Whitelee: 215 Windräder weichen 124 größeren

ENERGIEWENDE · 14. AUGUST 2026

Repowering Windpark: Weniger Türme, mehr Leistung

Bei Glasgow sollen 215 Windturbinen abgebaut und durch 124 größere ersetzt werden. Die Leistung des größten britischen Onshore-Windparks steigt dabei auf fast das Doppelte. In Sachsen-Anhalt läuft dieselbe Rechnung seit einem Jahr im Realbetrieb.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 6 MINUTEN LESEN


Südwestlich von Glasgow steht der größte Onshore-Windpark Großbritanniens. 215 Turbinen mit zusammen 539 Megawatt drehen sich dort, seit 2008 in Betrieb und bis 2013 in mehreren Bauphasen erweitert. Betreiber ScottishPower, eine Tochter des spanischen Energiekonzerns Iberdrola, will diesen kompletten Bestand abräumen.

An die Stelle der 215 Altanlagen sollen rund 124 neue treten, ein Rückgang um 42 Prozent. Der Scoping-Bericht nennt eine maximale Gesamthöhe von 250 Metern bei rund 164 Metern Nabenhöhe. Einen Anlagentyp legt er nicht fest, verweist aber auf aktuelle Modelle mit etwa sieben Megawatt Leistung.

Zum Vergleich: Die heutigen Türme messen 100 bis 140 Meter. Die drei Bauphasen des Parks summieren sich auf 322, 108 und 109 Megawatt, zusammen die 539 Megawatt von heute.

Iberdrola nennt als Zielleistung 1.000 Megawatt. Diese Marke ist mit Vorsicht zu lesen: Aus 124 Anlagen der Sieben-Megawatt-Klasse ergeben sich rechnerisch rund 870 Megawatt. Im Scoping-Bericht selbst taucht die Gigawatt-Zahl nicht auf, dort ist nur von einer Leistung über 50 Megawatt die Rede, der Schwelle, ab der in Schottland die Minister entscheiden.

Iberdrola beziffert die Investition auf umgerechnet 1,8 Milliarden Euro. Für die schottische Wirtschaft rechnet der Konzern über zehn Jahre mit 380 Millionen Euro Bruttowertschöpfung und mehreren hundert Arbeitsplätzen. Nach Fertigstellung soll der Park Strom für mehr als 1,5 Millionen Menschen liefern.

Der Zeitplan zeigt, wie weit das noch entfernt ist. Whitelee steckt im Scoping, der Phase vor der eigentlichen Antragstellung. Der förmliche Antrag bei der schottischen Energy Consents Unit ist für Dezember 2027 vorgesehen, Baubeginn um 2030, Vollbetrieb als Ziel 2035.

Elster liefert seit einem Jahr

Während in Schottland geplant wird, läuft die Maschine in Sachsen-Anhalt bereits. Cleanthinking hat den Umbau des Windparks Elster 2023 begleitet, als der Plan stand: 50 Altanlagen sollten 16 neuen weichen. Seit August 2025 speist der Park ein.

Projektentwickler VSB aus Dresden, seit 2025 Teil von TotalEnergies, hat 50 Anlagen vom Typ Enercon E-40 zurückgebaut. An ihre Stelle traten 16 Turbinen Siemens Gamesa SG 6.6-155 mit 165 Metern Nabenhöhe und zusammen 105,6 Megawatt. Erwartet werden 235 Gigawattstunden im Jahr, rund sechsmal so viel wie die Altanlagen lieferten.

Das reicht nach Betreiberangaben für rund 67.000 Drei-Personen-Haushalte. VSB beziffert die vermiedenen Emissionen auf 180.000 Tonnen CO2 jährlich, eine Rechnung, die Kohlestrom als Vergleichsmaßstab ansetzt und entsprechend großzügig ausfällt.

Der Park steht heute auf knapp zwei Dritteln seiner früheren Fläche. Der Abstand zur nächsten Wohnbebauung wuchs von 600 auf 1.000 Meter.

„Effizient, flächenschonend und zeitnah realisierbar”, so beschreibt Felix Grolman, CEO der VSB Gruppe, den Hebel Repowering für die europäischen Klimaziele. Thomas Winkler, Geschäftsführer von VSB Deutschland, nennt den Rückbau der 50 Altanlagen bei laufender Abstimmung mit Behörden und Kommunen eines der komplexesten Vorhaben der Firmengeschichte.

Die Hybridtürme aus Beton und Stahl stammen von Max Bögl Wind. Der verwendete Umweltbeton verursache rund 50 Prozent weniger CO2-Emissionen als vergleichbare Stahlturmlösungen, gibt Vorstand Josef Knitl an.

KennzahlWhitelee heuteWhitelee, PlanElster bis 2025Elster heute
Anlagenzahl2151245016
Leistung je Anlage2,5 MW im Schnittrund 7 MWEnercon E-406,6 MW
Gesamtleistung539 MWZiel 1.000 MWk. A.105,6 MW
Höhe100 bis 140 mbis 250 mk. A.165 m Nabenhöhe

Whitelee: Gesamthöhe. Elster: Nabenhöhe. Quellen: ScottishPower, Canary Media, VSB Gruppe.

Ein Drittel des deutschen Zubaus ist Repowering

Was in Elster als Einzelfall aussieht, ist längst Breitenphänomen. Im ersten Halbjahr 2026 gingen laut Fachagentur Wind und Solar 423 neue Windenergieanlagen an Land ans Netz, brutto 2.363 Megawatt. Das ist der zweitbeste Halbjahreswert seit 2017.

Auf Repowering entfielen davon 135 Anlagen mit 770 Megawatt, rund ein Drittel der installierten Bruttoleistung und vier Prozentpunkte mehr als im Vorjahreszeitraum. Der Bestand erklärt, warum diese Quote wächst: Die im ersten Halbjahr 2026 stillgelegten Anlagen waren im Schnitt 23,7 Jahre alt.

Zum 30. Juni 2026 drehten sich 29.250 Anlagen an Land. Mit rund 70 Gigawatt liefern sie knapp ein Viertel des deutschen Stroms.

Die Fachagentur hat alle zwischen Januar 2023 und April 2026 genehmigten Repowering-Vorhaben nachgerechnet. 1.708 neue Anlagen ersetzen dort 2.327 alte, ein Rückgang um rund 27 Prozent. Die genehmigte Kapazität verdreifacht sich dabei von 3.314 auf 10.127 Megawatt, die Durchschnittsleistung je Anlage springt von 1,4 auf 5,9 Megawatt.

In rund der Hälfte der Fälle wird eins zu eins ersetzt, in 42 Prozent stehen hinterher weniger Anlagen als zuvor. Nur in sieben Prozent der Projekte wächst die Zahl.

Damit verliert ein verbreiteter Einwand gegen den Windkraftausbau seine Grundlage. In 92 von 100 genehmigten Repowering-Projekten stehen am Ende gleich viele oder weniger Anlagen als vorher. Von einer zusätzlichen Verspargelung der Landschaft kann bei diesem Ausbaupfad keine Rede sein.

Cleanthinking hatte 2021 anhand einer WindGuard-Studie vorgerechnet, dass 35.000 mittlere Binnenstandorte mit Anlagen der Fünf- bis Sieben-Megawatt-Klasse genügen würden. Moderne Anlagen ernten am selben Standort demnach bis zu zehnmal so viel Strom wie Modelle aus dem Jahr 2000. Heute liegt die Durchschnittsleistung deutscher Neuanlagen bei 5,6 Megawatt, bei den Genehmigungen bereits bei 6,45 Megawatt.

Ein Einwand bleibt trotzdem bestehen, und er ist berechtigt: Die neuen Türme sind erheblich höher. In Whitelee wachsen sie von 100 bis 140 Metern auf bis zu 250 Meter. Repowering senkt die Zahl der Anlagen und vergrößert den Abstand zur Wohnbebauung, macht die einzelne Maschine dafür aber über eine größere Entfernung sichtbar.

Das Gesetz steht, der Vollzug hakt

Der Gesetzgeber hat auf das Alter des Bestands reagiert. Paragraf 16b des Bundes-Immissionsschutzgesetzes, eingefügt im Juli 2022 und seit Februar 2023 in Kraft, regelt ein vereinfachtes Änderungsgenehmigungsverfahren für Repowering. Geprüft wird nur noch, ob die neue Anlage gegenüber der ersetzten zusätzliche nachteilige Auswirkungen hat, fachlich Delta-Prüfung genannt, statt einer vollständigen Neuanlagenprüfung.

Absatz 3 stellt für den Lärm klar: Eine Genehmigung darf nicht daran scheitern, dass nicht alle Immissionswerte der TA Lärm eingehalten werden, solange die neue Anlage weniger Lärm verursacht als die alte und dem Stand der Technik entspricht.

In der Praxis greift diese Erleichterung nur eingeschränkt. Der Bundesverband WindEnergie hat bereits in seinen Stellungnahmen zur Novelle darauf hingewiesen, dass es an verbindlichen Vorgaben zu den Datengrundlagen fehlt, die für den Vorher-Nachher-Vergleich heranzuziehen sind. Ohne sie fällt die Delta-Prüfung häufig auf eine vollständige Neuprüfung zurück, etwa beim Artenschutz.

Genehmigungsbehörden folgen der fachlich begründeten Auslegung nicht durchgängig, weil die Vollzugshinweise dazu unverbindlich sind. Das ist kein neuer Befund, sondern ein seit der Novelle bekanntes Problem. Das Umweltbundesamt hat es 2024 mit der Studie „Abbau von Hemmnissen beim Repowering von Windenergieanlagen” untersuchen lassen, erarbeitet von der Stiftung Umweltenergierecht.

Die Technik ist an dieser Stelle die geringste Hürde. Sie liefert seit Elster den Beweis, dass sich der Ertrag eines Standorts vervielfachen lässt, während die Zahl der Türme sinkt. Was darüber entscheidet, wie schnell die 29.250 Anlagen im deutschen Bestand diesen Sprung machen, ist die Frage, ob die Delta-Prüfung in den Genehmigungsbehörden ankommt.

Häufige Fragen zum Repowering von Windparks

Was bedeutet Repowering bei Windparks?

Repowering bezeichnet den Ersatz alter Windenergieanlagen durch moderne, leistungsstärkere Maschinen am selben Standort. Weil die neuen Anlagen deutlich größer sind, sinkt dabei meist die Anzahl der Türme, während die installierte Leistung und der Stromertrag steigen.

Wann geht der repowerte Windpark Whitelee in Betrieb?

ScottishPower peilt den Vollbetrieb für 2035 an. Der förmliche Genehmigungsantrag soll im Dezember 2027 gestellt werden, der Baubeginn ist für etwa 2030 vorgesehen.

Wie viel Strom liefert der Windpark Elster nach dem Repowering?

Elster in Sachsen-Anhalt erzeugt mit 16 Anlagen und 105,6 Megawatt Leistung rund 235 Gigawattstunden im Jahr. Das entspricht etwa dem Sechsfachen dessen, was die 50 abgebauten Altanlagen lieferten.

Führt Repowering zu mehr oder zu weniger Windrädern?

In den zwischen 2023 und April 2026 in Deutschland genehmigten Projekten sank die Anlagenzahl um rund 27 Prozent, während sich die genehmigte Leistung verdreifachte. Nur in sieben Prozent der Fälle standen nach dem Umbau mehr Anlagen als zuvor.

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