Thwaites-Schelfeis zerbricht: Forscher entdecken Risse wie in einer Windschutzscheibe

KLIMAPOLITIK · 24. MAI 2026

Thwaites-Schelfeis zerbricht: Forscher entdecken Risse wie in einer Windschutzscheibe

Das Schelfeis, das den antarktischen Thwaites-Gletscher stabilisiert, droht zu zerbrechen. Eine neue Studie dokumentiert Risse, die sich ausbreiten wie in einer splitternden Autoscheibe. ZDF-Meteorologe Özden Terli mahnt: Wer Fakten verdränge, wache in einer anderen Welt auf.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 4 Min. Lesezeit LESEN


Das Thwaites Eastern Ice Shelf (TEIS) verliert seinen Halt. Eine im Journal of Geophysical Research: Earth Surface veröffentlichte Studie wertet Satellitenbilder und GPS-Daten von 20 Jahren aus. Das Ergebnis: Das Schelfeis ist von tiefen Rissen durchzogen, die sich immer weiter ausbreiten.

Christian Wild von der Universität Innsbruck beschreibt das Muster mit einem Bild aus dem Alltag. Die Risse breiteten sich aus wie in einer Windschutzscheibe, die zu zerspringen beginnt. Erst reißt das Glas an einer Stelle, dann verliert die ganze Scheibe ihre Stabilität.

Das Schelfeis ist eine schwimmende Eisplatte, die der Gletscher ins Meer schiebt. Es wirkt wie ein Korken: Solange es hält, bremst es den Eisstrom vom Festland. Bricht es, kann der Gletscher ungebremst ins Meer fließen. Genau das macht den Befund so brisant.

Warum das Thwaites-Schelfeis seinen Ankerpunkt verliert

Der Thwaites-Gletscher in der Westantarktis ist etwas größer als Florida. Wegen seiner Schlüsselrolle für den Westantarktischen Eisschild trägt er den Beinamen „Weltuntergangsgletscher". Schon heute verliert er jährlich rund 50 Milliarden Tonnen Eis und verursacht damit etwa vier Prozent des globalen Meeresspiegelanstiegs.

Das östliche Schelfeis hielt das Eis bisher an einem Unterwasserhügel zurück, dem sogenannten Pinning Point. Wärmeres Meerwasser hat die Eisplatte von unten ausgedünnt. Gleichzeitig drückt von hinten Eis nach. An der Aufsetzstelle entstehen so erst lange Längsrisse, dann viele Querrisse, bis das Eis zersplittert.

Karen Alley von der University of Manitoba ordnet die Entwicklung ein: Aus einem dicken, stabilen Schelfeis sei ein dünnes, schwaches geworden, das nun genau dort breche, wo es früher Halt gab. Rob Larter von der International Thwaites Glacier Collaboration hält den Zeitpunkt des Kollapses für kaum vorhersehbar. Vorsorglich liege bereits eine Pressemitteilung als „Nachruf" auf das Schelfeis bereit.

Kollabiert der Gletscher, könnte der Meeresspiegel um 65 Zentimeter steigen. Würde er benachbarte Gletscher mitreißen, wären langfristig bis zu 3,3 Meter möglich. Küstenstädte wie Hamburg, New York und Miami stünden dann unter deutlich höherem Flutrisiko. Wie sich der Gletscher entwickelt, ordnet ein ausführliches Hintergrundstück zum antarktischen Weltuntergangsgletscher ein.

Was sind VibroSeis-Messungen?

Um zu verstehen, wie ein Gletscher aufgebaut ist, nutzen Forscher die VibroSeis-Methode. Ein speziell ausgerüstetes Fahrzeug sendet dabei kontrollierte Schwingungen in das Eis. Diese Wellen werden an verschiedenen Schichten reflektiert, an der Grenze zwischen Eis und Gestein ebenso wie am Übergang zum Meerwasser. Aus den zurücklaufenden Echos lässt sich die Dicke des Eises und die Form des Untergrunds rekonstruieren. So entsteht ein Bild davon, wo warmes Wasser unter den Gletscher gelangt und wie stabil er noch auf seinem Untergrund aufliegt. Das Aufmacherbild zeigt eine solche VibroSeis-Kampagne auf dem Thwaites-Gletscher.

Terlis Mahnung: keine Good News, sondern Fakten

ZDF-Meteorologe Özden Terli teilte die Meldung mit einem süffisanten Kommentar. Sinngemäß schrieb er, vermeintlich gute Nachrichten seien „Hopium" - ein Wortspiel aus Hope und Opium. Wer Fakten verdränge, wache am Ende in einer radikal anderen Welt auf. Womöglich auch eine Anspielung Terlis auf die skurrile Debatte rund um das RCP-8.5-Klimaszenario.

Der Punkt dahinter ist ernst. Beschönigende Klimakommunikation kann Aufschub suggerieren, den es physikalisch nicht gibt. Das Thwaites-Schelfeis reagiert nicht auf Stimmungen, sondern auf Wassertemperaturen. Genau diese Temperaturen steigen, weil die Welt weiter Treibhausgase ausstößt.

Das Abbrechen von Schelfeis ist ein natürlicher Vorgang. Die vom Menschen verursachte Erderwärmung beschleunigt ihn jedoch erheblich. Stabil bleibt ein Schelfeis nur, wenn Ozean und Atmosphäre kalt genug sind. Beides erwärmt sich - mit absehbaren Folgen für das Eis.

Was der Befund für die Energiewende bedeutet

Für Leserinnen und Leser, die die Energiewende verfolgen, ist der Befund ein Argument gegen jedes Aufschieben. Jede Tonne CO₂, die nicht in die Atmosphäre gelangt, verlangsamt die Erwärmung der Ozeane. Der schnelle Ausstieg aus Kohle, Öl und Gas wirkt damit direkt auf die Stabilität des antarktischen Eises.

Der Zeitpunkt, an dem das Schelfeis endgültig zerbricht, lässt sich nicht prognostizieren. Larter formuliert es offen: Es würde ihn nicht überraschen, wenn das nächste Satellitenbild den Zerfall zeige. Ebenso wenig würde es ihn überraschen, in einem Jahr noch dasselbe zu sagen. Diese Unsicherheit ist kein Grund zur Beruhigung, sondern ein Grund zu handeln.

QUELLEN

  1. Frankfurter Rundschau (19.05.2026): Schelfeis vor „Weltuntergangsgletscher" droht zu zerbrechen
  2. Journal of Geophysical Research: Earth Surface (2025): Studie zum Zerfall des Thwaites Eastern Ice Shelf
  3. International Thwaites Glacier Collaboration: Thwaites Glacier Facts
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