El-Niño-Rekord: Warum ein zurückhaltender Klimaforscher jetzt Alarm schlägt

KLIMAWISSEN · 19. AUGUST 2026

El-Niño-Rekord: Warum ein zurückhaltender Klimaforscher jetzt Alarm schlägt

Im Januar widersprach Zeke Hausfather öffentlich seinem Kollegen James Hansen, der 2026 zum wärmsten Jahr der Messgeschichte erklärte. Acht Monate später hat der Forscher von Berkeley Earth seine Einschätzung revidiert - und wählt im Interview mit der Süddeutschen Zeitung Worte, die man von ihm nicht kennt. Der Grund steht in seinem eigenen Klima-Dashboard.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 6 MIN LESEN


Zeke Hausfather gilt unter Klimaforschern als eine der nüchternsten Stimmen im Fach - er ist der Mann für die Richtigstellung. Als weite Teile der Fachwelt mit dem Extremszenario RCP8.5 als Standardpfad rechneten, wies er nach, dass dieser Pfad unrealistisch pessimistisch ist. Seine Faktenchecks bei Carbon Brief treffen Katastrophenpropheten genauso wie Verharmloser des Klimawandels.

Umso schwerer wiegt, was er kürzlich auf Bluesky schrieb: Vielen sei noch nicht klar, „wie verrückt die globalen Temperaturen 2026 und 2027 sein werden”. Für seine Verhältnisse ist das ein Ausbruch.

„Normalerweise kommuniziere ich zurückhaltend”

Wie viel dieser Ausbruch wiegt, zeigt Hausfathers Rolle in der internationalen Klimaforschung. Er ist Lead Author im siebten Sachstandsbericht des Weltklimarats IPCC und Wissenschaftler bei Berkeley Earth, einer der einflussreichsten unabhängigen Institutionen für globale Temperaturreihen, die deutlich mehr Wetterstationsdaten auswertet als die meisten vergleichbaren Gruppen.

Beim Zahlungsdienstleister Stripe leitet er zudem ein rund eine Milliarde US-Dollar schweres Programm für permanente CO2-Entfernung. Wer bei diesem Mann Alarm liest, liest ihn bei jemandem, der beruflich vom Einfangen fremder Alarme lebt.

Normalerweise kommuniziere ich zurückhaltend”, sagt Hausfather selbst im SZ-Interview. Dieser Satz ist der Maßstab für alles, was folgt.

Was sein Dashboard zeigt

Sein Klima-Dashboard „The Climate Brink” wertet Tagesdaten aus, darunter die Meeresoberflächentemperaturen in der Region Niño 3.4 im zentralen tropischen Pazifik. Dort liegen die Wassertemperaturen aktuell 2,6 Grad Celsius über dem langjährigen Normalwert - und der Höhepunkt steht erst bevor, denn El-Niño-Ereignisse erreichen ihr Maximum fast immer zwischen November und Januar. Die Modelle sagen im Mittel einen Spitzenwert von 3,7 Grad über dem Normalwert voraus.

Zum Vergleich: Der bislang stärkste gemessene El Niño, das Ereignis 1997/98, erreichte 2,75 bis 2,8 Grad über dem Normalwert, den langfristigen menschengemachten Erwärmungstrend bereits herausgerechnet. Trifft die Prognose ein, liegt dieses Ereignis rund ein Grad über allem, was die 150-jährige Messgeschichte kennt. Wie die ENSO-Mechanik dahinter funktioniert und warum Fachleute den Begriff „Super El Niño” meiden, erklärt der Cleanthinking-Grundlagenartikel zu El Niño und ENSO.

Die Wette mit James Hansen

Wie weit sich Hausfather bewegt hat, zeigt sein Verhältnis zu James Hansen. Der Klimaforscher, der 1988 als Erster vor dem US-Kongress vor der Erderwärmung warnte, sagte Anfang des Jahres voraus, 2026 werde das wärmste je gemessene Jahr. Hausfather hielt die Wahrscheinlichkeit dafür öffentlich für gering.

Inzwischen beziffert er sie auf etwa 35 Prozent, eine Chance, die er selbst als „durchaus real” bezeichnet. Seine Arbeitsannahme bleibt das zweitwärmste Jahr hinter dem Rekordhalter 2024. Aber die Richtung der Korrektur ist die eigentliche Nachricht: Die Daten haben den Skeptiker eingeholt, und er sagt es offen.

Was weder Hansen noch Hausfather im Januar kommen sahen: dass das El-Niño-Ereignis die bisherigen Rekorde derart deutlich übertreffen würde. Öffentlich wird die Differenz der beiden gern als Wissenschaftler-Streit erzählt. Im Interview räumt Hausfather damit auf: kollegiales Frotzeln unter Leuten, die sich seit Jahren kennen und mit eigenen Modellen rechnen.

In der Sache liegen beide näher beieinander, als es aussieht. Hansen sieht die Beschleunigung der langfristigen Erwärmung als Kernproblem, Hausfather ergänzt das kurzfristige El-Niño-Signal: Beides zusammen erklärt, warum die kommenden Monate ungewöhnlich heiß werden.

Was 0,2 Grad bedeuten

Die wichtigste Rechnung des Interviews kommt beiläufig daher. Ein Super-El-Niño erwärmt den Planeten binnen eines Jahres vorübergehend um etwa 0,2 Grad Celsius. Menschliche Emissionen erwärmen ihn alle acht Jahre dauerhaft um denselben Betrag.

Ein Rekord-El-Niño-Jahr ist damit ein Vorgeschmack auf die Normalität, die der langfristige Trend in acht bis zehn Jahren von allein erreicht. Für 2027 erwartet Hausfather mit ziemlicher Sicherheit ein neues globales Rekordjahr von rund 1,7 Grad über dem vorindustriellen Niveau - deutlich über der 1,5-Grad-Schwelle, die 2023/24 erstmals über zwölf Monate hinweg überschritten wurde.

Die Folgen zeichnen sich bereits ab. Der Monsun leidet unter dem El-Niño-Einfluss, was Landwirt*innen in den ärmsten Regionen trifft, und die weltweiten Wachstumseinbußen solcher Ereignisse gehen laut Hausfather in die Billionen US-Dollar. Für die Ozeane erwartet er Rekordtemperaturen und ein besonders schlimmes Jahr für das Great Barrier Reef - seit dem Super-El-Niño 1997/98 korreliert jedes starke Ereignis mit globalem Korallensterben.

Massenhungersnöte wie nach dem historischen Ereignis 1877/78 hält Hausfather dagegen für unwahrscheinlich, weil Lebensmittel heute leichter von Regionen ohne Ernteausfall in betroffene Gebiete transportiert werden können. Eine vollständige Entwarnung ist das nicht, aber eine wichtige Einordnung.

El Niño ist ein natürliches Klimaphänomen und bleibt es auch nach diesem Rekordjahr. Was Hausfather alarmiert, ist die Grundlinie, auf der es stattfindet: Jedes Jahr fossiler Emissionen schiebt sie höher, jedes vermiedene Jahr hält sie unten.

Der zurückhaltendste Warner der Klimaforschung sagt damit nur, was sein Dashboard zeigt. Genau deshalb hat es Gewicht.

QUELLEN

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  1. Süddeutsche Zeitung: „Uns steht ein großer Sprung der globalen Temperaturen bevor”, Interview von Benjamin von Brackel, 17.8.2026.
  2. Cleanthinking: El Niño einfach erklärt: ENSO, Stärke, Mythen.
  3. Cleanthinking: Klimarekorde Juli 2026: Ozeane und Hitze im Rekord.
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