Warum Mini-AKW kein Wohlstandsversprechen sind

KOMMENTAR · ENERGIEWENDE · 24. SEPTEMBER 2026

Fast jedes Land kann sich Wohlstand durch erneuerbare Energien sichern

Zehn Länder besitzen fast drei Viertel allen Öls und Gases, das je gefunden wurde. Sonne und Wind reichen dagegen in Ländern, in denen 97 Prozent der Menschheit leben, für mehr als das Zehnfache ihres heutigen Strombedarfs. Zukünftiger Wohlstand ist eng verknüpft mit dem Ausbau erneuerbarer Energien - und dem Abschied von fossilem Zeugverbrennen und Atomkraft.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 7 Min. Lesezeit LESEN


Das Wohlstandsmodell des 20. Jahrhunderts hat eine einfache Geografie. Wer Öl und Gas im Boden hatte, verdiente, alle anderen zahlten. Nach einer Auswertung des Thinktanks Ember leben heute 71 Prozent der Weltbevölkerung in Ländern, die mehr Energie importieren als exportieren. Gesprengte Pipelines und die gesperrte Straße von Hormus schicken ihnen die Rechnung (mehr dazu: Fatih Birol sieht die Welt in einer Vertrauenskrise bei Öl und Gas). Dazu lässt der Panamakanal wegen El Niño weniger Schiffe durch.

Die neue Ember-Studie „The Age of Power” beschreibt, was an die Stelle dieses Modells tritt. Sie nennt vier Versprechen der elektrischen Wende: Souveränität, Demokratisierung, Überfluss und ein stabiles Klima. Zusammen ergeben sie Wohlstand durch erneuerbare Energien, und jedes Versprechen lässt sich mit Zahlen belegen.

Wer den Wohlstand im Reaktor sucht

In Deutschland läuft in diesen Tagen eine andere Erzählung. Fritz Vahrenholt und Björn Peters haben ein Buch veröffentlicht, das Kernkraft den „Schlüssel zum Wohlstand” nennt. Wirtschaftsministerin Katherina Reiche wirbt für kleine modulare Reaktoren. Ihre eigenen Beamten halten diese laut einer vertraulichen Unterrichtung für den Bundestag für nicht marktfähig und pro Megawattstunde teurer als große Kernkraftwerke, berichtet der SPIEGEL.

Selbst Vahrenholt hält die kleinen Reaktoren für zu teuer. „Die Small Modular Reactors mit 300 Megawatt sind tatsächlich um etwa 50 Prozent teurer”, sagt er im Interview mit der Berliner Zeitung. Er setzt auf das Großkraftwerk, und auch dort steckt der Fehler im eigenen Argument. Die Kosten der Kernenergie bestehen nach seinen Worten zu 90 Prozent aus Kapital. Eine solche Anlage rechnet sich nur, wenn sie fast rund um die Uhr läuft.

In einem Stromsystem, das mittags Solarstrom im Überfluss hat, konkurriert ein Reaktor mit Sonne und Wind um dieselben Stunden. Jede Stunde Stillstand verteuert seinen Strom. Bei kleinen Reaktoren wiegt das noch schwerer, weil ihre Megawattstunde ohnehin teurer ist (mehr dazu: SMR und Atomkraft: Harald Lesch zerlegt von der Leyens „strategischen Fehler”).

Ob große oder kleine Reaktoren: Diese Kraftwerke wirken angesichts dessen, was kommt, wie aus der Zeit gefallen. Wer so auf die Energiewelt blickt, trägt eine Vergangenheitsbrille. Technikverweigerung ist es, die Chancen der Electrotech-Revolution nicht ergreifen zu wollen, also des Umbaus auf Solarstrom, Windkraft, Batterien und elektrische Maschinen.

Was fast jedes Land schon besitzt

Das erste Versprechen heißt Souveränität. Öl und Gas konzentrieren Macht: Zehn Länder halten 73 Prozent der Menge, die je gefördert wurde oder als Reserve nachgewiesen ist. Sonne und Wind verteilen diese Macht. Fast jedes Land hat genug davon, um sich selbst zu versorgen. Bis 2040 können sich bis zu 15 Billionen Dollar an fossilen Renten von den Förderländern zu den Verbraucherländern verschieben.

Zwei Weltkarten von Ember: Öl und Gas konzentrieren sich auf zehn Länder, Wind- und Solarpotenzial ist fast überall reichlich vorhanden
Zehn Länder halten 73 Prozent des je gefundenen Öls und Gases. 97 Prozent der Menschen leben in Ländern, deren Wind- und Solarpotenzial mehr als das Zehnfache ihres Strombedarfs beträgt. QUELLE: EMBER, THE AGE OF POWER (2026), CC BY 4.0

Für Europa heißt das, als Kontinent zu rechnen. Energieintensive Grundstoffe entstehen dort, wo Strom am billigsten ist, in Spanien mit Sonne und Wind, in Norwegen mit Wasserkraft. Deutschland hat andere Stärken: Ingenieur*innen, einen innovativen Mittelstand, Maschinenbau, die Kreislaufwirtschaft der Zukunft. Wer zwischen den USA und China bestehen will, muss diese Arbeitsteilung organisieren.

Wie Haushalte und Betriebe ihren Strom selbst erzeugen

Das zweite Versprechen heißt Demokratisierung. Die Hälfte der weltweit installierten Solarleistung steht hinter dem Stromzähler, auf Dächern von Häusern, Höfen und Betrieben. Dachanlagen und Heimspeicher machen zusammen zwölf Prozent der globalen Kraftwerkskapazität aus. Im Stromsystem des 20. Jahrhunderts erzeugten wenige Konzerne den Strom, heute erzeugen, speichern und verkaufen ihn Haushalte, Stadtwerke, Genossenschaften und Mittelständler selbst.

Octopus-Energy-Gründer Greg Jackson hat beim Start der Studie gezeigt, was daraus wird. Sein Unternehmen steuert allein in Großbritannien 3,5 Gigawatt an E-Autos. Die Batterien auf Rädern stützen das Netz genau in den Spitzenstunden. Diese Flexibilität kann kein Großreaktor liefern.

Warum das BIP mit dem Stromverbrauch wächst

Das dritte Versprechen heißt Überfluss. Das neue Atom-Buch behauptet, Wohlstand und Energieverbrauch hingen linear zusammen. Zwischen 1980 und 2023 ist die Weltwirtschaft um 255 Prozent gewachsen, der Stromverbrauch um 271 Prozent, der fossile Endenergieverbrauch nur um 57 Prozent. Wohlstand hängt am Strom.

Ember-Diagramm: Seit 1980 wachsen Welt-BIP um 255 Prozent und Strom um 271 Prozent, fossile Endenergie nur um 57 Prozent
Seit 1980 wachsen Weltwirtschaft und Stromverbrauch im Gleichschritt, der fossile Endenergieverbrauch bleibt weit zurück. QUELLE: EMBER, THE AGE OF POWER (2026), CC BY 4.0

Ein E-Auto braucht für dieselbe Strecke rund ein Drittel der Energie eines Verbrenners. Eine Wärmepumpe macht aus einer Kilowattstunde Strom drei bis vier Kilowattstunden Wärme. Wer elektrifiziert, senkt den Energieverbrauch und behält den Nutzen (mehr dazu: Schluss mit dem Primärenergie-Trugschluss).

Dieser Strom wird billig und verlässlich. Drei Viertel der Weltbevölkerung können schon heute Solarstrom mit Batteriespeicher und Reserve rund um die Uhr für unter 100 Dollar pro Megawattstunde bekommen. Bis 2040 gilt das für neun von zehn Menschen, dann sogar unter 80 Dollar.

Deutschland hat die erste Hälfte dieser Arbeit geschafft. Rund 60 Prozent des Stroms kommen aus Wind und Sonne, doch nur etwa ein Fünftel der Endenergie ist elektrifiziert. Ember nennt Deutschland deshalb einen Erbauer erneuerbarer Energien, aber keinen Elektrostaat. Die Lücke schließen Wärmepumpen, E-Autos, Elektrostahl und elektrische Prozesswärme.

Ember verschweigt die Risiken nicht. Nach grober Schätzung liefern drei Unternehmen rund 80 Prozent der Chipproduktion und sieben Unternehmen rund 80 Prozent der Batterien aus Gigafabriken. Europa muss deshalb eigene Wertschöpfung in der elektrischen Industrie aufbauen. „Jedes Land muss die Stromkosten senken”, sagt Ember-Direktor Kingsmill Bond, und eine Nische finden, in der es gedeihen kann.

Wie das aussieht, zeigt Äthiopien. Seit 2024 dürfen dort keine Autos mit Verbrennungsmotor mehr eingeführt werden, weil die Treibstoffimporte den Staatshaushalt über Jahre belastet hatten, berichtet Bloomberg. Den Strom liefert vor allem der neue Renaissance-Staudamm, in inzwischen 17 Werken montieren äthiopische Unternehmen E-Autos, Kleinbusse und Elektro-Zweiräder. Das Land überspringt das fossile Zeitalter und plant keinen Reaktor, den es nie bezahlen könnte.

Äthiopien ist kein Einzelfall. In vielen Schwellenländern kommt inzwischen mehr Leistung auf Dächern hinzu als in neuen Kraftwerken, von Pakistan bis Südafrika. Mit Mobiltelefonen haben dieselben Länder schon einmal das Festnetz übersprungen.

Ember-Diagramme: In Schwellenländern überholte der Mobilfunk das Festnetz, heute überholt Dachsolar den Zubau neuer Kraftwerke
Wie beim Mobilfunk überspringen Schwellenländer die alte Infrastruktur: Auf Dächern kommt mehr Solarleistung hinzu als in neuen Kraftwerken. QUELLE: EMBER, THE AGE OF POWER (2026), CC BY 4.0

Wir bauen die Welt in den nächsten 20 Jahren um. Wohlstand durch erneuerbare Energien entsteht dort, wo Innovator*innen mit Digitalisierung und Elektrifizierung neue Geschäftsmodelle erfinden, zunehmend dezentral und im Kreislauf. Rechenzentren und neue Industrien siedeln sich schon heute dort an, wo es sauberen Strom gibt (mehr dazu: Strombedarf der Rechenzentren). Dieser Wohlstand gehört nicht zehn Förderländern, sondern der großen Mehrheit der Staaten.

Wohlstand durch erneuerbare Energien

Wer diesen Umbau gestaltet, bekommt das vierte Versprechen gleich mit: sinkende Emissionen und ein stabileres Klima. Reaktorträume pflegen vor allem Industriestaaten mit alten Energiekonzernen. Es geht aber um Wohlstand durch erneuerbare Energien: Die Gewinner von morgen sind die Länder, die Sonne, Wind und Speicher am schnellsten in Wertschöpfung verwandeln. Auch Katherina Reiche sollte diesen Pfad in Richtung Elektrostaat endlich einschlagen und Pfade in die fossil-atomare Vergangenheit den Ewiggestrigen überlassen.

0 0 Bewertungen
Beitragsbewertung
Abonnieren
Benachrichtigen bei
0 Kommentare
Neueste
Älteste Meistbewertet
Nach oben scrollen
0
Ihre Meinung würde uns sehr interessieren. Bitte kommentiere.x