Helsinki heizt mit Abwasser, das schon zweimal Wärme abgegeben hat

FERNWÄRME · 27. SEPTEMBER 2026

Helen nimmt Großwärmepumpe in Helsinki in Betrieb

Der finnische Energieversorger Helen heizt Helsinki seit August mit einer neuen Großwärmepumpe. Sie holt 90 Megawatt Fernwärme aus gereinigtem Abwasser, 45 Meter unter der Stadt.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 3 Min. Lesezeit LESEN


Die Großwärmepumpe in Helsinki steht im Stadtteil Eiranranta. Drei Wärmepumpen liefern dort zusammen rund 90 Megawatt Fernwärme und rund 60 Megawatt Fernkälte, ein Elektrokessel mit 30 Megawatt ergänzt sie. Helen rechnet mit rund 300 Gigawattstunden Wärme pro Jahr.

Als Wärmequelle dient gereinigtes Abwasser auf dem Weg in die Ostsee. Ein Teil davon hat bereits die Wärmepumpenanlage Katri Vala durchlaufen und dort Energie für die Fernwärme abgegeben. Die neue Anlage arbeitet als Abwasserwärmepumpe mit Wasser, das nur noch fünf Grad warm ist.

„In Eiranranta gewinnen wir Energie aus sehr kühlem Wasser”, sagt Timo Aaltonen, der bei Helen das Geschäft mit Wärme und Kälte leitet. Ein Teil dieser Wärme sei bereits zweimal genutzt worden und bekomme nun eine dritte Verwendung. Gegenüber fossiler Erzeugung spart die Anlage nach Helens Rechnung mehr als 80.000 Tonnen CO2 pro Jahr. Das Abwasser erreicht die Ostsee kühler als bisher.

Helen veranschlagte 2022 rund 100 Millionen Euro

Helen bezifferte die Investition im Dezember 2022 auf rund 100 Millionen Euro, für Wärmepumpen, Kälteerzeugung und Elektrokessel zusammen. Das finnische Wirtschaftsministerium sagte damals rund 14,5 Millionen Euro Investitionszuschuss zu. Als Förderquelle nennt Helen das EU-Aufbauprogramm NextGenerationEU.

Der Aushub begann im Januar 2023. Helen wollte Ende 2025 fertig sein, in Betrieb ging die Anlage im August 2026. Eine Endabrechnung hat der Versorger bisher nicht veröffentlicht.

Helen hat die Kohle 2025 abgeschaltet

Helen legte am 1. April 2025 sein letztes Kohlekraftwerk im Stadtteil Salmisaari still. Bis 2030 will der Versorger die Emissionen seiner Energieerzeugung gegenüber 2019 um 77 Prozent senken. Bis 2040 will er ganz ohne Verbrennung auskommen.

Die nächste Wärmequelle ist vereinbart. Ab 2027 soll die Abwärme eines neuen Rechenzentrums von OnZero ins Fernwärmenetz fließen, bei vollem Betrieb mehr als 500 Gigawattstunden pro Jahr. Das entspräche dem Wärmebedarf von rund 70.000 Wohnungen, ist bisher aber ein Plan und keine Lieferung.

Für die Zeit nach 2030 prüft Helen auch kleine Kernreaktoren. Die Tochter Helen Ydinvoima arbeitet seit Anfang 2026 an dieser Frage, eine Investitionsentscheidung steht aus. Gebaut und in Betrieb sind Wärmepumpen, Elektrokessel und Abwärmenutzung.

Deutsche Städte suchen dieselben Wärmequellen

Helsinki hat einen Vorsprung bei der Wärmewende: Das Fernwärmenetz liegt, neue Erzeuger lassen sich anschließen, kein Haushalt muss dafür seine Heizung tauschen. Deutsche Kommunen klären in der kommunalen Wärmeplanung oft erst, wo sich ein Netz lohnt und welche Gebäude daran hängen sollen. Im Kern teilen sie ihre Städte in Zonen, in denen vor allem Wärmepumpen einzelne Häuser heizen sollen, und in Bereiche, die sich für Fernwärmenetze eignen.

Die Wärmequellen sind dieselben. Mannheim bekommt eine Flusswärmepumpe am Rhein, in Frankfurt geht es um die Abwärme der Rechenzentren. Abwasser fließt unter jeder Stadt. Für Wärmeplaner ist deshalb eine Zahl aus Eiranranta interessant: Der Anlage genügen fünf Grad.

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