Dresden sichert das Gasnetz, Leipzig transformiert

WÄRMEWENDE · 26. SEPTEMBER 2026

Wärmeplan: Während Dresden das Gasnetz sichert, transformiert Leipzig rasch

Der Stadtrat will im Wärmeplan Dresden keine Gebiete für Wärmepumpen mehr empfehlen und hält am Gasnetz fest, mit dem Argument der Bezahlbarkeit. Die Bundesnetzagentur warnt, dass die Kosten schrumpfender Gasnetze bei denen landen, die bleiben. Leipzig hat solche Gebiete ausgewiesen.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 6 Min. Lesezeit LESEN


Veit Böhm (CDU) nannte im Dresdner Stadtrat eine Zahl, die den Beschluss begründen sollte: Rund 95 Prozent der Wärmeversorgung der Stadt hängen am Erdgas. Ein schneller Umstieg sei deshalb nicht ohne Weiteres möglich, im Vordergrund stehe die Bezahlbarkeit für Haushalte, Gewerbe und Industrie. Mit dieser Begründung setzte eine Mehrheit aus CDU, Team Zastrow, AfD, FDP/FB-Fraktion und BSW am 24. September einen eigenen Antrag zum kommunalen Wärmeplan durch.

Die Verwaltung hatte Gebiete ausweisen wollen, in denen sich dezentrale Wärmeversorgung wie Wärmepumpen voraussichtlich am ehesten rechnet. Der Antrag schließt aus, dass der Wärmeplan eine solche Versorgung in diesen Gebieten empfiehlt oder gar verpflichtend macht. Stattdessen soll die städtische Erdgas-Verteilnetzinfrastruktur „im Rahmen der gesetzlichen und wirtschaftlichen Möglichkeiten“ weiterbetrieben werden.

Der Beschluss kam drei Monate nach der gesetzlichen Frist. Wolfgang Deppe (Grüne) verwies im Rat auf steigende Gaspreise und warnte, der Antrag treibe die Bürger*innen in eine gefährliche Kostenfalle. Ob der Beschluss Wärme bezahlbar hält, entscheidet sich an einem Posten, der auf jeder Gasrechnung steht: den Netzentgelten.

Die Netzagentur rechnet mit schrumpfenden Gasnetzen

Ein Gasnetz kostet Geld, egal wie viel Gas hindurchfließt. Leitungen, Wartung und Abschreibungen legen die Netzbetreiber über die Netzentgelte auf ihre Kund*innen um. Sinkt die Zahl der Anschlüsse, verteilt sich derselbe Kostenblock auf weniger Haushalte.

Die Bundesnetzagentur geht davon aus, dass ein erheblicher Teil des Erdgasnetzes nach 2045 nicht mehr genutzt wird. Im September 2024 erlaubte sie den Netzbetreibern deshalb, Gasleitungen schneller abzuschreiben, in der Regel bis 2045, in Ausnahmefällen bis 2035. Ohne diese Regel, KANU 2.0 genannt, blieben nach ihren Prognosen bis 2044 Restwerte von mehreren Milliarden Euro stehen. Bezahlen müssten sie die verbleibenden Netzkund*innen, über deutlich höhere Entgelte.

Die Entgelte steigen trotzdem, regional sehr unterschiedlich. Für 2026 kündigten einzelne Netzbetreiber Erhöhungen von bis zu 77 Prozent an, andere senkten ihre Entgelte. Die Netzagentur prüft rund 35 Fälle auffälliger Sprünge.

Wie weit das gehen kann, hat das Fraunhofer-Institut IFAM im Auftrag des Umweltinstituts München an einem Modellnetz mit rund 30.000 Haushalten durchgerechnet. Bis 2045 erreichen die Netzentgelte dort etwa 22 Cent pro Kilowattstunde, annähernd das Zehnfache des heutigen Ausgangswerts von 2,33 Cent. Gas- und CO₂-Preise haben die Autor*innen dabei ausgeklammert, es geht allein um die Kosten des Netzes.

Entscheidend ist der Zeitpunkt. Beginnt die Stilllegungsplanung 2027 statt 2035, sinken die diskontierten Gesamtkosten des Netzes um rund 20 Prozent. Weniger Haushalte bleiben bis zum Ende am Netz, und deren Belastung steigt weniger stark. Ein großer Teil des Vorteils hängt an der Glaubwürdigkeit der Ankündigung, denn sie kann den Umstieg der Haushalte beschleunigen. Unsicherheiten im Regelrahmen oder „politisch unklare Signale“ schwächen diesen Vorteil, schreiben die Autor*innen.

Dresdens Beschluss sendet das Gegenteil einer Stilllegungsankündigung: Das Netz soll weiterlaufen. Den Wechsel einzelner Haushalte hält er trotzdem nicht auf. Wer eine Wärmepumpe einbaut oder an die Fernwärme geht, verlässt das Gasnetz, mit oder ohne Empfehlung im Wärmeplan. Die Fixkosten tragen am Ende die, die zuletzt wechseln.

Leipzig trennt Fernwärme- und Wärmepumpen-Gebiete

Leipzig, die größte Stadt Sachsens, hat genau diese Orientierung in seinen Wärmeplan geschrieben. Er unterscheidet Fernwärme-Vorranggebiete, in denen das bestehende Netz wächst, von Gebieten, in denen dezentrale Lösungen wie Wärmepumpen den Umstieg von Gas und Öl tragen sollen. Heute hängen rund 30 Prozent der Leipziger Gebäude an der Fernwärme, künftig sollen es 50 Prozent sein.

Die Fernwärme selbst baut Leipzig gerade um. Ende 2025 lief der Bezug aus dem Braunkohlekraftwerk Lippendorf aus, ab Herbst 2027 soll eine Pipeline Abwärme aus der Raffinerie Leuna ins Netz bringen. Bis dahin überbrückt Erdgas die Lücke. Klimaneutral soll die Leipziger Fernwärme 2038 sein, mit Abwärme, Großwärmepumpen und grünem Wasserstoff. Oberbürgermeister Burkhard Jung bezifferte den Umbau auf einen zweistelligen Milliardenbetrag.

Seit Juni speist im Westen der Stadt, in Lausen, die größte Solarthermieanlage Deutschlands ins Fernwärmenetz ein. 13.200 Vakuumröhren-Kollektoren mit gut 65.000 Quadratmetern Fläche leisten bis zu 41 Megawatt und liefern rund 26 Gigawattstunden Wärme im Jahr. An Sommertagen deckt die Anlage bis zu 20 Prozent des Fernwärmebedarfs, übers Jahr gerechnet etwa zwei Prozent. Weltweit sind nur drei Solarthermieanlagen an Wärmenetzen größer, alle stehen in Dänemark.

Frei von Gas ist auch Leipzig nicht. Das Heizkraftwerk Süd läuft mit Erdgas, die Stadtwerke bewarben es als „wasserstofffähig“. Zertifiziert war es nach einer Correctiv-Recherche von 2024 nur als „H2-ready“, für den Betrieb mit Wasserstoff sind also noch Umbauten nötig. Auch Leipzig braucht auf absehbare Zeit Gas, sagt seinen Bürger*innen aber, was danach kommt.

Die Union stellt die schnellere Abschreibung infrage

Dresden steht mit seiner Linie nicht allein. Unionsfraktionsvize Sepp Müller (CDU) sprach sich im Juli im Bundestag dafür aus, die Möglichkeit der Abschreibung der Gasnetze bis 2045 wieder aufzuheben. Seine Begründung: „Wir wollen grüne Moleküle in den Netzen halten.“

Die Netzagentur hatte die Regel eingeführt, damit die Kosten schrumpfender Netze nicht geballt bei den verbleibenden Kund*innen landen. Fällt sie weg, verschiebt sich die Rechnung in die Zukunft, auf weniger Anschlüsse. In Dresden darf der Wärmeplan in den umstrittenen Gebieten nicht einmal ein Wasserstoffnetz empfehlen. Was die Mehrheit dort schützt, ist ein Netz für Erdgas.

Leipzig hat in seinem Wärmeplan festgelegt, wo Fernwärme oder Wärmepumpen das Gas ersetzen sollen. Dafür investiert die Stadt, von der Solarthermie in Lausen bis zur Abwärme aus Leuna. Dresden hat beschlossen, diese Frage offenzulassen.

Die Rechnung für diese Entscheidung verschickt nicht der Stadtrat. Sie kommt über die Netzentgelte, und sie trifft die Haushalte, die am längsten am Gasnetz bleiben.

QUELLEN

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  1. Sächsische Zeitung: Heizen in Dresden: Stadt hält an Erdgas fest, 24.09.2026.
  2. Bundesnetzagentur: Flexibilisierung der Abschreibungen im Gasnetz, Pressemitteilung, 25.09.2024.
  3. ZFK: Gasnetzentgelte 2026 in 8 Grafiken: Trends und Ausreißer, 22.10.2025.
  4. ZFK: Kanu 2.0: Netzagentur prüft Fälle von „Entgeltsprüngen“ bei Gasnetzen, 23.10.2025.
  5. ZFK: Gasnetze: Unions-Fraktionsvize für Aufhebung von Kanu 2.0, 10.07.2026.
  6. Fraunhofer IFAM: Kosteneinsparungen einer frühen Gasnetzstilllegungsplanung, Kurzgutachten im Auftrag des Umweltinstituts München, 05.12.2025.
  7. Cleanthinking: Kommunale Wärmeplanung Leipzig 2026, 30.06.2026.
  8. Correctiv: Der Wasserstoff-Bluff, 26.03.2024.
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