WINDENERGIE · 29. JULI 2026
KI-generiertWindindustrie: Europas Turbinenbauer prüfen den Zusammenschluss
Nordex, Vestas und Siemens Gamesa sprechen über Zusammenschlüsse, während ihre Aktienkurse steigen. Europas Windindustrie verhandelt aus der Erholung heraus über Größe. Brüssel hat die Regeln dafür im April geöffnet.
„Um den Größenunterschied zu erreichen, ist Konsolidierung das einzige Mittel“, sagt José Manuel Entrecanales Anfang dieser Woche der Financial Times. Der Vorstandschef des spanischen Konzerns Acciona ist der prominenteste Fürsprecher eines Zusammenschlusses in Europas Windindustrie. Acciona hält den größten Anteil an Nordex, dem Hersteller, der im vergangenen Jahr in Europa die meiste Turbinenleistung verkauft hat.
Vor jedem Gespräch mit Wettbewerbern steht für Entrecanales eine politische Klärung. Zuerst müsse feststehen, was Europa industriepolitisch überhaupt wolle, sagt er; vorher lohne der Austausch mit der Konkurrenz nicht. Sei das geklärt, lasse sich sehen, welche Konzepte machbar seien.
In Europas industrielle Leistungsfähigkeit setzt Entrecanales großes Vertrauen. Sein Vorbehalt gilt dem Regelwerk: Das Wettbewerbsrecht misst Zusammenschlüsse an den Preisen für die Kunden, die Industriepolitik daran, ob in Europa überhaupt noch produziert wird. Solange Brüssel diese beiden Maßstäbe nicht sortiert, verhandelt die Windindustrie ohne belastbaren Rahmen.
Die Gespräche beginnen aus einer Position der Stärke. Die Vestas-Aktie hat im Jahresvergleich rund 40 Prozent zugelegt, die von Nordex rund 90 Prozent. Europas Windindustrie verhandelt über Größe, weil Skalierung die Stückkosten bestimmt und Stückkosten darüber entscheiden, wer den nächsten Turbinenzyklus mitgeht.
Die Erholung kam vor dem Gespräch
2022 nahmen steigende Materialkosten und der Preisdruck der Projektentwickler Europas Turbinenbauer in die Zange. Die Verluste dieses Jahres prägen die Branche bis heute. Wer sich daraus herausgearbeitet hat, will die Marge nicht in einem Preiskrieg mit chinesischen Anbietern wieder verlieren.
Skalierung wirkt aus dieser Lage heraus anders als in der Krise. Wer Werke auslastet, längere Serien einer Plattform fährt und Servicegebiete bündelt, senkt die Kosten je Turbine, ohne die Preise zu drücken. Die Windindustrie führt ihre Größendebatte deshalb unter anderen Vorzeichen als 2022.
Der Heimatmarkt trägt diese Erholung. Rund 94,5 Prozent der in Europa neu installierten Leistung stammen von europäischen Herstellern, knapp 20 Gigawatt waren es im vergangenen Jahr. Auch die Zulieferkette profitiert, etwa als 50Hertz einen Milliardenauftrag für Konverterplattformen nach Rostock vergab.
Verlässlich ist dieser Heimatmarkt trotzdem nicht. Im Offshore-Segment hängen ganze Projektpipelines an der Investitionsbereitschaft weniger Entwickler, was sich zeigte, als BP und TotalEnergies ihre Offshore-Vorhaben zur Verhandlungsmasse machten. Jede Fehlkalkulation im Auftragseingang schlägt bei den Herstellern direkt auf die Auslastung der Fertigung durch.
Woran Europas Hersteller gemessen werden
Chinas Hersteller haben im vergangenen Jahr 120 Gigawatt Leistung neu installiert, mehr als 70 Prozent der weltweiten Neukapazität. Goldwind, Envision, Windey und Ming Yang decken zusammen 99,96 Prozent ihres Heimatmarktes ab. Erstmals waren die fünf größten Hersteller nach jährlich neu installierter Leistung allesamt chinesisch, zeigt die Statistik des Global Wind Energy Council.
| Kennzahl | China | Europa |
|---|---|---|
| Neu installierte Leistung im vergangenen Jahr | 120 GW | knapp 20 GW |
| Anteil an der globalen Neukapazität | über 70 % | k. A. |
| Heimatmarktanteil der eigenen Hersteller | 99,96 % | 94,5 % |
| Größter Hersteller nach Neuinstallation | Goldwind, 30 GW | Vestas, 14,5 GW |
Angaben für das vergangene Jahr. Quellen: Global Wind Energy Council, Financial Times.
Nach kumulierter installierter Leistung bleibt Vestas der größte Turbinenbauer der Welt. Beim jährlichen Zubau hat Goldwind zuletzt mehr als das Doppelte geliefert. Der Abstand entsteht im Wachstumsgeschäft, nicht im Bestand.
Der Preis treibt diesen Abstand. Onshore-Turbinen chinesischer Hersteller sind in Exportmärkten anekdotisch 20 bis 40 Prozent günstiger, sagt Andrea Scassola von Rystad Energy. Sein Kollege Sander Baksjøberget beschreibt den Effekt auf die westlichen Anbieter: Der gesamte Markt spreche über die niedrigeren Kosten der chinesischen Turbinen, und die europäischen Hersteller würden zunehmend auf Verkäufe in Europa und den USA zurückgeworfen.
In Lateinamerika und im Nahen Osten bauen die chinesischen Anbieter ihren Vorsprung aus, in Europa wollen sie Anteile gewinnen. Wood Mackenzie erwartet, dass sie in den kommenden zehn Jahren 27 Prozent der außerhalb Chinas neu installierten Onshore-Leistung übernehmen. Für Europas Windindustrie schrumpft damit der Markt, in dem sich Entwicklungskosten über Stückzahlen verteilen lassen.
Der Druck verteilt sich ungleich über die Segmente. Am schärfsten ist er im Onshore-Geschäft, wo die Turbine stärker über den Preis verkauft wird und die Projektpipelines in den Schwellenländern schnell wachsen. Chinas Windindustrie skaliert dort mit einem Heimatmarkt im Rücken, den kein europäischer Anbieter in dieser Größe hat.
Die Lehre aus dem Verlust der Solarindustrie
In Brüssel sitzt die Erfahrung mit der Photovoltaik tief. Große Teile der europäischen Solarfertigung sind nach China abgewandert, bei Batteriezellen dominiert das Land ebenfalls. Eine Wiederholung dieses Musters in der Windindustrie wollen europäische Beamte unbedingt vermeiden.
Im April hat die EU-Kommission neue Leitlinien für Fusionen und Übernahmen veröffentlicht. Sie rücken den Nutzen von Unternehmensgröße stärker in den Vordergrund und fordern die Wettbewerbsbehörden auf, Innovation, Investitionen und die Resilienz des Binnenmarkts höher zu gewichten. Zurück gehen sie auf den Draghi-Report von 2024, der Europas Wettbewerbsfähigkeit stärken soll.
Vollständig überträgt sich die Solar-Erfahrung allerdings nicht. Eine Windturbine wird nicht containerweise verschifft; Türme, Blätter und Gondeln binden Logistik, Hafenkapazität und Fertigung an den Absatzmarkt.
Dieser Standortvorteil verschafft Europas Herstellern Zeit. Die Kostenlücke bleibt davon unberührt.
„Die Unternehmen dieser Branche werden sich auf die Leitlinien stürzen“, sagt ein EU-Beamter, der namentlich nicht genannt werden will, der Financial Times. Ob das funktioniere, müsse sich erst zeigen.
Wo Größe in die Stückkosten durchschlägt
Die Skaleneffekte lassen sich benennen: gemeinsamer Einkauf, standardisierte Produktplattformen, optimierte Wartungspläne. So beschreibt es William Mackie, Analyst bei Kepler Cheuvreux. Er hält einen Zusammenschluss von Vestas und Nordex allerdings für zu konzentriert, um die Fusionskontrolle zu passieren, während Siemens Gamesa und Nordex eher machbar erschienen.
Eine solche Kombination würde den europäischen Spitzenreiter beim jährlichen Zubau mit einem zweiten großen Anbieter zusammenführen. Die Fusionskontrolle müsste dann über einen Markt urteilen, in dem chinesische Anbieter bereits mitbieten. An dieser Definition des relevanten Marktes entscheidet sich, wie viel Zusammenschluss der Windindustrie erlaubt wird.
Auch das Innovationsbudget hängt an der Größe. Konsolidierung könne die Ausgaben für Innovation erhöhen, sagt Florian Mahler, Partner der Kanzlei Clifford Chance; der Bedarf an größeren, effizienteren Turbinen zu niedrigeren Kosten bestehe dauerhaft. In einem stark zersplitterten Markt sei das Überleben gegen die chinesische Konkurrenz schwierig.
Was solche Entwicklungsbudgets hervorbringen, zeigt sich am Detail: RWE hat den ersten GreenerTower von Siemens Gamesa mit emissionsarm erzeugtem Stahl errichtet. Europas Windindustrie ist nach mehreren Fusionsrunden ohnehin bereits konzentriert. Übrig geblieben sind im Wesentlichen Nordex, Vestas, Siemens Gamesa und Enercon.
Der nächste Schritt liegt bei der Kommission. Die Leitlinien vom April richten sich allgemein an die Wettbewerbsbehörden und geben keinem konkreten Zusammenschluss vorab grünes Licht. Wie weit der neue Maßstab trägt, zeigt erst ein angemeldeter Fall.
Das Prinzip europäischer Champions hat Vestas-Chef Henrik Andersen gegenüber der Financial Times früher in diesem Jahr uneingeschränkt unterstützt, zugleich aber vor den geltenden Wettbewerbsregeln gewarnt. Die Vision eines globalen Champions, wie Entrecanales sie beschreibt, brauche eine Ausnahmeregel oder neue Gesetze. „Sollten Sie mich je zum Tanz bitten, tanze ich gern“, sagt Andersen, es müsse dann allerdings andere Musik laufen.
„Europa sollte Größe nicht mit Wettbewerbsfähigkeit verwechseln“, sagt Simone Tagliapietra, Senior Fellow beim Brüsseler Thinktank Bruegel. Die Geschichte der europäischen Industrie lege nahe, dass Konsolidierung allein selten Innovation, Produktivität und einen echten Binnenmarkt ersetze.
Häufige Fragen zur Windindustrie in Europa
Wie viel Windleistung haben chinesische Hersteller im vergangenen Jahr installiert?
Chinesische Hersteller haben im vergangenen Jahr 120 Gigawatt Leistung neu installiert. Das sind mehr als 70 Prozent der weltweit neu gebauten Windkapazität. Zum Vergleich: In Europa kamen knapp 20 Gigawatt hinzu.
Welche Turbinenhersteller sind in Europa noch aktiv?
Europas Windindustrie besteht im Wesentlichen aus Nordex, Vestas, Siemens Gamesa und Enercon. Zusammen liefern europäische Hersteller rund 94,5 Prozent der in Europa neu installierten Leistung. Nordex verkaufte im vergangenen Jahr die meiste Turbinenleistung in Europa.
Was ändern die neuen EU-Leitlinien zur Fusionskontrolle?
Die im April veröffentlichten Leitlinien der EU-Kommission gewichten den Nutzen von Unternehmensgröße stärker. Wettbewerbsbehörden sollen Innovation, Investitionen und die Resilienz des Binnenmarkts stärker berücksichtigen. Grundlage ist der Draghi-Report von 2024 zur europäischen Wettbewerbsfähigkeit.
Wie viel günstiger sind chinesische Windturbinen?
Onshore-Turbinen chinesischer Hersteller liegen in Exportmärkten nach Beobachtung von Rystad Energy anekdotisch 20 bis 40 Prozent unter westlichen Preisen. Wood Mackenzie erwartet, dass chinesische Anbieter in den kommenden zehn Jahren 27 Prozent der außerhalb Chinas neu installierten Onshore-Leistung übernehmen.
QUELLEN
- Financial Times: Europe's wind turbine makers examine merger prospects to create champions, Rachel Millard und Barbara Moens, Juli 2026.
- Global Wind Energy Council: Global Wind Report 2026, 2026.
- Europäische Kommission: Neue Leitlinien zur Fusionskontrolle, April 2026.