Gazprom gewährte Deutschland nie einen Gasrabatt

ERDGASIMPORTE NACHGERECHNET · 28. SEPTEMBER 2026

Warum russisches Gas nie billig war

Gazprom und deutsche Versorger koppelten den Gaspreis erst an den Ölpreis, nach Neuverhandlungen ab 2010 an den Gasmarkt. Günstig wirkte russisches Gas, weil Gas in den 2010er-Jahren überall günstig war. Ab 2022 zahlten Staat und Verbraucher dafür Milliarden.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 9 Min. Lesezeit LESEN


Die Geschichte vom billigen Gas aus Russland geht so: Über Jahrzehnte floss preiswertes Pipelinegas aus Sibirien nach Deutschland, und die Industrie baute darauf ihre Wettbewerbsfähigkeit. Mit dem Ende der Lieferungen sei dieser Standortvorteil verloren gegangen. Eine Zahl, die den Vorteil belegt, gibt es allerdings nicht. Das Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA) hat die Grenzübergangspreise, also die Einkaufspreise der Importeure an der Grenze, nie nach Herkunftsland ausgewiesen.

Seit 2016 veröffentlicht das BAFA wegen Geheimhaltungspflichten nicht einmal mehr die Mengen je Lieferland. 2015 stammten nach seinen Daten 34,6 Prozent der deutschen Importe aus Russland, 34,1 Prozent aus Norwegen und 28,9 Prozent aus den Niederlanden. Für alle drei Lieferländer zusammen gibt es nur einen Durchschnittspreis. Belegen lassen sich dagegen die Preisformeln in den Verträgen von Gazprom und die Schiedsverfahren, mit denen europäische Versorger diese Formeln angriffen.

Wie Gazprom den Gaspreis für Deutschland berechnete

Die Langfristverträge zwischen Gazprom und den deutschen Importeuren liefen über Jahrzehnte. Erdgas trat ursprünglich als Konkurrent zum Erdöl an. Deshalb koppelten die Vertragspartner den Gaspreis im Interesse der Abnehmer über komplexe Formeln an den Ölpreis, schreibt der Osteuropa-Forscher Heiko Pleines. Dazu kam eine jährliche Mindestabnahme, die die Importeure auch dann bezahlen mussten, wenn sie das Gas nicht bezogen. Weiterverkaufen durften sie es an andere Großhändler nicht.

Der Ölpreis erreichte im Sommer 2008 sein Hoch, der Gaspreis folgte mit Verzögerung. Laut BAFA stieg der deutsche Grenzübergangspreis noch bis Januar 2009 auf rund 30 Euro je Megawattstunde. Erst im August 2009 lag er mit rund 16,8 Euro wieder deutlich niedriger.

Ab 2010 verlangten deutsche Versorger, die Ölbindung aufzugeben. E.ON einigte sich im Juli 2012 mit Gazprom auf neue Konditionen, rückwirkend ab dem vierten Quartal 2010 und für alle ölpreisgebundenen Mengen. Den Ergebniseffekt bezifferte E.ON laut Handelsblatt auf rund eine Milliarde Euro. RWE zog vor ein Schiedsgericht und bekam im Juni 2013 recht, wie die Energie-Chronik dokumentiert. Gazprom musste den Preis rückwirkend ab Mai 2010 an Notierungen des Gasmarkts koppeln.

In beiden Fällen mussten die Käufer den Marktpreis gegen Gazprom durchsetzen. Auch der polnische Versorger PGNiG zog vor ein Schiedsgericht. Das Gericht in Stockholm verpflichtete Gazprom im März 2020, der PGNiG rund 1,5 Milliarden US-Dollar zu erstatten. Der Preis im Jamal-Vertrag habe seit November 2014 über dem Marktniveau gelegen, befand das Gericht.

Warum alle Importeure in den 2010er-Jahren wenig für Gas zahlten

Zwischen 2012 und 2020 fiel der durchschnittliche deutsche Grenzübergangspreis laut BAFA von rund 29 auf rund 12,3 Euro je Megawattstunde. Der Rückgang galt für jedes importierte Molekül, ob aus Russland, Norwegen oder den Niederlanden. Zwei Entwicklungen standen dahinter: Die Versorger lösten die Ölbindung ihrer Verträge, und auf dem Weltmarkt war Gas reichlich vorhanden.

Jahr Grenzübergangspreis BAFA, €/MWh Einfuhrwert Destatis, €/MWh
201229,0–
201520,6–
201915,516,1
202012,3–
202125,4–
202275,686,1
2023–43,0
2025–38,6

Das Statistische Bundesamt berechnet aus der Außenhandelsstatistik einen eigenen Einfuhrwert für Erdgas und kommt auf denselben Verlauf. Aus keiner der beiden Reihen geht hervor, dass Gas aus Russland im Schnitt günstiger war als norwegisches oder niederländisches.

Einen Vorteil hatte das russische Gas: Gazprom lieferte es per Pipeline, Verflüssigung und Schiffstransport wie bei LNG entfielen. Nah lag die Quelle trotzdem nicht. Vom Gasfeld Bowanenkowo auf der Jamal-Halbinsel bis Berlin sind es rund 3.350 Kilometer Luftlinie. Durch die Leitungen über Uchta, Grjasowez, Wyborg und Nord Stream legte das Gas rund 4.300 Kilometer zurück. Die norwegischen Felder Ekofisk, Johan Sverdrup und Troll liegen in der Luftlinie rund 440 bis 835 Kilometer von Emden entfernt.

Wer die billigen Jahre ab 2022 nachbezahlte

Rehden in Niedersachsen ist mit 43,7 Terawattstunden der größte Gasspeicher Westeuropas, 2021 kontrollierte ihn Gazprom. Anfang November 2021 war er zu 9,6 Prozent gefüllt, Anfang Mai 2022 zu 0,6 Prozent. Die Speicher in der EU insgesamt lagen am 7. November 2021 bei 75 Prozent, ein Jahr zuvor bei 94 Prozent, berichtete S&P Global.

Mitte Juni 2022 drosselte Gazprom die Lieferungen durch Nord Stream 1 auf 40 Prozent, ab Ende Juli auf 20 Prozent, und verwies auf eine Turbine. Bei einem Termin an dieser Turbine in Mülheim an der Ruhr sagte Bundeskanzler Olaf Scholz am 3. August 2022, die technischen Gründe seien nicht nachvollziehbar. Die Turbine könne jederzeit geliefert werden, berichtete die ZfK. Ende August 2022 stellte Gazprom die Lieferungen ganz ein und nannte ein Ölleck als Grund. EU-Sanktionen verboten Gaslieferungen zu diesem Zeitpunkt nicht.

Deutschlands größter Gasversorger Uniper musste die ausgefallenen Mengen ab 2022 am Markt ersetzen. Im Juni 2024 sprach ein Schiedsgericht in Stockholm Uniper mehr als 13 Milliarden Euro Schadensersatz zu, Uniper kündigte daraufhin die Verträge mit Gazprom. Gazprom zahlte nicht, ein Gericht in St. Petersburg verurteilte stattdessen Uniper zu 14,3 Milliarden Euro, berichtete Correctiv im Juli 2025.

Der Bund stützte Uniper 2022 mit Kapitalerhöhungen von rund 13,5 Milliarden Euro. Die EU-Kommission genehmigte im Dezember 2022 Beihilfen von bis zu 34,5 Milliarden Euro für Uniper und 6,3 Milliarden Euro für SEFE, die frühere Gazprom Germania. Im März 2025 zahlte Uniper rund 2,6 Milliarden Euro an den Bund zurück.

Die Energiepreishilfen für Haushalte und Unternehmen kosteten den Bund 50,4 Milliarden Euro, bilanzierte das Bundesfinanzministerium im September 2026. Davon entfielen 14,3 Milliarden Euro auf die Gaspreisbremse und 8,5 Milliarden Euro auf die Dezember-Soforthilfe. Für die neuen LNG-Terminals veranschlagte der Bund Stand Mai 2023 rund neun Milliarden Euro, meldete der Bundestag.

Was eine Rückkehr zu russischem Gas kosten würde

AfD und BSW fordern eine Rückkehr zu russischem Gas, das BSW plakatierte im Landtagswahlkampf in Mecklenburg-Vorpommern 2026 „Nord Stream aufdrehen!”. „Nord Stream ist eine mögliche Eröffnung für ein Gespräch mit Russland”, sagte Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) im Mai 2025 der Zeit, wie t-online berichtete. ZEIT-Autor Michael Thumann hat im September 2026 in einer Kolumne die Annahmen hinter solchen Forderungen aufgelistet: russisches Gas sei billig, zuverlässig und nah.

Der Rat der EU beschloss am 26. Januar 2026 ein stufenweises Einfuhrverbot für russisches Gas: LNG aus Langfristverträgen ab Anfang 2027, Pipelinegas ab Herbst 2027. Nord Stream 1 und 2 sind seit den Anschlägen vom 26. September 2022 beschädigt. Im Juli 2026 erhob der Generalbundesanwalt deswegen vor dem Oberlandesgericht Hamburg Anklage gegen einen Ukrainer.

Auch mit intakten Leitungen und ohne Verbot würde Gazprom zu dem Preis verkaufen, den Händler am niederländischen Handelsplatz TTF zahlen. Diesen Börsenpreis zahlen Importeure in Kontinentaleuropa für Gas aus Norwegen ebenso wie für LNG aus den USA. Seit Beginn des Iran-Kriegs Ende Februar 2026 ist die Straße von Hormus de facto geschlossen, schreibt die Internationale Energieagentur. Damit fehlen fast 20 Prozent des weltweiten LNG-Angebots.

Im zweiten Quartal 2026 zahlten Händler am TTF im Schnitt knapp 16 US-Dollar je Million British Thermal Units, 32 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Zwischen 2026 und 2030 rechnet die IEA mit Ausfällen von rund 140 Milliarden Kubikmetern LNG. Deutsche Importeure zahlten den Aufschlag für jede Lieferung, auch für norwegisches und niederländisches Gas, das keinen Kilometer durch den Persischen Golf zurückgelegt hat. Den Einfuhrwert für Juli 2026 beziffert das Statistische Bundesamt auf rund 50 Euro je Megawattstunde, dreimal so viel wie 2019.

Ein neuer Lieferant bringt eigene Risiken mit. Aus dem Vertrag, den QatarEnergy und ConocoPhillips im November 2022 für Lieferungen nach Brunsbüttel ab 2026 schlossen, ist bis September 2026 keine Lieferung belegt. QatarEnergy erwartet den ersten Verflüssigungsstrang des Projekts North Field East erst im ersten Halbjahr 2027. Die Reparatur zweier beschädigter Stränge in Ras Laffan dauert rund drei Jahre, berichtet das Oil & Gas Journal.

An den deutschen Terminals landeten 2025 laut Bundesnetzagentur 106 Terawattstunden LNG an, 10,3 Prozent aller Importe. Rund 96 Prozent davon kamen aus den USA, wie die Netzagentur auf ihrer Plattform SMARD ausweist. Wie viel US-Gas zusätzlich über Belgien und die Niederlande kommt, lässt sich aus der Statistik nicht ablesen. Über diese beiden Länder liefen 2025 zusammen 45 Prozent der deutschen Importe, über Norwegen 44 Prozent.

Wie sich Deutschland vom Gaspreis unabhängig macht

Wer Gas aus Russland, Norwegen, den USA oder Katar bezieht, tauscht allenfalls das politische Risiko. Haushalte und Unternehmen zahlen in jedem Fall den Börsenpreis. Steigt er am TTF, zahlen sie mehr, egal wo das Molekül gefördert wurde. Aus diesem Preisrisiko führt kein anderer Lieferant heraus, sondern nur ein geringerer Gasverbrauch.

Windräder und Solaranlagen verbrauchen keinen Brennstoff, den ein Betreiber am Weltmarkt nachkaufen müsste. Ihre Kosten stehen beim Bau fest (mehr dazu: Wie Solar und Wind die fossile Abhängigkeit verringern). Mit einer Wärmepumpe entstehen aus einer Kilowattstunde Strom mehrere Kilowattstunden Wärme, den Rest liefern Luft, Erdreich oder Grundwasser (mehr dazu: Wärmepumpe statt Gasheizung).

Deutschland steht dabei am Anfang. 56,1 Prozent der Wohnungen wurden 2025 mit Gas beheizt und nur 4,5 Prozent mit Wärmepumpe, Solarthermie oder Geothermie, ermittelte der BDEW. Wer in einer dieser Gaswohnungen lebt, trägt jeden Preisschock am TTF mit. Wer 2026 noch eine neue Gasheizung einbaut, bindet sich für deren Lebensdauer an diesen Preis (mehr dazu: Gasheizung erlaubt: Wer am Ende die Rechnung zahlt).

Im Verkehr gilt dasselbe. Wer sein Elektroauto mit Solarstrom vom eigenen Dach und aus dem Heimspeicher lädt, kauft dafür keinen Brennstoff am Weltmarkt. Mit elektrischen Lkw lässt sich derselbe Schritt im Güterverkehr gehen (mehr dazu: Elektrifizierung als Bollwerk gegen die Iran-Krise).

Der Bund steckt parallel Milliarden in neue Gas-Abhängigkeiten. Wer neue Gaskraftwerke plant, setzt ebenfalls im fossilen Casino, Batteriespeicher kommen ohne Brennstoff aus. Für einen Haushalt beginnt der Ausstieg aus dem Gaspreis mit der nächsten Heizungsentscheidung, für eine Kommune mit dem Wärmeplan, für einen Betrieb mit dem nächsten Kessel für Prozesswärme.

QUELLEN

  1. Rymarz Zdort Maruta: PGNiG succeeds in arbitration proceedings against Gazprom regarding the revision of the price for gas supplied under the Yamal contract, März 2020.
  2. Uniper: Uniper terminates Russian gas supply contracts, Pressemitteilung, 12.06.2024.
  3. Uniper: Uniper repays around 2.6 billion euros to the Federal Republic of Germany, Pressemitteilung, 13.03.2025.
  4. Europäische Kommission: EU-Kommission genehmigt deutsche Milliardenbeihilfen für Uniper und SEFE, Pressemitteilung, 21.12.2022.
  5. Rat der EU: Russian gas imports: Council gives final green light to a stepwise ban, Pressemitteilung, 26.01.2026.
  6. Generalbundesanwalt: Anklage wegen der Sprengung der Nord-Stream-Gaspipelines erhoben, Pressemitteilung, 02.07.2026.
  7. Bundesnetzagentur: Bundesnetzagentur veröffentlicht Zahlen zur Gasversorgung 2025, Pressemitteilung, Januar 2026.

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