als besondere Solaranlagen und werden vergütet wie eine Freiflächenanlage auf dem Acker, die deutlich billiger zu bauen ist. Der Solarparkplatz rechnet sich deshalb über Eigenverbrauch, Wetterschutz und Ladeinfrastruktur.
Für Unternehmen mit hohem Stromverbrauch geht diese Rechnung auf. Bosch überdacht am Forschungscampus Renningen mehr als 1.200 Stellplätze mit rund 10.000 Modulen. Die Anlage soll etwa 4.000 Megawattstunden im Jahr liefern, gut ein Fünftel des Strombedarfs am Standort, und ist damit der größte Solarparkplatz im deutschen Bestand.
Im Werk Eisenach überdacht der Konzern den Mitarbeiterparkplatz mit mehr als 1,6 Megawatt Leistung. Im Handel fallen die Anlagen kleiner aus. Ein Edeka-Markt in Schwabach kombiniert Dach und Parkplatzüberdachung zu 482 Kilowatt und stellt Kunden eine Ladebox für die Zeit des Einkaufs bereit.
Das Edeka Center Hanekamp erzeugt mit 150 Kilowatt rund 130.000 bis 150.000 Kilowattstunden im Jahr. Famila in Ahrensburg nutzt den Strom vom eigenen Parkplatz selbst. Wer ohnehin Schnelllader installiert, wie Norma und hagebau auf ihren Märkten, hat die Netzanbindung bereits liegen.
Das größte deutsche Projekt entsteht ohne jede Pflicht. Auf dem Parkplatz P10 der Messe Essen lässt die Essener Versorgungs- und Verkehrsgesellschaft eine Carportanlage mit rund 53.000 Quadratmetern Dachfläche errichten. Etwa 25.000 Module sollen gut 11 Megawatt Leistung tragen und rund 11 Gigawattstunden Strom im Jahr liefern.
Realisieren soll das Vorhaben die Bochumer ROOF+ GmbH. Die Investition liegt bei 15 bis 20 Millionen Euro, der Baustart ist für Herbst 2026 vorgesehen.
Der Standort hat eine eigene Logik. Auf demselben Gelände trifft sich mit der E-world energy & water jedes Jahr im Februar die europäische Energiewirtschaft, zuletzt mit mehr als 37.000 Fachbesuchern. Der Parkplatz, auf dem diese Branche steht, wird damit selbst zum Kraftwerk.
Neu ist die Technik nicht. Bereits 2020 montierte Münch Energie 8.000 Module über dem Werksparkplatz von ZF in Schweinfurt. Sechs Jahre später ist die Bauweise Routine, die Verbreitung nicht.
Was fehlt, ist eine Regel für den Bestand. Solange sie nur Neubauten trifft, bleibt die Solarpflicht ein Instrument für eine Fläche, die kaum noch wächst. Die 47.060 Hektar, die längst asphaltiert sind, erreicht sie nicht.
Häufige Fragen zum Solarparkplatz
Ab wie vielen Stellplätzen greift die Solarpflicht?
Die Schwellen liegen je nach Bundesland zwischen 35 und 70 Stellplätzen. Ab 35 gilt sie in Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen, Hamburg, Brandenburg und für landeseigene Parkplätze in Hessen. Ab 50 in Rheinland-Pfalz, Niedersachsen und für private Parkplätze in Hessen, ab 70 in Schleswig-Holstein.
Gilt die Solarpflicht auch für bestehende Parkplätze?
Fast nirgends. Die Länderregelungen erfassen im Kern nur neu errichtete Parkplätze. Hamburg löst die Pflicht zusätzlich bei einer Erweiterung um mehr als 35 Stellplätze aus, Baden-Württemberg erfasst als einziges Land einen Teil des Bestands, nämlich landeseigene Parkplätze ab fünf Stellplätzen außerhalb des öffentlichen Raums.
Was kostet ein Solarparkplatz im Vergleich zur Dachanlage?
Eine Dachanlage liegt bei etwa 1.600 bis 2.000 Euro pro Kilowatt Leistung, ein Solarparkplatz bei rund 2.800 bis 3.500 Euro. Der Unterschied entsteht durch die Tragkonstruktion, die beim Parkplatz komplett neu gebaut werden muss. Die EEG-Vergütung ist dieselbe wie bei einer Freiflächenanlage.
Warum wird das Potenzial auf Parkplätzen kaum genutzt?
Weil die Solarpflichten nur Neubauten erfassen und der weitaus größte Teil der Parkplatzfläche seit Jahrzehnten existiert. Hinzu kommen höhere Baukosten als bei Dachanlagen ohne entsprechenden Vergütungsaufschlag. Wirtschaftlich wird ein Solarparkplatz vor allem über den Eigenverbrauch und die Ladeinfrastruktur.
QUELLEN
- Kompetenzzentrum Naturschutz und Energiewende: Länderspezifische Regelungen für Parkplatz-Photovoltaik, Dezember 2023.
- Bundesverband Solarwirtschaft: Übersicht Solarpflichten in den Bundesländern, Juni 2024.
- pv magazine: Schleswig-Holsteins Landtag verabschiedet novelliertes Energiewendegesetz mit Solarpflicht, 31.01.2025.
- Boursorama: Ombrières photovoltaïques sur les parkings: à peine 15 % des sites en conformité, Juli 2026.
- Le Moniteur: Solarisation des parkings, la distribution attaque le décret de l'article 40, 13.01.2025.
- pv magazine France: La métropole bordelaise couvre 500 places de parking en ombrières photovoltaïques, 18.12.2025.
- Bosch: Bosch research campus Renningen, abgerufen 02.08.2026.
- Stadt Essen: Solar-Carport Parkplatz P10 an der Messe Essen, abgerufen 02.08.2026.
- Essener Versorgungs- und Verkehrsgesellschaft: Neuer Projektpartner: ROOF+ soll Solar-Carport P10 der Messe Essen realisieren, abgerufen 02.08.2026.
- Energie-Atlas Bayern: Supermarkt-Parkplatz erhält Photovoltaik-Dach, abgerufen 02.08.2026.