Magnet-Schultz: Chef wirbt für Kohle, Betrieb baut die Wende

ENERGIEPOLITIK · 08. JULI 2026

Magnet-Schultz baut die Wende, der Chef redet dagegen

Der Memminger „Mittelständler“ und „Hidden Champion“ Magnet-Schultz steigt auf Fernwärme und Photovoltaik um und will bis 2035 klimaneutral werden. Sein Geschäftsführer Dr. Albert W. Schultz wirbt in einem Interview für längere Kohle-Laufzeiten, neue Reaktoren und schwächere Klimaziele.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 6 Min. Lesezeit


„Wir lassen uns an regionale und nachhaltige Fernwärmenetze anschließen": So beschreibt Dr. Albert W. Schultz, seit 2015 CEO des Memminger Elektromagnet-Herstellers Magnet-Schultz (MSM), im Interview mit der Augsburger Allgemeinen den eigenen Weg aus der Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen. Es ist exakt das, was sein Betrieb gerade umsetzt: Anschluss an ein neues Fernwärmenetz, eigener Solarstrom vom Flughafen Allgäu, ein Klimaziel für 2035.

Im selben Gespräch fordert Schultz längere Laufzeiten für Kohlekraftwerke, setzt auf kleine Modulreaktoren (SMR) und Kernfusion als Antwort auf eine aus seiner Sicht drohende Versorgungslücke und verlangt eine Flexibilisierung der deutschen Klimaziele. Er spricht dabei mit Verbandsmandat: Schultz sitzt in der Vollversammlung der IHK Schwaben, die eine Resolution mit derselben Forderung verabschiedet hat.

So berichtet
So berichtet die Augsburger Allgemeine am 15. Juni 2026 über Magnet-Schultz (Quelle).

Batteriespeicher hält er für ungeeignet zur Versorgungssicherheit, negative Strompreise für einen Beleg von Überförderung der Erneuerbaren. Den deutschen Industriestrompreis vergleicht er mit einem besonders günstigen US-Wert und kommt auf mehr als das Dreifache.

Cleanthinking hat die zentralen Zahlen des Interviews an offiziellen Statistiken geprüft, von der US-Energiebehörde EIA bis zur Bundesnetzagentur. Eine ausführliche Einordnung liefert zudem Dr. Mario Buchinger: Der promovierte Physiker und Transformationsexperte leitet das RestartThinking Institut für nachhaltige Transformation und nimmt Interviews wie dieses regelmäßig in seinem YouTube-Format auseinander. Sein Befund: Mehrere der zentralen Zahlen halten der Prüfung nicht stand.

Die Zahlen hinter den Behauptungen

Schultz beziffert den US-Industriestrompreis mit 4,9 US-Cent pro Kilowattstunde all-in, den deutschen mit mehr als dem Dreifachen. Die US-Energiebehörde EIA weist für 2025 einen landesweiten Durchschnitt von rund 8,6 US-Cent je Kilowattstunde für Industriekunden aus, mit steigender Tendenz. Die Bundesnetzagentur nennt für deutsche Industriekunden 2025 rund 18 Cent ohne und rund 12 Cent mit Entlastungen, der reale Abstand liegt damit eher beim Faktor zwei als beim Faktor drei.

Als Beleg für eine Versorgungslücke nennt Schultz den Stahlhersteller Georgsmarienhütte, den die Bundesnetzagentur wiederholt gebeten habe, seine Produktion abzuschalten, weil nicht genug Strom da sei. Tatsächlich drosselte das Werk seine energieintensive Produktion aus Kostengründen: Bei den zeitweise hohen Strompreisen rechnete sie sich schlicht nicht mehr. Die Versorgung selbst war gesichert.

Für die tatsächliche Versorgungslücke hat die Bundesnetzagentur im September 2025 einen Bedarf an zusätzlichen steuerbaren Kapazitäten von 22 bis gut 35 Gigawatt bis 2035 ermittelt. Gedeckt werden kann dieser Bedarf über Gaskraftwerke, aber auch über Speicher, Lastmanagement und Netzausbau, eine Vorgabe für Gas allein macht die Behörde nicht.

Die von Schultz favorisierten kleinen Modulreaktoren nennt der Transformationsforscher Buchinger „PowerPoint-Reaktoren": Kommerziell im großen Maßstab sind sie nirgends verfügbar und tendenziell teurer als konventionelle Großkraftwerke, Kernfusion bleibt ein Ziel für die zweite Jahrhunderthälfte.

Schultz warnt, Deutschland könne seine Klimaziele nicht einhalten, ohne die Industrie zu schwächen, und verweist auf ein IPCC-Szenario, das inzwischen als unwahrscheinlich gilt. Das damit gemeinte RCP8.5, das pessimistischste Emissionsszenario des Weltklimarats, hat mit dem deutschen Klimaneutralitätsziel für 2045 keinen direkten Zusammenhang, aus seiner Unwahrscheinlichkeit folgt kein Argument gegen das Ziel.

Wirtschaftlich zeigt die Internationale Energieagentur das Gegenteil seiner These: 2025 fließen laut IEA weltweit 2,2 Billionen US-Dollar in Erneuerbare, Netze, Speicher und Effizienz, gut doppelt so viel wie die 1,1 Billionen US-Dollar für Öl, Gas und Kohle.

Nach 25 Jahren EEG-Förderung seien Wind- und Solarstrom offenbar die falschen Technologien, sonst wären sie längst wettbewerbsfähig, so Schultz. Tatsächlich sind Photovoltaik und Windkraft heute die einzigen Erzeugungsformen, die neu gebaut ohne laufende Förderung am Markt bestehen, große Anlagen erhalten längst keine EEG-Vergütung mehr.

Das Umweltbundesamt bezifferte die umweltschädlichen Subventionen in Deutschland für das Jahr 2018 auf rund 65 Milliarden Euro, knapp 39 Prozent davon im Energiebereich. Kernkraft wiederum war historisch nie ohne staatliche Haftungsfreistellung tragfähig.

Negative Strompreise deutet Schultz als Beweis für eine Überförderung von Sonne und Wind. Sie zeigen vor allem einen funktionierenden Markt bei fehlender Speicher- und Netzkapazität, verschärft durch träge Kohle- und Kernkraftwerke, die sich nicht schnell genug herunterfahren lassen. Wegen Netzengpässen abgeregelt wurden 2024 nur rund 3,5 Prozent der erzeugbaren Strommenge aus Erneuerbaren, wie Zahlen der Bundesnetzagentur zeigen, während Batteriespeicher rasant günstiger werden und längst zur Versorgungssicherheit beitragen.

Was Magnet-Schultz selbst schon umsetzt

Magnet-Schultz ist ein Familienunternehmen in vierter Generation, 1912 in Memmingen gegründet, heute mit rund 2.450 Beschäftigten weltweit einer von Deutschlands anerkannten Weltmarktführern für elektromagnetische Aktoren, Sensoren und Ventile. Im Geschäftsjahr 2023/24 erzielte die Gruppe einen Umsatz von rund 423 Millionen Euro.

Der Bayerische Rundfunkt porträtierte die Unternehmensgruppe kürzlich im Rahmen einer „Hidden Champions“-Serie:

Der Standort Memmingerberg bezieht seit 2022 zu 100 Prozent regenerative Fernwärme. Der Hauptstandort an der Allgäuer Straße steigt ab 2026 von Erdgas auf Fernwärme aus dem neuen Energiezentrum Memmingen-Benningen um, das Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche im März 2026 eröffnete und das Holzhackschnitzel, Solar-Wärmepumpen und industrielle Abwärme kombiniert. MSM spart dadurch nach eigenen Angaben bis zu 500 Tonnen CO2 im Jahr und speist zugleich eigene Prozessabwärme ins Netz ein.

Am Flughafen Allgäu betreibt MSM eine gepachtete 5-Megawatt-Solaranlage mit rund 5,2 Gigawattstunden Jahresertrag, ergänzt durch einen Ökostrom-Liefervertrag mit den Stadtwerken VWEW Kaufbeuren. Nach eigenen Angaben spart die Anlage rund 2.300 Tonnen CO2 pro Jahr, Ziel ist die CO2-Neutralität aller schwäbischen Standorte bis 2035.

Die Zukunftsfelder von MSM liegen in der Hochdruck-Ventiltechnik für Wasserstoff und Brennstoffzellen sowie in Sensor- und Ventileinheiten für die Elektroachsen von ZF. Ein Weltmarktführer mit Wachstumsfeldern in Wasserstoff und Elektromobilität braucht eine funktionierende Energiewende, seine Zukunft hängt an ihr.

Die offene Frage

Seit 2013 engagiert sich Schultz in der IHK-Vollversammlung, die Resolution zur Flexibilisierung der Klimaziele lobte er im Interview ausdrücklich. Bei Kommunen, Kammern und anderen Mittelständlern haben solche Stimmen Gewicht weit über Memmingen hinaus. Zuletzt wandten sich über 1.000 IHK-Mitglieder gegen die abgeschwächten Klima-Positionen der DIHK.

Warum ein Unternehmer, dessen eigener Betrieb die Transformation so konsequent mitgestaltet, öffentlich mit dem Vokabular des fossilen Lagers wirbt, bleibt offen.

QUELLEN

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  1. Augsburger Allgemeine, Michael Kerler: Mittelständler aus dem Allgäu warnt vor raschem Kohleausstieg (Interview mit Dr. Albert W. Schultz), 15.06.2026, akt. 18.06.2026
  2. RestartThinking / Dr. Mario Buchinger: Video-Einordnung des Schultz-Interviews, YouTube, 2026
  3. U.S. Energy Information Administration (EIA): Electric Power Monthly, Industriestrompreise, 2025
  4. Bundesnetzagentur / Bundesministerium für Wirtschaft und Energie: Bericht Versorgungssicherheit Strom 2025, September 2025
  5. International Energy Agency (IEA): World Energy Investment 2025
  6. Umweltbundesamt: Umweltschädliche Subventionen in Deutschland, Datenbasis 2018
  7. Bundesnetzagentur (zitiert nach Photon): Im Jahr 2024 erreichten 96,5 Prozent des erzeugten EE-Stroms den Endverbraucher, 2025
  8. Hasepost: Strom zu teuer: Georgsmarienhütte stellt Stahl-Produktion ein, 20.01.2025
  9. Die Deutsche Wirtschaft: Magnet-Schultz GmbH & Co. KG (Memmingen) im Ranking der deutschen Top-Unternehmen
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