Deutschland baut Ökostrom, aber keinen Elektrostaat

VOM PETROSTAAT ZUM ELEKTROSTAAT · 05. OKTOBER 2026

Was ein Elektrostaat ist und warum Deutschland keiner ist

Bahrain nutzt mehr Strom als die USA, Norwegen gewinnt fast seinen gesamten Strom aus Wasserkraft, Pakistan hat Millionen Solardächer. Keines dieser Länder gilt als Elektrostaat. Welches Land den Titel verdient, entscheiden vier Kriterien.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 9 Min. LESEN


Ein Elektrostaat ist ein Land, das einen großen und wachsenden Teil seiner Energie als Strom nutzt und diesen Strom überwiegend selbst erzeugt. Seine Regierung steuert die Elektrifizierung gezielt, und seine Industrie stellt die nötige Technik her. Der Begriff ist das Gegenstück zum Petrostaat, dessen Macht und Einnahmen aus Öl und Gas stammen. Weit vorn auf allen vier Feldern liegt bisher nur China.

In Analysen, Reden und Schlagzeilen taucht das Wort immer häufiger auf, meist ohne Definition. Deshalb landen Bahrain, Norwegen und Pakistan je nach Lesart mal auf der Liste und mal nicht. Der Oxford-Ökonom Jan Rosenow hat in seinem Newsletter Bright Spots vier Kriterien vorgeschlagen, die diese Widersprüche auflösen. Sie erklären auch, warum ein Land beim Ökostrom vorn liegen und beim Elektrostaat trotzdem zurückfallen kann.

Woher kommt der Begriff Elektrostaat?

Das Wort, englisch electrostate, ist aus dem Petrostaat abgeleitet. Als Petrostaat gilt ein Land, dessen Staatsfinanzen, Politik und Wirtschaft stark vom Verkauf von Öl und Gas abhängen. Politikwissenschaftler setzen dafür Schwellen an, etwa Öl- und Gaseinnahmen von mehr als einem Drittel der Staatseinnahmen oder Exporte. Saudi-Arabien, Russland und Nigeria sind die Lehrbuchfälle.

Die Zahlen allein erklären den Petrostaat nicht. Die Politikwissenschaftlerin Terry Lynn Karl hat 1997 in „The Paradox of Plenty“ beschrieben, wie Ölgeld einen Staat umbaut. Eine Regierung, die vom Rohstoffverkauf lebt, braucht weniger Steuern und schuldet ihren Bürgern weniger Rechenschaft. Macht und Wohlstand sammeln sich bei denen, die Zugang zu den Einnahmen haben, der Rest der Wirtschaft bleibt einseitig. Fallen Preise und Nachfrage, gerät das ganze Gefüge ins Wanken.

Den Gegenbegriff hat das Umfeld des Londoner Thinktanks Ember in Umlauf gebracht. Rosenow schreibt ihn Kingsmill Bond und seinem Team zu (mehr dazu: Wie Europas Souveränitätskurs gelingen kann). Die Financial Times fragte im Mai 2025, ob China der erste Elektrostaat wird. Der Wirtschaftshistoriker Adam Tooze trug das Begriffspaar im Oktober 2025 mit einer Vorlesung für die London Review of Books in die breite Debatte. Die meisten Texte lassen offen, was genau gemeint ist.

Für Importländer verschiebt der Wechsel die Art der Abhängigkeit. Wer Öl und Gas einkauft, zahlt jeden Monat neu und trägt jeden Preisschock mit. Ein Solarmodul, eine Wärmepumpe oder ein Elektroauto kauft man einmal und nutzt es dann über Jahre. Auch Elektrostaaten schaffen neue Abhängigkeiten, etwa von verarbeiteten Mineralien oder von den Fabriken eines einzelnen Landes. Rosenow betont aber, dass einmal gekaufte Technik eine andere Abhängigkeit erzeugt als monatlich nachgekaufter Brennstoff.

Welche vier Kriterien machen einen Elektrostaat aus?

Rosenow hat die Berichte und Artikel zum Elektrostaat durchgesehen und darin vier Dimensionen gefunden, die mal einzeln, mal vermischt auftauchen. Jede führt zu anderen Ländern, keine reicht allein aus.

Die erste misst den Verbrauch: Wie viel der Endenergie, also der Energie, die Haushalte, Verkehr und Industrie tatsächlich nutzen, kommt als Strom an? In Norwegen ist es nach Rosenows Zahlen knapp die Hälfte, in Japan etwas mehr als 30 Prozent. Die EU verharrt laut dem Elektrifizierungsplan der EU-Kommission vom Juli 2026 seit einem Jahrzehnt bei 23 Prozent. Noah Gordon und Daevan Mangalmurti von der Carnegie-Stiftung nennen Länder mit hohem Stromanteil Verbraucher-Elektrostaaten.

Über die Herkunft des Stroms sagt diese Zahl nichts. Bangladesch hat beim Stromanteil die USA und Europa überholt und erzeugt seinen Strom fast vollständig aus fossilen Brennstoffen. In Bahrain ist mehr als 40 Prozent der Endenergie Strom, ebenfalls nahezu ganz aus Gas und Öl.

Die zweite Dimension fragt deshalb nach der Versorgung: Erzeugt ein Land seinen Strom überwiegend aus eigenen Quellen wie Sonne, Wind, Wasser oder Kernkraft? Kernkraft braucht allerdings laufend nachgelieferten Brennstoff. Norwegen besteht diesen Test mit seiner Wasserkraft mühelos, Pakistan besteht ihn ohne Plan. Millionen Haushalte und Betriebe setzten dort Solarmodule aufs Dach, weil das Netz zu teuer und unzuverlässig geworden war, und drückten so die Brennstoffimporte.

Die dritte Dimension nimmt den Staat in den Blick. Ein Elektrostaat ist hier ein Land, dessen Regierung die Wirtschaft bewusst elektrifiziert. Sie setzt Zielwerte für den Stromanteil, gestaltet Steuern und Preise zugunsten von Strom und baut die Netze aus. In diesem Sinn gilt China als erster Elektrostaat, während Pakistan durchfällt, weil hinter seinem Solarboom keine Strategie stand.

Die vierte Dimension betrifft die Fabriken. Gordon und Mangalmurti sprechen von Hersteller-Elektrostaaten, die Batterien, Solarmodule, Kabel, Wärmepumpen und Elektroautos bauen und exportieren. China ist auch hier der offensichtliche Fall. Die drei großen Batteriehersteller Südkoreas halten laut Rosenow mehr als ein Drittel des Markts für E-Auto-Batterien außerhalb Chinas. Norwegen fällt in dieser Dimension zurück, weil es seine Technik importiert und sein Wohlstand weiter aus dem Export von Öl und Gas stammt.

Matrix: vier Kriterien eines Elektrostaats für China, Südkorea, Norwegen, Pakistan, Bahrain und Deutschland
Nur China kommt auf allen vier Feldern voran. Deutschland erfüllt nur die Versorgung voll.
Dimension Messgröße Starkes Beispiel Deutschland
VerbrauchStromanteil am EndenergieverbrauchNorwegen, knapp die Hälfterund ein Fünftel (2023), schwach
VersorgungStrom aus eigenen QuellenNorwegen, Wasserkraft55 Prozent erneuerbar (2025), stark
StaatZielwerte, Steuern, NetzausbauChinaStrom stärker belastet als Gas, schwach
ProduktionHerstellung und Export von ElectrotechChina, SüdkoreaAutos und Wärmepumpen ja, Zellen und Module kaum, gemischt

Dimensionen nach Jan Rosenow (Oktober 2026). Deutschland-Werte: AG Energiebilanzen, Umweltbundesamt, EU-Kommission; Einstufung Cleanthinking.

Rosenow selbst nennt ein Land einen Elektrostaat, wenn es sich auf allen vier Achsen bewegt, auch in unterschiedlichem Tempo. Das sauber getrennte Paar aus Petrostaat und Elektrostaat hält er für elegant, aber ungenau. Elektrostaat ist für ihn kein Status, den ein Land hat oder nicht hat, sondern eine Richtung, in der manche Länder weiter gekommen sind als andere. Bessere Institutionen garantiert dieser Weg nicht, auch dort halten sich etablierte Konzerne, und neue wachsen heran.

Warum gilt China als erster Elektrostaat?

China erfüllt drei der vier Kriterien deutlich. Die Financial Times zeigte im Mai 2025 anhand einer RMI-Auswertung von IEA-Daten, dass der Stromanteil an Chinas Endenergie auf rund 30 Prozent gestiegen ist. In der EU und den USA verharrt er seit Jahren bei etwa 22 Prozent. Peking treibt diesen Kurs mit Industriepolitik und Netzausbau voran, das Schnellbahnnetz umfasste 2024 rund 45.000 Kilometer, fünfmal so viel wie in der EU.

Der Vorsprung verteilt sich ungleich auf die Sektoren. Im Verkehr hat China die USA und Europa weit hinter sich gelassen, in der Industrie erst kürzlich aufgeschlossen. Bei Gebäuden liegt der Stromanteil in den USA noch höher.

Bei der Produktion ist der Abstand am größten. Mehr als 80 Prozent der weltweiten Fertigungskapazität für Solarmodule standen 2023 in China. Chinesische Hersteller hielten 2024 in Brasilien 82 Prozent des Markts für Elektroautos und Plug-in-Hybride, in Deutschland vier Prozent. Der Historiker Nils Gilman sieht darin die Grundlage eines geopolitischen Gegensatzes zu den Ölmächten (mehr dazu: Hat ein ökologischer Kalter Krieg bereits begonnen?).

Bei der Versorgung taugt China dagegen nicht als Musterland. Das Land erzeugt mit großem Abstand den meisten Ökostrom der Welt, bezog 2025 nach Ember-Daten aber noch fast 60 Prozent seines Stroms aus fossilen Kraftwerken. Der Anteil sinkt stetig, und die CO₂-Emissionen haben nach einer Analyse von Carbon Brief womöglich ihren Höhepunkt überschritten. Indien elektrifiziert inzwischen schneller und mit mehr Solarstrom, als China es auf vergleichbarem Entwicklungsstand tat (mehr dazu: Entsteht mit Indien der nächste Elektrostaat?).

Welche Staaten wollen Elektrostaat werden?

Lange verfolgte fast nur China die Elektrifizierung als Staatsprojekt. Nach der Schließung der Straße von Hormus im Frühjahr 2026 legten drei große Volkswirtschaften binnen weniger Monate Elektrifizierungsstrategien vor. Frankreich präsentierte im April 2026 einen Plan mit 22 Maßnahmen. Bis 2035 will das Land den Stromanteil an der Endenergie von 27 auf 38 Prozent heben. Kanada folgte im Mai mit „Powering Canada Strong“, einer Strategie, die das Stromangebot bis 2050 verdoppeln soll.

Im Juli 2026 zog die EU-Kommission mit ihrem Elektrifizierungs-Aktionsplan nach. Er nennt ein indikatives Ziel von 46 Prozent Stromanteil am Endenergieverbrauch bis 2040, als Zwischenmarke gelten 32 Prozent bis 2030. Die Kommission stellte den Plan als Weg vor, Europa zum ersten Elektrokontinent der Welt zu machen (mehr dazu: Electrification Action Plan).

Frankreich begründet seinen Plan vor allem mit Energieunabhängigkeit, Kanada mit Wirtschaftswachstum, die EU mit Wettbewerbsfähigkeit. Klimaschutz steht in keinem der drei Papiere an erster Stelle, darauf weist Rosenow hin. Ein Plan ist allerdings noch kein Ergebnis: Das EU-Ziel bindet niemanden, und keine der Strategien hat bisher eine Wahl oder eine Rezession überstanden. Regierungen, die Elektrifizierung vor wenigen Jahren als eine Klimamaßnahme unter vielen behandelten, machen sie nun zur Industriepolitik.

Wie weit ist Deutschland vom Elektrostaat entfernt?

Deutschland schneidet in Rosenows Raster sehr ungleich ab. Bei der Versorgung liegt das Land gut: 2025 stammten nach Angaben des Umweltbundesamts 55 Prozent des Bruttostromverbrauchs aus erneuerbaren Energien. Beim Verbrauch bleibt Deutschland dagegen zurück. Nach der Anwendungsbilanz der AG Energiebilanzen war 2023 nur rund ein Fünftel der Endenergie Strom, weniger als der EU-Schnitt von 23 Prozent.

Die Ember-Analysten nennen Deutschland deshalb einen Erbauer erneuerbarer Energien, aber keinen Erbauer eines Elektrostaats. In deutschen Heizkellern, Garagen und Fabriken ersetzt Strom noch zu selten Öl und Gas. Die Lücke schließen Wärmepumpen, Elektroautos, Elektrostahl und elektrische Prozesswärme (mehr dazu: Wohlstand durch erneuerbare Energien).

Am schwächsten schneidet Deutschland beim Staat ab. Die EU-Kommission zählt Deutschland zu fünf Mitgliedstaaten, die Strom mit Abgaben belasten, die nichts mit dem Stromsystem zu tun haben. Für Haushalte kostet Strom hierzulande nach den Kommissionsdaten für 2025 rund dreimal so viel wie Gas, die EU peilt für 2030 höchstens das 2,5-Fache an. Ein nationales Elektrifizierungsziel wie in Frankreich hat die Bundesregierung bis Oktober 2026 nicht beschlossen. Luisa Neubauer warnt deshalb vor dem Platz zwischen den Lagern (mehr dazu: Luisa Neubauer warnt vor dem Platz zwischen Elektrostaat und Petrostaat).

Bei der Produktion steht Deutschland gemischt da. Autoindustrie, Maschinenbau und Wärmepumpenhersteller geben dem Land eine Basis, Solarmodule und Batteriezellen kommen dagegen überwiegend aus Asien. Weil der Strom schon mehr als zur Hälfte erneuerbar ist, liegt der größte Hebel beim Preis. Solange Strom stärker mit Steuern und Abgaben belastet ist als Gas, bleibt die Elektrifizierung hinter der Erzeugung zurück. Jede Wärmepumpe und jedes Elektroauto rückt Deutschland ein Stück in Richtung Elektrostaat, der Kurs dorthin ist bisher aber keine Regierungsentscheidung.

QUELLEN

  1. Ember: The Age of Power, Präsentation, September 2026 (Deutschland als „renewables builder“, Folie 85).
  2. SNE Research: Marktanteile der Hersteller von E-Auto-Batterien außerhalb Chinas, 2026.
  3. IEA: World Energy Balances (Stromanteil am Endenergieverbrauch nach Ländern).

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