91 %

der weltweiten Lithium-Raffination laufen durch China - aber nur 60 % des Bergbaus. Der Unterschied erklärt alles.

Quelle: IEA Critical Minerals Report 2024

Wissen · Kritische Rohstoffe

Macht die Energiewende uns unabhängig?

Fossile Abhängigkeit ist ein Dauerstrom: Jeder Tanker muss neu bezahlt werden. Mineralische Abhängigkeit ist eine Einmalinvestition: Was verbaut ist, bleibt im Wirtschaftskreislauf und kann recycelt werden. Das ist der Unterschied, den die Rohstoff-Kritiker der Energiewende konsequent ausblenden.

Ein Elektroauto braucht sechsmal mehr Mineralien als ein Verbrenner, eine Onshore-Windanlage neunmal mehr als eine Gasanlage. Das hat die Internationale Energieagentur nachgewiesen - und es klingt nach einem starken Argument gegen die Energiewende. Es ist keines, wenn man die richtigen Fragen stellt.



VON MARTIN JENDRISCHIK · WISSEN

Das Argument, das die Debatte kippt

Stellen wir die Frage anders. Nicht: „Sind wir abhängig?“ Sondern: „Von was genau, und wie lange?“ Fossile Brennstoffe müssen Jahr für Jahr, Tanker für Tanker, Pipeline-Kubikmeter für Pipeline-Kubikmeter neu eingekauft werden. Kein Barrel Öl, das heute verbrannt wird, hilft uns morgen.

Lithium, Kobalt, Neodym - diese Rohstoffe werden verbaut, nicht verbrannt. Eine Windanlage, die heute errichtet wird, braucht über ihre gesamte Betriebszeit von 25 Jahren keine weiteren Seltenen Erden. Ein Elektroauto-Akku, der heute produziert wird, enthält Lithium, das am Ende seiner Lebensdauer zurückgewonnen werden kann. Das fossile System bietet keine vergleichbare Rückholmöglichkeit.

Genau das meint die IEA, wenn sie auf die strukturelle Differenz hinweist: Die Bergbaueinnahmen aus Kohle allein übersteigen alle Mineraleinnahmen der Energiewende um das Zehnfache - weil fossile Systeme auf permanenten Nachschub angewiesen sind, erneuerbare nicht. Die Grundlage der Unabhängigkeit ist nicht, ob man überhaupt Rohstoffe braucht, sondern ob man sie immer wieder kaufen muss.

Was an der Rohstoff-Kritik stimmt - und was nicht

Das bedeutet nicht, dass die Kritik substanzlos ist. China dominiert die Lieferkette für kritische Mineralien auf eine Art, die echte strategische Risiken schafft. Im April 2025 führte Peking Exportkontrollen für sieben schwere Seltene Erden ein - und zeigte damit, wie real diese Abhängigkeit ist. Nur: die Zahlen werden regelmäßig falsch eingeordnet.

Die oft zitierten „90 Prozent aus China“ stimmen - aber nur für die Verarbeitung. Bei der globalen Förderung von Seltenen Erden liegt Chinas Anteil bei rund 60 Prozent, bei der Raffination bei 91 Prozent, bei gesinterten Permanentmagneten bei 94 Prozent (IEA, 2024). Das ist kein Wortklauben: Die Engstelle ist die Raffinade, nicht die Mine. Und eine Raffinerie lässt sich in Europa bauen - eine Ölpipeline von Riad nach Berlin nicht.

Auch der Hinweis auf die deutschen Altmark-Vorkommen verdient eine präzise Einordnung. Die 43 Millionen Tonnen Lithiumkarbonätäquivalent, die Neptune Energy dort nachgewiesen hat (Sproule ERCE, NI 43-101, August 2025), sind eine Ressource - nicht eine Reserve. Nur ein Bruchteil davon ist wirtschaftlich förderbar. Die geplante Jahresförderung liegt bei bis zu 25.000 Tonnen, genug für rund 500.000 Elektroauto-Batterien pro Jahr. Das ist ein bedeutender Beitrag zur Versorgungssicherheit - aber kein Freifahrtschein in die Autarkie.

Die IEA formuliert es nüchtern: Die Förderung kritischer Rohstoffe ist geografisch stark konzentriert, die Weiterverarbeitung bleibt auf wenige Marktteilnehmer beschränkt. Das ist das reale Problem - und es ist politisch und technologisch lösbar, anders als die strukturelle Nachschubabhängigkeit im fossilen System.

Quelle: IEA Critical Minerals Report 2024; Neptune Energy, Sproule ERCE Ressourcenbewertung Altmark, August 2025.

Lieferketten-Risiko Cleanthinking.de

Die Rohstoff‑Lieferkette der Energiewende

Kritische Mineralien für Magnete, Batterien und Elektromotoren durchlaufen drei Stufen - und an jeder wächst Chinas Marktanteil. Aus geologischer Abhängigkeit wird industrielle.

Stufe 01
Förderung
Abbau der Erze in der Mine - verteilt über mehrere Länder.
~60%
China-Anteil
China 60%Welt 40%
Stufe 02
Raffination
Verarbeitung & Trennung zu Reinmetallen und Oxiden.
~91%
China-Anteil
China 91%9%
Stufe 03
Permanent­magnete
Fertiges Produkt für E-Motoren und Windturbinen.
~94%
China-Anteil
China 94%6%
60% → 91% → 94% Je weiter veredelt, desto höher die Konzentration: Die Abhängigkeit steigt mit jeder Stufe.

Zwei Arten von Abhängigkeit

Fossile Abhängigkeit
im Kreis

Dauerstrom, der nie endet

Öl, Gas und Kohle werden verbrannt - und müssen ständig neu importiert werden. Die Abhängigkeit läuft im Kreis, Lieferung für Lieferung, ohne Ende.

Mineralische Abhängigkeit
1× + Recycling

Einmal aufgebaut - dann recycelbar

Mineralien werden verbaut, nicht verbraucht. Ein Magnet wird einmal beschafft und bleibt im Kreislauf: Rückgewinnung kann die Importabhängigkeit später senken.

cleanthinking.de
Magazin für Cleantech · seit 2009
Quelle: IEA - Critical Minerals Report 2024
Werte gerundet · IEA 2024
Wertschöpfungskette kritischer Mineralien und Chinas Marktanteil je Stufe.

Was wirklich unter deutschem Boden liegt

Deutschland hat mehr kritische Rohstoffe im Untergrund, als viele vermuten - und weniger, als manche Schlagzeilen suggerieren. In der Altmark in Sachsen-Anhalt testet Neptune Energy seit 2024 die direkte Lithiumextraktion (DLE) aus Thermalwasser: ohne Tagebau, ohne Verdunstungsbecken, mit minimalem Flächenbedarf. Bis Mitte 2026 soll eine Demonstrationsphase zeigen, ob das Verfahren im kommerziellen Maßstab trägt.

Im Oberrheingraben ist Vulcan Energy bereits einen Schritt weiter. Das deutsch-australische Unternehmen gewinnt in Landau bereits Zero Carbon Lithium aus geothermalem Thermalwasser und hat die Finanzierung für das Projekt Lionheart gesichert: 2,2 Milliarden Euro, getragen von der Europäischen Investitionsbank, dem Rohstofffonds der Bundesregierung und langfristigen Abnahmeverträgen mit Volkswagen, Stellantis und LG Energy Solution. Damit ist der Oberrheingraben das bisher konkreteste Beispiel dafür, dass heimische Lithiumgewinnung wirtschaftlich funktioniert.

Bei den Seltenen Erden ist das Bild bescheidener. Die wichtigste deutsche Lagerstätte liegt nicht im Erzgebirge, sondern bei Storkwitz in Nordsachsen (nahe Delitzsch): Dort sind nach dem JORC-Standard über 42.000 Tonnen Seltene Erden nachgewiesen, darunter Neodym, Dysprosium, Europium und Yttrium - plus 4.000 Tonnen Niob. Im Weltmaßstab ist das ein kleines Vorkommen; Chinas Bayan-Obo-Mine allein liefert rund 57 Prozent der weltweiten Jahresproduktion. Die strategische Lehre lautet daher: Deutschlands Stärke liegt nicht im Bergbau, sondern in der Verarbeitung und im Aufbau europäischer Recyclingkapazitäten.

Quellen: Neptune Energy, Lithiumprojekt Altmark (Stand: Mai 2026); Vulcan Energy, Projekt Lionheart (vollfinanziert, April 2024); Cleanthinking.de, Gutachten bestätigt Lagerstätte für Seltene Erden in Sachsen (2019, JORC-Daten).

Die EU-Antwort: Vom Abhängigkeitstausch zur Rohstoffautonomie

Genau hier setzt der Critical Raw Materials Act (CRMA) an, den die EU 2024 verabschiedet hat. Die Verordnung schreibt vor, dass Europa bis 2030 mindestens 40 Prozent seines Bedarfs an kritischen Rohstoffen selbst verarbeiten muss. Kein einzelnes Drittland darf mehr als 65 Prozent der EU-Versorgung bei einem Rohstoff abdecken - eine direkte Antwort auf die chinesische Dominanz in der Raffinade.

Rock Tech Lithium baut in Guben (Brandenburg) bereits die erste Lithiumhydroxid-Raffinerie Europas mit einer Kapazität von 24.000 Tonnen batteriefähigem Lithiumhydroxid pro Jahr, genug für 500.000 Elektroautos. AMG plant eine ähnliche Anlage in Ostdeutschland. Das sind keine Modellprojekte, sondern belastbare Bausteine der europäischen Verarbeitungskapazität, die der CRMA einfordert.

Parallel dazu zeigt die IEA, dass ein konsequentes Recycling den Bedarf an Primärförderung kritischer Mineralien bis 2050 um bis zu 35 Prozent senken kann. Was heute als Akku in einem Elektroauto endet, ist der Rohstoffvorrat von morgen. Mineralien verlassen das Wirtschaftssystem nicht - verbranntes Öl schon.

Quellen: Critical Raw Materials Act (CRMA), EU 2024; IEA Critical Minerals Report 2024; Rock Tech Lithium, Guben-Konverter.

Fazit: Andere Abhängigkeit, nicht mehr Abhängigkeit

Die Energiewende macht uns nicht automatisch unabhängig - aber sie verändert die Qualität der Abhängigkeit grundlegend. Fossile Abhängigkeit ist eine offene Rechnung, die täglich neu gestellt wird, solange Öl und Gas fließen. Mineralische Abhängigkeit ist eine Anfangsinvestition, die sich amortisiert - und die sich im Gegensatz zu verbranntem Öl recyceln lässt.

Der Aufbau europäischer Verarbeitungskapazitäten, die Erschließung heimischer Vorkommen in der Altmark und im Oberrheingraben sowie eine ambitionierte Kreislaufwirtschaft sind keine Korrekturen der Energiewende - sie sind ihre logische Fortsetzung. Wer die Rohstoff-Debatte gegen die Wende wendet, verwechselt eine lösbare Anfangshürde mit einem strukturellen Dauerhindernis. Das fossile System hat kein Recycling. Die Energiewende schon.

Häufig gestellte Fragen

Macht die Energiewende Deutschland unabhängig von fossilen Diktaturen?

Nicht vollständig und nicht sofort. Erneuerbare Energien ersetzen die Abhängigkeit von Öl- und Gaslieferanten durch eine Abhängigkeit von Mineralien für Batterien und Magnete. Der entscheidende Unterschied: Fossile Brennstoffe werden kontinuierlich verbraucht und müssen dauerhaft eingekauft werden. Mineralien werden eingebaut und verbleiben im Wirtschaftskreislauf, wo sie recycelt werden können.

Welche kritischen Rohstoffe braucht die Energiewende?

Für Batterien sind vor allem Lithium, Kobalt, Nickel, Mangan und Graphit relevant. Windkraftanlagen benötigen Neodym und Dysprosium (Seltene Erden) für Hochleistungsmagnete. Photovoltaik kommt hauptsächlich mit Silizium aus - einem der häufigsten Elemente der Erdkruste.

Wie groß ist Chinas Marktanteil bei kritischen Rohstoffen wirklich?

Bei der globalen Förderung von Seltenen Erden liegt Chinas Anteil bei rund 60 Prozent, bei der Raffination bei 91 Prozent, bei gesinterten Permanentmagneten bei 94 Prozent (IEA, 2024). Die oft genannte Zahl von 90 Prozent bezieht sich auf die Verarbeitung, nicht auf den Bergbau. Das ist der entscheidende Unterschied, weil Raffineriekapazitäten in Europa aufgebaut werden können.

Gibt es Lithium in Deutschland?

Ja. In der Altmark in Sachsen-Anhalt hat Neptune Energy eine Ressource von 43 Millionen Tonnen Lithiumkarbonätäquivalent nachgewiesen (Sproule ERCE, NI 43-101, August 2025). Im Oberrheingraben fördert Vulcan Energy bereits Zero Carbon Lithium aus Thermalwasser. Wichtig: Ressource und Reserve sind nicht dasselbe. Geplante Jahresförderung in der Altmark: bis zu 25.000 Tonnen, genug für rund 500.000 Elektroauto-Batterien pro Jahr.

Was ist der Critical Raw Materials Act (CRMA)?

Der Critical Raw Materials Act ist eine EU-Verordnung von 2024, die Europas Versorgungssicherheit bei kritischen Mineralien stärken soll. Sie schreibt vor, dass Europa bis 2030 mindestens 40 Prozent seines Bedarfs selbst verarbeiten muss. Kein einzelnes Drittland darf mehr als 65 Prozent der EU-Versorgung bei einem Rohstoff abdecken.

Kann Recycling die Rohstoffabhängigkeit lösen?

Recycling kann den Bedarf an Primärförderung kritischer Mineralien bis 2050 um bis zu 35 Prozent senken (IEA). Der Vorteil gegenüber fossilen Energieträgern: Mineralien verlassen das Wirtschaftssystem nicht. Verbranntes Öl ist weg, verbautes Lithium ist rückholbar.

Wo gibt es Seltene Erden in Deutschland?

Die wichtigste deutsche Lagerstätte für Seltene Erden liegt bei Storkwitz in Nordsachsen, nahe Delitzsch. Dort sind nach dem JORC-Standard über 42.000 Tonnen Seltene Erden nachgewiesen, darunter Neodym, Dysprosium, Lanthan, Cer und Europium. Im Erzgebirge (Zinnwald) gibt es bedeutende Lithiumvorkommen, keine Seltenen Erden. Deutsche Vorkommen sind real, im Weltmaßstab aber bescheiden.

QUELLEN

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  1. IEA (2024): Global Critical Minerals Outlook 2024. iea.org
  2. Neptune Energy (August 2025): Ressourcenbewertung Altmark, Sproule ERCE (NI 43-101). neptuneenergy.de
  3. Vulcan Energy Resources (2024): Projekt Lionheart - Vollfinanzierung. cleanthinking.de
  4. Technik-Einkauf (April 2026): Seltene Erden - 60 Mrd. Dollar für neue, stabile Lieferketten. technik-einkauf.de
  5. Europäische Union (2024): Critical Raw Materials Act (CRMA), Verordnung (EU) 2024/1252.
  6. IEA (2021): Die Rolle von kritischen Mineralien in der Energiewende. nachhaltigwirtschaften.at
  7. Cleanthinking.de (2019): Gutachten bestätigt Lagerstätte für Seltene Erden in Sachsen (Storkwitz, JORC). cleanthinking.de
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