KOMMENTAR · 27. SEPTEMBER 2026

Die Welt übergeht bei der Atomheizung in Helsinki die Großwärmepumpe
Die Welt verspricht in einer Überschrift, ein finnisches Atom-Heizwerk halbiere die Wärmepreise. Die Zahl stammt vom Hersteller, in dessen Börsenunterlagen steht sie nicht. Die Großwärmepumpe, die in Helsinki seit August heizt, kommt im Text nicht vor.
Daniel Wetzel hat den Text am 20. September in der Welt am Sonntag veröffentlicht, unter der Überschrift „Atomheizung unter der Stadt”. Seit dem 25. September steht er auf welt.de mit einer neuen: Das Heizwerk „wäre in Deutschland zulässig” und „halbiert Wärmepreise”. Er beginnt mit einem Befund, den ich teile. Wärme und Kälte machen gut die Hälfte des deutschen Endenergieverbrauchs aus, und nur 19 Prozent davon stammten 2025 aus erneuerbaren Quellen, das meiste aus Holz. Das Umweltbundesamt hält fest, dass dieser Anteil seit den 1990er-Jahren nur langsam steigt.
Bei Wetzel „stellt das UBA anscheinend resigniert fest”. Die Resignation ist seine Zutat, bei der Behörde steht sie nicht. Dieselbe Behörde nennt auch eine Therapie, und die fehlt in seinem Text: Neubauten wie Altbauten seien grundsätzlich für Wärmepumpen geeignet, schreibt das Umweltbundesamt. Wetzel führt seine Leser stattdessen zur Atomheizung in Helsinki.
Helen heizt seit August mit einer Großwärmepumpe
Dort baue der Versorger Helen gerade eine Testanlage für die erste nuklear betriebene Fernheizung, schreibt Wetzel, unterirdisch, keine zwei Kilometer vom Parlament. Was Helen in derselben Stadt gerade in Betrieb genommen hat, schreibt er nicht. Seit August läuft im Stadtteil Eiranranta eine Großwärmepumpe mit 90 Megawatt Fernwärmeleistung, 45 Meter unter der Erde, gespeist aus gereinigtem Abwasser (mehr dazu: Helen nimmt Großwärmepumpe in Helsinki in Betrieb). Das Wort Großwärmepumpe kommt in seinem Artikel nicht vor.
Helen prüft auch Kernkraft, das gehört zum Bild. Wetzels Gesprächspartner Pekka Tolonen leitet genau die Helen-Tochter, die seit Anfang des Jahres klären soll, ob sich ein kleiner Reaktor in Helsinki bauen lässt. Tolonen hält die Stadt dafür für besonders geeignet. Entschieden ist nichts. Gebaut hat Helen Wärmepumpen und Elektrokessel, vereinbart ist die Abwärme eines Rechenzentrums ab 2027.
Der „Prototyp eines nuklearen Heizwerks” aus Wetzels Unterzeile enthält keinen Kernbrennstoff. Ein elektrischer Heizeinsatz simuliert die Nachwärme eines Reaktors. Weiter unten im Text räumt Wetzel ein, dass die Anlage zunächst ohne Nuklearteil entsteht, die Unterzeile verspricht mehr. Den Versuchsaufbau errichtet der Entwickler Steady Energy, Helen vermietet ihm dafür Etagen in der Turbinenhalle seines stillgelegten Kohlekraftwerks.
Wetzel vergleicht den Reaktor mit der falschen Wärmepumpe
Am Ende seines Textes rechnet Wetzel mit der Wärmepumpe ab. 36.000 Euro koste der Einbau im Schnitt, der Staat müsse hoch bezuschussen, vielerorts drohe das Stromnetz zu überlasten, und Solarstrom gebe es im Winter kaum. Gemeint ist das Gerät im Einfamilienhaus.
Ein Heizreaktor speist aber ein Fernwärmenetz, und an diesem Netz konkurriert er mit der Großwärmepumpe, mit Abwärme und Geothermie. Helsinki hat ein solches Netz. Viele deutsche Städte müssen erst entscheiden, wo sie eines bauen (mehr dazu: Fernwärme oder Wärmepumpe). Die Leitungen, die Hausanschlüsse und die Baustellen dafür erspart ihnen kein Reaktor. Und den erneuerbaren Strom im Winterhalbjahr liefert in Deutschland vor allem der Wind.
Steady Energy liefert die Zahlen für den Vergleich selbst
Wer die Atomheizung als Lösung anbietet, schuldet seinen Lesern die Gegenrechnung. Sie lässt sich aufmachen. Helen veranschlagte 2022 rund 100 Millionen Euro für Eiranranta: 90 Megawatt Wärme, 60 Megawatt Kälte und ein Elektrokessel mit 30 Megawatt. Gut dreieinhalb Jahre nach dem ersten Aushub lief die Anlage.
Steady Energys Reaktor LDR-50 leistet 50 Megawatt. Für dieselbe Wärmeleistung bräuchte es zwei. Das Unternehmen nennt in seinen Börsenunterlagen 75 bis 150 Millionen Euro je Serienreaktor, zusammen also 150 bis 300 Millionen. Die allererste Anlage soll 200 bis 360 Millionen Euro kosten und 2034 in Betrieb gehen. Ihre Finanzierung ist offen (mehr dazu: Steady Energy geht ohne Bauauftrag an die Börse).
Das sind auf beiden Seiten nur Investitionskosten, und die Zahl für Eiranranta ist eine Planzahl, eine Endabrechnung hat Helen nicht veröffentlicht. Die Wärmepumpe braucht Strom. Der Reaktor braucht Brennstoff, Personal, Sicherung, Rückbau und Entsorgung. Eine Vollkostenrechnung wäre die Aufgabe eines Artikels gewesen, der die Atomheizung gegen die Wärmepumpe stellt.
Wetzel nennt stattdessen 50 Euro je Megawattstunde, die Steady Energy erwartet, und hält sie gegen durchschnittliche deutsche Fernwärmepreise. Im Text ist das eine Erwartung des Unternehmens, in der neuen Überschrift eine Tatsache. Verglichen werden dabei erhoffte Erzeugungskosten mit Endkundenpreisen, in denen Netz, Wärmeverluste, Vertrieb und Steuern stecken.
In den Börsenunterlagen schreibt Steady Energy, seine Kostenrechnungen beruhten nur auf Annahmen, weil noch kein LDR-50 gebaut wurde. Verglichen hat das Unternehmen gegen Biomasse, Kohle und Gas. Die Unterlagen tragen das Datum des 18. September, zwei Tage vor dem Artikel in der Welt am Sonntag und eine Woche vor der neuen Überschrift.
Deutsche Städte schreiben jetzt ihre Wärmepläne
Das alles wäre eine Fachdebatte, käme der Text nicht zu diesem Zeitpunkt. Deutsche Städte legen gerade in ihrer kommunalen Wärmeplanung fest, wo Wärmenetze entstehen und womit sie gespeist werden, und Stadträte lesen Zeitung.
Sie sollten wissen, was Steady Energy seinen Anlegern mitteilt. Für keine kommerzielle Anlage gibt es einen bindenden Vertrag. Das Interesse sei schon jetzt riesig, schreibt Wetzel und führt die Absichtserklärungen dreier finnischer Städte an. Laut Steady Energy verpflichten sie niemanden zum Bau. Kommunale Versorger seien generell zurückhaltend, als Erste eine neue Reaktortechnik zu bestellen.
Auf einen Lieferanten ohne Genehmigung und ohne Referenzanlage lässt sich kein Wärmeplan stützen. Jede Kilowattstunde fossiler Wärme, die eine Stadt in den nächsten acht Jahren ersetzt, spart dagegen ab sofort Brennstoff und Emissionen.
CDU/CSU-Energiepolitiker Andreas Lenz will nukleare Wärme laut Wetzel „technologieoffen und sachlich prüfen”. Dagegen ist nichts zu sagen. Lenz selbst nennt eine Bedingung, die in keiner Überschrift auftaucht: Vorher müsse die Entsorgung abgebrannter Brennelemente rechtlich und praktisch geklärt sein. Sachlich prüfen heißt, an beide Techniken denselben Maßstab anzulegen: vollständige Kosten, gesicherte Lieferung, vermiedene Emissionen pro Jahr.
Ember liest dieselbe Zahl als Auftrag
Wetzels erster Satz lautet, Deutschland plane die Transformation am Wesentlichen vorbei, weil sich alles um den Strom drehe, der nur 20 Prozent des Energiebedarfs ausmache. Die Analysten der Denkfabrik Ember kommen in ihrem neuen Report „The Age of Power” zur selben Zahl und ziehen den umgekehrten Schluss. Deutschland baue Erneuerbare, elektrifiziere aber zu wenig: rund 40 Prozent Wind- und Solarstrom, rund 20 Prozent Stromanteil an der Endenergie.
Für Daan Walter, Sam Butler-Sloss und Kingsmill Bond liegt die Aufgabe darin, diesen Anteil zu erhöhen. Dazu gehört für sie, Strom nicht höher zu besteuern als das Gas, das er ersetzt (mehr dazu: Kingsmill Bond über Europas Souveränitätskurs). Rund drei Viertel der weltweiten Endenergie lassen sich nach ihrer Rechnung heute schon wirtschaftlich elektrifizieren. Bei der Wärme heißt das Wärmepumpe: Sie macht aus einer Kilowattstunde Strom drei bis vier Kilowattstunden Wärme.
Ein Heizreaktor mag in den 2030er-Jahren irgendwo seine Nische finden, und wenn er die Vollkostenrechnung besteht, soll er sie haben. Die Wärmewende entscheidet sich vorher. Sie entscheidet sich in den Wärmeplänen, die deutsche Städte in diesen Monaten beschließen, und in Anlagen wie der in Eiranranta, die nicht angekündigt ist, sondern läuft.
QUELLEN
- Welt am Sonntag: Atomheizung unter der Stadt, 20.09.2026.