WISSENSCHAFT · 9. JULI 2026
COLIPI / Jan Reiser (2)„Climate Oil“ aus CO2: Warum COLIPI die eigene Technologie nicht überschätzt
In einer Hamburger Halle wachsen Hefen und Bakterien, die aus Reststoffen und "CO2 Climate Butter„ bzw. “Climate Oil" als Palmöl-Alternative herstellen. COLIPI-Mitgründer Maximilian Webers sieht seine CO2-zu-Öl-Fermentation aber nicht als Ersatz für Erdöl, sondern als Teillösung mit klaren Grenzen.
Zwischen Termin und Fachjargon nennt Maximilian Webers seine Firma selbst am liebsten schlicht: eine Brauerei. Wasserbottiche, Fermenter genannt, 14 Mitarbeitende, ein Großteil davon mit Doktortitel in Molekularbiologie oder Bioprozesstechnik. Statt Bier entsteht in den Tanks Öl, gewonnen aus Reststoffen und, perspektivisch, aus CO2.
COLIPI ist eine Ausgründung der Technischen Universität Hamburg, entstanden aus einer Promotion über ölbildende Mikroorganismen. Gegründet 2022 von vier Wissenschaftlern, gefördert über das EXIST-Forschungstransferprogramm des Bundes und InnoRampUp des Landes Hamburg.
Das Cleantech-Unternehmen hat inzwischen 1,8 Mio. Euro Seed-Kapital eingesammelt, angeführt vom High-Tech Gründerfonds, dazu kommen der Innovationsstarter Fonds Hamburg, die Investmentgesellschaft Nidobirds und der Business Angel Stefan De Loecker. Zusammen mit rund 4,3 Mio. Euro Fördermitteln kommt das Unternehmen auf ein Volumen von etwa sechs Millionen Euro. Für September 2026 plant Webers die nächste Finanzierungsrunde.
Zwei Techniken, die niemand verwechseln sollte
Wer mit Webers spricht, muss zuerst zwei Prozesse trennen, die im öffentlichen Bild oft zusammenfallen. Der erste, marktreife Weg arbeitet mit Hefen, die kohlenstoffhaltige Reststoffe der Industrie verstoffwechseln und dabei Fett einlagern, ganz ähnlich wie beim Menschen. Die Hefen sind gentechnisch nicht verändert, „non-GMO“ in COLIPIs Sprache. Eine erste Fabrik ist in Planung, sie soll dreistellige Tonnenmengen „Climate Butter“ pro Jahr liefern.
Ausgerechnet den Begriff, der für diesen Weg naheliegt, lehnt Webers ab. Präzisionsfermentation, sagt er, bedeute für ihn einen gentechnisch veränderten Organismus, der ein exakt definiertes Molekül produziert. Die Hefe-Route ist für ihn deshalb keine Präzisionsfermentation, sondern klassische Fermentation: unverändertes Non-GMO-Material, dafür modular skalierbar über günstige Container-Reaktoren statt teurer Edelstahltanks.
Der zweite Weg ist die Zukunftstechnologie, auf die laut Webers auch die Investoren schauen: Bakterien, die CO2 als Kohlenstoffquelle nutzen und mit Wasserstoff und Sauerstoff als Energieträger „Climate Oil“ aufbauen. Hier greift für ihn der Begriff Präzisionsfermentation tatsächlich, weil die Bakterien dafür gentechnisch verändert werden müssen. Wirtschaftlich ist dieser Weg noch nicht, die Bakterien bilden bislang zu wenig Fett für einen kommerziellen Betrieb.
Ziel ist nach Unternehmensangaben einer der weltweit größten Bioreaktoren dieser Art. Ein Feldtest im August 2025 beim ContiTech-Standort von Continental in Hamburg-Harburg zeigte laut COLIPI, dass unbehandeltes Verbrennungsgas mit Unreinheiten wie 46 ppm Stickoxiden und 7 ppm Kohlenmonoxid die Bakterienkulturen nicht hemmt. Ein weiterer Pilotversuch an einer Müllverbrennungsanlage Hamburgs ist laut Webers für 2027 geplant.
Der eigentliche Engpass heißt Wasserstoff
COLIPIs Zukunftstechnologie bremst am stärksten die Energieversorgung. Die Bakterien-Route braucht (idealerweise grünen) Wasserstoff als Reduktionsmittel, und dessen Preis kann das Unternehmen nicht beeinflussen. Webers beschreibt das im Interview als marktwirtschaftliches Risiko des Standorts Deutschland, das eine weitsichtige strategische Flexibilität erfordert.
Während regulatorische Unsicherheiten manche rein lokalen Investoren zögern lassen, hat COLIPI längst drei globale Auswege definiert.
- Erstens teure Nischenprodukte, etwa Effekt-Stoffe für den Kosmetikmarkt, bei denen der Verkaufspreis den teuren Wasserstoff auffängt.
- Zweitens eine eigene Marke im Kosmetiksegment, die über Klimaschutz-Storytelling einen höheren Endkundenpreis rechtfertigt.
- Drittens, im Zweifel, die Abwanderung dorthin, wo Wasserstoff günstig verfügbar ist, etwa nach Texas, China oder die arabische Halbinsel.
Das ist die Kehrseite der viel zitierten Zielmarke: Bis 2030 will COLIPI nach eigener Angabe 1,2 Millionen Tonnen CO2 in nachhaltige Lipide umwandeln. Nach der von Webers genannten Umrechnung von rund zwei Kilogramm CO2 pro Kilogramm Öl entspräche das etwa 600.000 Tonnen „Climate Oil“.
Zum Vergleich nennt er die Weltnachfrage: rund vier Milliarden Tonnen Erdöl und etwa 220 Mio. Tonnen Pflanzenöl pro Jahr. In den Jahren ab der technischen Reife muss die Fermentationskapazität also exponentiell wachsen, um einen gewichtigen Anteil dieser Märkte auszumachen.
Das Patent liegt im Knallgas-Reaktordesign, nicht im Bakterium
Der eigentliche Burggraben von COLIPI liegt laut Webers nicht in der Biologie, sondern im Reaktordesign. Wasserstoff und Sauerstoff bilden zusammen Knallgas, ein Gemisch, das explodieren kann, sobald Zündfunken oder unkontrollierte Konzentrationen auftreten. Webers zieht dafür den Vergleich zum Zeppelin Hindenburg, dessen wasserstoffgefüllte Hülle 1937 in Flammen aufging. Fällt die Prozesssteuerung aus oder verschiebt sich das Gasgemisch, drohe ein explosives Szenario.
Wasserstoff besteht aus sehr kleinen Molekülen, die durch feinste Materialritzen entweichen können. Deshalb braucht die Bakterien-Route hochwertige Edelstahlreaktoren mit eigens entwickelter Prozesssteuerung, ein Patent, das COLIPI nach eigenen Angaben selbst hält. Anders als die Hefe-Route lässt sich dieser Reaktortyp nicht modular in günstigen Containern bauen. Er muss von Anfang an groß und mit hochwertigen Spezifikationen ausgelegt sein.
Dazu kommt ein grundsätzliches Produktivitätsproblem. Fermentation ist De-novo-Synthese: Mikroorganismen bauen Kohlenwasserstoffe in Echtzeit auf. Fossiles Erdöl dagegen ist über Jahrmillionen unter Druck und Hitze aus abgelagerter Biomasse entstanden, ein geologischer Prozess, den keine Fabrik nachbilden kann. Eine Bioreaktor-Anlage erfordert deshalb im Vergleich zu traditionellen Raffinerien initial mehr Volumen und Kapital pro Tonne Produkt, kompensiert dies jedoch langfristig durch unendliche Rohstoffverfügbarkeit und minimale CO2-Strafzahlungen für die Industrie; außerdem durch Produktqualität. Erdöl kann alles, was Climate Oil auch kann, außer gegessen werden.
Wer diese Technologie strategisch auf Welt-Niveau skalieren will, kommt laut Webers nicht um kapitalintensive Anlagen herum, vergleichbar mit den Milliardeninvestitionen, die auch die fossile Industrie in Pipelines und Förderplattformen steckt.
Warum COLIPI zuerst mit Kosmetik startet
Der größte Absatzmarkt für Pflanzenöle bleibt mit Abstand die Lebensmittelindustrie, dorthin fließen laut Webers rund zwei Drittel der Weltproduktion. Genau dort will COLIPI aber nicht zuerst hin. Der Zulassungsweg für neuartige Lebensmittel läuft in Europa über die Novel-Food-Verordnung, in den USA über das GRAS-Verfahren der FDA.
Weil Lipide aus Hefe- oder Bakterienfermentation in der Menschheitsgeschichte nie als Lebensmittel genutzt wurden, müssen Sicherheit und Unbedenklichkeit aufwendig nachgewiesen werden. Das kann laut Webers Jahre dauern und viel Kapital binden.
Der gewählte Einstiegsmarkt ist deshalb Kosmetik, eine Untergruppe des Chemiemarkts mit deutlich schlankerer Regulatorik. Auch dort wartet allerdings eine Hürde: Wer mehr als eine Tonne eines neuen Moleküls pro Jahr vermarktet, muss es beim europäischen Chemikalienregister REACH anmelden. Entscheidend ist dabei, dass die Behörden über den Herstellungsprozess urteilen, nicht über das Endprodukt.
Webers argumentiert, dieses nachhaltige Fett bzw. Climate Butter unterscheide sich chemisch kaum von pflanzlichem Fett, in mancher Hinsicht sei es sogar besser, weil Qualitäten nicht wie etwa bei Kakaobutter je nach Ernte und Wetterlage schwanken. Die Anmeldung dauert nach seinem Kenntnisstand dennoch mehrere Monate.
Ein Schmerzmittel, kein Ersatz
Damit landet man unweigerlich bei der Frage, die über den Wert von COLIPIs Technologie entscheidet: Wie viel kann biobasiertes Öl tatsächlich leisten? Webers verweigert die Übertreibung, mit der manche Cleantech-Startups ihre Investoren locken.
„Wir werden nicht die fossile Welt eins zu eins ersetzen können, sondern werden ein Schmerzmittel sein, um vielleicht ein Fünftel oder ein Viertel dieser Volumina, was immer noch gewaltige und lukrative Märkte sind, zu decken, weil alles andere elektrifiziert werden muss, unbedingt", sagt Webers im Gespräch mit Cleanthinking.
Das deckt sich mit der Electrotech-Logik, mit der Cleanthinking die laufende Transformation beschreibt: Elektrifizierung als Hauptweg, molekülbasierte Verfahren wie COLIPIs Fermentation für den Rest, der sich nicht elektrifizieren lässt, etwa Kosmetik, Teile der Chemie und Nahrungsöle. Die Technologie der Hamburger schließt dabei einen Kreislauf, den die fossile Wirtschaft nie kannte: Aus Abgas, das sonst in die Atmosphäre entweicht, wird ein Rohstoff.
Ob dieser Kreislauf ökonomisch trägt, entscheidet sich am Wasserstoffpreis, den COLIPI selbst nicht kontrolliert. Genau darin liegt der eigentliche Präzedenzfall: Eine Biotech-Firma, die ihre eigene Zukunftstechnologie an eine industriepolitische Variable koppelt, die in Berlin verhandelt wird, nicht im Labor in Harburg.
QUELLEN
- Interview Martin Jendrischik mit Maximilian Webers (CEO Colipi GmbH), Cleanthinking, Juli 2026.
- Colipi GmbH: Unternehmenswebsite.