SMALL MODULAR REACTORS IM ÜBERBLICK · 5. OKTOBER 2026

Was Betreiber für ein Mini-AKW zahlen und was sie dafür bekommen
Kanada baut in Darlington das erste Mini-AKW eines G7-Staats, Russland und China betreiben bereits kleine Reaktoren. Die belegten Kostenschätzungen liegen deutlich über Solar- und Windstrom, und in Deutschland sind neue Anlagen nach dem Atomgesetz verboten.
Die Idee hinter dem Mini-AKW ist einfach: Hersteller fertigen kleine Reaktoren in der Fabrik und liefern sie an den Standort. Die Serie soll die Kosten senken, die geringe Größe den Bau beschleunigen. Belegt ist davon bisher wenig. NuScale und der Kommunalverbund UAMPS gaben ihr Vorzeigeprojekt in Idaho 2023 auf, weil die Kosten stiegen und Abnehmer fehlten.
In der Politik findet das Mini-AKW dennoch Fürsprecher. Die EU-Kommission legte im März 2026 eine eigene Strategie für kleine modulare Reaktoren vor, kurz SMR. Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen nannte die Abkehr Europas von der Kernkraft auf dem Nuclear Energy Summit in Paris einen „strategischen Fehler“. Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) wirbt ebenfalls für kleine Reaktoren im deutschen Strommix.
Reiches eigenes Haus kommt zu einem nüchterneren Befund. In einer vertraulichen Unterrichtung für den Wirtschaftsausschuss des Bundestags schrieben Fachleute des Wirtschaftsministeriums, SMR seien weltweit „derzeit noch nicht marktfähig“. Das berichtete der Spiegel im September 2026, die Werra-Rundschau fasste den Bericht zusammen. Kostenvorteile durch Serienfertigung seien laut dem Papier empirisch nicht belegt.
Inhalt
Was ist ein Mini-AKW und wie klein ist es wirklich
Ein Mini-AKW ist ein Kernreaktor mit höchstens 300 Megawatt elektrischer Leistung pro Modul, so definiert es die Internationale Atomenergiebehörde IAEA. Die Hersteller wollen die Bauteile weitgehend in der Fabrik fertigen und am Standort zu einer Anlage aus einem oder mehreren Modulen zusammensetzen.
Fraunhofer ISE rechnet in seiner Kostenstudie von 2024 mit einem Referenz-Kernkraftwerk von 1.200 Megawatt. Ein solcher Großreaktor leistet damit viermal so viel wie eines der größten SMR-Modelle. Wie viele Windräder ein großes Kraftwerk ersetzen, zeigt eine eigene Rechnung (mehr dazu: Wie viele Windräder ersetzen ein Atomkraftwerk?).
Die IAEA führt in ihrem SMR-Katalog von 2024 insgesamt 83 aktive Designs. Sie ordnet sie vier Linien zu: wassergekühlte Reaktoren, Hochtemperatur-Gasreaktoren, flüssigmetallgekühlte schnelle Reaktoren und Salzschmelzereaktoren. Dazu kommen schwimmende Anlagen und Mikroreaktoren mit typischerweise bis zu zehn Megawatt.
Die wassergekühlten Leichtwasserreaktoren stuft die IAEA als ausgereifteste Linie ein, weil fast alle großen Kraftwerke mit derselben Technik arbeiten. Hochtemperaturreaktoren liefern Prozesswärme ab 750 Grad Celsius. Bei schnellen Reaktoren und Salzschmelzen hoffen die Entwickler auf einen besseren Brennstoffkreislauf, die meisten dieser Designs sind noch in Entwicklung. Europäische Entwickler wie Newcleo werben dafür um Kapital in Milliardenhöhe.
Wo sind Mini-AKW bereits in Betrieb und wo erst geplant
Im kommerziellen Betrieb sind zwei Anlagen: das schwimmende Kraftwerk Akademik Lomonossow in Russland und der Hochtemperaturreaktor HTR-PM in China. Alle anderen Projekte stehen im Bau, in der Genehmigung oder nur auf dem Papier.
Die Akademik Lomonossow liegt vor der Arktisstadt Pewek und trägt zwei Reaktoren mit je 35 Megawatt. Seit Mai 2020 ist sie im kommerziellen Betrieb, bis Januar 2025 kam aus ihr laut World Nuclear News eine Milliarde Kilowattstunden Strom. In China nahm der Energiekonzern Huaneng den Reaktor Shidaowan HTR-PM im Dezember 2023 in den kommerziellen Betrieb.
Der Kugelhaufenreaktor in Shidaowan leistet 150 Megawatt netto. Die Reaktordatenbank der World Nuclear Association weist für 2025 einen Lastfaktor von 43,8 Prozent aus.
Der Staatskonzern CNNC baut seit Juli 2021 am Standort Changjiang den Linglong One, einen Druckwasserreaktor mit 125 Megawatt. Im Dezember 2025 schloss CNNC laut World Nuclear News den nichtnuklearen Dampftest ab und kündigte den kommerziellen Betrieb für die erste Jahreshälfte 2026 an.
In Kanada erteilte die Atomaufsicht CNSC dem Versorger Ontario Power Generation (OPG) am 4. April 2025 die Baugenehmigung für einen BWRX-300 in Darlington. Der Siedewasserreaktor von GE Hitachi soll 300 Megawatt leisten, OPG plant den Netzanschluss bis Ende 2030. Im April 2026 beantragte OPG die Betriebsgenehmigung.
Das US-Unternehmen NuScale und der Kommunalverbund UAMPS beendeten im November 2023 das Carbon Free Power Project in Idaho. Geplant waren sechs Module mit je 77 Megawatt. Die Partner fanden nicht genug Stadtwerke, die den Strom abnehmen wollten. Die US-Aufsicht NRC genehmigte im Mai 2025 das NuScale-Design US460, eine Baugenehmigung ist das nicht.
| Projekt | Land | Bauart | Leistung (MWe) | Stadium |
|---|---|---|---|---|
| Akademik Lomonossow | Russland | schwimmender Druckwasserreaktor | 2 × 35 | kommerziell seit Mai 2020 |
| Shidaowan HTR-PM | China | Hochtemperatur, gasgekühlt | 150 netto | kommerziell seit Dezember 2023 |
| Linglong One (ACP100) | China | Druckwasserreaktor | 125 | im Bau seit 2021, Betrieb für 2026 angekündigt |
| CAREM | Argentinien | Druckwasserreaktor | 30 | im Bau (IAEA 2024) |
| Darlington BWRX-300 | Kanada | Siedewasserreaktor | 300 | Baugenehmigung April 2025, Netz bis Ende 2030 geplant |
| Carbon Free Power Project (NuScale) | USA | Druckwasserreaktor, 6 Module | 6 × 77 | abgesagt November 2023 |
Quelle: IAEA SMR-Katalog 2024, World Nuclear Association, World Nuclear News, CNSC, Utility Dive. Stand: September 2026.
Was kostet Strom aus einem Mini-AKW
Für ein fertiges westliches Mini-AKW gibt es noch keine gemessenen Stromkosten, weil keines läuft. Die veröffentlichten Schätzungen liegen über den Kosten von Solar- und Windstrom aus neuen Anlagen.
OPG und die Provinz Ontario bezifferten die vier geplanten Reaktoren in Darlington im Mai 2025 auf 20,9 Milliarden kanadische Dollar. Für den ersten Block veranschlagt OPG 6,1 Milliarden, dazu kommen 1,6 Milliarden für gemeinsame Infrastruktur. Rechnerisch ergibt das für den ersten Reaktor gut 20.000 kanadische Dollar je Kilowatt Leistung, ohne Infrastrukturanteil.
Beim abgesagten NuScale-Projekt stieg der angepeilte Strompreis bis Januar 2023 von 58 auf 89 US-Dollar je Megawattstunde. Die Clean Air Task Force führte die Kostensteigerung unter anderem auf das große Wasserbecken zurück, in dem die Module stehen sollten. Dessen Fixkosten fielen kaum geringer aus, als die Partner das Projekt von zwölf auf sechs Module verkleinerten.
Fraunhofer ISE beziffert in seiner Studie zu Stromgestehungskosten vom Juli 2024 neue große Kernkraftwerke in Deutschland auf 13,6 bis 49,0 Cent je Kilowattstunde. Folgekosten und Endlagerung haben die Autoren dabei nicht eingepreist. Für ein Mini-AKW erwarten die Fachleute des Wirtschaftsministeriums laut Spiegel noch höhere Kosten als für klassische Kernkraftwerke.
| Technologie (Neubau in Deutschland) | Stromgestehungskosten 2024 (Cent/kWh) |
|---|---|
| Photovoltaik-Freifläche (über 1 MWp) | 4,1 bis 6,9 |
| Wind an Land | 4,3 bis 9,2 |
| Photovoltaik mit Batteriespeicher | 6,0 bis 22,5 |
| Gas- und Dampfkraftwerk | 10,9 bis 18,1 |
| Kernkraftwerk (1.200 MW) | 13,6 bis 49,0 |
Quelle: Fraunhofer ISE, Stromgestehungskosten Erneuerbare Energien, Juli 2024. Kernkraft ohne Folgekosten und Endlagerung. Stand: September 2026.
Die US-Investmentbank Lazard kommt in ihrer Kostenanalyse vom Juni 2025 für die USA zu einem ähnlichen Bild. Sie setzt für neue Kernkraft 141 bis 220 US-Dollar je Megawattstunde an. Große Solarparks kommen auf 38 bis 78 Dollar, Wind an Land auf 37 bis 86 Dollar, jeweils ohne Förderung.
Wie viele Jahre vergehen vom Baubeginn bis zum ersten Strom
Bei den bisher fertigen Anlagen verging fast ein Jahrzehnt bis zum ersten Strom. In Shidaowan begann der Bau im Dezember 2012, die Netzsynchronisation folgte im Dezember 2021 und der kommerzielle Betrieb zwei Jahre später.
In Darlington bereitet OPG das Gelände seit Herbst 2022 vor. Hält OPG den Plan, fließt Ende 2030 der erste Strom, gut acht Jahre nach Beginn der Arbeiten. Der Linglong One käme bei einem Start 2026 auf rund fünf Jahre Bauzeit.
Die EU-Kommission peilt in ihrer Strategie die ersten europäischen SMR für Anfang der 2030er Jahre an. Bis 2050 nennt sie einen Zielkorridor von 17 bis 53 Gigawatt SMR-Leistung in der EU. Die Strategie ist eine Mitteilung ohne Gesetzeskraft, sie setzt auf Industrieverbünde, gemeinsame Prüfverfahren der Aufsichten und eine Garantie über 200 Millionen Euro aus dem Emissionshandel.
Neben der Stromerzeugung verfolgen einige Entwickler reine Wärmereaktoren. Das finnische Cleantech-Unternehmen Steady Energy entwickelt einen kleinen Reaktor, der nur Wärme für Fernwärmenetze liefern soll (mehr dazu: Der erste Heizreaktor von Steady Energy).
Wie viel Atommüll entsteht in einem Mini-AKW und wie sicher ist es
Auch ein Mini-AKW erzeugt hochradioaktiven Abfall, und Deutschland hat für diesen Abfall noch kein Endlager. Forschende aus Stanford und Vancouver veröffentlichten 2022 eine Studie im Fachjournal PNAS. Für drei Designs errechneten sie zwei- bis 30-mal so viel zu entsorgendes Abfallvolumen wie bei herkömmlichen Reaktoren.
Als Ursache nannten die Autoren um Lindsay Krall den höheren Neutronenverlust kleiner Reaktorkerne, der mehr aktivierten Stahl erzeugt. NuScale widersprach der Studie und hielt ihr veraltete Designdaten und falsche Annahmen zum Abbrand vor.
Bei der Sicherheit setzen viele Hersteller auf passive Systeme, die den Reaktor im Störfall ohne Pumpen und externe Stromversorgung kühlen sollen. OPG hebt diese passiven Systeme beim BWRX-300 hervor. Die kanadische Aufsicht CNSC erlaubte in Darlington ausdrücklich nur den Bau, über den Betrieb entscheidet sie in einem eigenen Verfahren.
Dürfen Energieversorger in Deutschland ein Mini-AKW bauen
Nein. Nach Paragraf 7 des Atomgesetzes erteilen die Behörden für neue Anlagen zur Spaltung von Kernbrennstoffen zur gewerblichen Stromerzeugung keine Genehmigungen, Stand September 2026. Die letzten drei Kernkraftwerke Isar 2, Emsland und Neckarwestheim 2 verloren ihre Betriebsberechtigung mit Ablauf des 15. April 2023.
Das bayerische Umweltministerium antwortete im Frühjahr 2026 auf eine Anfrage der Grünen im Landtag. Um ein Mini-AKW zu ermöglichen, müsste demnach der Bund dieses Verbot aufheben. Ein neues Mini-AKW in Deutschland setzt also eine Mehrheit im Bundestag für eine Änderung des Atomgesetzes voraus.
Die Debatte führen vor allem Politiker der Union. Reiche nannte den Ausstieg im März 2026 auf der Energiekonferenz CERAWeek in Houston einen großen Fehler. CSU-Chef Markus Söder und Jens Spahn sprachen sich wiederholt für eine Rückkehr zur Kernkraft aus, zumindest aber für eine Debatte darüber. Der Physiker Harald Lesch hält von der Leyens Kurs dagegen für falsch (mehr dazu: SMR und Atomkraft: Harald Lesch zerlegt von der Leyens „strategischen Fehler“).
Wofür eignen sich Mini-AKW in einem Stromsystem mit Solar und Wind
Ein Mini-AKW liefert wetterunabhängig Strom und Wärme, etwa in abgelegenen Regionen wie Pewek oder für Fernwärme und Industrie. Für die deutsche Stromversorgung bis 2030 kommt es nicht in Frage. Der Bau ist nach dem Atomgesetz verboten, und die ersten europäischen Anlagen sollen frühestens Anfang der 2030er Jahre laufen.
Fraunhofer ISE weist auf ein Systemproblem hin. In einem Stromnetz mit hohem Anteil erneuerbarer Energien müssten Kernkraftwerke flexibel fahren, was technisch und wirtschaftlich nur bedingt umsetzbar sei. Ihre Stromgestehungskosten lägen dann perspektivisch deutlich über denen von Erdgas- und Wasserstoffkraftwerken.
Um diese Lücke konkurrieren Betreiber von Mini-AKW deshalb mit Batteriespeichern, flexiblen Gaskraftwerken und dem Stromhandel über Grenzen hinweg. Strom aus Photovoltaik mit Speicher kostete 2024 laut Fraunhofer ISE 6,0 bis 22,5 Cent je Kilowattstunde. Warum die Wohlstandsrechnung für Erneuerbare spricht, begründet ein Kommentar (mehr dazu: Warum Mini-AKW kein Wohlstandsversprechen sind).
Ob die Serie die Kosten senkt, zeigt sich frühestens mit den Blöcken zwei bis vier in Darlington. OPG erwartet, dass jeder weitere Reaktor günstiger wird, ähnlich wie bei der Modernisierung der bestehenden Darlington-Blöcke.
QUELLEN
- Clean Air Task Force: Lessons learned from the recently cancelled NuScale-UAMPS project, November 2023.
- Neutron Bytes: Stanford’s Questionable Study on Spent Nuclear Fuel for SMRs (Stellungnahme NuScale), 31.05.2022.
- Ontario Power Generation: Darlington SMR, Projektseite, abgerufen September 2026.
Warum investieren weltweit so viele Firmen und Institutionen in diese Technologien, wenn es so teuer und unwirtschaftlich ist? Warum ziehen sich immer mehr große Player aus Wind und Sonne zurück. Die Schlaumeier vom Fraunhofer wissen es bestimmt, aber das war nicht ihr Auftrag.
Hallo J.,
warum Investoren in „kleine, modulare Reaktoren“ investieren? Kann ich nicht beantworten. Ich würde es nicht tun.
92 Prozent der zugebauten Strom-Kapazität ist erneuerbar. Dass sich angeblich „immer mehr große Player aus Wind und Sonne zurückziehen“ würden, kann ich nicht nachvollziehen. Ja, vielleicht hat Donald dem einen oder anderen Ölkonzern den Kopf verdreht – aber deren grünes Engagement war ohnehin noch nie glaubwürdig.
Viele Abendgrüße,
Martin Jendrischik