Die Batterie braucht die Tiefsee immer weniger

WISSENSCHAFT · 23. SEPTEMBER 2026

Lithium-Eisenphosphat nimmt dem Tiefseebergbau für Batterien das Argument

Befürworter rechtfertigen den Tiefseebergbau für Batterien mit dem Metallbedarf der Energiewende. Mehr als die Hälfte aller E-Auto-Akkus kommt aber inzwischen ohne Nickel und Kobalt aus. Der Planetary Health Check 2026 warnt vor Schäden am Meeresboden, die Jahrzehnte überdauern.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 7 Min. Lesezeit LESEN


Der Planetary Health Check 2026 widmet dem Meeresboden erstmals ein eigenes Schwerpunktkapitel, Seafloor Integrity. Geschrieben haben es der Meeresgeologe Jacob Geersen vom Leibniz-Institut für Ostseeforschung Warnemünde, die Kieler Völkerrechtlerin Nele Matz-Lück und die Potsdamer Klimaforscherin Levke Caesar. Ihr schärfster Befund betrifft die eigene Nachbarschaft.

„Es gibt keinen einzigen Quadratmeter Ostseeboden, der nicht vom Menschen verändert ist", schreiben die drei über das Meer vor der deutschen Küste. Jahrzehntelange Grundschleppnetze, Überdüngung und Sauerstoffmangel verstärken sich dort gegenseitig. Der Zustand gilt im Kapitel als katastrophal.

Der Meeresboden liegt im Schnitt fast vier Kilometer tief. Jahrzehntelang schützte ihn seine Unzugänglichkeit. Technischer Fortschritt bringt ihn jetzt in Reichweite, für Fischerei und zunehmend auch für Bergbau. Der Meeresboden ist einer von drei Schwerpunkten des Berichts (mehr dazu: Was der Planetary Health Check 2026 über Wälder und Böden sagt).

Grundschleppnetze wühlen den größten Kohlenstoffspeicher der Meere auf

Der Meeresboden ist mehr als Sediment. Er trägt Riffe, Schwammgründe und Grabgemeinschaften, die Nährstoffkreisläufe regeln und Nahrungsnetze stützen. Diese Funktionen erklären, warum Störungen am Boden weit über den Ort ihrer Entstehung hinauswirken.

Schelfsedimente speichern im obersten Meter rund 360 Milliarden Tonnen organischen Kohlenstoff. Sie tragen damit 75 bis 90 Prozent zur weltweiten marinen Kohlenstoff-Einlagerung bei. Grundschleppnetze pflügen jedes Jahr ein bis zwei Prozent des globalen Meeresbodens um, eine Fläche etwa halb so groß wie Europa. Sie fischen vor allem auf den Kontinentalschelfen, also genau dort, wo der Kohlenstoff lagert.

Werden diese Sedimente aufgewirbelt, kann der gespeicherte Kohlenstoff freigesetzt werden. Modellrechnungen im Kapitel taxieren die Menge auf 160 bis 400 Millionen Tonnen Kohlenstoff pro Jahr. Ein Teil davon erreicht die Atmosphäre. Die Autoren nennen diese Schätzung ausdrücklich unsicher.

Für Tiefseebergbau selbst nennt das Kapitel mehr als 200 Quadratkilometer Störfläche pro Manganknollen-Abbaubetrieb. Wie lange diese Störung nachwirkt, zeigt das DISCOL-Experiment: 26 Jahre nach einem simulierten Manganknollenabbau blieben mikrobielle Ökosystemfunktionen am Meeresboden beeinträchtigt. Das fand ein Forschungsteam um Tobias Vonnahme 2020 heraus, meldet das GEOMAR.

TMC begründet den Antrag mit dem Rohstoffbedarf der Industrie

Am 24. April 2025 unterzeichnete US-Präsident Donald Trump ein Dekret, mit dem die USA Lizenzen für den Tiefseebergbau an der Internationalen Meeresbodenbehörde ISA vorbei vergeben wollen, berichtet NPR. Es beruft sich auf ein Gesetz von 1980. Fünf Tage später beantragte das Unternehmen The Metals Company bei der US-Ozeanbehörde NOAA eine kommerzielle Abbaugenehmigung und zwei Explorationslizenzen für 225.000 Quadratkilometer in der Clarion-Clipperton-Zone.

NOAA stufte den Antrag am 1. Mai 2026 als vollständig regelkonform ein. Entschieden ist das Verfahren bis September 2026 noch nicht. „Eine neue, ergiebige und schonendere Quelle kritischer Metalle", nennt TMC-Chef Gerard Barron das Vorhaben in der Mitteilung dazu. Als Zielsektoren nennt er Energie, Verteidigung, Fertigung und Infrastruktur.

Die ISA selbst kam bei ihrer Ratssitzung im Juli 2026 in Kingston nicht zu einer Einigung über den sogenannten Mining Code, hält das Earth Negotiations Bulletin fest. Die Regeln für den kommerziellen Abbau bleiben offen. Für Grundschleppnetze ist die ISA ohnehin nicht zuständig, ihr Mandat deckt ausschließlich Rohstoffe ab. 46 Staaten fordern inzwischen eine Vorsorge-Pause, zählt die Deep Sea Conservation Coalition. Zuletzt kamen im August 2026 Mauritius, Mosambik und die Republik Kongo dazu.

Norwegen pausierte im Dezember 2025 die Freigabe von mehr als 281.200 Quadratkilometern für vier Jahre, meldet der WWF Deutschland. Deutschland unterstützt seit 2022 eine vorsorgliche Pause. Bundesumweltminister Carsten Schneider bekräftigte das im Juni 2025 auf der UN-Ozeankonferenz in Nizza, zeigt eine Greenpeace-Recherche.

LFP-Akkus verdrängen Nickel und Kobalt aus der Batterie

Wer Tiefseebergbau für Batterien fordert, rechnet mit steigendem Bedarf an Nickel, Kobalt und Mangan. Die Zellchemie entwickelt sich in die andere Richtung. Im Jahr 2025 stammten weltweit über 55 Prozent aller ausgelieferten E-Auto-Akkus aus Lithium-Eisenphosphat, meldet die Internationale Energieagentur in ihrem Global EV Outlook 2026. Im Jahr davor lag der Anteil bei knapp 50 Prozent. LFP enthält weder Nickel noch Kobalt noch Mangan.

Natrium-Ionen-Akkus bleiben mit gut einem Prozent der Lithium-Ionen-Fertigungskapazität noch eine Nische. Angekündigte Projekte sollen den Anteil bis 2030 auf rund sieben Prozent heben. CATL und BYD fahren die Produktion bereits hoch (mehr dazu: Natrium-Batterie: Die ökonomische Disruption des Energiemarktes).

Beim Nickel meldet die Bank ING einen Angebotsüberschuss, der sich 2026 fortsetzt. Für 2025 nennt sie 209.000 Tonnen, für 2026 rund 261.000 Tonnen, bei einem erwarteten Durchschnittspreis von 15.250 Dollar je Tonne, rechnet ING vor. Indonesien allein liefert rund 60 Prozent der Weltförderung.

„Das Narrativ, Tiefseebergbau sei nötig für die Klimaziele und deshalb grün, ist irreführend", schreibt EASAC-Experte Michael Norton schon 2023. Der Verbund der europäischen Wissenschaftsakademien empfiehlt seither ein Moratorium.

Der Thinktank RMI hat durchgerechnet, was effizientere Zellen, neue Zellchemien und mehr Recycling bewirken. Die Welt müsste dann insgesamt nur noch 125 Millionen Tonnen Batterieminerale fördern, zeigt eine Modellrechnung des Thinktanks. Das entspricht einem Siebzehntel des Öls, das die Welt in einem einzigen Jahr für den Straßenverkehr fördert. Zum Tiefseebergbau äußert sich RMI in der Studie nicht.

Was macht die Kobalt-Lücke mit dem Argument?

Beim Kobalt zeichnet sich dagegen eine Lücke ab. Die Internationale Energieagentur registriert in ihrem Global Critical Minerals Outlook 2026 eine Angebotslücke, ausgelöst durch die neue Exportquote der Demokratischen Republik Kongo. Die Kobaltpreise stiegen von Januar 2025 bis April 2026 um rund 130 Prozent.

Manganknollen aus der Tiefsee nennt die IEA in ihrer Zusammenfassung an keiner Stelle als Antwort auf diese Lücke. LFP-Akkus, inzwischen die Mehrheit im Markt, kommen ganz ohne Kobalt aus. Für den verbleibenden Bedarf stuft die IEA das Recycling von Kobalt als vergleichsweise etabliert ein. Unternehmen wie Redwood Materials gewinnen Nickel und Kobalt aus Altbatterien zurück (mehr dazu: Redwood Materials: Wie JB Straubel einen Kreislauf für Nickel und Kobalt etabliert).

Auch Investoren warnt ein Thinktank. Die Analysten von Planet Tracker beziffern den Wert, den der Tiefseebergbau vernichten könnte, auf mehr als 500 Milliarden Dollar.

Wer trotzdem am Meeresboden schürfen will, trifft auf Widerstand aus der eigenen Kundschaft. 77 Unternehmen unterstützen mittlerweile den Aufruf, auf Tiefseemetalle zu verzichten. Begonnen hatten die Erklärung 2021 BMW, Volvo, Google und Samsung SDI, berichtete Mining.com damals.

Schutz entsteht auch dort, wo längst gefischt wird. Die EU verbot im November 2025 Grundschleppnetze in knapp der Hälfte des Natura-2000-Gebiets Doggerbank, berichtete die Whale and Dolphin Conservation. Deutschland gehörte zu den Befürwortern der Maßnahme. Seit Januar 2026 gilt zudem das BBNJ-Abkommen, das erstmals Meeresschutzgebiete auf Hoher See ermöglicht.

„Neue Tiefseebergbau-Projekte und Grundschleppnetz-Fischerei drohen, neu entdeckte Ökosysteme zu zerstören", sagt PIK-Direktor Johan Rockström im Video zum Bericht:

Für eine Batterie, die Nickel und Kobalt gerade hinter sich lässt, ist der Meeresboden ein hoher Preis für einen Bedarf, der schrumpft.

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