Eisverlust lässt den Meeresspiegel um drei Zentimeter steigen

WISSENSCHAFT · 16. SEPTEMBER 2026

Eisverlust in Grönland und Antarktis: 11 Billionen Tonnen

Ein internationales Forscherteam hat mit Unterstützung der TU Dresden die längste Messreihe zum antarktischen und grönländischen Eisschild vorgelegt. Vier Fünftel des Eises verschwinden nicht durch Schmelze, sondern durch Gletscher, die immer schneller ins Meer fließen.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 4 Min. Lesezeit LESEN


Verteilt über die Fläche Deutschlands ergäbe der Eisverlust in Grönland und der Antarktis in den letzten fünf Jahrzehnten eine Wasserschicht von gut 30 Metern. Über die Weltmeere verteilt bleiben von den 11 Billionen Tonnen drei Zentimeter. Auf die beiden Eisschilde entfällt damit heute rund ein Viertel des globalen Meeresspiegelanstiegs.

Hinter der Auswertung stehen 37 Forschungseinrichtungen, die ihre Satellitendaten im Vergleichsprojekt IMBIE zusammenlegen. Sie prüften 42 unabhängige Analysen, gestützt auf 27 Satellitenmissionen. Für Grönland reichen die Daten dank alter Landsat-Aufnahmen bis 1972 zurück, für die Antarktis bis 1979. Die Studie erscheint im Fachblatt Scientific Data.

Gletscher fließen schneller, statt an der Oberfläche zu schmelzen

84 Prozent des Eisverlusts gehen auf schneller fließende Gletscher zurück. Wärmeres Meerwasser greift sie dort an, wo sie den Ozean erreichen. Nur 16 Prozent entfallen darauf, dass an der Oberfläche mehr Eis schmilzt, als Schnee nachfällt.

Den größten Teil des Eises hätten die Gletscher in den Ozean transportiert, „anstatt an der Oberfläche zu schmelzen", sagt Inès Otosaka. Sie forscht an der Northumbria University in Newcastle und hat die Studie geleitet. Der langfristige Trend gehe darauf zurück, wie die Eisschilde auf einen wärmeren Ozean reagieren.

Am deutlichsten zeigt sich das in der Westantarktis. Dort stieg der Eisverlust in jedem Jahrzehnt seit den 1980er Jahren, von 29 auf zuletzt 163 Milliarden Tonnen im Jahr. Allein zwischen 2020 und 2023 nahm der Abfluss noch einmal um 38 Prozent zu.

Scherzone des Pine-Island-Gletschers in der Westantarktis als Sinnbild für den Eisverlust in Grönland und Antarktis durch beschleunigte Gletscherbewegung
Scherzone des Pine-Island-Gletschers: Das Eis ist bereits aufgeschwommen und wird durch Scherkräfte in Eisberge zerteilt. Mirko Scheinert, TU Dresden

Haupttreiber sind der Pine-Island- und der Thwaites-Gletscher. Cleanthinking hatte bereits vor einer Zersplitterung des Thwaites-Eisstroms gewarnt. Im Frühjahr 2026 kamen Risse im Schelfeis dazu, dem auf dem Meer aufschwimmenden Teil des Gletschers. Forscher verglichen das Muster mit einer zersplitternden Windschutzscheibe.

Rekordschneefall bremst den Verlust vorübergehend

Die letzten vier Jahre der Messreihe, 2020 bis 2023, zeigen eine Verlangsamung. Rekordschneefälle ließen die Ostantarktis sogar wieder Masse gewinnen, nach fast fünfzig Jahren im Gleichgewicht. Die Unsicherheit ist dort allerdings groß: Dem Zuwachs von 92 Milliarden Tonnen im Jahr steht eine Schwankungsbreite von 63 Milliarden Tonnen gegenüber. Auch auf der Antarktischen Halbinsel fiel der Verlust geringer aus als in den 2000er Jahren, als dort Schelfeisplatten zusammenbrachen.

In Grönland verringerten mildere Sommer zugleich die Schmelze an der Oberfläche. Am Abfluss der Gletscher änderte das wenig, er blieb auf dem Niveau der 2010er Jahre. Die Autoren stufen die Entwicklung als kurzfristige Schwankung ein und warnen davor, sie für eine Trendwende zu halten.

Die Messreihe erfasst, was bereits passiert ist. Davon zu trennen ist die Frage nach einem künftigen Kipppunkt. Eine Modellstudie hatte für das grönländische Eisschild eine Schwelle von 1,7 bis 2,3 Grad Erwärmung errechnet. Ab dieser Schwelle könnte der Eisschild langfristig unaufhaltsam zerfallen.

TU Dresden wiegt das Eis aus dem Orbit

Vier Wissenschaftler der TU Dresden steuerten dazu zwei Bausteine bei. Zum einen Höhenmessungen, mit denen Satelliten die Oberfläche der Eisschilde abtasten. Zum anderen winzige Schwankungen der Erdanziehungskraft. Wo Eis verschwindet, nimmt die Masse ab, und genau das lässt sich aus dem Orbit messen.

Der Methodenvergleich mache „gleichzeitig weiteren Forschungsbedarf deutlich, zum Beispiel für die Ostantarktis", sagt Martin Horwath. Der Professor für Geodätische Erdsystemforschung an der TU Dresden gehört zum Leitungsgremium des Projekts.

Wie schnell die Eisschilde weiter Masse verlieren, bleibt die größte Unsicherheit in den Projektionen zum Meeresspiegel. Davon hängt ab, mit welchem Anstieg Küstenregionen in den kommenden Jahrzehnten planen müssen. Dort leben mehrere hundert Millionen Menschen. Eine Messreihe über ein halbes Jahrhundert grenzt diese Spanne ein.

QUELLEN

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  1. Scientific Data (Nature): Mass balance of the Greenland and Antarctic ice sheets from the 1970s to 2023, 2026.
  2. TU Dresden: Pressemitteilung zur IMBIE-Studie, September 2026.
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