FOSSILE PANIK · 7. JUNI 2026
MD Duran / UnsplashDeutschland weitet LNG-Importe um 72 Prozent aus und ist EU-Schlusslicht
Einhundert Tage nach Beginn des Iran-Kriegs zeigt eine neue IEEFA-Analyse: Die EU insgesamt reduziert ihre LNG-Importe, doch Deutschland steht mit einem Plus von 72 Prozent an der Spitze der Nachzügler. Das Institut for Energy Economics and Financial Analysis sieht darin ein strukturelles Problem, das nur Elektrifizierung lösen kann.
Seit Iran die Straße von Hormus faktisch blockiert, befinden sich die globalen Energiemärkte im Ausnahmezustand. Für die EU ist es die zweite große Gaspreiskrise innerhalb von vier Jahren. Und wie 2022 zeigt sich: Europa hat seine fossile Abhängigkeit nicht schnell genug abgebaut, um unbeschadet davonzukommen.
Das Institut for Energy Economics and Financial Analysis (IEEFA) hat die ersten hundert Kriegstage ausgewertet. Fazit: Die EU-weiten LNG-Importe sind von März bis Mai 2026 im Jahresvergleich um 1,2 Prozent gesunken, im Vereinigten Königreich sogar um 20 Prozent. Zusammen ergibt das eine Reduktion von drei Prozent.
Deutschland erhöht LNG-Importe um 72 Prozent
Hinter dem EU-Durchschnitt verbirgt sich eine deutliche Spaltung. Während die meisten Mitgliedstaaten ihre Importe reduziert haben, stechen drei Länder negativ heraus: Deutschland, Italien und Belgien. Deutschland führt diese Liste mit einem Importanstieg von 72 Prozent im Jahresvergleich an. Das ist der höchste Wert aller EU-Staaten.
IEEFA-Analystin Ana Maria Jaller-Makarewicz kommentiert das EU-Gesamtbild knapp: „Die EU hat erkannt, dass ihre Entscheidung von 2022 zur Steigerung der LNG-Importe nicht mehr tragfähig ist." Was sie damit meint: Die Versorgungsengpässe aus dem Nahen Osten zwingen zur Reduktion. Wer trotzdem erhöht, tut es gegen den Strom.
Gleichzeitig hat sich die Abhängigkeit von US-amerikanischem und russischem LNG weiter vertieft. Die USA lieferten von März bis Mai 2026 sechzig Prozent aller EU-LNG-Importe, fünf Prozentpunkte mehr als im Vorjahreszeitraum. Russische LNG-Lieferungen stiegen um 25 Prozent. Norwegisches LNG legte sogar um 84 Prozent zu. Katar fällt als Lieferant dagegen aus, weil der Weg durch die Straße von Hormus gesperrt ist.
60 Milliarden Euro Krisenkosten, weniger als fünf Prozent für Elektrifizierung
Die EU-Staaten haben seit Kriegsbeginn mehr als 210 Notfallmaßnahmen beschlossen. Die Gesamtkosten der energiepolitischen Krisenreaktion belaufen sich laut IEEFA auf 60 Milliarden Euro. Der Löwenanteil davon fließt in fossile Strukturen: Beschaffung, Preissicherung, Subventionen.
Alice Moscovici vom Jacques Delors Institute hat ausgerechnet, dass weniger als fünf Prozent dieser 60 Milliarden, konkret rund zwei Milliarden Euro, in Elektrifizierungsmaßnahmen geflossen sind. Ihr Befund: „Die eine Strukturinvestition, die die Abhängigkeit heute verringert und die Energieresilienz für morgen aufbaut."
Dabei funktioniert die Gegenstrategie bereits. Allein Solarenergie hat Europa bis zum 2. Juni 2026 Einsparungen von 12,8 Milliarden Euro gegenüber fossilen Alternativen gebracht. Im vergangenen Jahr hat saubere Energie die EU insgesamt 51 Milliarden Euro an Importkosten gespart.
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Wärmepumpen und E-Autos: Haushalte reagieren schneller als Politik
Während die Politik weiter in fossile Strukturen investiert, handeln Haushalte und Unternehmen vielerorts bereits anders. In Frankreich, Deutschland und Polen stiegen die Wärmepumpenverkäufe in den ersten Monaten dieses Jahres um 25 Prozent. Octopus Energy verzeichnete in den ersten drei Märzwochen einen Verkaufsanstieg von 51 Prozent gegenüber dem Vormonat.
Für Elektrofahrzeuge registrierten mehrere europäische Fahrzeugmarktplätze ein sprunghaftes Nachfrageplus. Im Vereinigten Königreich wurden im März 2026 mehr als 27.000 Solaranlagen installiert, der höchste Monatswert seit 2012. Die Nachfragedynamik zeigt eine klare Richtung, die in der Krisenpolitik bislang kaum abgebildet ist.
In Ländern mit hohem erneuerbarem Anteil zahlen Verbraucher schon jetzt deutlich weniger. Spanien, wo 2025 drei Viertel des Stroms aus CO₂-armen Quellen stammte, hat ein Strom-zu-Gas-Preisverhältnis, das mehr als doppelt so günstig ist wie in fossil abhängigen Ländern wie Italien oder Polen. Das ist der strukturelle Vorteil, den eine konsequente Elektrifizierungsstrategie langfristig aufbaut.
QUELLEN
- Euronews / Liam Gilliver (06.06.2026): Fossil fuel imports have dropped across the EU since war on Iran – except in these three countries
- IEEFA – Institute for Energy Economics and Financial Analysis: Analyse EU-LNG-Importe März bis Mai 2026