KLIMAWISSEN · 22. AUGUST 2026

Panamakanal: El Niño drosselt den Schiffsverkehr
Der Betreiber des Panamakanals reduziert ab dem 3. September die tägliche Zahl der Durchfahrten, weil die Regenzeit in Panama in diesem Jahr ungewöhnlich trocken ausfällt. Gleichzeitig meldet der britische Wetterdienst Met Office das stärkste El-Niño-Signal, das er je in seinen Prognosen gesehen hat.
Über die schiere Größe des aktuellen El-Niño-Ereignisses wurde hier bereits berichtet: Klimaforscher Zeke Hausfather von Berkeley Earth sieht die Wassertemperaturen im zentralen tropischen Pazifik 2,6 Grad über dem Normalwert, mit einer Modellprognose von bis zu 3,7 Grad zum Winterhöhepunkt. Der Höhepunkt liegt damit noch Monate entfernt. Erste Folgen sind trotzdem schon terminiert.
Met Office: stärkstes Signal der Prognosegeschichte
Bei einem typischen El Niño liegen die Meerestemperaturen im äquatorialen Pazifik 1 bis 2 Grad über dem Mittel, 2 Grad gelten bereits als großes Ereignis. Für die kommenden Monate rechnet das britische Met Office im Schnitt mit 3 Grad und mehr. Ein so starkes Signal sei in den Prognosen des Hauses noch nie aufgetaucht, sagt Adam Scaife, der dort die Langzeitprognosen leitet.
Wie das ENSO-System dahinter funktioniert, erklärt der Cleanthinking-Grundlagenartikel zu El Niño und der ENSO-Mechanik. Als Vergleichsmaßstab dient der Super-El-Niño von 1877/78, der Hungersnöte auslöste und nach gängigen Schätzungen rund 50 Millionen Menschenleben forderte, vor allem in Asien und Südamerika. Dieses Ausmaß hält Hayley Fowler von der Universität Newcastle beim laufenden Ereignis für erreichbar.
Aufgebaut ist es damit noch nicht vollständig: Bis zum Höhepunkt im nördlichen Winter bleibe genug Treibstoff übrig, sagt Akshay Deoras von der Universität Reading.
Was das für Nordwesteuropa bedeutet
Ein milder, aber stürmischer Herbst und früher Winter, gefolgt von einer Phase bitterer Kälte: So verlaufen starke El-Niño-Ereignisse in Großbritannien typischerweise, sagt Bill McGuire, emeritierter Professor für geophysikalische Risiken am University College London. In Stein gemeißelt sei das nicht. Für Großbritannien, Irland und Nordwestfrankreich steigt nach seiner Einschätzung das Risiko für Überflutungen durch Stürme und starke Niederschläge.
Richtung Süden und Osten Europas schwächt sich der Effekt ab, minimal höhere Temperaturen und Niederschläge bleiben laut McGuire aber auch dort möglich. Für Zentraleuropa wiegt ein indirekter Effekt schwerer: Extremereignisse wie Überschwemmungen und Dürren belasten die weltweite Nahrungsmittelproduktion und treiben die Lebensmittelpreise weiter nach oben, nach einem Sommer 2026, der in Europa selbst schon trocken und für die Landwirtschaft belastend war. Sichtbar ist das längst beim Monsun und der Ernte in Indien sowie bei Hitze und Kühlwasser-Stress in europäischen Kraftwerken.
34 Schiffe statt 36: die neue Obergrenze
Während Met Office und Forschende noch von Prognosen sprechen, meldet der Panamakanal eine konkrete, bereits beschlossene Einschränkung. Ab dem 3. September 2026 dürfen nur noch maximal 34 Schiffe pro Tag durch den Kanal fahren, aktuell sind es 36. Mitte September sinkt die Grenze weiter auf 32 Durchfahrten täglich.
Grund ist eine Regenzeit, die trotz laufender Saison ungewöhnlich trocken ausfällt: Zwischen Mai und August 2026 fiel 34 Prozent weniger Regen als im historischen Durchschnitt. Betreiber ACP begründet die Reduzierung mit nötigen Wassersparmaßnahmen. Der Kanal arbeitet über Schleusen, die bei jeder Durchfahrt Süßwasser aus einem Wassereinzugsgebiet mit zwei Speicherseen verbrauchen, ein System, das auf verlässlichen Regen angewiesen ist.
Über die 80 Kilometer lange Wasserstraße laufen rund 5 Prozent des weltweiten Seehandels. Weniger Durchfahrten bedeuten längere Wartezeiten und höhere Kosten für Reedereien, mit Wirkung auf Lieferketten weit über Panama hinaus. Anders als die Modellrechnungen zum Winterhöhepunkt ist das keine Prognose mehr, sondern eine Betriebsanweisung, die in zwei Wochen greift.
Es ist nicht der erste Fall dieser Art: Bereits im Herbst 2023 drosselte die Kanalverwaltung den Verkehr wegen Niedrigwassers, damals ebenfalls in einem El-Niño-Jahr. Die Wasserstraße reagiert damit im Abstand weniger Jahre auf dasselbe Muster.
Aus einem Rekordereignis folgt allerdings nicht automatisch mehr Klimaschutz. „Es gibt relativ wenig Evidenz dafür, dass mehr Dringlichkeit […] zu mehr Handeln geführt hätte", sagt Reto Knutti, Klimaphysiker an der ETH Zürich und Co-Autor mehrerer IPCC-Berichte. Was in der Vergangenheit gewirkt habe, seien politische Leitplanken: Regulierung, Subventionen, Lenkungsabgaben.
QUELLEN
- Der Standard: Globaler Höllenritt: Welche Folgen der historische El Niño für Europa haben kann, Julia Sica, 22.8.2026.
- Tagesschau: Schiffsverkehr durch Panamakanal wird reduziert, 21.8.2026.
- Tagesanzeiger: Klimaforscher Reto Knutti über Hitze, Hass und Klimaleugner, Philippe Zweifel und Sandro Benini, 13.8.2026.
- Cleanthinking: El-Niño-Rekord: Warum ein zurückhaltender Klimaforscher jetzt Alarm schlägt.
- Cleanthinking: El Niño einfach erklärt: ENSO, Stärke, Mythen.