Döllners Wette auf ein totes Pferd

Trumps Wahlkampfhelfer · 29. Oktober 2026

Audi-Chef Döllner wettet in Georgia auf ein totes Pferd

Schon im Frühjahr warnte Audi-Chef und VW-Konzernvorstand Gernot Döllner, es gehe ums Überleben der deutschen Autoindustrie. Jetzt stellte er sich für ein Werk in Georgia als Wahlkampfhelfer neben Donald Trump. Eine Strategie ist das nicht, es ist eine Wette: auf Trumps Zölle, auf den Verbrenner und darauf, dass der Nutzen in Amerika den Schaden in Europa übersteigt.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 10 Min. LESEN


Aus 90 Sekunden auf einer Wahlkampfbühne in Georgia ist in Deutschland ein kommunikativer GAU geworden. Am Samstag hatte sich Döllner in Perry neben Trump gestellt und sich für dessen Unterstützung bedankt (mehr dazu: Audi wirft sich Trump an den Hals). Heute ist klar: 57 Prozent der Deutschen halten den Auftritt laut YouGov für unangemessen.

Im VW-Intranet löschte der Konzern mehr als 200 Kommentare unter der Meldung zum US-Werk und schaltete die Kommentarfunktion ab, ein „Ausnahmefall“, so ein Sprecher. Ein öffentlicher Rücktrittsaufruf sammelte binnen drei Tagen mehr als 100.000 Unterstützer, in der Facebook-Community von Cleanthinking empörten sich Tausende. Die Kritik reicht bis in die höchste Politik: zu Umweltminister Carsten Schneider, NRW-Wirtschaftsministerin Mona Neubaur, den Ministerpräsidenten von Niedersachsen und Baden-Württemberg, dem Chef des CDU-Arbeitnehmerflügels Dennis Radtke und bis ins Umfeld von Kanzler Friedrich Merz.

Verteidigt wird Döllners unterwürfiger Auftritt im Grunde nur von Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger und von Rechtsaußen wie Ulf Poschardt und Julian Reichelt.

Doch was, wenn Döllner tatsächlich keine andere Wahl hatte? Audis US-Geschäft schreibt in diesem Jahr Verluste, der Konzern braucht Entlastung bei den Zöllen, sonst droht der Rückzug aus dem Markt. Zugleich bricht in China der Markt weg, und in Europa rücken die chinesischen Hersteller vor. Das Werk in Georgia und der Deal drumherum sollen das US-Geschäft und damit das Überleben des Unternehmens sichern. Audi selbst spricht von einem Rettungsanker.

Döllner bezahlt im Voraus

Der Auftritt sei „Teil des Deals“ gewesen, sagt ein Eingeweihter der ZEIT. Den Durchbruch brachte nach Informationen des Handelsblatts ein Angebot des scheidenden republikanischen Gouverneurs Brian Kemp, das Audi zeitnah annehmen musste, sonst wäre es erloschen. Trump wiederum stellte die Bedingung, die Investition selbst auf seiner Wahlkampfveranstaltung zu verkünden. Audi nennt den Auftritt eine Bedingung für das Werk, den Erfolg einen „Rettungsanker“.

Der langfristige Teil des Deals ist öffentlich: rund vier Milliarden Dollar für ein Werk, das Anfang der 2030er Jahre bis zu 200.000 große SUV im Jahr bauen soll. Der kurzfristige Teil, der für Audi jetzt zählt, ist es nicht.

Dem VW-Aufsichtsratspräsidium stellte Döllner laut Manager Magazin am Freitag ein gewaltiges Versprechen vor: Der Konzern bekomme die gesamte Investition indirekt zurück, einen kleinen Teil über Subventionen, den Rest über gesenkte Zölle, Trump werde ein Dekret unterschreiben. Fakten und Zahlen gab es dazu nicht. Nach Informationen der ZEIT liegt bislang nur eine Vereinbarung mit Georgia über Hilfen für die Infrastruktur vor, die Zollerleichterungen sollen in spätestens drei Wochen ausverhandelt sein, also erst nach den Midterms und der Gouverneurswahl kommende Woche.

Audi hat mit seinem Ruf bezahlt, bevor die Gegenleistung unterschrieben ist. Das Werk allein löst Audis akutes Problem nicht, es soll frühestens in fünf Jahren produzieren. Was Audi jetzt braucht, sind Zollentlastungen, und genau darüber ist nichts Belastbares bekannt. Das ist die erste Wette: dass Washington liefert.

Ein Alleingang des intern als Besserwisser geltenden 57-jährigen Ingenieurs Döllner war das nicht, ein breit getragener Beschluss aber auch nicht. Eingebunden waren VW-Konzernchef Oliver Blume und Audi-Aufsichtsratschef Manfred Döss, zugleich Rechtsvorstand von VW und Vorstand der Porsche-Familienholding. Das Präsidium des VW-Aufsichtsrats erfuhr laut Manager Magazin rund 30 Stunden vor dem Auftritt davon, darin Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies und IG-Metall-Chefin Christiane Benner, die stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende. Vier der neun Mitglieder des VW-Konzernvorstands wussten nichts, beschlossen hatte das Werk allein der Audi-Vorstand.

Lies und Benner kritisierten den 90-sekündigen Auftritt danach öffentlich, Betriebsratschefin Daniela Cavallo will im Präsidium gewarnt haben, es werde desaströs ausgehen. Den Deal zu stoppen, verlangte zuvor aber niemand. Dabei untersagt Audis eigener Verhaltenskodex öffentliche Termine mit Parteien oder Politikern in den letzten drei Monaten vor einer Wahl. Zum Wohl des Unternehmens müsse der Vorstand davon abweichen dürfen, heißt es dazu im Konzern.

Audi verliert auf allen drei Märkten

In den ersten neun Monaten lieferte Audi in den USA gut 108.000 Autos aus, so wenige wie seit 2012 nicht mehr, 16 Prozent weniger als im Vorjahr. BMW und Mercedes legten im selben Markt zu. Beide bauen ihre großen SUV seit Jahren in eigenen Werken in den USA. Audi importiert alles, aus Europa mit 15 Prozent Zoll, aus Mexiko, wo der Q5 entsteht, mit 25 Prozent.

Die Zölle kosteten Audi 2025 rund 1,2 Milliarden Euro, an die Kundschaft weitergeben konnte der Hersteller sie nicht. Bis Jahresende dürften sich die Verluste infolge der Zölle laut Handelsblatt auf rund zwei Milliarden Euro summieren. Weltweit verkaufte Audi im dritten Quartal fast ein Fünftel weniger Autos als ein Jahr zuvor, die Rendite liegt weit unter dem eigenen Ziel. Döllners Warnung aus dem Frühjahr klingt im Konzern inzwischen noch drastischer. „Audi steht vor dem Abgrund“, sagt ein Manager dem Handelsblatt.

Das erklärt, warum sich Audi und Volkswagen auf den Deal einlassen. Ob er den Konzern retten kann, entscheidet sich auch auf den anderen beiden Märkten. „Der Gesamtmarkt in China ist im freien Fall“, sagt VW-Chinachef Ralf Brandstätter dem Handelsblatt. Der Konzern lieferte dort in neun Monaten 30 Prozent weniger Autos aus, am härtesten trifft es die Verbrenner, mit denen VW in China groß geworden ist. Bei Audi fürchten Insider laut ZEIT, dass aus China bald kein Geld mehr nach Ingolstadt fließt.

Wie tief das Loch ist, zeigt die Konzernbilanz von diesem Donnerstag: Volkswagen weist für das dritte Quartal einen operativen Verlust von 5,86 Milliarden Euro aus, der Absatz in China brach im Quartal um 40 Prozent ein. Selbst ohne die rund zehn Milliarden Euro an Abschreibungen und Umbaukosten sei das Ergebnis zu schwach, sagt Finanzchef Arno Antlitz, der Konzern müsse „schnell und entschlossen“ umbauen. Für dieses Jahr rechnet VW mit so gut wie keinem Gewinn, bis 2030 sollen es wieder 8 bis 10 Prozent Rendite sein. Audi legt seine Quartalszahlen am Freitag vor.

In Europa haben chinesische Marken ihren Marktanteil binnen fünf Jahren von einem auf zuletzt 14,5 Prozent gesteigert und liegen damit vor den japanischen Herstellern. Audi verkauft in Europa noch leicht mehr als im Vorjahr. Seinen elektrischen A4 bringt der Hersteller aber erst in eineinhalb Jahren, während BMW und Mercedes ihre neuen elektrischen Mittelklassemodelle schon ausliefern.

Bleiben die USA. Dort halten Strafzölle von 100 Prozent chinesische Elektroautos vom Markt fern. Trump und die Republikaner haben die Kaufprämie für Elektroautos gestrichen, die CO2-Grenzwerte für Pkw abgeschafft und die Strafen für zu hohen Flottenverbrauch auf null gesetzt. In keinem anderen großen Automarkt haben es große Verbrenner so leicht. Genau hier will Audi den Q7, den Q8 und den Q9 bauen, seine größten und schmutzigsten SUV.

Audi setzt auf Trumps Wahlkampf

Für Trump kam die Nachricht zur rechten Zeit. Georgia zählt zu den Swing States: 2020 gewann dort Joe Biden, 2024 Trump. Gouverneur Kemp darf nicht noch einmal antreten. Um seine Nachfolge kämpfen der republikanische Selfmade-Milliardär Rick Jackson und die Demokratin Keisha Lance Bottoms, frühere Bürgermeisterin von Atlanta.

Jackson will Trumps „Lieblingsgouverneur“ werden und hat Berichten zufolge mehr als 100 Millionen Dollar eigenes Geld in den Wahlkampf gesteckt. Trotzdem liegt er in Umfragen teilweise vor und teilweise hinter Bottoms. In Perry bedankte er sich auf der Bühne für „den größten Wirtschaftsdeal in der Geschichte Georgias“.

Damit hängt Audis Rettungsanker an Politikern, deren Macht auf dem Spiel steht. Gewinnt Bottoms, regiert ab Januar eine Demokratin, deren Gegner das Werk auf Trumps Bühne gefeiert hat. Im Kongress könnten die Demokraten die Mehrheit übernehmen. Trumps Amtszeit endet im Januar 2029, das Werk in Georgia soll erst Anfang der 2030er Jahre Autos bauen. Das ist die zweite Wette: dass die Politik, auf die Audi setzt, länger hält als Trumps Amtszeit.

Für Georgia könnte Neckarsulm bezahlen

Beschlossen ist das Werk noch nicht. Weder der Aufsichtsrat von Audi noch der von VW hat zugestimmt, am Freitag kommt der Audi-Aufsichtsrat zur Sondersitzung zusammen. Die Arbeitnehmer verlangen vorher verbindliche Zusagen für die deutschen Standorte, allen voran für das bedrohte Audi-Werk in Neckarsulm. Döss soll intern bereits klargestellt haben, dass die Aufsichtsräte dem Werk im Nachhinein zuzustimmen hätten. Und sollte der VW-Aufsichtsrat nicht mitziehen, bliebe die Hauptversammlung, in der die Familien Porsche und Piëch die Mehrheit halten.

Döllner verweist darauf, dass die großen SUV für Amerika heute in Bratislava vom Band laufen. Neue Arbeit für Ingolstadt oder Neckarsulm bringt das Werk in Georgia damit zunächst nicht. Werden durch die Verlagerung der SUV-Produktion in die USA Kapazitäten in Bratislava frei, könnte Audi dort Fertigung aus dem teureren Neckarsulm konzentrieren, so eine Rechnung, die laut SZ im Konzern kursiert. Der Rettungsanker für das US-Geschäft könnte so den Druck auf einen deutschen Standort erhöhen, in einer Branche, in der jedes dritte Werk überflüssig wird.

Hinter dem Werk steht eine ältere Entscheidung. Das für 2033 geplante Ende des Verbrennungsmotors hatte Döllner schon im Sommer 2025 aufgegeben. Jetzt soll ausgerechnet die Technik der Vergangenheit Audi retten: das große Verbrenner-SUV. Umweltminister Schneider sagte dem „Kölner Stadt-Anzeiger“, während sich weite Teile der Welt zur Elektromobilität aufmachten, wette Audi auf fossile Energien und damit auf „ein totes Pferd“.

Das Pferd ist aus drei Gründen tot. In China, wo VW mit Verbrennern groß wurde, treiben teures Benzin und billiger Strom die Käufer zum Elektroauto, und der Verbrenner-Anteil fällt schneller als der Markt. In Europa wachsen die chinesischen Marken mit Hybriden und Elektroautos, während Audis eigene E-Modelle zu spät kommen. Und in den USA lebt der Markt für große Verbrenner nur deshalb, weil ein Präsident die Klimaregeln dafür abgeräumt hat. Gerichte und Wähler können sie zurückholen, lange bevor in Georgia der erste Q9 vom Band läuft.

Das ist die dritte Wette, und die riskanteste: dass der Gewinn mit großen Verbrennern in Amerika den Schaden übersteigt, den Audi dafür in Europa in Kauf nimmt, in Neckarsulm, bei den Beschäftigten und bei der Marke.

Am Freitag legen Audi und der Volkswagen-Konzern die Quartalszahlen vor. Sie werden zeigen, wie tief die Krise reicht. Ob Washington liefert, ob Trumps Politik lange genug trägt und ob die großen Verbrenner-SUV den Einsatz rechtfertigen, zeigt sich erst später.

Geht die Wette auf, gilt Döllner laut ZEIT manchen im Konzern schon als Nachfolger von Oliver Blume. Öffentlich gemacht hat er sie bereits. Was Audi dafür bekommt, ist noch offen.

QUELLEN

  1. Süddeutsche Zeitung: „Das ist das Schlimmste seit dem Dieselskandal“, 26.10.2026.
  2. Süddeutsche Zeitung: Ein Mann, 90 Sekunden und ein großes Problem, 27.10.2026.
  3. Bild: Geheimer Trump-Deal hinter Audi-Eklat, 28.10.2026.
  4. Associated Press: Trump announces at a Georgia campaign rally that Audi will build a new auto factory in the state, 25.10.2026.
  5. Audi: Pressemitteilung zum ersten Halbjahr 2026, 27.07.2026.
  6. dpa: Audi-Verkäufe brechen deutlich ein, 13.10.2026.
  7. Bloomberg: Audi CEO Defends Trump Rally Appearance in Letter to Workers, 27.10.2026.
  8. Spiegel: Kritik an Gernot Döllner nach Trump-Auftritt eskaliert im VW-Intranet, 27.10.2026.
  9. Bloomberg: VW Swings to Loss After Writedown, China Market Slump, 29.10.2026.
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