Kalt oder mild: Wie weit Meteorologen in den Winter blicken können

KLIMAWISSEN · 27. SEPTEMBER 2026

Wie zuverlässig eine Winterprognose für Deutschland sein kann

Wer eine seriöse Winterprognose liest, findet keine Temperaturen für einzelne Tage, sondern Wahrscheinlichkeiten für drei Monate. Für Mitteleuropa treffen Meteorologen damit nur mäßig, für Energieversorger und Netzplaner bleibt die Information trotzdem wertvoll.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 10 Min. Lesezeit LESEN


Jeden Herbst tauchen Schlagzeilen über einen „Jahrhundertwinter“ auf, manchmal auch über einen Winter ohne Schnee. Die Autoren stützen sich oft auf einzelne Modellläufe oder auf Apps, die schon im Oktober Tageswerte für Januar anzeigen. Solche Details geben die Gesetze der Atmosphäre nicht her: Nach rund zwei Wochen hat eine Tagesvorhersage keinen Bezug mehr zum tatsächlichen Wetter.

Eine belastbare Winterprognose gibt es trotzdem. Das Europäische Zentrum für mittelfristige Wettervorhersage (ECMWF), das britische Met Office, der Deutsche Wetterdienst (DWD) und sechs weitere Zentren rechnen jeden Monat Saisonprognosen. Ihre Treffsicherheit für den mitteleuropäischen Winter ist allerdings bescheiden. In einer Auswertung des ECMWF landeten alle europäischen Winterprognosen für die Temperatur auf der mittleren Stufe einer fünfstufigen Skala, bewertet als eingeschränkt nützlich.

Worin unterscheidet sich eine Winterprognose von der Wettervorhersage

In einer Wettervorhersage steht das konkrete Wetter der nächsten Stunden und Tage, in einer Winterprognose nur die Abweichung einer ganzen Jahreszeit vom langjährigen Mittel. Angegeben wird, mit welcher Wahrscheinlichkeit Dezember bis Februar wärmer, kälter, nasser oder trockener ausfallen als üblich.

Der Copernicus-Klimawandeldienst C3S formuliert die Grenze deutlich: Vorhersagen für die kommenden drei Monate nach denselben Prinzipien seien „schlicht unmöglich“. Das Tageswetter lasse sich über zwei Wochen hinaus nicht vorhersagen, schreibt der Dienst auf seiner Erklärseite zu den C3S-Saisonprognosen. Vorhersagbar bleibt nur der Einfluss langsamer Teile des Erdsystems.

Diese langsamen Teile nennt der DWD auf seiner Seite zur saisonalen Klimavorhersage ausdrücklich: Ozean, Meereis, Boden und höhere Luftschichten. Der Ozean speichert Wärme über Monate bis Jahrzehnte, die Atmosphäre nur über Tage. Deshalb rechnen die Dienste mit gekoppelten Erdsystemmodellen.

Jede Winterprognose besteht aus einem Ensemble: Das Modell startet viele Male mit leicht veränderten Anfangsbedingungen. Die Streuung der Läufe zeigt die Unsicherheit. Nach demselben Prinzip schätzt der DWD Temperaturtrends für mehrere Jahre ab (mehr dazu: Klimavorhersage: DWD erwartet deutlichen Anstieg der Lufttemperatur bis 2029).

Welche Wetterdienste rechnen Saisonprognosen

Für eine Winterprognose in Europa zählen vier Systeme: SEAS5 vom ECMWF, GloSea6 vom Met Office, GCFS vom DWD und das C3S-Multi-System. Alle Dienste veröffentlichen monatlich neue Läufe für die folgenden sechs bis sieben Monate.

Das ECMWF rechnet mit SEAS5 seit November 2017 jeweils 51 Ensemble-Mitglieder bis zu sieben Monate voraus. Zur Kalibrierung dienen Rückrechnungen für 1981 bis 2016, sogenannte Hindcasts, belegt in der Systembeschreibung in Geoscientific Model Development von 2019. Sie zeigen, wie gut das Modell vergangene Winter getroffen hätte.

Das Met Office startet laut der GloSea6-Dokumentation täglich neue Läufe und fasst die Ergebnisse von drei Wochen zu einem Ensemble mit 42 Mitgliedern zusammen. Der DWD rechnet seit April 2025 mit GCFS2.2, entwickelt mit der Universität Hamburg und dem Max-Planck-Institut für Meteorologie.

Der C3S führt neun Systeme zusammen, darunter neben ECMWF, Met Office und DWD auch Météo-France und die US-Behörde NCEP. Laut C3S-Übersicht erscheinen die Grafiken jeweils am zehnten Tag des Monats um zwölf Uhr UTC. Mit der Kombination gleicht der C3S einen Teil der systematischen Fehler einzelner Modelle aus.

Saisonprognose-Systeme für Europa im Vergleich (Stand September 2026)
SystemBetreiberEnsemble-MitgliederReichweite in Monaten
SEAS5ECMWF517
GloSea6Met Office42 (Wochenensemble)6
GCFS2.2DWD, Universität Hamburg, MPI-Mk. A.6
C3S Multi-SystemCopernicus, neun ZentrenSumme der Einzelsysteme6

Quellen: ECMWF, Met Office, DWD, C3S.

Wie treffsicher sind Winterprognosen für Mitteleuropa

Für die Wintertemperatur in Mitteleuropa ist die Treffsicherheit gering bis mäßig, in den Tropen deutlich höher. Eine Winterprognose für Deutschland ist eine Aussage über verschobene Chancen, keine Festlegung des Winters.

Antje Weisheimer und Tim Palmer haben die Verlässlichkeit des ECMWF-Vorgängersystems System 4 auf einer Skala von eins bis fünf eingeordnet. Laut ihrer 2014 erschienenen Studie im Journal of the Royal Society Interface erreichten alle europäischen Winterprognosen für die Temperatur nur Stufe drei. Die Temperaturprognosen für die Tropen lagen auf Stufe vier oder fünf. Trockene Winter in Nordeuropa sagte das System gar nicht brauchbar voraus.

Die stärkste Quelle der Vorhersagbarkeit ist El Niño im tropischen Pazifik, und genau dort ist SEAS5 laut Systembeschreibung am stärksten. Über Europa wechseln Tiefdruckgebiete und Hochdruckblockaden vom Atlantik her rasch. Über dem Nordwestatlantik hat sich die Winterprognose für die Temperatur in SEAS5 gegenüber dem Vorgänger sogar verschlechtert.

Für die Nordatlantische Oszillation fanden Adam Scaife und Kollegen vom Met Office 2014 dagegen eine Korrelation von rund 0,6 mit den Beobachtungen. Das vorhergesagte Signal betrug dabei nur rund zwei Hektopascal bei einer Streuung von rund acht Hektopascal. Scaife und Doug Smith nennen das 2018 in npj Climate and Atmospheric Science ein Signal-Rausch-Paradox. In den Modellen fällt das vorhersagbare Signal über dem Atlantik offenbar zu schwach aus.

Welche Klimamuster prägen den Winter in Deutschland

Für jede Winterprognose zählen vier großräumige Muster: die Nordatlantische Oszillation, der Polarwirbel, El Niño und die quasi-zweijährige Oszillation QBO. Keines davon wirkt allein, und zwei davon lassen sich nur begrenzt im Voraus berechnen.

Die Nordatlantische Oszillation (NAO) ist eine Luftdruckschaukel zwischen Islandtief und Azorenhoch. In ihrer positiven Phase wehen die Westwinde stärker und bringen milde, nasse und oft stürmische Winter, beschreibt das Met Office in seinen Unterlagen für Katastrophenschutzplaner. Bei negativer NAO strömt kalte Luft aus Osten und Norden leichter nach Mitteleuropa.

Der Polarwirbel ist ein Band starker Westwinde in der Stratosphäre über der Arktis. Bei einer plötzlichen Stratosphärenerwärmung (SSW) steigt die Temperatur in zehn bis 50 Kilometern Höhe laut Met Office um bis zu 50 Grad. Einige Wochen später folgt oft eine Kältephase in Großbritannien und Nordeuropa, wie 2018, aber nicht immer. Vorhersagen lässt sich ein SSW-Ereignis nur etwa eine Woche im Voraus.

El Niño wirkt über einen Umweg auf Europa (mehr dazu: Was El Niño ist). Sarah Ineson und Adam Scaife zeigten 2008 in Nature Geoscience, dass das Signal über die Stratosphäre läuft. Im Spätwinter begünstigt El Niño demnach kalte Bedingungen in Nordeuropa und milde im Süden. Der Effekt ist groß genug für die Winterprognose, aber kein Automatismus.

Die QBO ist ein regelmäßiger Wechsel der Windrichtung in der Stratosphäre über dem Äquator. Laut einer Studie in Communications Earth & Environment von 2024 schlägt sie alle 22 bis 34 Monate um. In der Westphase steigt nach Einschätzung des Met Office die Chance auf einen starken Jetstream und milde, stürmische Winter. In der Ostphase wächst das Risiko für kalte Nord- und Ostwinde, wie das Met Office im Januar 2024 erläuterte.

Woran erkennt man eine seriöse Winterprognose

In einer seriösen Winterprognose stehen Wahrscheinlichkeiten für Terzile über ganze Monate, dazu die Trefferquote des Modells in vergangenen Wintern. Konkrete Schneetage, Tageswerte für Januar oder das Wort „Jahrhundertwinter“ ohne Prozentangabe sind Warnzeichen.

Terzile teilen die Winter der Vergleichsperiode in drei gleich große Gruppen: unterdurchschnittlich, normal, überdurchschnittlich. Ohne jedes Vorwissen liegt jede Gruppe bei einem Drittel, erklärt das Forecast User Guide des ECMWF. Eine Winterprognose mit 50 Prozent für „wärmer als normal“ bedeutet daher: Die Chance ist gestiegen, doch in jedem zweiten Fall kommt es anders.

Der DWD hat für seine Profi-Karten seit November 2023 feste Stufen eingeführt. Laut DWD-Hinweisen gelten 51 bis 65 Prozent als leichte Tendenz, 66 bis 80 als moderate und ab 81 als hohe Wahrscheinlichkeit. Die Vorhersagegüte zeigt der Dienst als Ampel. Steht die Ampel auf Rot, hilft auch eine hohe Prozentzahl wenig.

Die mittlere Abweichung aller Läufe einer Winterprognose ist keine Vorhersage des Ergebnisses. Das ECMWF beschreibt sie in einem Faktenblatt vom Juli 2025 als Verschiebung im Zentrum der möglichen Ausgänge. Ein Plus von einem Grad im Ensemblemittel schließt eine kalte Woche nicht aus.

Eine App, die für einen Tag in sechs Wochen eine einzelne Temperatur anzeigt, blendet genau diese Streuung aus (mehr dazu: August-Hitze: Was Wetter-Apps verschweigen). Selbst mit perfekten Vorhersagesystemen gehe es wegen der chaotischen Atmosphäre immer um Wahrscheinlichkeiten, schreibt das Met Office. Zu einer Kältewinter-Ankündigung gehören deshalb mindestens eine Prozentzahl und eine Quelle.

Was erwarten die Wetterdienste für den Winter 2026/27

Nach der Winterprognose des C3S-Multi-Systems mit Stand 10. September 2026 wird der Winter in Europa mild, mit überdurchschnittlichen Temperaturen über fast allen Landflächen. Außer im äußersten Süden und Norden erwartet der C3S auch mehr Niederschlag als üblich.

Treiber ist ein starker El Niño, der laut der C3S-Zusammenfassung vom September 2026 bereits voll ausgebildet ist. Der C3S rechnet mit einer weiteren Verstärkung bis zum Jahresende, danach wächst die Unsicherheit. Bei der Stärke des Höhepunkts gehen die Ergebnisse der beteiligten Systeme auseinander (mehr dazu: El Niño 2026/27 wird laut WMO sehr stark).

Offen bleibt ein Widerspruch: Der Stratosphären-Mechanismus nach Ineson und Scaife begünstigt bei El Niño kalte Phasen in Nordeuropa im Spätwinter. Ob der Polarwirbel im Januar oder Februar 2027 zusammenbricht, können Meteorologen heute nicht vorhersagen. Welche Szenarien für Deutschland daraus folgen, steht im Beitrag El Niño, Polarwirbel: Wie der Winter 2026/27 in Deutschland entschieden wird.

Wie nutzen Energieversorger und Netzbetreiber Winterprognosen

Energieversorger, Speicherbetreiber und Netzbetreiber nutzen die Winterprognose als Risikoinformation, nicht als Fahrplan. Sie gewichten mit ihr Szenarien für Heizbedarf, Windertrag und Gasverbrauch, halten aber Reserven für den kalten Rand der Verteilung vor.

Der DWD richtet einen Teil seiner Produkte gezielt an die Energiewirtschaft. Seit Juni 2026 bietet er laut seinen Hinweisen saisonale Klimavorhersagen für Globalstrahlung und Windgeschwindigkeit in zehn und 100 Metern Höhe an. Netzbetreiber und Direktvermarkter können damit abschätzen, ob ein windarmer Winter wahrscheinlicher wird.

Bei Gas zählt die Kälte. In einem milden Winter verbrauchen Haushalte und Betriebe weniger Gas für Raumwärme, bei langer Kälte entnehmen Versorger schnell große Mengen aus den Speichern. Wie knapp die Reserven in diesem Herbst sind, zeigt die Analyse Reicht das Gas für den Winter 2026/27. Speicherbetreiber und Behörden sollten eine milde Winterprognose deshalb nicht als Grund für weniger Vorsorge lesen, denn nach einer Stratosphärenerwärmung kann die Lage binnen Wochen kippen.

Für Haushalte gilt dieselbe Logik im Kleinen. Wer Heizkosten plant, sollte trotz milder Winterprognose mit einem normalen Winter rechnen. Für die Energiewende heißt das: Mit Speichern, steuerbaren Wärmepumpen und gut ausgebauten Netzen können Versorger auch Winter abfedern, die Meteorologen drei Monate vorher nicht erkennen.

QUELLEN

  1. Copernicus Climate Change Service: Seasonal forecasts, Highlights of the latest seasonal forecasts, 10.09.2026.
  2. Copernicus Climate Change Service: How to read C3S seasonal forecasts, abgerufen 27.09.2026.
  3. ECMWF: Long-range forecasts (SEAS5), abgerufen 27.09.2026.
  4. Geoscientific Model Development: SEAS5: the new ECMWF seasonal forecast system, 2019.
  5. ECMWF: Forecast User Guide, Section 8.3.1 Chart output, abgerufen 27.09.2026.
  6. ECMWF: Fact sheet: Sub-seasonal and seasonal predictions, 22.07.2025.
  7. Journal of the Royal Society Interface: On the reliability of seasonal climate forecasts, 2014.
  8. npj Climate and Atmospheric Science: A signal-to-noise paradox in climate science, 18.07.2018.
  9. Nature Geoscience: The role of the stratosphere in the European climate response to El Niño, 07.12.2008.
  10. Communications Earth & Environment: Teleconnection of the Quasi-biennial oscillation with boreal winter surface climate in Eurasia and North America, 11.05.2024.
  11. Met Office: Met Office seasonal prediction system: GloSea6, abgerufen 27.09.2026.
  12. Met Office: Seasonal forecasts and climate drivers resources, abgerufen 27.09.2026.
  13. Met Office: Sudden Stratospheric Warming, abgerufen 27.09.2026.
  14. Met Office: Is the UK winter going as forecast?, 29.01.2024.
  15. Deutscher Wetterdienst: Saisonale Klimavorhersage, abgerufen 27.09.2026.
  16. Deutscher Wetterdienst: Klimavorhersagen, Aktuelle Hinweise und Produkte, abgerufen 27.09.2026.
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