Ein industrieller Wärmespeicher, der auch Regelenergie liefert

DEKARBONISIERUNG · 3. JULI 2026

Industrieller Wärmespeicher: Versorgungssicherheit, Kosten und Regelenergie in einer Anlage

Versorgungssicherheit, wettbewerbsfähige Wärmekosten, Dekarbonisierung: Diese drei Fragen entscheiden heute, ob ein Industriebetrieb in einen neuen Wärmespeicher investiert. Der Heatcube der Kyoto Group beantwortet sie mit einer Anlage aus flüssigem Salz, die Prozessdampf liefert, Energiekosten drückt und zugleich als Regelenergieressource arbeitet.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 7 Min. Lesezeit LESEN


Bis vor rund fünf Jahren war Versorgungssicherheit für die meisten Industriebetriebe eine Selbstverständlichkeit. Gas kam zuverlässig und günstig aus der Leitung, die einzige offene Frage war die ökologische: irgendwann dekarbonisieren, aber ohne Eile. Das habe sich grundlegend verschoben, sagt Tim de Haas, Chief Commercial Officer der norwegischen Kyoto Group, im Gespräch mit Cleanthinking.de. Das klassische energiewirtschaftliche Zieldreieck aus Versorgungssicherheit, Wirtschaftlichkeit und Ökologie werde heute komplett neu verhandelt, weil Unternehmen das Risiko einer nicht mehr uneingeschränkt verfügbaren Gasversorgung längst als real erkannt hätten.

Dahinter steckt eine strukturelle Lücke, die die Energiewende lange ausgespart hat. 75 Prozent der industriellen Prozesswärme in der EU entstammen noch fossilen Quellen, Strom deckt gerade vier Prozent - so das Fraunhofer ISI in seiner Analyse des EU-Auktionsdesigns zur Prozesswärme. „Industriebetriebe brauchen typischerweise zwei Drittel ihrer Energie als Wärme und nur ein Drittel als Strom", erläutert de Haas. Den Strom hat die Dekarbonisierung vielerorts im Griff, die Wärme holt gerade auf.

Die Antwort des Cleantech-Unternehmens Kyoto Group heißt Heatcube, also industrieller Wärmespeicher. Das System nutzt flüssiges Salz, das auf über 415 Grad Celsius aufgeheizt wird und die Energie als Hitze speichert. Wenn der Betrieb Dampf braucht, gibt die Salzschmelze die Wärme bei 150 bis 300 Grad Celsius ab.

De Haas beschreibt das Grundprinzip: „Für alle drei Schritte benutzen wir das gleiche Medium." Heizen, Speichern, Übertragen - dasselbe Salz, kein Medientausch, kein Zwischensystem. Weil die Schmelze fließt, kann die Anlage gleichzeitig laden und entladen, ohne die laufende Dampfversorgung zu unterbrechen.

Ungarn: die Anlage, die für die Industrie repräsentativ ist

Zwei Heatcube-Anlagen sind aktuell in Betrieb, in Dänemark und bei KALL Ingredients in Ungarn. Der industrielle Wärmespeicher in Ungarn hat nach Unternehmensangaben rund 56 Megawattstunden Speicherkapazität und ist damit nach Angaben von de Haas der größte elektrifizierte thermische Speicher für die Industrie in Europa, deutlich größer als das dänische Projekt.

KALL Ingredients deckte seinen Dampfbedarf bislang teils über eine bestehende Biomasseanlage, den Rest über Erdgas. Für eine eigene Investition in zusätzliche Kapazität fehlte dem Unternehmen das Kapital. Kyoto Group stieg über sein Heat-as-a-Service-Modell ein: Das Unternehmen finanziert und betreibt den Heatcube, KALL Ingredients bezieht ausschließlich den fertigen Dampf, ohne eigene Investition.

Der Heatcube ersetzt dabei den bisherigen Gasanteil, die Biomasseanlage bleibt im Einsatz. Es ist ein Beispiel für Technologie-Kombination statt Alleinlösung, genau die Konstellation, die de Haas als typisch für die Industrie beschreibt: „Kein Unternehmen kann von sich behaupten, dass es die eine Lösung für alles hat. Die Dekarbonisierung wird ein Puzzle."

Die Anlage in Ungarn war zudem die erste, die Kyoto Group über eine klassische Projektfinanzierung realisiert hat, nicht mehr allein über die eigene Bilanz. Für ein noch junges Speicherunternehmen ist das ein eigener Meilenstein: Projektfinanzierer bewerten den Heatcube inzwischen als finanzierbares Infrastrukturprojekt.

Das Profil von KALL Ingredients trifft laut de Haas den typischen Zielkunden genauer als das dänische Pilotprojekt: industrielle Größe, bestehende Dampfversorgung, der Bedarf an Versorgungssicherheit, planbaren Wärmekosten und Dekarbonisierung, ohne dass eine der drei Fragen die andere aussticht.

Aalborg: der regulatorische Präzedenzfall

Am Hafengelände Norbis Park in Aalborg steht die zweite Kyoto-Anlage, 5 Megawatt Ladeleistung, 18 Megawattstunden Kapazität, angeschlossen an das kommunale Fernwärmenetz und an das dänische Übertragungsnetz. De Haas bezeichnet Aalborg selbst als kommerziellen Piloten: Das Projekt sei bewusst so gewählt worden, dass sich in den nachfrageschwachen Sommermonaten Tests fahren ließen, und sei damit nicht unbedingt repräsentativ für einen typischen Industriekunden.

Trotzdem bleibt Aalborg regulatorisch relevant. Die Anlage spart nach Unternehmensangaben rund 2.000 Tonnen CO₂ pro Jahr und ist das erste Projekt weltweit, bei dem eine Salzschmelze kommunalen Fernwärmedampf liefert. Netzbetreiber Energinet hat den Heatcube zusätzlich für den Regelenergiemarkt DK1 zugelassen, nach Unternehmensangaben als erster und einziger Salzschmelze-Speicher weltweit. Die Anlage kann automatische Frequenzregelung (aFRR) und manuelle Regelleistung (mFRR) anbieten, Reaktionszeit unter drei Sekunden.

Für die Branche ist das ein Präzedenzfall: Ein thermischer Industriespeicher gilt im dänischen Regelenergiemarkt als vollwertiger Akteur neben Batteriespeichern. Ein Betrieb, der seinen Wärmespeicher als Flexibilitätsressource anmeldet, entkoppelt sich vom Echtzeitpreis des Stroms und bietet dem Netzbetreiber einen zusätzlichen Dienst an. De Haas: „Wenn du Dampf brauchst, speichere die Energie in Form von Wärme."

Andere Wärmespeicher für Industriedampf arbeiten mit Feststoffen. EnergyNest speichert Wärme in Spezialbeton (40 MWh bei tesa in Hamburg, noch kein Spatenstich), Rondo Energy in Backsteinen (100 MWh bei Covestro in Brunsbüttel, Spatenstich Januar 2026). Beide Ansätze brauchen ein zweites Medium, üblicherweise Thermalöl oder Luft, um Wärme hinein- und herauszutransportieren, weil der Feststoff selbst nicht fließen kann.

CAPEX gegen OPEX: Wo sich die Wirtschaftlichkeit entscheidet

Ein Elektrokessel ist in der Anschaffung günstiger als ein Heatcube, das ist unstrittig. Wer nur auf die Investitionskosten schaut, landet fast automatisch beim Elektrokessel. Doch die reine CAPEX-Sicht blendet aus, wie die Anlage im Betrieb dasteht: Ein Elektrokessel ohne Speicher ist dem Spotmarktpreis für Strom in jeder Stunde direkt ausgesetzt, ohne Möglichkeit, teure Stunden zu meiden.

Der Heatcube kostet in der Anschaffung mehr, verschiebt die eigentliche Wirtschaftlichkeitsfrage aber auf die Betriebskosten. Weil die Anlage Strom einkauft, wenn er günstig ist, und die Energie als Wärme für spätere Stunden speichert, wird Dekarbonisierung zu einem OPEX-Thema statt einem CAPEX-Thema: Der laufende Betrieb entscheidet über die Wirtschaftlichkeit, nicht allein die Investitionssumme. Diese Rechnung gilt es im Einzelfall gegen die höhere Anfangsinvestition zu stellen, eine Aussage von Kyoto Group selbst zur genauen Kostenverteilung steht noch aus.

Für wen sich das rechnet

Der Heatcube ist nicht für jeden Betrieb gebaut. Als groben Orientierungswert nennt de Haas mehr als zehn Gigawattstunden Dampfbedarf im Jahr, direkten Netzzugang und im besten Fall noch zusätzlich eine lokale Stromgenerierung durch Solar- oder Windanlagen. Papierfabriken, Chemiebetriebe und Lebensmittelproduzenten mit kontinuierlichem Hochdampfbedarf kommen eher infrage als Mittelständler mit kleinerem oder saisonalem Wärmebedarf. Die wichtigsten Nachfragemärkte sieht de Haas aktuell in Spanien, Frankreich, Deutschland, den Niederlanden und Dänemark.

Eine der Hürden für den Einsatz in deutschen Verteilnetzen ist die Sorge um den Strombezug: „Wenn die Strompreise an der Börse hoch sind, wollen wir aber gar nichts speichern - wenn wir also Strom verwenden, dann ist er auch entsprechend verfügbar", so de Haas. Gelingt ein politischer Schritt in Richtung Flexibilisierung der Netzanschlüsse, wie auch in dieser Fraunhofer-Studie gefordert, kann die Lösung auch deutschen Industrieunternehmen bei der Dekarbonisierung helfen.

Die EU-Prämie für Speicher

Im Dezember 2025 startete die EU-Kommission eine Pilotauktion zur Elektrifizierung industrieller Prozesswärme aus dem Innovation Fund mit einer Milliarde Euro; die ersten Ergebnisse liegen vor und zeigen Zuschläge für Projekte in der Papier-, Glas-, Chemie- und Pharmaindustrie, vorwiegend in Frankreich, Spanien und Deutschland. Das Fraunhofer ISI hat das Auktionsdesign analysiert und auf eine Kernregel hingewiesen: Alle geförderten Projekte unterliegen einer Kapazitätsbeschränkung, die jährlich förderfähige Wärmemenge darf 70 Prozent der installierten Kapazität nicht überschreiten, damit elektrifizierte Anlagen nicht in Netzknappheitsphasen Strom ziehen.

Projekte mit integriertem Wärmespeicher sind von dieser Grenze ausgenommen, weil sie systemdienlich sind: Sie laden, wenn Strom reichlich vorhanden ist, und entlasten das Netz in teureren Stunden. Der industrielle Wärmespeicher gilt in der EU-Förderarithmetik künftig nicht nur als Dekarbonisierungswerkzeug, sondern als Netzressource.

Wer beim Bau einer neuen Wärmeanlage die Frage industrieller Wärmespeicher mitdenkt, hat einen strukturellen Vorteil. KALL Ingredients und Aalborg haben diesen Anspruch bereits operativ eingelöst, aus zwei unterschiedlichen Richtungen: das eine als industrielles Referenzprojekt, das andere als regulatorischer Präzedenzfall.

QUELLEN

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  1. Kyoto Group: Whitepaper „Heating the way forward", Lars Martinussen (Commercial Director Northern Europe), 2025
  2. Kyoto Group: Heatcube-Produktbroschüre 2026
  3. Fraunhofer ISI: „Industriewaerme elektrifizieren: Neues EU-Auktionsdesign im Ueberblick", 13. Oktober 2025
  4. EU Innovation Fund: IF25 Heat Auction - Selected Projects, 2026
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