Strombedarf der Rechenzentren: Google und Meta finanzieren die Konkurrenz der Gasturbine

ENERGIEWENDE · 20. SEPTEMBER 2026

Gas für Rechenzentren? Google und Meta finanzieren innovative Lösungen

Die Gasturbinenbauer haben ihre Werke auf Jahre verplant. Google und Meta wollen so lange nicht warten und finanzieren beispielsweise innovative geothermische Kraftwerke oder neuartige Langzeitspeicher-Technologien. Der KI-Boom, der der Gasindustrie ein Jahrzehntegeschäft versprach, beschleunigt jetzt zunehmend die Electrotech-Revolution.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 11 Min. Lesezeit LESEN


Im August fragen Analysten den Caterpillar-Chef Joseph Creed, ob die Welle der Rechenzentren bald brechen werde. Die Chipaktien waren in der Woche zuvor eingebrochen, an der Börse ging die Angst vor einer KI-Blase um. „Im Moment bremst niemand", antwortet Creed und spricht von „sehr starker Nachfrage nach großen Generatoren und Turbinen für Rechenzentren". Auf diese Nachfrage reagiert Caterpillar bereits: Das Unternehmen produziert jetzt wieder einen kleinen Gasmotor, für den es 2022 keine Käufer mehr gab. Vier Jahre später hat der Stromhunger von KI-Rechenzentren die Lage verändert.

Für die Hersteller von Gasturbinen sollte der KI-Boom der große Rettungsanker sein. Die sogenannten Hyperscaler - also die größten Technologiekonzerne der Welt wie Google, Meta oder Microsoft - planen bis heute neue Rechenzentren im großen Stil und lassen den Strombedarf der Rechenzentren mit jedem Chip wachsen. Die simple Antwort Gas sollte die sichere Versorgung rund um die Uhr sicherstellen. Der neue Hype der Gasturbinen - ganz ohne Plan zur Umstellung auf Wasserstoff - war die große Chance der fossilen Akteure für die kommenden Jahrzehnte.

Die Auftragsbücher füllten sich so schnell, dass mittlerweile der Hype zum Problem geworden ist. In den USA gibt es Demonstrationen gegen neue Rechenzentren. Und: Wer heute mit den drei großen Turbinenherstellern über neue Gaskraftwerk bestellt, bekommt Lieferungen in Aussicht gestellt, die das eigene Geschäftsmodell in Frage stellen. Für die Hyperscaler bedeutet das seit Monaten: Andere Alternativen müssen her.

Klar ist: Solar und Batterien alleine sind diese Lösung nicht. Zwar kommen Batterien in Rechenzentren zunehmend zur Notstromabsicherung zum Einsatz - für den enormen Energiebedarf der Rechenzentren wäre der Einsatz ausschließlich von Batterien als Stromspeicher schlicht unwirtschaftlich.

Google und Meta setzen daher nun auf Innovationen der Electrotech-Revolution, die oft ihre Skalierbarkeit noch beweisen müssen. So wird mittlerweile heißes Gestein zur Stromquelle oder vielfältige Lösungen finanziert, die Strom über mehrere Tage speichern. Diesen Technologieanbietern fehlten bislang verlässliche Großkunden. So entsteht eine Win-Win-Situation: Die Hyperscaler brauchen rasch Lösungen. Und die Technologieanbieter können in Projekten ihre Wirtschaftlichkeit, Leistungsfähigkeit und Skalierbarkeit unter Beweis stellen.

Aus der Aussicht auf jahrzehntelanges, fossiles Gasgeschäft ist mittlerweile ein technologisches Wettrennen um die Versorgung der digitalen Wirtschaft geworden.

Siemens Energy verkauft 15 Gigawatt und liefert sechs

Wie groß das Geschäft ist, hat die Ratingagentur Moody's Mitte September beziffert. Bis 2030 müssen in den USA rund 45 Gigawatt neue Kraftwerksleistung allein für Rechenzentren entstehen, was der Leistung von 45 großen Atomreaktoren entspricht. Mehr als 30 Gigawatt davon sollen Gaskraftwerke liefern, für 110 Milliarden Dollar, weil eine Gasturbine hochläuft, ohne auf Wind oder Sonne zu warten. Ryan Wobbrock, der den Report bei Moody's geleitet hat, rechnet mit 25 bis 30 Milliarden Dollar höheren Stromkosten im Jahr.

Große Gasturbinen bauen weltweit drei Konzerne: GE Vernova, Siemens Energy und Mitsubishi Power halten zusammen mehr als drei Viertel des Marktes. Alle drei haben zwei Jahrzehnte schwacher Nachfrage hinter sich. Sie arbeiten mit mehrjährigen Vorlaufzeiten. Siemens Energy etwa lieferte im letzten Quartal sechs Gigawatt Gasturbinen aus und nahm im selben Zeitraum Bestellungen über 15 Gigawatt entgegen. GE Vernova vergibt Liefertermine inzwischen für 2031. Wer in der Warteschlange festhängt, entscheidet sich womöglich übergangsweise für die Gasmotoren von Caterpillar.

Ein ganz ähnliches Bild auch in Deutschland. In Maintal bei Frankfurt plant EdgeConneX ein Rechenzentrum mit 170 Megawatt. Der Netzbetreiber stellt dafür den Netzanschluss im Jahr 2037 in Aussicht. Als Reaktion plant der Betreiber nun sein eigenes Gaskraftwerk. Global Energy Monitor zählt bis zu 1.950 Megawatt geplanter deutscher Gasleistung, die an Rechenzentren hängt.

„Das Stromnetz bietet nicht genügend Netzanschlusskapazitäten an den Orten, an denen Rechenzentren errichtet werden sollen", sagt Ralph Hintemann vom Borderstep Institut. Die Schwarz Gruppe baut ihr 5,6 Milliarden Euro teures Rechenzentrum deshalb bei Rostock. Dort liegen Windstrom und ein 380-Kilovolt-Netz in Reichweite.

Gerd Chrzanowski (Schwarz Gruppe) und Manuela Schwesig bei der Pressekonferenz zum Rechenzentrum in Dummerstorf bei Rostock
Gerd Chrzanowski und Manuela Schwesig bei der Ankündigung des Rechenzentrums in Dummerstorf bei Rostock. Foto: Schwarz Corporate Affairs

Zum Zeitrisiko kommt das Brennstoffrisiko. Seit dem Angriff der USA und Israels auf den Iran im Februar steht der Handel durch die Straße von Hormus fast still. Flüssiggas ist in Europa und Asien teuer geworden. Amerikanisches Gas hängt nicht an Hormus, sein Preis aber hängt am Weltmarkt, seit die USA der größte Exporteur von Flüssiggas sind. Wer sich für ein Gaskraftwerk entscheidet, geht ins fossile Casino und damit hohe Risiken ein.

Google sichert sich bei Fervo 396 Megawatt für 15 Jahre

Fervo Energy aus Houston bohrt mit Technik aus der Öl- und Gasindustrie in heißes Gestein. Das Unternehmen presst Wasser hinein, erzeugt Risse und holt das erhitzte Wasser wieder herauf. Diese verbesserte Geothermie braucht keine natürlichen Heißwasservorkommen und ist deshalb fast überall möglich. Nur kostet jede Bohrung Millionen, bevor die erste Kilowattstunde fließt. Geldgeber wollen vorher wissen, wer den Strom später kauft.

Bohranlage von Fervo Energy auf der Cape-Station-Baustelle in Utah
Bohranlage von Fervo Energy an der Cape Station in Utah, wo ab 2028 Strom für Google fließen soll. Foto: Fervo Energy

2023 ging in Nevada die erste Anlage ans Netz, ein Pilotprojekt mit dreieinhalb Megawatt. 2024 folgte ein Vertrag über 115 Megawatt mit Google und dem Versorger NV Energy. Im März 2026 vereinbarten Fervo und Google einen Rahmen über drei Gigawatt. Am 1. September unterschrieb Google einen Liefervertrag über 396 Megawatt aus Utah, 15 Jahre lang, mit Option auf rund ein Gigawatt bis 2030. Erste Leistung fließt noch in diesem Jahr, der volle Betrieb beginnt in Tranchen ab dem dritten Quartal 2028.

Ein solcher Vertrag ist das Papier, das ein Bohrunternehmen einer Bank vorlegt, um das nächste Kraftwerk zu finanzieren. Google hat sich zusätzlich bis zu 150 Megawatt von Ormat in Nevada gesichert, Amazon kauft dort erstmals Erdwärme. Meta bezieht 150 Megawatt von XGS Energy in New Mexico, es ist die erste kommerzielle Anlage des Unternehmens. „Mit diesem einen Projekt für Meta verzehnfacht XGS die laufende Geothermie-Kapazität des Bundesstaats", sagt Ghazal Izadi, Betriebschefin von XGS.

Baustelle des Geothermieprojekts von XGS Energy für Meta in New Mexico
Baustelle von XGS Energy in New Mexico, das Projekt liefert 150 Megawatt an Meta. Foto: Meta

Erdwärme läuft zu rund 90 Prozent der Zeit, steuerbar und unabhängig vom Wetter. Sie liefert damit genau das, womit Moody's die Gasturbine begründet, und kommt in der 45-Gigawatt-Rechnung trotzdem nicht vor. Urvi Parekh leitet bei Meta das Energiegeschäft und sagte schon beim ersten Deal, Geothermie könne „eine große Rolle für den Fortschritt von Technologien wie KI" spielen. Ein Jahr später ist aus dem Konjunktiv ein Bohrprogramm geworden.

Meta bestellt Speicher für 100 Stunden

Bei Meta verantwortet Amanda Yang die saubere und erneuerbare Energie. Sie beschreibt das nächste Problem in einem Satz: „Vier Stunden bringen einen nur so weit." Auf diese Dauer sind Lithium-Ionen-Speicher üblicherweise ausgelegt, länger rechnet es sich selten. Ein Rechenzentrum muss eine Nacht, einen bewölkten Tag und eine Windflaute überstehen, und 100 Stunden aus gestapelten Lithium-Batterien sind unbezahlbar. Speicher für Tage kosten heute noch mehr, im großen Maßstab aber hätten sie „ein sehr starkes Kostenprofil", sagt Yang, Zahlen nennt sie nicht.

Meta hat deshalb bei Noon Energy in Kalifornien Systeme bestellt, die 100 Stunden lang Strom abgeben können. Sie zerlegen CO2 in Kohlenstoff und Sauerstoff und kehren den Vorgang zur Stromerzeugung um, eine Technik, die Cleanthinking 2023 als Idee vom Mars vorgestellt hat. Damals war Noon ein Startup mit einer Chemie. Heute machen KI-Rechenzentren rund die Hälfte seines geplanten Absatzes aus, vor zwei Jahren war es fast nichts. Vizepräsident Aric Saunders hat dafür ein Wort aus der Chemie: „Sie sind der Brandbeschleuniger der Branche."

Google baut in Arizona mit dem italienischen Anbieter Energy Dome einen Speicher, der Strom in verflüssigtem CO2 hält und zehn Stunden lang abgibt. Der Rechenzentrumsbauer Crusoe, der für die Tech-Konzerne KI-Fabriken errichtet, setzt mit Energy Vault auf Schwerkraft. „Langzeitspeicher sind eine wichtige Ergänzung eines wachsenden Werkzeugkastens, mit dem wir KI-Infrastruktur in nie dagewesenem Maßstab bauen können", sagt Crusoe-Präsident Cully Cavness. Seit Anfang 2025 wurden in den USA mindestens 150 Gigawattstunden Langzeitspeicher angekündigt, genehmigt oder finanziert, mehr als das Fünffache der Planung von Ende 2024.

Visualisierung der CO₂-Batterie von Energy Dome für SRP und Google in Arizona
So soll die CO₂-Batterie von Energy Dome in Arizona aussehen, die Google mitfinanziert. Visualisierung: Energy Dome

Tom Sisto führt den Speicherhersteller XL Batteries in Massachusetts und kennt das Gespräch mit den Kreditgebern. Junge Hardware-Firmen brauchen viel Kapital, bevor sie liefern können, und Banken scheuen Produkte, für die noch niemand Nachfrage bewiesen hat. „Der Weg zur Bankfähigkeit ist die Hürde, vor der jeder Anbieter einer neuen Technologie steht", sagt Sisto. „Genau da können einige der KI-Rechenzentren helfen." Bei XL Batteries war es ein Rechenzentrumsentwickler, dessen Bestellung den übrigen Kunden als Beleg diente.

Bewiesen ist davon noch wenig. Ob die neuen Systeme im kommerziellen Betrieb Kosten und Leistung halten, ist offen, das hält Bloomberg in derselben Recherche fest, die die Verträge meldet. Lucia Tian verantwortet bei Google die fortgeschrittenen Energietechnologien und widerspricht dem nicht. „Um neue Technologien zu skalieren, muss man einen Teil dieses Risikos tragen", sagt sie. „Wir kommen nie dahin, wenn wir nicht anfangen."

Ember erklärt, warum Google dieses Risiko trägt

Warum ausgerechnet die Digitalkonzerne dieses Risiko tragen, hat der Thinktank Ember am 16. September beschrieben. Künstliche Intelligenz stoße an drei Grenzen, heißt es in der Studie „The Age of Power". „Sie braucht mehr Strom, schnellere Anschlüsse und mehr Anwendungsbereiche, in denen sie ausgerollt werden kann. Electrotech liefert alle drei." Die Digitalindustrie finanziert aus eigenem Interesse einen Teil der Energietechnik, die ihr weiteres Wachstum erst ermöglicht.

Hauptautor Daan Walter hält das für keinen Zufall. Rechentechnik und Stromtechnik laufen über dieselben fünf Bauteile: Chips, Sensoren, Leistungselektronik, Batterien und Motoren, jedes davon seit 1990 um rund 99 Prozent billiger. „Es gibt mehr Gemeinsamkeiten zwischen einem Laptop und einem Solarmodul als zwischen einem Laptop und einer Gasturbine", sagt er der Zeitung de Volkskrant. Solar und Batterien fügten schnell neuen Strom hinzu, Batterien und Steuerung machten das Netz flexibler, und die Elektrifizierung öffne der KI die physische Wirtschaft.

Die Infotech-Revolution begann in den achtziger Jahren, die Electrotech-Revolution in den 2010ern, lange liefen sie nebeneinander her. Den Moment, in dem sie ineinandergreifen, fasst Ember in einem Satz: „Jede Revolution braucht jetzt die andere."

Für die Gasbranche zieht Walter einen Vergleich, den sie nicht gern hört. Bei Kodak habe man gewusst, dass die digitale Fotografie groß werde, und trotzdem nicht verstanden, wie man sie einsetzt. „Fossile Unternehmen laufen ein enormes Risiko. Sie sehen das auch."

Die Turbinenbauer geben das Rennen nicht verloren. Siemens Energy investiert rund eine Milliarde Dollar in amerikanische Werke, Mitsubishi will die Fertigung bis 2028 verdoppeln, GE Vernova fährt die Produktion hoch. Kürzer wird die Schlange trotzdem frühestens 2028. Bis dahin müssen die Geothermieunternehmen ihre Bohrungen abschließen und die Speicheranbieter beweisen, dass Kosten, Haltbarkeit und Betrieb im großen Maßstab halten, was die Verträge versprechen. Yiyi Zhou, Speicheranalystin bei BloombergNEF, erwartet, dass die frühen Käufer die Technik testen und die Kosten fallen, wovon dann andere Branchen profitieren.

Jede neue Gasturbine schafft Gasnachfrage für Jahrzehnte. Jedes fertiggestellte Geothermie- oder Speicherprojekt schafft eine Referenz für den nächsten Kunden, der weniger Risiko tragen muss als der erste. Im Rennen um den Strombedarf der Rechenzentren entscheidet sich deshalb auch, welche Technik anschließend dem Rest der Wirtschaft zur Verfügung steht.

Die Wahrscheinlichkeit ist durchaus gegeben, dass die Electrotech-Revolution die zentralen Hürden der Infotech-Revolution überspringen hilft.

QUELLEN

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  1. Bloomberg: The New Clean Tech Meta and Google Are Turning to Power AI, 18. September 2026.
  2. Bloomberg: US AI Boom Needs $110 Billion of New Power Plants, Moody's Says, 14. September 2026.
  3. Ember: The Age of Power, 16. September 2026.
  4. de Volkskrant: Groene revolutie blaast fossiel binnenkort omver, 19. September 2026.
  5. Fervo Energy: Fervo Energy and Google Sign 396 MW PPA, 1. September 2026.
  6. DatacenterDynamics: XGS partners with Baker Hughes to advance Meta-linked 150MW geothermal project, 22. Mai 2026.
  7. Utility Dive: Caterpillar sales surpass $20B as generators for data centers take off, 11. August 2026.
  8. IWR: Globaler Gasturbinen-Engpass verschärft sich und wird zum Wachstumstreiber für erneuerbare Energien, 2026.
  9. Handelsblatt: Schwarz-Gruppe baut riesiges Rechenzentrum bei Rostock, 27. August 2026.
  10. it-journal.de / dts: Grüne Rechenzentren greifen auf Gas zurück, 25. März 2026.
  11. AlgorithmWatch: Gaskraftwerke für Rechenzentren, Januar 2026.
  12. Telepolis: Geothermie: Erdwärme soll Rechenzentren mit Strom versorgen, 4. Mai 2026.
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