Bild von Ioannis Ioannidis auf PixabayEl Niño Polarwirbel: Wie der Winter 2026/27 in Deutschland entschieden wird
Der Pazifik heizt sich auf einem historischen Niveau auf. Nach der jüngsten Analyse des US-Klimadienstes NOAA liegt die Wahrscheinlichkeit für ein „very strong“ El Niño im Winter 2026/27 bei über 90 Prozent. Was das für Deutschland bedeutet, entscheidet ein Windsystem hoch über der Arktis: der stratosphärische Polarwirbel. Das Zusammenspiel von El Niño und Polarwirbel ist in der Forschung gut belegt. Es sagt aber noch nicht, wie kalt oder mild der deutsche Winter tatsächlich wird.
Genau diese Unterscheidung wird jeden Herbst neu verwechselt. Sobald ein starkes El Niño in den Schlagzeilen steht, kursieren Prognosen vom „Jahrhundertwinter“. Die Datenlage zum Pazifik ist stark, die Übertragung auf Europa ist es nicht. Und ein einzelner Kältevorstoß im Januar widerlegt keine Erwärmung, er ist Wetter, kein Klimatrend.
Was die Zahlen zum aktuellen El Niño zeigen
Der Relative Oceanic Niño Index (RONI), an dem die NOAA die Stärke von El Niño misst, soll laut der ENSO Diagnostic Discussion vom August 2026 zwischen Oktober und Dezember im Median auf plus 2,66 Grad steigen, mit einer Spanne von plus 2,37 bis plus 2,95 Grad. Für Dezember bis Februar liegt der Median bei plus 2,23 Grad. Zum Vergleich: Bei den beiden bislang stärksten Ereignissen der Messreihe, 1997/98 und 2015/16, erreichte der RONI jeweils rund plus 2,4 Grad. Die NOAA beziffert die Wahrscheinlichkeit, dass der Herbstwert 2026 jedes bisherige El-Niño-Ereignis seit 1950 übertrifft, auf 69 Prozent.
Zwei Institutionen aktualisieren ihre Einschätzung in den kommenden Tagen unabhängig voneinander: Die Weltorganisation für Meteorologie (WMO) legt ihr eigenes El-Niño-Update am 3. September 2026 vor, der amerikanische Klimadienst NOAA/CPC folgt mit der nächsten Diagnose am 10. September.
„Wahrscheinlich steuern wir auf einen historischen El Niño zu“, sagt ZDF-Meteorologe Özden Terli gegenüber t-online. Er warnt zugleich davor, einzelne Wetterlagen in Deutschland direkt auf den Pazifik zurückzuführen: „Einen konkreten Wettervorgang in Deutschland unmittelbar auf El Niño zurückzuführen, ist schwierig und eigentlich nicht möglich.“
El Niño Polarwirbel: die Mechanik dahinter
El Niño beeinflusst das deutsche Wetter nicht direkt, sondern über Telekonnektionen: großräumige Kopplungen zwischen tropischer Meerestemperatur, Jetstream, dem stratosphärischen Polarwirbel und der Nordatlantischen Oszillation. Der Polarwirbel ist ein Ring aus schnell rotierender Kaltluft, der im Winter hoch über der Arktis liegt und die polare Kälte einschließt. Bleibt er stabil, bleibt die Kälte oben. Zerfällt er, kann arktische Luft nach Süden ausbrechen.
Genau an diesem Punkt zeigt die Forschung einen belegten Zusammenhang. Lorenzo Polvani und Kollegen kamen 2017 im Journal of Climate zu dem Ergebnis, dass Sudden Stratospheric Warmings, also plötzliche Erwärmungen der Stratosphäre, die den Polarwirbel stören oder zum Kollaps bringen, in El-Niño-Wintern rund 30 Prozent häufiger auftreten als in La-Niña-Wintern. El Niño verschiebt die Wahrscheinlichkeit für einen gestörten Polarwirbel also messbar nach oben. Es erzwingt die Störung nicht.
Das ist die eine Seite der Datenlage. Die andere schwächt die Kaltwinter-These deutlich ab: Eine Studie von Ivasić, Herceg-Bulić und King in Climate Dynamics (2021) zeigt, dass sich die Kopplung zwischen ENSO und der Nordatlantischen Oszillation über dem nordatlantisch-europäischen Raum seit den 1970er Jahren abgeschwächt hat und in den jüngsten Jahrzehnten statistisch teils nicht mehr signifikant ist. Der Polarwirbel reagiert auf El Niño, aber was aus dieser Reaktion in Europa wird, hängt von einer Kette weiterer Faktoren ab, unter anderem der Quasi-Biennalen Oszillation in der Stratosphäre, der arktischen Meereisbedeckung, der solaren Aktivität und den Meeresoberflächentemperaturen im Atlantik. Keiner dieser Faktoren lässt sich Monate im Voraus einer einzelnen Wetterlage zuordnen.
Auch der Zeitpunkt innerhalb des Winters macht einen Unterschied. In der Literatur gilt als gesichert, dass El Niño den Frühwinter in Mittel- und Westeuropa eher mild und westwindgeprägt ausfallen lässt, während das Risiko für einen gestörten Polarwirbel und damit für Kälte eher Richtung Januar und Februar steigt.
Drei Szenarien für den Winter 2026/27 in Deutschland
Szenario 1: Nass und stürmisch
Bleibt die Westwindzirkulation über dem Atlantik ausgeprägt, ziehen Tiefdruckgebiete regelmäßig über Deutschland hinweg. Milde, feuchte Luft dominiert, dazu kommen Sturmlagen. Schnee bleibt weitgehend auf die Mittelgebirgslagen beschränkt, im Flachland hält er sich kaum. Dieses Muster passt zu einem stabilen Polarwirbel, der die Kaltluft weiter im Norden hält.
Szenario 2: Mild und wechselhaft
Bleibt der Polarwirbel stabil, ohne dass sich zugleich eine feste Hochdruckblockade über dem Nordatlantik aufbaut, pendelt der Winter zwischen milden Abschnitten und kurzen Kältephasen, ohne dass sich Dauerfrost durchsetzt. In tieferen Lagen fällt zeitweise Schnee, der bei steigenden Temperaturen wieder taut. Das wäre der Verlauf, der am ehesten dem entspricht, was für einen typischen El-Niño-Frühwinter in Mitteleuropa beschrieben wird.
Szenario 3: Kalt und schneereich
Wird der Polarwirbel gestört oder bricht er zusammen, kann arktische Kaltluft weit nach Süden vorstoßen. Trifft sie dabei auf feuchte Atlantikluft oder auf ein Mittelmeertief, sind kräftige Schneefälle bis in tiefere Lagen möglich. Dieses Risiko konzentriert sich eher auf Januar und Februar 2027 und kann auch nach einem milden Winterbeginn noch eintreten. Es ist das Szenario, das den historisch starken El Niño mit der erhöhten Chance auf ein Sudden Stratospheric Warming verbindet. Erhöhte Chance heißt aber nicht Gewissheit.
Welches der drei Szenarien eintritt, entscheidet sich nicht am Zustand des Pazifiks allein, sondern an der Kette aus Polarwirbel, Jetstream und den zusätzlichen Faktoren, die die Forschung als mitentscheidend beschreibt.
Was Saisonmodelle leisten und was nicht
Saisonale Klimamodelle rechnen mit Wahrscheinlichkeiten über Monate, nicht mit dem Wetter an einem bestimmten Tag. Sie können anzeigen, ob ein Winter insgesamt eher zu mild, zu nass oder zu kalt tendiert. Ob an Weihnachten Schnee liegt oder Silvester frostfrei bleibt, lässt sich daraus nicht ableiten. Der Deutsche Wetterdienst weist in seinem Thema des Tages vom 23. August 2026 darauf hin, dass sich aus einem starken El Niño allein kein kalter Winter in Europa herleiten lässt, weil sich die atmosphärische Reaktion von Ereignis zu Ereignis deutlich unterscheidet.
Terli ordnet noch einen weiteren Faktor ein: Dieses El Niño trifft auf eine bereits stark erwärmte Welt, die Weltmeere liegen schon jetzt deutlich über ihren langjährigen Mittelwerten. Extremwetter entsteht in der Regel aus der Überlagerung mehrerer Faktoren, nicht aus einem einzelnen Signal.
Zur Erinnerung: Der Jahrhundertwinter 1978/79
Der Winter 1978/79 gilt bis heute als Referenzpunkt für einen echten Kältewinter in Deutschland. Über Wochen fielen die Temperaturen unter minus 20 Grad, mehr als 25 Frosttage wurden verzeichnet, Schneestürme erreichten Böen von bis zu 90 Kilometern pro Stunde. Straßen und Bahnstrecken waren tagelang blockiert, die Versorgung in Teilen Norddeutschlands brach zeitweise zusammen. Der Begriff Jahrhundertwinter stammt aus dieser Zeit, nicht aus der aktuellen El-Niño-Saison.
Mehr zu den Grundlagen des Phänomens: Was ist El Niño? Die ENSO-Erklärung. Wie sich das aktuelle Rekord-El-Niño weltweit einordnet, hat Zeke Hausfather analysiert: El Niño 2026 im Rekordbereich. Wie dasselbe Phänomen Schiffsverkehr und Ernten trifft, zeigen zwei weitere Recherchen: El Niño und der Panamakanal und El Niño und der Monsun in Indien.
Am 3. September legt die WMO ihr eigenes El-Niño-Update vor. Cleanthinking ordnet dann ein, wie sich die globale Lage seit August verschoben hat.
Häufige Fragen zu El Niño und dem Polarwirbel
Bedeutet ein starkes El Niño automatisch einen kalten Winter in Deutschland?
Nein. El Niño erhöht die statistische Chance auf eine Störung des Polarwirbels, aber ob daraus ein Kälteeinbruch in Deutschland wird, hängt von mehreren weiteren Faktoren ab, unter anderem der Quasi-Biennalen Oszillation und der arktischen Meereisbedeckung.
Wie stark ist das El Niño für den Winter 2026/27?
Die NOAA sieht laut der ENSO Diagnostic Discussion vom August 2026 eine Wahrscheinlichkeit von über 90 Prozent für ein „very strong“ El Niño, mit einem RONI-Median von plus 2,66 Grad im Herbst und plus 2,23 Grad im Winter.
Was ist der Polarwirbel und warum ist er für den deutschen Winter wichtig?
Der Polarwirbel ist ein Ring rotierender Kaltluft in der Stratosphäre über der Arktis. Bleibt er stabil, bleibt die Kälte im Norden. Zerfällt er durch ein Sudden Stratospheric Warming, kann arktische Luft nach Süden bis nach Mitteleuropa vordringen.
Wann zeigt sich, ob der Winter 2026/27 kalt oder mild wird?
Verlässliche Aussagen sind erst wenige Wochen im Voraus möglich. Das größte Risiko für einen gestörten Polarwirbel und damit für Kälteeinbrüche liegt nach der aktuellen Forschungslage eher im Januar und Februar 2027 als im Frühwinter.
QUELLEN
- NOAA Climate Prediction Center: ENSO Diagnostic Discussion, August 2026.
- Özden Terli gegenüber t-online: Rekord-El Niño baut sich auf: In Deutschland beginnt das große Winter-Rätsel, 31.8.2026.
- Deutscher Wetterdienst: Mögliche Auswirkungen eines starken El-Niño auf Europa?, Thema des Tages, 23.8.2026.
- Polvani, L. M., Sun, L., Butler, A. H., Richter, J. H., Deser, C. (2017): Distinguishing Stratospheric Sudden Warmings from ENSO as Key Drivers of Wintertime Climate Variability over the North Atlantic and Eurasia, Journal of Climate 30, S. 1959-1969.
- Ivasić, S., Herceg-Bulić, I., King, M. P. (2021): Recent weakening in the winter ENSO teleconnection over the North Atlantic-European region, Climate Dynamics 57, S. 1953-1972.