Jedes dritte Stadtwerk plant den Ausstieg aus dem Gasnetz

VKU-UMFRAGE ZU DEN GASNETZEN · 7. NOVEMBER 2026

Mehr als jedes dritte Stadtwerk bereitet die Gasnetz-Stilllegung vor

Gasverteilnetze werden 2045 aller Voraussicht nach nicht mehr gebraucht. Doch erst gut jedes dritte Stadtwerk plant laut einer noch unveröffentlichten Umfrage des Verbands kommunaler Unternehmen (VKU), sein Gasnetz ganz oder teilweise stillzulegen.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 5 Min. LESEN


13 Prozent der Stadtwerke wollen die komplette Gasnetz-Stilllegung, weitere 25 Prozent eine teilweise. Gemessen an dem, was auf die Netze zukommt, ist das zu wenig: Knapp zwei Drittel haben sich nicht für den Ausstieg entschieden, 38 Prozent wissen laut der Umfrage noch nicht, was aus ihrem Gasnetz werden soll. Immerhin will die Hälfte der Stadtwerke künftig vor allem auf Wärmepumpen und Fernwärme setzen. Zuerst hatte Bild über die Umfrage berichtet.

Ein früher Stilllegungsplan spart Geld. Die Fraunhofer-IFAM-Forscher Roland Meyer und Martin Palovic haben in einem Kurzgutachten für ein Modellnetz durchgerechnet, was der Zeitpunkt der Planung ausmacht: Planen Netzbetreiber die Stilllegung schon 2027 statt erst 2035, sinken die Netzkosten bis 2045 um rund 20 Prozent. Der staatliche Förderbedarf, um soziale Härten abzufedern, sinkt um mehr als die Hälfte. „Würden Netzbetreiber verpflichtet, bis 2027 ihre Planung vorzulegen, könnten Zusatzkosten in Milliardenhöhe vermieden werden", sagt Meyer.

Steigen werden die Netzentgelte in jedem Fall, weil feste Netzkosten auf immer weniger Anschlüsse verteilt werden. Im Modell erreichen sie 2045 rund 22 Cent pro Kilowattstunde, fast das Zehnfache von heute. Mit früher Planung bleiben weniger Haushalte bis zum Schluss im Netz, und die letzten zahlen weniger. Ein Gasnetz in der Fläche zu halten und nur hier und da Leitungen zurückzubauen, geht deshalb nicht auf: Jeder Haushalt, der wechselt, verteuert das Netz für alle, die bleiben. Für Hausbesitzer*innen und Mieter*innen heißt das: Wer weiß, dass das Gas in der eigenen Straße endet, kann den Heizungstausch rechtzeitig angehen.

Wo Stadtwerke ihr Gasnetz stilllegen wollen

Welche Straßen ans Wärmenetz kommen und wo Wärmepumpen das Gas ersetzen, legen die Städte in der kommunalen Wärmeplanung fest. Hannover hat den Ausstieg aus dem Gasnetz angekündigt, Berlin will einen Großteil seines Netzes stilllegen. Bremerhaven, Düsseldorf, Gütersloh, Jena und Oldenburg wollen einen Ausstiegsplan erarbeiten.

In Mannheim will der Energieversorger MVV das Gasnetz nach dem Mannheimer Modell bis 2035 stilllegen. Am Rhein baut MVV dafür eine Flusswärmepumpe mit 165 Megawatt, die ab Winter 2028 bis zu 40.000 Haushalte mit Wärme versorgen soll.

Im Berliner Wärmeplan sollen Wärmenetze und Wärmepumpen bis 2045 rund 95 Prozent der Wärme liefern. Leipzig baut die Fernwärme aus und will sie bis 2038 klimaneutral machen.

Den Gegenentwurf liefert Dresden, die Stadt von Oberbürgermeister Dirk Hilbert (FDP). Dort hängen rund 95 Prozent der Wärmeversorgung am Erdgas. Eine Stadtratsmehrheit aus CDU, Team Zastrow, AfD, FDP/FB-Fraktion und BSW hat im Wärmeplan festgeschrieben, dass das Gasnetz weiterbetrieben wird und der Plan keine Gebiete für Wärmepumpen empfiehlt. Wer trotzdem wechselt, verlässt das Netz, die Fixkosten tragen am Ende die, die zuletzt bleiben.

Stuttgart plant Nahwärmenetze in 53 Quartieren. In Dortmund vermietet der Versorger DEW21 Wärmepumpen an Haushalte ohne Fernwärme. In Hamburg sollen zwei Flusswärmepumpen an Norderelbe und Bille rechnerisch rund 130.000 Haushalte versorgen.

Vier Prozent der Stadtwerke setzen voll auf Biogas

Laut Umfrage setzt die Hälfte der Stadtwerke künftig auf eine Mischung aus Wärmepumpen und Fernwärme. Nur vier Prozent setzen allein auf Biogas, acht Prozent auf Wärmepumpen plus grüne Gase und fünf Prozent auf Fernwärme plus grüne Gase. In Essen, Kiel, Trier und Zittau bieten die Stadtwerke bereits Biogas-Tarife an. Bei einem solchen Tarif kauft der Versorger Biomethan bilanziell ein, also in der Menge, die der Haushalt verbraucht; einen Plan für die Leitungen ersetzt das nicht. Wo Biomethan lokal sinnvoll ist, bleibt allenfalls ein Inselnetz für einzelne Quartiere, der übrige Teil des Gasnetzes wird trotzdem stillgelegt.

VKU-Hauptgeschäftsführer Ingbert Liebing verlangt von der Bundesregierung Klarheit bei der Novelle des Energiewirtschaftsgesetzes, der Biomethanstrategie, dem Wärmenetzgesetz und dem Kraft-Wärme-Kopplungsgesetz. Ohne diese Regeln könnten Stadtwerke nicht rechtssicher planen. Für grüne Gase fordert er eine eigene Strategie, die zusätzliche Importe einschließt.

Forschende rechnen mit der Gasnetz-Stilllegung bis 2045

In einer Folgestudie zur Gasnetz-Stilllegung rechnen Palovic, Meyer und ihr Kollege Niklas Hehmsoth vor, dass Energieversorger unter realistischen Annahmen spätestens 2045 keine wettbewerbsfähigen Gaspreise mehr anbieten können. Das gilt auch mit Biomethan-Beimischung nach der Bio-Treppe und mit der geplanten Grüngasquote. Die Studie haben das Umweltinstitut München und die Organisation GasWende in Auftrag gegeben.

Wer heute in der Hoffnung auf Biogas eine Gasheizung einbaut, „wird auf einer teuren Investitionsruine sitzen bleiben", warnen die Studienautoren. Ein Dreipersonenhaushalt mit 15.000 Kilowattstunden Wärmebedarf spart mit einer Wärmepumpe gegenüber Biomethan in fast allen Szenarien der Studie mehr als 1.000 Euro Betriebskosten im Jahr.

Wie der Umstieg von der Gasheizung auf die Wärmepumpe gelingt, steht in unserem Ratgeber. Was Hausbesitzer*innen und Mieter*innen bei einer Gasnetz-Stilllegung erwartet, erklärt unser Überblick zu Fristen und Rechten bei der Stilllegung.

QUELLEN

3dc7c1d1b0d340ef970afb7d1d0572f8
  1. VKU-Umfrage zur Zukunft der Gasnetze, November 2026, unveröffentlicht.
  2. Fraunhofer IFAM (Roland Meyer, Martin Palovic): Kosteneinsparungen einer frühen Gasnetzstilllegungsplanung, Kurzgutachten im Auftrag des Umweltinstituts München, Dezember 2025.
  3. Fraunhofer IFAM (Martin Palovic, Niklas Hehmsoth, Roland Meyer): Ökonomische Bewertung der GGQ/Biotreppe aus Endverbrauchersicht, Zwischenergebnisse, Juni 2026.
0 0 Bewertungen
Beitragsbewertung
Abonnieren
Benachrichtigen bei
0 Kommentare
Neueste
Älteste Meistbewertet
Nach oben scrollen
0
Ihre Meinung würde uns sehr interessieren. Bitte kommentiere.x