Heidelbergs H2-Müllwagen fährt bald mit Diesel

WASSERSTOFF · 1. NOVEMBER 2026

Teurer Fehler: Heidelbergs H2-Müllwagen fährt bald mit Diesel

Zwischen 2020 und 2024 förderte das Bundesverkehrsministerium Wasserstofffahrzeuge mit Millionensummen. Heidelberg und Leipzig etwa bestellten entsprechende Müllfahrzeuge. Doch die technischen Probleme sind immens.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 5 Min. LESEN


Die Stadt Heidelberg hat ihren H2-Müllwagen technisch prüfen lassen und gibt ihn auf. Das Fahrzeug werde „nie in einen dauerhaften zuverlässigen Betriebszustand versetzt werden können“, schreibt die Abfallwirtschaft in ihrer Vorlage für den Haupt- und Finanzausschuss. Seit dem Start vor dreieinhalb Jahren fuhr der Lkw nur an jedem dritten Betriebstag, an den übrigen stand er in der Werkstatt oder auf dem Hof. 2025 holte er an 41 Tagen Müll ab, ein älterer Diesel-Lkw aus der Reserve übernahm den Rest.

Deshalb lässt die Abfallwirtschaft den Müllaufbau jetzt auf ein neues Diesel-Fahrgestell setzen. Das kostet 240.000 Euro und dauert rund ein Jahr, das Wasserstoff-Fahrgestell dient danach als Ersatzteillager. Der Ausschuss beriet Ende September darüber. Was an dem Fahrzeug kaputt ist, nennt die Verwaltung nicht. Sie schreibt nur, andere Betreiber von H2-Müllwagen hätten ihr von denselben Problemen berichtet.

Leipzig und Bielefeld erleben dasselbe

Die Stadtreinigung Leipzig kaufte 2024 insgesamt 16 Brennstoffzellen-Müllwagen von Faun, ein Drittel ihrer Sammelflotte. In den ersten zwei Jahren waren sie an 46 Prozent der Tage einsatzbereit, ein Diesel-Müllwagen kommt auf rund 80 Prozent. Fällt eines der Fahrzeuge aus, springt offenbar ein Diesel-Lkw des Herstellers ein.

Bielefeld hatte mit seinen sieben Wasserstoff-Müllwagen ein anderes Problem. Die nächste Tankstelle lag 40 Kilometer entfernt. Als sie zum Jahreswechsel schloss, standen die Fahrzeuge still. Seit April dürfen sie an der Tankstelle der städtischen Wasserstoffbusse tanken, nachdem die Stadtwerke dafür Fördermittel zurückgezahlt haben. Der Umweltbetrieb plant trotzdem den Wechsel: Bis Ende 2027 will er auf batterieelektrische Müllwagen umstellen und die Ladeinfrastruktur dafür bauen.

Auch die Busse der Region fallen aus. Die Rhein-Neckar-Verkehr setzt in Heidelberg, Mannheim und Ludwigshafen Elektro-Gelenkbusse ein, die eine Brennstoffzelle als Reichweitenverlängerer an Bord haben. Im vergangenen Winter froren Kompressoren ein, zeitweise fiel mehr als die Hälfte der 48 Busse aus. Die Heidelberger Linie 20 stellte die rnv vorübergehend ein. Müllwagen und Busse gehören zu den Vorhaben, mit denen Bund und Land die Region Rhein-Neckar zur Wasserstoffregion machen wollten.

Das Verkehrsministerium bezahlte die erste Generation

Die Entscheidung für diese Fahrzeuge fiel nicht in den Rathäusern, sondern 2020 und 2021 im Bundesverkehrsministerium unter Andreas Scheuer. Das Ministerium förderte H2Rivers mit 20 Millionen Euro und übernahm 744.000 Euro der 1,2 Millionen Euro, die Heidelbergs Müllwagen kostete. Für den Zuschuss allein hätte die Stadt fast zwei neue Diesel-Müllwagen bekommen. Die Zweckbindung lief nach zwei Jahren aus, das Fahrzeug musste also nur bis 2024 in der Abfallsammlung bleiben.

Heidelberg ist einer von vielen Fällen. Seit 2020 hat der Bund 165 H2-Müllwagen gefördert und dafür rund 96 Millionen Euro bewilligt, im Schnitt 580.000 Euro je Fahrzeug. Das geht aus der Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage im Bundestag hervor. Von den Heidelberger Ausfällen wusste sie nichts, Werkstattkosten hat sie nicht übernommen. Für jedes vierte Fahrzeug meldeten die Betreiber 2025 Ausfälle an mindestens einem Fünftel der Tage, zwölf Fahrzeuge standen länger, als sie fuhren.

Die Regierung schreibt selbst, womit sie es zu tun hat: mit einer „ersten Generation“ schwerer Nutzfahrzeuge, deren Ausfälle auf „Anlaufschwierigkeiten bei Technik, Aufbau und Infrastruktur“ zurückgingen. Der Bund hat also Fahrzeuge bezahlt, die noch nicht fertig entwickelt waren, und sie den Kommunen für den täglichen Einsatz überlassen. Das Risiko trugen die Betriebshöfe.

Die Kommunen wechselten schon 2022 zur Batterie

Wie schnell die Betriebe umdachten, zeigt die Fördertabelle des Bundes. 2021 bewilligte er 131 Brennstoffzellen-Müllwagen und 26 mit Batterie. Ein Jahr später bestellten die Betriebe 231 Batterie-Lkw und noch 26 mit Brennstoffzelle, obwohl der Bund für die Wasserstoff-Variante den dreifachen Zuschuss zahlte. Die Betriebe hatten den Wechsel vollzogen, während Heidelbergs Wasserstoff-Müllwagen noch auf seine Zulassung wartete (mehr dazu: Elektrifizierung oder Wasserstoff? Die Rollen für die europäische Energiewende).

Warum, zeigen Frankfurt und Stuttgart. Die Frankfurter FES sammelt seit 2023 mit acht batterieelektrischen Mercedes eEconic. Stuttgart hat in diesem Sommer die ersten fünf von zehn übernommen und dafür eine Betriebsstelle mit Ladepunkten und Photovoltaik gebaut. Kaum ein Einsatz passt so gut zum Batterie-Lkw wie die Müllabfuhr: feste Touren, ständiges Anhalten und Anfahren, und jeden Abend steht das Fahrzeug wieder auf dem Hof an der Ladesäule (mehr dazu: In sechs von neun EU-Ländern kostet der E-Lkw weniger als der Diesel).

Bei den Stadtbussen läuft es genauso. Von den gut 4.700 emissionsfreien Bussen in Deutschland fahren 85 Prozent mit Batterie. Die Wasserstoffbusse, die 2025 noch dazukamen, gehen auf Bestellungen von vor ein bis zwei Jahren zurück. Nur im Überlandverkehr halten einzelne Landkreise an Wasserstoff fest, der Rems-Murr-Kreis etwa, weil dort der Netzausbau für die Betriebshöfe zu langsam vorankommt.

Heidelberg vergleicht nur mit dem Diesel

Umso schwerer wiegt, was in der Heidelberger Vorlage fehlt. Die Verwaltung vergleicht die Umrüstung nur mit einem neuen Diesel-Müllwagen für 426.200 Euro und rechnet 186.200 Euro Ersparnis vor. Ein batterieelektrisches Fahrgestell taucht in dem Dokument nicht auf, weder als Option noch als Kostenvergleich. Dabei fährt der eEconic seit 2022 in Serie (mehr dazu: eEconic: Daimler elektrifiziert die Müllabfuhr), und die Stadt lädt seit Jahren elektrische Dienstwagen und eine Kehrmaschine.

Heidelberg hatte sich schon 2019 auf Wasserstoff festgelegt und 2023 mit der ersten emissionsfreien Müllabholung der Region geworben. Drei Jahre später hängt derselbe Müllaufbau an einem Dieselmotor, und die Stadt begründet den Verzicht auf die Batterie mit keinem Wort. Die Bundesregierung spricht von Erkenntnissen, die ihre Förderung den Kommunen gebracht habe. In Heidelberg ist davon noch nichts angekommen.

QUELLEN

  1. Stadt Heidelberg: Heidelberg setzt wasserstoffbetriebenes Müllfahrzeug ein, Pressemitteilung, 17. März 2023.
  2. Deutscher Bundestag: Kleine Anfrage „Ausfallzeiten der vom Bund geförderten Abfallsammelfahrzeuge mit Wasserstoffantrieb“, Drucksache 21/8496, 12. Oktober 2026.
  3. Zughalt.de: Wasserstoffbusse im Rems-Murr-Kreis, 2. September 2026.
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