E-Lkw-Hochlauf: China gibt das Tempo vor, Deutschland fällt zurück

ELEKTROMOBILITÄT · 23. SEPTEMBER 2026

China und Tesla treiben den E-Lkw-Hochlauf in Europa an

Auf der IAA Transportation in Hannover nimmt der E-Lkw-Hochlauf Fahrt auf. Chinesische Hersteller und Tesla setzen auf Tempo und Standardisierung. Daimler Truck und MAN kommen langsamer voran und binden Kapital in Wasserstoff.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 8 Min. Lesezeit LESEN


Am ersten Tag der IAA Transportation in Hannover hat Volvo Trucks die Serienproduktion seiner neuen Elektro-Lkw-Generation gestartet. Die Werke in Tuve bei Göteborg und im belgischen Gent laufen bereits. Das Flaggschiff FH Aero Electric Extended Range kommt laut Volvo auf bis zu 700 Kilometer Reichweite. Der E-Lkw-Hochlauf in Europa ist damit sichtbar in Bewegung. Die deutschen Hersteller tragen bislang wenig dazu bei.

Die Messe fiel mitten in eine Spritpreiskrise. Am 17. September meldete der ADAC einen Rekordwert von 2,471 Euro je Liter Diesel im Bundesschnitt. Bund und Länder haben darauf einen Tankrabatt von knapp 17 Cent je Liter für Oktober bis Dezember beschlossen, ab Januar soll ein staatlicher Preisdeckel folgen. Für Speditionen bleibt Diesel damit teuer und politisch unkalkulierbar. Der Elektro-Lkw wird zur Kostenfrage.

Deutschland liegt bei E-Lkw-Zulassungen nur auf Platz sieben

Wer in Europa das Tempo vorgibt, zeigen die Zulassungszahlen von 2025. Nach einer Auswertung von Transport & Environment lag der Anteil batterieelektrischer Lkw an den Neuzulassungen in den Niederlanden bei 18,2 Prozent. Norwegen kam auf 17,3 Prozent, Dänemark auf 16,9 Prozent und Schweden auf 16,1 Prozent. Deutschland erreichte 7,1 Prozent, der EU-Schnitt lag bei 5,6 Prozent.

„Die Flottengrenzwerte für Lkw wirken und bringen E-Lkw schneller auf die Straße", sagt Johanna Braun, E-Mobilitätsmanagerin Lkw bei T&E Deutschland. Sie warnt davor, die Grenzwerte jetzt aufzuweichen. Das koste Investitionssicherheit und gefährde den Anschluss an die schnellere Marktentwicklung in China.

In der T&E-Analyse landet Deutschland bei den E-Lkw-Neuzulassungen 2025 auf Platz sieben in Europa. Vor Deutschland liegen neben den vier genannten Ländern auch Island mit 15,5 Prozent und Griechenland mit 9,3 Prozent. Das sind ausnahmslos kleine Lkw-Märkte. Unter den fünf großen Zulassungsländern Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien und Polen liegt allein Deutschland über dem Durchschnitt.

E-Lkw-Hochlauf in Europa: Anteil batterieelektrischer Lkw an den Neuzulassungen 2025, Niederlande 18,2 Prozent, Deutschland 7,1 Prozent auf Platz sieben, EU-Schnitt 5,6 Prozent
Deutschland liegt beim E-Lkw-Anteil 2025 auf Platz sieben, vor ihm nur kleine Märkte. QUELLE: Transport & Environment, Zero-emission trucks in Europe, März 2026

Der Trend hält an. Im ersten Halbjahr 2026 stiegen die E-Lkw-Zulassungen in Deutschland laut ACEA um 88,5 Prozent. EU-weit erreichten E-Lkw 4,8 Prozent der Neuzulassungen. Auf der Straße bleibt das vorerst unsichtbar, denn Anfang Juli waren erst 2.699 der gut 232.000 zugelassenen Sattelzugmaschinen in Deutschland batterieelektrisch.

Warum deutsche Hersteller beim Hochlauf zögern

Der Marktführer selbst fährt kaum elektrisch. Nach Recherchen der WirtschaftsWoche sind nur sechs Prozent der Daimler-Truck-Flotte in Europa elektrisch. MAN-Chef Alexander Vlaskamp kündigte fünf Milliarden Euro Investitionen bis 2030 an. Davon fließt aber nur rund eine Milliarde Euro in deutsche Werke. Der Schwerpunkt liegt auf autonomem Fahren und einem Batteriebaukasten in Polen.

Andreas Collet von der Beratung Berylls by AlixPartners nennt in der WirtschaftsWoche einen Grund: „Die Hersteller sollten eher standardisierte Fahrzeuge anbieten, anstatt jeden exotischen Kundenwunsch zu bedienen". Bis zu sieben Jahre dauere die Fahrzeugentwicklung bei deutschen Herstellern. Chinesische Konkurrenten schafften das in der Hälfte der Zeit. Dazu kommt ein Kostennachteil. Europäische Hersteller haben nie eine eigene Batteriezellfertigung aufgebaut und zahlen laut McKinsey und Berylls bis zu 30 Prozent mehr für Zellen.

Ganz still steht der deutsche Hochlauf trotzdem nicht. Daimler Truck forderte die Volvo Group dank starker Verkäufe des eActros 600 im zweiten Halbjahr 2025 als Marktführer bei E-Lkw heraus. MAN startete im Juni 2026 in München die Serienproduktion von eTGX und eTGS. Und Amazon übernahm Anfang September die ersten 27 eActros 600 aus einer Bestellung von mehr als 200 Fahrzeugen.

China und Tesla setzen auf Tempo und Standardisierung

Der Abstand zu China bleibt groß. Laut T&E liegt Europa bei der Einführung von Elektro-Lkw zwei bis drei Jahre zurück. In China waren 2025 bereits 15 Prozent der neu zugelassenen Lkw elektrisch.

Wie ungleich die Größenordnungen sind, zeigt die neue Truck-Studie von Strategy&, der Strategieberatung von PwC. Demnach kamen 2025 rund 95 Prozent aller batterieelektrischen Lkw weltweit aus China. Marktführer Shandong Heavy Industry verkaufte 55.000 Stück, Volvo und Daimler Truck je 5.000, Traton 3.000. Chinas Hochlauf übertraf die Prognose der Berater von 2024 um 150 Prozent, Europa blieb 80 Prozent darunter.

Balkendiagramm: Batterieelektrische Lkw nach Hersteller 2025, Shandong Heavy 55.000, Volvo und Daimler Truck je 5.000, Traton 3.000
Chinesische Hersteller produzieren batterieelektrische Lkw in einer anderen Größenordnung als Volvo, Daimler Truck und Traton. QUELLE: Strategy& (PwC), Volt rush, Truck Study 2026, nach S&P-Global-Produktionsdaten

Windrose zeigt, wie das Tempo entsteht. Der chinesisch geführte Hersteller mit Sitz in Antwerpen, geleitet von CEO Wen Han, baut seine Lkw zu 85 Prozent aus Gleichteilen. Nach eigenen Angaben bietet er sie rund 40 Prozent günstiger an als ein vergleichbares Premiummodell von Daimler Truck. Auf der IAA zeigte der chinesische Hersteller GAC einen autonomen Elektro-Lkw, dessen Batterie in drei bis fünf Minuten getauscht wird. Für das erste Halbjahr 2026 meldete GAC ein Umsatzplus von 205 Prozent.

Sinotruk lässt seit dem Frühjahr beim österreichischen Zulieferer Steyr Automotive montieren, SuperPanther hat ein eigenes Werk in Europa eröffnet. BYD kündigt für das kommende Jahr sein Schwerlastmodell ETT 44 an. Die Strategie ist dieselbe wie beim Elektroauto, denn lokale Produktion in der EU umgeht Einfuhrzölle. MAN-Chef Vlaskamp fordert deshalb Zölle und Lokalisierungsvorgaben nach dem Vorbild der Pkw-Branche.

Auch Tesla drängt in den europäischen Markt. Der Semi fährt in Hannover in seiner Europa-Version vor, ausgeliefert wird er nach Unternehmensangaben ab 2027. Bei 40 Tonnen Gesamtgewicht, 80 Kilometern pro Stunde und ebener Strecke soll die Reichweite bei 550 Kilometern liegen. Geladen wird mit bis zu 800 Kilowatt, in 30 Minuten auf 60 Prozent.

Den Vertrieb bereitet Tesla bereits vor. Im Juni 2026 suchte das Unternehmen für den Standort Parsdorf bei München einen Business Development Manager für den Semi. Die Aufgabe laut Ausschreibung: Flottenkunden gewinnen, Fahrzeuge und Ladeinfrastruktur konfigurieren, den Kundenstamm in der Region ausbauen. Damit steht Tesla ein Jahr vor der ersten Auslieferung dort, wo Daimler Truck und MAN zu Hause sind.

Modell Reichweite (km)
Volvo FH Aero Electric Extended Range700
Windrose R700 EV670
Renault E-Tech T780600
MAN eTGX/eTGS570
Mercedes eActros 600560
Tesla Semi (Europa-Version)550

Quelle: Herstellerangaben unter jeweils eigenen Testbedingungen, zusammengestellt von auto-motor-und-sport.de, September 2026.

Für Deutschland hat ElektroQuatsch die Gesamtkosten durchgerechnet. Über eine Million Kilometer kommt ein Tesla Semi in der Modellrechnung auf rund 680.000 Euro, ein vergleichbarer Diesel-Lkw auf 1.178.000 Euro. Größter Posten ist die Maut, von der emissionsfreie Lkw laut Bundesverkehrsministerium bis Mitte 2031 befreit sind.

Ohne Maut sieht es enger aus. Strategy& rechnet für Europa 2030 im Schnitt mit 25 Prozent Kostenvorteil, im Fernverkehr aber nur mit Gleichstand zum Diesel. Die Berater nehmen dafür einen Dieselpreis von 1,50 Euro an. Bei 2,47 Euro kippt diese Rechnung klar zum E-Lkw. Der schwedische Logistiker Einride hat 500 Tesla Semi bestellt und verdreifacht damit seine Flotte.

Daimler Truck bindet Kapital in der Wasserstoff-Nische

Wasserstoff-Lkw kamen 2025 laut T&E EU-weit auf einen Marktanteil von unter 0,1 Prozent. Daimler Truck investiert trotzdem bis Ende des Jahrzehnts einen mittleren dreistelligen Millionenbetrag in die Technologie. Vorstandschefin Karin Rådström sagte der dpa, die Anwendungsfälle machten nur „ein eher geringer Prozentsatz" des Geschäfts aus. Und MAN-Chef Vlaskamp räumt ein, mit dem Hochlauf der Elektromobilität nicht zufrieden zu sein.

Die Bremse sitzt woanders. In Deutschland gibt es laut Nationaler Leitstelle Ladeinfrastruktur 88 Ladestandorte für E-Lkw mit 355 Ladepunkten, bis 2030 sollen allein an den Autobahnen 351 Standorte entstehen. Strategy& beschreibt den deutschen Fernverkehr deshalb als Fallstudie für einen Hochlauf hinter den Erwartungen: Ein einziger ausgefallener Ladepunkt kann eine Tagestour beenden. Solange das so bleibt, kaufen Speditionen E-Lkw für planbare Strecken mit eigenem Depot, wie Amazon.

Auf der IAA Transportation war der nächste Schritt trotzdem zu sehen. Volvo produziert seit dem 14. September in Serie, Tesla liefert den Semi ab 2027 nach Europa und baut dafür in Bayern ein Vertriebsteam auf. Sinotruk und SuperPanther fertigen bereits in der EU. Die Nachfrage ist da, wie die Amazon-Bestellung von mehr als 200 eActros 600 zeigt. Die fünf Milliarden Euro von MAN fließen währenddessen mehrheitlich in andere Standorte und andere Antriebe.

QUELLEN

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  1. Transport & Environment Deutschland: E-Lkw: Zulassungen steigen europaweit deutlich, Deutschland im Mittelfeld, 13.03.2026.
  2. Transport & Environment: Zero-emission trucks in Europe - the road so far, Analyse, 13.03.2026.
  3. WirtschaftsWoche, Artur Lebedew und Annina Reimann: So wollen Daimler Truck und MAN den Angriff aus China parieren, 13.09.2026 (Paywall).
  4. Rhein-Zeitung (dpa): Daimler Truck investiert groß in Wasserstoff-Lkw, 10.09.2026.
  5. taz: China will den E-Truck-Markt erobern, September 2026.
  6. auto motor und sport: Tesla Semi kommt nach Europa: Nutzlast im Fokus, keine Rekord-Reichweite, September 2026.
  7. EVwire, Simon Alvarez: Tesla hires Semi sales lead in Munich, 08.06.2026.
  8. Volvo Trucks (Pressemitteilung): Volvo Trucks startet Serienproduktion von Elektro-Lkw mit bis zu 700 Kilometern Reichweite, 14.09.2026.
  9. Bundesministerium für Verkehr (Pressemitteilung): Mautbefreiung für emissionsfreie Lkw bis Mitte 2031 verlängert, 01.12.2025.
  10. Strategy& (PwC): Volt rush - The global race for truck electrification, Truck Study 2026, September 2026.
  11. ACEA: New commercial vehicle registrations H1 2026, 29.07.2026.
  12. Der Spiegel, Jürgen Pander: Elektro-Lkw auf der IAA Transportation: Die Diesel-Preisbrecher, 18.09.2026 (Paywall).
  13. ADAC: Aktueller Spritpreis, 17.09.2026; ZDFheute: Tankrabatt und Spritpreisdeckel, 18.09.2026.
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