ENERGIEWENDE · 7. JUNI 2026
SkytreeSkytree Stratus: Erste kommerzielle Direct-Air-Capture-Anlage geht in den Niederlanden an den Start
Das niederländische Cleantech-Unternehmen Skytree hat die erste kommerzielle Anlage seines Direct-Air-Capture-Systems Stratus in Betrieb genommen. Partner ist der Energieversorger Lingezegen Energy, der das abgeschiedene CO₂ für einen Gewächshausverbund nutzt.
Zwei Jahre Testbetrieb liegen hinter Skytree, jetzt folgt der erste Schritt in den Markt. Das Stratus-System soll an einem Standort in den Niederlanden jährlich rund 7.200 Tonnen CO₂ direkt aus der Atmosphäre abscheiden. Das Gas wird zehn Gewächshäuser auf zusammen etwa 80 Hektar versorgen und ersetzt damit konventionelle, fossile CO₂-Quellen, auf die die niederländische Gartenbaubranche bislang angewiesen ist.
Lingezegen Energy integriert das abgeschiedene CO₂ in eine bereits bestehende erneuerbare Energieinfrastruktur. Dazu gehören ein schwimmendes Solarkraftwerk sowie Wärmespeichersysteme. Für die Gewächshausbetreiber löst das ein wachsendes Versorgungsproblem: Industrielles CO₂ wird durch breit angelegte Dekarbonisierungsprozesse zunehmend knapper und teurer.
Die Entwicklung bei Skytree ist ein weiterer Beleg dafür, dass der Markt für Direct Air Capture-Technologien langsam Schwung bekommt.
Moving-Bed-Technologie: Adsorption und Desorption getrennt
Das Stratus-System basiert auf einem proprietären Moving-Bed-TVSA-Verfahren (Temperature Vacuum Swing Adsorption). Der entscheidende technologische Unterschied zu klassischen Festbett-DAC-Systemen: Adsorption und Desorption sind physisch voneinander getrennt. Im Adsorptionsschritt strömt Umgebungsluft durch Gitterpaneele, ein kontinuierlich fließendes Sorbens bindet dabei CO₂ und Wasserdampf. Das vollständig beladene Sorbens fällt aus den Adsorptionszonen heraus und wird über ein Fördersystem zum Desorber transportiert.
Dort wird es unter kontrollierten Vakuumbedingungen erhitzt, das CO₂ und der Wasserdampf werden freigesetzt. Im abschließenden Kondensationsschritt kühlt das Gasgemisch ab, der Wasserdampf kondensiert, und es entsteht ein reines CO₂-Produkt. Laut Skytree bewirkt diese Trennung der Prozessstufen, dass die thermische Energie primär auf das Sorbens konzentriert wird und nicht auf die umliegende Struktur. Das senkt den Energieverbrauch deutlich.
Skytree Stratus DAC: 0,9 MWh pro Tonne CO₂ möglich
Bei Integration mit Niedertemperatur-Wärmequellen gibt Skytree einen Stromverbrauch von bis zu 0,9 MWh pro Tonne abgeschiedenes CO₂ an. Das System benötigt für rund 80 Prozent seines thermischen Energiebedarfs Wärme ab 80 Grad Celsius, was eine Anbindung an Geothermie, Industrieabwärme oder Fernwärme ermöglicht. Vollständige thermische Integration soll den Stromverbrauch laut Unternehmensangaben um bis zu 60 Prozent reduzieren.
Für den Betrieb unter wechselnden Klimabedingungen setzt Skytree auf KI-gestützte Prozesssteuerung, die atmosphärische Schwankungen kontinuierlich auswertet und die CO₂-Ausbeute das ganze Jahr über stabilisiert. Das Unternehmen gibt an, dass konventionelle DAC-Systeme Outputschwankungen von bis zu 30 Prozent je nach Witterung zeigen, während Stratus eine gleichmäßige Produktion aufrechterhalten soll. In kalten Klimazonen sollen sogar Produktivitätssteigerungen von bis zu 30 Prozent gegenüber wärmeren Regionen möglich sein.
Die modulare Architektur erlaubt eine skalierbare Auslegung. Einzelsysteme beginnen bei einer Kapazität von 2,5 Tonnen CO₂ pro Tag und können zu größeren Installationen zusammengeschaltet werden. Optional lässt sich eine Verflüssigungsstufe integrieren, die das abgeschiedene CO₂ von über 98 Prozent auf mindestens 99,9 Prozent Reinheit anhebt, womit auch Lebensmittel- und Getränkeanwendungen abgedeckt sind.
Einordnung: DAC für industrielle CO₂-Versorgung
Die Erstanwendung im Gewächshaussektor ist strategisch geschickt gewählt. Glashäuser benötigen CO₂ zur Ertragssteigerung in großen, verlässlichen Mengen, der Abnehmer sitzt direkt vor Ort, und der Wert des substituierten fossilen CO₂ lässt sich klar beziffern. Das senkt das wirtschaftliche Risiko des ersten kommerziellen Projekts erheblich. Für die Energiewende ist dieser Anwendungsfall weniger ein Beitrag zur atmosphärischen CO₂-Reduktion als ein Schritt zur Dekarbonisierung industrieller CO₂-Lieferketten, die bislang auf Nebenprodukte fossiler Prozesse angewiesen sind.
Ob der angegebene Verbrauchswert von 0,9 MWh pro Tonne CO₂ unter realen Betriebsbedingungen reproduzierbar ist, wird der laufende Betrieb bei Lingezegen Energy zeigen. Das Unternehmen hat mit dem GreenTech Innovation Award 2025 und einer zweieinhalbjährigen Validierungsphase eine solide Ausgangsbasis, die Ziffer ist aber nur unter optimalen Wärmenutzungsbedingungen erreichbar und darf nicht mit dem Strombedarf ohne Wärmeintegration verwechselt werden.
QUELLEN
- Carbon Herald, Violet George (5. Juni 2026): Skytree Secures First Commercial Deployment Of Stratus DAC System
- Skytree (2026): Skytree Stratus – Produktseite
- Skytree Newsroom (2026): Skytree Launches First Commercial Skytree Stratus System at Lingezegen Energy