KÖPFE DER KLIMAFORSCHUNG · 29. SEPTEMBER 2026
Europe CallingStefan Rahmstorf erforscht die Stabilität des Golfstromsystems
Der Potsdamer Ozeanphysiker hat gezeigt, wie empfindlich die Umwälzströmung im Atlantik auf Süßwasser reagiert. Seine Arbeiten zu Kipppunkt, Meeresspiegel und Hitzerekorden prägen die Klimadebatte, einige Befunde bleiben in der Fachwelt umstritten.
Europa verdankt seine milden Winter zu einem guten Teil einer Meeresströmung, die warmes Wasser aus den Tropen nach Norden trägt. Stefan Rahmstorf beschäftigt seit den 1990er Jahren die Frage, ob dieses System stabil bleibt, wenn die Erde sich erwärmt. Seine Antwort ist unbequem. Die Strömung hat einen Kipppunkt, und die Menschheit schiebt sie mit ihren Emissionen in dessen Richtung.
Wie viele Menschen diese Frage umtreibt, zeigte sich am 7. Juli 2026. Zu einem Vortrag von Stefan Rahmstorf im Webinar „Europe Calling“ meldeten sich mehr als 11.000 Menschen an, so viele wie nie zuvor in der Reihe. Sie erlebten einen Forscher, der Gesichertes und Offenes sorgfältig auseinanderhält.
Inhalt
Wer ist Stefan Rahmstorf
Stefan Rahmstorf lehrt seit 2000 als Professor für Physik der Ozeane an der Universität Potsdam. Am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) forscht er seit 1996 und leitet dort seit 2005 die Forschungsabteilung Erdsystemanalyse, so steht es in seinem Lebenslauf beim PIK. Laut der Abteilungsseite des Instituts teilt er sich die Leitung heute mit Wolfgang Lucht.
Stefan Rahmstorf wurde 1960 in Karlsruhe geboren, so verzeichnet es die Deutsche Nationalbibliothek. Er studierte Physik in Ulm und Konstanz sowie Ozeanografie im walisischen Bangor. Seine Diplomarbeit galt der allgemeinen Relativitätstheorie, die Doktorarbeit schrieb er von 1987 bis 1990 in Wellington, Neuseeland. Nach Stationen in Neuseeland und am Institut für Meereskunde in Kiel habilitierte er sich 1998 mit einer Arbeit zur Stabilität der atlantischen Umwälzzirkulation.
„Klima ist letztlich Physik“, sagte Stefan Rahmstorf 2015 in einem Porträt der Universität Potsdam. Nach der Kosmologie habe er seine Arbeitskraft einem Thema widmen wollen, das auch den Menschen nützt. In demselben Gespräch berichtete er von persönlichen Angriffen und Drohungen aus einem kleinen, aber lautstarken Teil der Gesellschaft.
Neben der Forschung hat Stefan Rahmstorf die Politik beraten. Beim Weltklimarat IPCC war er Leitautor des Vierten Sachstandsberichts von 2007. Von 2004 bis 2013 saß er im Wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU). Die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften nahm ihn 2024 als Mitglied auf.
Stefan Rahmstorf hat die Blogs RealClimate und KlimaLounge mitgegründet, so steht es auf seiner Profilseite beim PIK. Mit Hans Joachim Schellnhuber schrieb er das Taschenbuch „Der Klimawandel“, das seit 2006 erscheint und 2019 die neunte Auflage erreichte. Die American Geophysical Union zeichnete ihn 2017 als ersten Forscher außerhalb der USA mit ihrem Preis für Klimakommunikation aus.
Was hat Stefan Rahmstorf über das Golfstromsystem herausgefunden
Die atlantische Umwälzzirkulation, kurz AMOC, trägt warmes Oberflächenwasser nach Norden, wo es abkühlt, absinkt und in der Tiefe zurückfließt. Der Golfstrom ist ihr bekanntester Teil. 1995 zeigte Stefan Rahmstorf in Nature mit einem Ozeanmodell, dass diese Zirkulation mehrere Gleichgewichtszustände besitzt. Schon mäßige Änderungen im Süßwasserzufluss können sie zwischen diesen Zuständen wechseln lassen, mit Temperatursprüngen von mehreren Grad innerhalb weniger Jahre.
Dieser Mechanismus erklärt, warum Schmelzwasser aus dem schwindenden Grönlandeis zum Risiko wird. Leichteres, salzärmeres Wasser sinkt schlechter ab und bremst die Umwälzung. Eine schwächere Umwälzung bringt wiederum weniger Salz nach Norden, die Bremse verstärkt sich selbst. 2002 fasste er in Nature zusammen, welche Rolle die Ozeanzirkulation bei den Klimasprüngen der vergangenen 120.000 Jahre spielte.
2015 legte Stefan Rahmstorf mit Kollegen in Nature Climate Change mehrere Belege für eine Abschwächung im 20. Jahrhundert vor, besonders nach 1970. Auffällig ist ein Gebiet südlich von Grönland, das sich gegen den globalen Trend abkühlt, der sogenannte Cold Blob. Die Autoren deuten diese Kälteblase als Folge geringeren Wärmetransports und stufen die Schwäche nach 1975 als beispiellos im vergangenen Jahrtausend ein. Seit 1990 habe sich die Strömung teilweise erholt.
Mit Levke Caesar bezifferte Stefan Rahmstorf 2018 in Nature den Rückgang auf rund drei Sverdrup seit Mitte des 20. Jahrhunderts, etwa 15 Prozent. Ein Sverdrup entspricht einer Million Kubikmeter Wasser pro Sekunde. 2021 werteten Caesar, Rahmstorf und Kollegen in Nature Geoscience Klimaarchive bis etwa zum Jahr 400 aus. In dieser Rekonstruktion war die AMOC in den vergangenen Jahrzehnten so schwach wie nie zuvor.
Ob die Strömung noch in diesem Jahrhundert kollabieren kann, ist unter Fachleuten umstritten. Die AMOC zählt zu den Kippelementen des Erdsystems, deren Schwellen Forschende weltweit eingrenzen.
Wie verknüpft Stefan Rahmstorf Erwärmung, Meeresspiegel und Hitzerekorde
Beim Meeresspiegel ging Stefan Rahmstorf 2007 in Science einen eigenen Weg. Er schlug einen semi-empirischen Ansatz vor, also eine Beziehung, die aus Messdaten abgeleitet und physikalisch begründet ist. Demnach wächst die Anstiegsrate des Meeresspiegels ungefähr proportional zur Erwärmung über dem vorindustriellen Niveau. Für das 20. Jahrhundert ermittelte er 3,4 Millimeter pro Jahr und Grad, übertragen auf die IPCC-Szenarien ergab das 0,5 bis 1,4 Meter Anstieg bis 2100 gegenüber 1990.
Mit Dim Coumou zeigte Stefan Rahmstorf 2011 in PNAS, wie ein Erwärmungstrend die Zahl der Hitzerekorde erhöht. Für den Moskauer Juli-Rekord 2010 schätzten beide die Wahrscheinlichkeit auf rund 80 Prozent, dass er ohne Erwärmung nicht eingetreten wäre. Im selben Jahr bereinigte er mit Grant Foster in Environmental Research Letters fünf Temperaturreihen um El Niño, Vulkanausbrüche und Sonnenschwankungen. Alle fünf zeigen seit 1979 eine Erwärmung von 0,014 bis 0,018 Grad pro Jahr, nach der Bereinigung mit gleichmäßigem Verlauf.
Die Befunde in der Übersicht stammen aus den Zusammenfassungen der Fachjournale und aus Rahmstorfs Lebenslauf beim PIK, Stand September 2026.
| Jahr | Fachjournal | Befund |
|---|---|---|
| 1995 | Nature | Atlantikzirkulation hat mehrere Gleichgewichte, Süßwasser kann Übergänge auslösen |
| 2002 | Nature | Überblick zu Ozeanzirkulation und Klima der vergangenen 120.000 Jahre |
| 2007 | Science | Meeresspiegel steigt bis 2100 um 0,5 bis 1,4 Meter gegenüber 1990 |
| 2011 | PNAS (mit Coumou) | Erwärmungstrend vervielfacht die Zahl der Hitzerekorde |
| 2011 | Environmental Research Letters (mit Foster) | Bereinigte Temperaturreihen zeigen gleichmäßige Erwärmung seit 1979 |
| 2015 | Nature Climate Change | AMOC-Schwäche nach 1975 beispiellos im vergangenen Jahrtausend |
| 2018 | Nature (Caesar et al.) | AMOC seit Mitte des 20. Jahrhunderts rund 15 Prozent schwächer |
| 2021 | Nature Geoscience (Caesar et al.) | Schwächste AMOC seit etwa dem Jahr 400 |
| 2025 | Environmental Research Letters (Drijfhout et al.) | Stillstand der nördlichen Umwälzung bis 2300 in 70 Prozent der Modelle bei sehr hohen Emissionen |
Wo widersprechen andere Forschende Stefan Rahmstorf
Der Meeresspiegel-Ansatz stieß früh auf Widerspruch. Im September 2007 erschienen in Science zwei Kommentare zu der Arbeit. Simon Holgate und Kollegen fanden den behaupteten linearen Zusammenhang nicht. Torben Schmith und Kollegen hielten die Schätzung des Koeffizienten für nicht robust und schlugen Methoden aus der Ökonometrie vor.
Heftiger ist der Streit um die Frage, ob die AMOC sich bereits abgeschwächt hat. Direkte Messungen gibt es erst seit 2004, mit dem Messfeld RAPID bei 26 Grad Nord. Eine Rekonstruktion von Emma Worthington und Kollegen in Ocean Science bestätigte 2021 ein Tief zwischen 2008 und 2012. Für die Jahre 1981 bis 2016 fand sie aber keinen Rückgang insgesamt.
Im Januar 2025 kamen Jens Terhaar und Kollegen in Nature Communications zu einem ähnlichen Ergebnis. Aus Wärmeflüssen zwischen Ozean und Atmosphäre schlossen sie, dass die AMOC bei 26,5 Grad Nord von 1963 bis 2017 im Zehnjahresmittel nicht schwächer wurde. In 24 Klimamodellen bildete die Temperatur der Kälteblase die Strömung zudem nicht verlässlich ab.
Stefan Rahmstorf antwortete im Februar 2025 im Blog KlimaLounge. Die Wärmeflüsse stammten aus Reanalysen, also Modellrechnungen, und seien viel ungenauer als gemessene Meerestemperaturen. Von 24 Modellen der Generation CMIP6 unterschätzten 23 die beobachtete Abkühlung im Cold Blob. Als Prüfstein für seinen Index taugten sie deshalb aus seiner Sicht schlecht.
Ein dritter Einwand betrifft die Zukunft. Eine Forschungsgruppe um Baker wertete 2025 in Nature 34 Klimamodelle aus. Demnach hält Auftrieb im Südpolarmeer eine geschwächte AMOC selbst unter extremen Bedingungen in Gang. Einen Kollaps in diesem Jahrhundert hält die Gruppe für unwahrscheinlich. Wie eng beide Ozeane gekoppelt sind, zeigt auch die Debatte um die südliche Umwälzzirkulation SMOC.
Was sagte Stefan Rahmstorf bei Europe Calling über das Kipprisiko
Beim Webinar „Europe Calling“ sprach Stefan Rahmstorf am 7. Juli 2026 über die Frage, ob die atlantische Meereszirkulation kippt. Die 266. Ausgabe der Reihe verzeichnete mit mehr als 11.000 Anmeldungen einen Rekord. Die Aufzeichnung ist öffentlich abrufbar.
„Die Physik dahinter ist verstanden“, sagte Stefan Rahmstorf über die Rückkopplung, bei der eine geschwächte Strömung weniger Salz nach Norden bringt. „Was wir nicht wissen, ist, wie nah der Kipppunkt ist“, räumte er im selben Atemzug ein. Die Abkühlung südlich von Grönland las er auch an diesem Abend als Fingerabdruck der schwächelnden Umwälzung.
Jahrzehntelang habe die Forschung das Kollapsrisiko auf unter zehn Prozent geschätzt, berichtete Stefan Rahmstorf. Frühere IPCC-Berichte nannten einen abrupten Kollaps vor 2100 sehr unwahrscheinlich, in der Sprache des IPCC weniger als zehn Prozent. Mit Sybren Drijfhout und Kollegen wertete er im August 2025 in Environmental Research Letters Modellläufe bis 2300 aus. Bei sehr hohen Emissionen steuern 70 Prozent der Modelle auf einen Stillstand der nördlichen Umwälzung zu, bei mittleren 37 und bei niedrigen 25 Prozent.
„Sie würden nicht in einen Flieger steigen mit drei Prozent Absturzwahrscheinlichkeit“, sagte Rahmstorf. Ein Risiko bemisst er als Eintrittswahrscheinlichkeit mal Schwere der Folgen. Die Folgen eines versiegenden Golfstromsystems wären nach seinen Worten gewaltig.
Einen Teil des Abends nutzte er, um kursierende Grafiken zu prüfen. Eine als globale Erwärmung beschriftete Kurve aus einem grönländischen Eisbohrkern endet nach seiner Analyse schon 1855, vor der modernen Erwärmung. Sie bildet zudem nur einen einzelnen Ort auf dem Eisschild ab. Für seine deutlichen Worte, auch zur Klimapolitik der AfD, habe er Morddrohungen erhalten, berichtete Rahmstorf.
Warum zählt Rahmstorfs Forschung für die Energiewende
Die Zahlen aus der Studie von 2025 zeigen einen Hebel, den Politik und Wirtschaft in der Hand haben. Zwischen sehr hohem und niedrigem Emissionspfad sinkt der Anteil der Modelle mit Stillstand von 70 auf 25 Prozent. Jede Tonne CO2, die sich mit Solarstrom, Wärmepumpe und Elektroauto einsparen lässt, zählt deshalb auch im Nordatlantik.
In den Modellen kühlt Nordwesteuropa im Fall eines Stillstands stark ab. Die Wärmeabgabe des Ozeans nördlich von 45 Grad fällt dort auf weniger als ein Fünftel des heutigen Werts. Heizbedarf, Stromnetze und Landwirtschaft müssten dann auf ein anderes Klima ausgelegt werden als das, mit dem Planer heute rechnen.
Die Technik für einen schnellen Umstieg sei vorhanden, sagte Stefan Rahmstorf bei Europe Calling. Klimaschutz müsse dafür fast wie im Verteidigungsfall zur obersten Priorität der Politik werden. Wie sich ein solcher Umstieg selbst beschleunigen kann, sobald saubere Technik billiger ist als fossile, beschreiben Forschende als positive Kipppunkte.
Für Betreiber von Häfen, Offshore-Windparks und Seekabeln zählt beim Meeresspiegel die obere Spanne der Projektionen. Rahmstorfs Ansatz von 2007 reicht bis 1,4 Meter im Jahr 2100. Trotz der Kritik an seiner Statistik taugt dieser Wert als Stresstest für jede Anlage, die bis zum Ende des Jahrhunderts am Wasser stehen soll.
QUELLEN
- Deutsche Nationalbibliothek: GND-Eintrag Stefan Rahmstorf, abgerufen 29.09.2026.
- Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften: Mitglied Stefan Rahmstorf, abgerufen 29.09.2026.
- PIK: Der Klimawandel, von Stefan Rahmstorf und Hans Joachim Schellnhuber, abgerufen 29.09.2026.
- Europe Calling: #266 Klima-Wissenschaftsupdate mit Prof. Stefan Rahmstorf „Kippt die atlantische Meereszirkulation?“, 07.07.2026.