Zero Bills: Familie seit fünf Jahren ohne Energiekosten

Britischer Feldversuch mit Santander · 5. OKTOBER 2026

Octopus testet Zero Bills im Altbau

Octopus Energy hat in Milton Keynes ein Haus aus den 1980er-Jahren mit Wärmepumpe, Solaranlage und Speicher nachgerüstet. Die Bewohner bekommen fünf Jahre lang keine Energierechnung. In Deutschland bietet Octopus Zero Bills im Altbau aber noch nicht an.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 4 Min. LESEN


Clare Naylor und ihre Familie wohnen in einem freistehenden Haus mit vier Schlafzimmern im englischen Milton Keynes. Handwerker haben dort eine Wärmepumpe, 17 Solarmodule und vier neue Heizkörper eingebaut. In der Garage steht ein großer Batteriespeicher für den Solarstrom. Den Gaskessel hat die Familie ausbauen lassen, weil Octopus nur Häuser ganz ohne Gas in den Tarif aufnimmt, auch ohne Gasherd.

Bisher zahlte die Familie nach eigenen Angaben rund 130 Pfund im Monat für Energie. Das Geld wolle sie künftig für Urlaube ausgeben, sagte Naylor dem Guardian. Für die meisten britischen Haushalte steigen die Kosten dagegen weiter. Die Preisobergrenze der Regulierungsbehörde Ofgem ist zum 1. Oktober um vier Prozent gestiegen, für Januar wird ein Plus von weiteren 16 Prozent erwartet.

Octopus verdient am Solarstrom, den es ins Netz verkauft

Octopus garantiert der Familie, dass sie für Heizung, Licht und Geräte fünf Jahre lang nichts zahlt. Die Garantie gilt bis zu einer Verbrauchsgrenze, die Octopus für jedes Haus einzeln festlegt. Sie richtet sich nach dem üblichen Verbrauch und enthält einen Aufschlag. Strom für das Laden eines Elektroautos ist nicht enthalten.

Octopus finanziert das Versprechen über den Stromverkauf. Die Häuser erzeugten über das Jahr meist etwas mehr Energie, als sie verbrauchten. „Wir müssen genug Erlöse aus dem Stromverkauf ans Netz erzielen“, sagte Nigel Banks, technischer Direktor von Zero Bills bei Octopus Energy, dem Guardian.

Für Zero Bills im Altbau braucht ein Haus eine gute Dämmung, eine Solaranlage, eine Wärmepumpe und einen Speicher. Als beste Kandidaten nennt Banks Häuser aus den vergangenen zehn Jahren. In Suffolk erprobt Octopus die Nachrüstung an Häusern ab Baujahr 2015. Der Kreis Suffolk vergibt dafür zinslose Darlehen von 15.000 Pfund. Bis 2030 will Octopus weltweit 100.000 Zero-Bills-Häuser ausstatten.

Santander finanziert Zero Bills im Altbau

Den Umbau des Hauses in Milton Keynes hat die Bank Santander bezahlt. Sie will herausfinden, wie sich die energetische Modernisierung von Wohnhäusern finanzieren lässt. Hätte die Familie selbst gezahlt, hätten Solaranlage, Wärmepumpe und Speicher nach Abzug der staatlichen Förderung knapp 20.000 Pfund gekostet. Mit dem Modernisierungskredit von Santander zu 6,4 Prozent Zins wären das über fünf Jahre 389 Pfund im Monat.

Die Bank führe rund 1,5 Millionen Hypothekenkonten, die meisten dieser Kunden zahlten monatliche Energierechnungen, sagte Mick Taylor von Santander. Energie sei für die meisten Haushalte wohl der zweit- oder drittgrößte Ausgabenposten. Seit Juli 2026 unterstützt Santander Zero Bills als erste große britische Filialbank. Käufer eines solchen Hauses können bis zu 29.000 Pfund mehr leihen, weil die Bank die Energierechnung aus der Kreditprüfung streicht.

Octopus bietet den Tarif in Deutschland nur für Neubauten an

In Deutschland vertreibt Octopus Zero Bills ausschließlich über Hausbaufirmen, genannt werden Kampa, FingerHaus, Baufritz, Mihm und Lehner Haus. Bewohner zahlen mindestens sechs Jahre keine Stromkosten. Zusätzlich zum Solarstrom erhalten sie ein Freikontingent von 2.500 Kilowattstunden im Jahr. Für Bestandsimmobilien arbeite das Unternehmen an einer Lösung, schreibt Octopus.

Das erste deutsche Zero-Bills-Haus eröffnete Octopus im Juli 2024 in Mahlow bei Berlin. Im Januar 2025 kündigte das Unternehmen mit Kampa die erste deutsche Zero-Bills-Siedlung im baden-württembergischen Schramberg an, mit 24 Häusern. Ob eine Wärmepumpe im Altbau effizient heizt, hängt vor allem an der Vorlauftemperatur, wie Feldtests des Fraunhofer ISE zeigen.

Octopus handelt den Strom der Bewohner am Markt. Den Speicher lade das Unternehmen mit Netzstrom, wenn die Preise besonders günstig sind, und verkaufe Überschüsse bei hoher Nachfrage, heißt es auf der deutschen Angebotsseite. Genau dieses Mischen hat die Bundesnetzagentur am 1. Oktober 2026 mit der MiSpeL-Festlegung neu geregelt.

Heimspeicher dürfen damit Netzstrom und Solarstrom gemeinsam nutzen, ohne die Förderung für den gespeicherten Solarstrom zu verlieren. Haushalte ohne eigenen Speicher können günstige Börsenpreise über einen dynamischen Stromtarif nutzen.

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