Michael Bukowski erzählt in „Deutsches Sonnenmärchen” die vergessene Solargeschichte

REZENSION · 11. OKTOBER 2026

Michael Bukowski erzählt in „Deutsches Sonnenmärchen” die vergessene Solargeschichte

Michael Bukowski lässt einen dieseltrinkenden Kundschafter aus dem All fünfzig Jahre deutscher Solarbewegung beobachten. Das Buch ist unterhaltsam, klug und als Gegenerzählung zur Verzagtheit nötig. Herausgegeben hat es allerdings ein Solarunternehmer, das merkt man an den Leerstellen.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 7 MIN. LESEN


Im Universum gilt eine Regel: Zivilisationen, die die Energie ihres Sterns nicht nutzen lernen, gehen unter. Ein außerirdischer Kundschafter landet 1974 im Münchner Olympiastadion, eigentlich um ein vermeintliches Terraforming-Projekt zu untersuchen. Er stellt fest, dass die Menschheit ihren Planeten nicht umbaut, sondern grillt. Also bleibt er, zieht nach Freiburg und schaut zu, ob diese Spezies noch die Kurve kriegt.

Sein Lieblingsgetränk ist Diesel, sein Mantra der Satz, seine Meinung tue nichts zur Sache. Natürlich tut sie das doch, auf jeder Seite. Die Prämisse ist simpel und funktioniert erstaunlich gut, weil der fremde Blick der deutschen Solargeschichte die Selbstverständlichkeit nimmt.

Bukowski führt von Tapeziertischen in Sasbach bis auf einen Acker bei Bitterfeld

Was der Kundschafter beobachtet, ist eine dichte, personalisierte Chronik der deutschen Solarbewegung. Sie beginnt bei den Sasbacher Sonnentagen 1976 mit zwölf Ausstellern an Tapeziertischen. Sie führt über Ingeborg Haensel, die bei Kassel eine Selbstbaugruppe bekocht, während die ihr Kollektoren aufs Dach schraubt, und über Adolf Goetzberger, den Kollegen für verrückt erklärten, als er 1981 das Fraunhofer ISE gründete.

Die schönste Linie zieht Bukowski vom Kreuzberger Ingenieurskollektiv Wuseltronik über Solon bis zu Q-Cells. Reiner Lemoine, der Kommerz einst für entbehrlich hielt, steht am Ende im Anzug auf einem Acker bei Bitterfeld und baut den Weltmarktführer für Solarzellen. Der Bankvorstand, der den Solon-Pitch mit dem Hinweis abwies, im Solarium seiner Frau sei auch nie viel los, ist eine Anekdote, die man so schnell nicht vergisst.

Das Buch macht klar, was in der aktuellen Debatte fast völlig fehlt: Die Kostendegression der Photovoltaik haben Menschen erkämpft, die gegen Banken, Ministerien und Branchenkollegen weitergemacht haben. Stark sind auch die Kapitel, die selten erzählte Episoden ausgraben. Die Greenpeace-Kampagne Cyrus von 1995 brachte mit einer schlichten Kostenrechnung die Händler gegen sich auf und verdreifachte im Folgejahr den deutschen PV-Markt.

Bukowski erinnert auch daran, dass ein CSU-Mann und ein Grüner das Stromeinspeisegesetz 1991 ausgearbeitet haben und Schwarz-Gelb es verabschiedet hat. Wer Solarenergie heute als grünes Projekt framen will, findet hier Material dagegen.

Der Kundschafter fragt, warum nur China aus Eigennutz handeln darf

Im dritten Teil dreht Bukowski das Klimaschutz-Argument um. Man nutze Solarenergie, weil sie günstig sei, und schütze das Klima nebenbei. Das ist exakt die Verschiebung, die die Electrotech-Debatte gerade vollzieht. Sein Kundschafter fragt, warum China die Energiewende aus Eigennutz betreiben darf, während sie in Deutschland als Wohlstandsopfer verhandelt wird.

Ebenso trifft das Kapitel zu den Arbeitsplätzen. Der Kundschafter entwirft einen Relevanz-O-Mat, der misst, wie viel mediale Aufregung ein Jobverlust je Branche auslöst. Zehntausende verlorene Solarjobs nach 2011/12 blieben fast folgenlos, ein paar hundert Stellen in der Autoindustrie wären Titelthema. Die Beobachtung ist zugespitzt, aber im Kern schwer zu widerlegen.

Beim Absturz der Solarindustrie weicht das Buch aus

Ausgerechnet beim Absturz der deutschen Solarindustrie kneift das Buch. Die Gründe sollten bewusst nicht ausgebreitet und schon gar nicht bewertet werden, heißt es dort. Dabei wäre gerade das der analytisch wertvollste Teil gewesen: die Kürzungsrunden der Einspeisevergütung, die Überkapazitäten, die Insolvenz von Q-Cells 2012, die Rolle der Politik. Ein Bundesminister, der sich über den Niedergang gefreut haben soll, bleibt namenlos.

Wer verstehen will, warum Europa heute bei Zellen und Wafern von China abhängig ist, bekommt hier kaum Antworten. Dass Clemens Triebel im China-Kapitel einen pragmatischen Umgang mit dieser Abhängigkeit empfiehlt, ersetzt die Aufarbeitung nicht.

Problematisch ist auch der Satz, Solarenergie sei die einzige Energie, um die es keinen Streit gebe. Wer die Debatten um Freiflächen, Netzentgelte, Einspeisespitzen und das Solarspitzengesetz verfolgt hat, weiß es besser. Das Buch spricht diese Konflikte im Überfluss-Kapitel sogar selbst an, wischt sie im Finale aber wieder weg.

Lockere Zahlen liefern den Gegnern Munition

Für ein Sachbuch mit Aufklärungsanspruch sind einige Zahlen zu locker. Tschernobyl liegt nicht 2.500 Kilometer von Deutschland entfernt. Selbst von Freiburg aus sind es Luftlinie gut 1.600 Kilometer, von der Ostgrenze bei Görlitz rund 1.050. Die Rechnung, die Dächer der rund vier Millionen Lkw entsprächen 20.000 Fußballfeldern, unterstellt pro Fahrzeug etwa 35 Quadratmeter Dachfläche, also Sattelauflieger-Format. Der Bestand besteht aber ganz überwiegend aus Transportern bis 3,5 Tonnen, überschlägig bleibt eher ein Viertel bis ein Drittel der Fläche.

Dass Kenia seinen öffentlichen Verkehr bis 2027 elektrifiziert, ist ein Regierungsziel aus dem Jahr 2024, keine absehbare Realität. Der wichtigste Hersteller BasiGo hatte bis Mitte 2025 rund 100 E-Busse in Kenia und Ruanda ausgeliefert. Das Buch erzählt die Ankündigung als Tatsache. Hinzu kommen kleine Unschärfen wie die Bezeichnung einer Kilowattstunde als Leistung. Einzeln sind das Kleinigkeiten, in Summe liefern sie genau den Leuten Munition, gegen die das Buch anschreibt.

Herausgeber Remmers ist selbst Solarunternehmer

Herausgeber Karl-Heinz Remmers ist seit 1992 Solarunternehmer, Gründer der pv-magazine-Gruppe und heute Betreiber eines 230-MWp-Solarparks in der Prignitz. Die Beratung des Buchs lag bei seinem langjährigen Geschäftspartner Kay Neubert, Cover und Satz bei dessen Agentur. Am Ende stehen zwei Seiten, die Remmers' Firmen und seinen Sonnenpark vorstellen.

Unseriös wird das Buch dadurch nicht. Es bleibt aber eine Selbsterzählung der Branche. Bukowski verschweigt das nicht, im Nachwort beschreibt er offen, dass Remmers ihn auf diese Reise geschickt hat, mit dem Satz, solar sei „was anderes”. Leser sollten es trotzdem im Hinterkopf behalten, etwa wenn einzelne Unternehmer wiederholt besonders hell ausgeleuchtet werden.

Wer nur das Scheitern gegen China kennt, bekommt die erste Hälfte erzählt

Das „Deutsche Sonnenmärchen” ist ein Mutmachbuch, und als solches gelungen. Der Diesel-Gag des Kundschafters nutzt sich ab, die Beobachtungen tun es nicht. Wer die deutsche Solargeschichte nur als Geschichte des Scheiterns gegen China kennt, erfährt hier, dass dieses Land einer Technologie den Weg in den Weltmarkt gebahnt hat, die heute die billigste Energiequelle der Menschheit ist.

Für Einsteiger, Lehrkräfte und alle, die Freunden am Küchentisch erklären wollen, warum Solar mehr ist als Öko-Zeug, ist das Buch eine klare Empfehlung. Wer die harte Analyse sucht, warum die deutsche Solarindustrie 2012 kollabierte, muss weiterlesen.

Michael Bukowski: Deutsches Sonnenmärchen. Wie wir die Solarenergie zum weltweiten Erfolg gemacht haben. Herausgegeben von Karl-Heinz Remmers. oekom verlag, München 2025. 192 Seiten, Softcover, 19 Euro. ISBN 978-3-98726-505-1. Das Buch gibt es auch als E-Book für 14,99 Euro. Weitere Bücher-Empfehlungen in unserer Übersicht Klimabücher: die besten Empfehlungen.

Häufige Fragen zu Deutsches Sonnenmärchen

Worum geht es in „Deutsches Sonnenmärchen” von Michael Bukowski?
Ein außerirdischer Kundschafter beobachtet von 1974 bis heute die deutsche Solarbewegung, von den ersten Selbstbaugruppen über das Stromeinspeisegesetz und den Aufstieg von Solon und Q-Cells bis zur Photovoltaik als billigster Energiequelle. Das Buch ist in drei Teile gegliedert: die Siebziger bis Neunziger, die Nullerjahre sowie Gegenwart und Ausblick.

Wer ist Michael Bukowski?
Michael Bukowski ist Autor und Speaker und lebt in Berlin. Er war rund zwanzig Jahre als freier Texter tätig und von 2019 bis 2024 Teil des Ensembles „volle halle - die Show für neuen Mut”. Herausgeber des Buchs ist der Solarunternehmer Karl-Heinz Remmers.

Was hat „Deutsches Sonnenmärchen” mit der Energiewende zu tun?
Bukowski erzählt, wie Pioniere, Kampagnen und das Stromeinspeisegesetz die Photovoltaik in Deutschland marktreif gemacht haben. Im dritten Teil argumentiert er, dass Solarenergie sich heute über ihren Preis durchsetzt und das Klima nebenbei schützt.

QUELLEN

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  1. Michael Bukowski: Deutsches Sonnenmärchen. Wie wir die Solarenergie zum weltweiten Erfolg gemacht haben. Hrsg. Karl-Heinz Remmers. oekom verlag, München, 6. November 2025.
  2. oekom verlag: Deutsches Sonnenmärchen, Verlagsseite mit Eckdaten zum Buch, abgerufen im Oktober 2026.
  3. TechCabal: Can BasiGo put 1,000 electric buses on Kenya's roads by 2027?, 15. September 2025.
  4. electrive: Kenia will Busflotte bis 2027 komplett elektrifizieren, 17. April 2024.
  5. Agora Verkehrswende: Verkehrswende-Radar, Grafik zum Lkw-Bestand, 2026.

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