Bundestag berät Netzpaket ohne Frist für Netzanschlüsse

ENERGIEWENDE · 23. SEPTEMBER 2026

Rheinisches Revier: Investoren warten bis zu 15 Jahre auf Netzanschluss

Bürgermeister im Rheinischen Revier müssen Investoren vertrösten, neue Betriebe bekommen erst in zehn bis 15 Jahren einen Netzanschluss. Das Netzpaket, über das der Bundestag am Donnerstag berät, ordnet die Warteschlange neu, setzt aber keine Frist. Wie schnell der Staat bauen kann, hat er 2022 beim LNG gezeigt.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 7 Min. Lesezeit LESEN


Am deutlichsten zeigt sich das in Rommerskirchen im Rhein-Kreis Neuss. Direkt am Kraftwerk Neurath entwickelt die Gemeinde den „Kraftpark Rommerskirchen" für Rechenzentren, Industrie und Logistik. Wie die Rheinische Post berichtet, musste Bürgermeister Martin Mertens (SPD) bereits einen Logistiker mit Elektro-Lkw, einen Rechenzentrumsbetreiber und ein Robotik-Unternehmen vertrösten, das 500 bis 1.000 Arbeitsplätze schaffen könnte. Mehr als ein Megawatt Baustellenstrom sei bis Anfang der 2030er-Jahre nicht möglich, sagte Mertens im Juli bei einer Veranstaltung der Gemeinde.

Rommerskirchen ist kein Einzelfall. Sascha Solbach, Bürgermeister von Bedburg und Sprecher der Anrainerkonferenz der Revier-Städte, berichtet von mehreren Kommunen, die für normale Gewerbegebiete keine Standard-Anschlüsse mehr bekommen. Frechen erhält nicht einmal einen Anschluss für ein Seniorenheim. Zu wenig Strom erzeugt die Region laut Solbach nicht, das Problem liege im Verteilnetz.

Auch der größte Investor der Region stößt an die Grenze. „Netzanschluss gibt es vielleicht in 20 Jahren. 2040 plus x", sagte Microsoft-Deutschlandchefin Agnes Heftberger in der WDR-Sendung „Westpol". Microsoft baut im Revier für 3,2 Milliarden Euro Rechenzentren in Bergheim, Bedburg und Elsdorf, für Bergheim errichtet Westnetz eine eigene Umspannanlage. Heftbergers Satz bezieht sich laut Gemeinde Rommerskirchen auf weitere Vorhaben in Bedburg und Grevenbroich.

Warum Westnetz von einer Nachfrage spricht, die niemand vorhersah

Der Netzbetreiber Westnetz begründet die Lage mit einem außergewöhnlich schnellen, so nicht vorhersehbaren Anstieg der Anschlussanfragen. Bis 2028 plant das Unternehmen Maßnahmen an rund 250 Umspannanlagen sowie den Neubau oder die Modernisierung von mehr als 10.000 Kilometern Leitungen. Die Westenergie-Gruppe, zu der Westnetz gehört, hat seit Ende 2020 rund 4,5 Milliarden Euro in Strom- und Gasnetze investiert.

Michael Stangel, der bei Westnetz die Region Westliches Rheinland leitet, nannte im Juli in Rommerskirchen die Größenordnung: 20 Milliarden Euro Investitionen, 35 Umspannwerke, neue Trassen und Konverter, umgesetzt in zehn bis 15 Jahren. „Wartete man früher drei bis sechs Monate auf eine neue Trafo-Anlage, so dauert es heute drei bis fünf Jahre", sagte Stangel.

Warum Kohleblöcke in der Reserve keinen Anschluss liefern

Parallel läuft im Revier eine zweite Debatte. Die Braunkohleblöcke Niederaußem K sowie Neurath F und G mit zusammen rund drei Gigawatt müssen laut Gesetz Ende März 2030 vom Markt. Der Bund kann sie bis längstens 2033 in eine Reserve überführen (mehr dazu: der Streit um die drei Blöcke). Das Bundeswirtschaftsministerium hat über die Reserve noch nicht entschieden, obwohl es die Frist Mitte August verstreichen ließ. Die IHK Köln will die Kohle über 2033 hinaus halten, während RWE selbst am Marktende im März 2030 festhält (mehr dazu: RWE bleibt beim Ausstiegsdatum).

Auch Mertens knüpft das Abschalten an Bedingungen: „Keinen Tag früher, keinen Tag später", sagt er über den Moment, ab dem die Versorgung ohne Kohle gesichert ist. Sein Argument betrifft die Zeit nach 2033. Dann fallen Neurath und Niederaußem weg, während Amprion die vier Gigawatt Offshore-Windstrom der „Windader West" erst 2036 oder 2037 nach Rommerskirchen bringen will.

Den Investoren von heute hilft das nicht. Reservekraftwerke laufen außerhalb des Strommarkts und springen nur auf Abruf ein, ein Gewerbegebiet bekommt aus ihnen weder Strom noch einen Anschluss. Ein Kraftwerk, das regulär einspeist, kann eine neue Last am selben Netzknoten zwar lokal mitversorgen. Für den Engpass im Verteilnetz, an dem Logistiker, Rechenzentrum und Seniorenheim gerade scheitern, spielt das aber keine Rolle. Die Region, die selbst sagt, sie habe genug Strom, verlangt als Absicherung ausgerechnet Kohle.

Was das Netzpaket ändert und was nicht

Der Gesetzentwurf zum Netzpaket, den der Bundestag am Donnerstag in erster Lesung berät, ersetzt beim Netzanschluss das Prinzip „wer zuerst kommt, wird zuerst bedient" durch eine Priorisierung. Zu den Kriterien gehören Systemsicherheit, die gesetzlichen Ausbauziele, die effiziente Nutzung von Netzknoten und Flächen, die in Raumordnungs- oder Bebauungsplänen ausgewiesen sind. Ein beplantes Gewerbegebiet wie der Kraftpark könnte davon profitieren. Die Kriterien entwickeln die Übertragungsnetzbetreiber, für die Verteilnetze sieht der Entwurf eine entsprechende Anwendung vor.

„Wichtig ist, dass Netzkapazitäten denen vorbehalten sind, die sie wirklich brauchen", sagt ein Sprecher von NRW-Wirtschaftsministerin Mona Neubaur (Grüne). Heute stünden schneller realisierbare Projekte weit hinten auf der Warteliste, während Leistung vorsorglich etwa für Batteriespeicher reserviert sei, die vielleicht nie gebaut würden. Heinz Nüsser von der Decision Advisory Group verglich das in Rommerskirchen mit Handtüchern auf Strandliegen: 15 bis 20 Prozent der bereitgestellten Kapazität würden am Ende nicht abgerufen.

Das Netzpaket erlaubt Netzbetreibern, solche Reservierungen zurückzuholen, allerdings erst nach mehr als fünf Jahren ohne Nutzung und mit zwölf Monaten Vorlauf. Ein Entgelt für Reservierungen dürfen sie erheben, müssen es aber nicht. Hinzu kommen monatlich aktualisierte Karten mit freien Kapazitäten und ab 2028 eine Online-Auskunft für die Mittelspannung. Speicher an bestehenden Netzknoten darf ein Netzbetreiber nicht mehr wegen Kapazitätsmangel ablehnen, solange die maximale Leistung gleich bleibt.

Eine Frist für den Anschluss selbst enthält der Entwurf nicht. Antragsteller bekommen nach zwei Monaten eine erste Rückmeldung und danach alle drei Monate ein Update, wann gebaut wird, bleibt offen, und Verzug hat keine Folgen. Der politische Streit um das Paket dreht sich um einen anderen Punkt, die unentschädigte Abregelung von Wind- und Solaranlagen in Engpassgebieten (mehr dazu: die Kritik am Kabinettsentwurf). Nordrhein-Westfalen hat im September Umspannwerks-Erweiterungen von der Baugenehmigung befreit, das spart laut Landesregierung mehr als ein halbes Jahr.

Wie der Bund 2022 in zehn Monaten ein Terminal baute

Zwischen der Ankündigung von Bundeskanzler Olaf Scholz Ende Februar 2022 und der Eröffnung des ersten schwimmenden LNG-Terminals in Wilhelmshaven Mitte Dezember lagen keine zehn Monate. Der Bund charterte die Terminalschiffe selbst, ein eigenes LNG-Beschleunigungsgesetz verkürzte ab Juni 2022 die Verfahren. Dass der Gesetzgeber dafür auch Umweltprüfungen aussetzte, muss beim Stromnetz niemand kopieren. Ein Schiff am Anleger ist zudem einfacher als ein Umspannwerk, und Transformatoren sind weltweit knapp.

Übertragbar ist das Vorgehen: Der Staat bestellte, bevor jede Genehmigung stand, und setzte Fristen, die für alle Beteiligten galten. Tempo beim Netzanschluss hängt deshalb weniger an der Technik als am politischen Willen, es so dringend zu wollen wie 2022 das Gas. Transformatoren mit drei bis fünf Jahren Lieferzeit lassen sich vorab bestellen, wenn jemand die Bestellung absichert.

Für den Netzanschluss fehlen solche Instrumente: eine Frist mit Folgen bei Verzug, ein verbindlicher Preis für Kapazität, die jahrelang reserviert und nie genutzt wird, und ein Beschleunigungsverfahren für Umspannwerke. Nach der ersten Lesung geht das Netzpaket in die Ausschüsse. Dort entscheidet sich, ob der Bundestag der Warteschlange eine Frist gibt.

QUELLEN

7b9824e8b88c449eadb4a776fa3ac603
  1. Rheinische Post: Energiekrise im Rheinischen Revier, 19.09.2026.
  2. Gemeinde Rommerskirchen: Ohne Strom kein Strukturwandel: „Das Handtuch auf dem Umspannwerk", 13.07.2026.
  3. Gemeinde Rommerskirchen: Geht der Industrie der Strom aus? „Das hängt auch von zukünftigen Bundesregierungen ab", 15.09.2026.
  4. Rheinisches Revier: Spatenstich für Microsoft-Rechenzentrums-Cluster im Rheinischen Revier, 13.03.2026.
  5. Deutscher Bundestag: Gesetzentwurf Netzpaket, Drucksache 21/7866, 2026.
  6. Heise: Erstes LNG-Terminal in Wilhelmshaven eröffnet, 17.12.2022.
  7. Landesamt für Bergbau, Energie und Geologie Niedersachsen: LNG-Beschleunigungsgesetz tritt in Kraft, 31.05.2022.
0 0 Bewertungen
Beitragsbewertung
Abonnieren
Benachrichtigen bei
0 Kommentare
Neueste
Älteste Meistbewertet
Nach oben scrollen
0
Ihre Meinung würde uns sehr interessieren. Bitte kommentiere.x