WÄRMEWENDE · SOLARTHERMIE · 19. JUNI 2026

Solarthermie-Anlage in Leipzig: die viertgrößte der Welt am Fernwärmenetz

In Leipzig-Lausen steht die größte Solarthermie-Anlage Deutschlands und zugleich die viertgrößte der Welt, die ihre Wärme direkt in ein Fernwärmenetz einspeist. 13.200 Solarkollektoren auf 14 Hektar liefern Fernwärme und Warmwasser für Tausende Haushalte, ohne laufende Brennstoffkosten.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 8 Min. Lesezeit LESEN


Auf 14 Hektar im Stadtteil Lausen am Westrand von Leipzig steht die größte Solarthermie-Anlage Deutschlands. Die Stadtwerke Leipzig nennen den Solarpark Solarthermie Leipzig West. 13.200 Solarkollektoren wandeln dort Sonnenlicht direkt in Fernwärme um und machen die Anlage zugleich zur viertgrößten der Welt, die ihre Wärme in ein Fernwärmenetz einspeist.

Damit rückt Deutschland in die Weltspitze einer Technik, die hierzulande lange als Nische galt. Nach Angaben des Herstellers Ritter XL Solar liegen vor Leipzig nur drei größere Anlagen, alle in Dänemark. Solare Fernwärme ist eine der unterschätzten Antworten auf die teuerste Baustelle der Energiewende: die Wärme. Einmal gebaut, liefert sie diese Wärme ohne laufende Brennstoffkosten.

Solarthermie-Anlage: So funktioniert solare Fernwärme

Solare Fernwärme ist nicht mit der Photovoltaik auf dem Dach zu verwechseln. Statt Strom zu erzeugen, wandeln die Solarkollektoren Sonnenlicht direkt in Wärme um. Ein Wasserkreislauf transportiert sie in das städtische Netz, aus dem Tausende Haushalte ihre Heizung und ihr Warmwasser beziehen.

In Leipzig erledigen das 13.200 Vakuumröhren-Großkollektoren auf 65.208 Quadratmetern. Sie erhitzen Wasser auf bis zu 110 Grad Celsius, heiß genug, um direkt ins Netz zu gehen. Pro Jahr liefert das Feld rund 26 Gigawattstunden Wärme und vermeidet dabei etwa 7.160 Tonnen CO₂.

Der entscheidende Unterschied zu einem Gas- oder Biomasse-Heizwerk liegt bei einer Solarthermie-Anlage im Betrieb bzw. den Betriebskosten. Es gibt keine laufenden Brennstoffkosten, weil Sonnenlicht nichts kostet und sich nicht verknappen lässt. Die Technik gilt zudem als ausgereift: Vakuumröhrenkollektoren sind seit Jahrzehnten im Einsatz, das technische wie finanzielle Risiko ist überschaubar.

Wichtig ist die Einordnung zur viertgrößten Solarthermie-Anlage der Welt: Gemeint sind ausschließlich Anlagen, die ihre Wärme direkt in ein Fernwärmenetz einspeisen. Solarthermische Kraftwerke, die in sonnenreichen Regionen über Spiegel Strom erzeugen, gehören in eine andere Kategorie und sind mit Leipzig nicht vergleichbar.

Leipzig in der Weltspitze: Dänemark als Maßstab

Den Weltrekord hält die dänische Stadt Silkeborg, am Netz seit 2016. Mit rund 41 Megawatt thermischer Leistung folgt Leipzig auf Rang vier. Der Abstand zur Spitze zeigt, in welcher Liga die Anlage spielt und wie groß der dänische Vorsprung ist.

KennzahlSilkeborg (DK), Rang 1Leipzig-Lausen (DE), Rang 4
Thermische Leistung110 MW41 MW
Kollektorfläche156.694 m²65.208 m²
Solarkollektoren12.436 (Flachkollektoren)13.200 (Vakuumröhren)
Wärmeertrag pro Jahrrund 80 GWhrund 26 GWh
Anteil Fernwärme im Sommerbis 100 %bis 20 %
In Betrieb seit20162026

Dass eine deutsche Anlage überhaupt in diese Liga vorstößt, ist bemerkenswert. Während Dänemark die solare Fernwärme früh zum Standard machte, blieb sie in Deutschland eine Ausnahme. Den Bau der Anlage hat Cleanthinking bereits als Deutschlands größte Solarthermieanlage begleitet, inzwischen zählt sie international.

Dänemarks Vorsprung hat klare Gründe. Das Land bepreiste fossile Wärme früh, organisierte seine Fernwärme über lokale Genossenschaften und plante den Wärmesektor systematisch. Solare Großanlagen waren dort schlicht die günstigste Konsequenz.

Rund 40 Millionen Euro hat der Versorger in Leipzig investiert, etwa 16 Millionen davon stammen aus Fördermitteln. Carsten Körnig, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands Solarwirtschaft, sieht in der Anlage den Beleg, dass erneuerbare Wärme „heute bereits im Kraftwerksmaßstab" ganze Städte versorgen kann.

Stabile Preise statt Brennstoffrisiko

Im laufenden Betrieb liegen die Grenzkosten der erzeugten Wärme nahe null. Kein Gaspreis trifft die Anlage, kein CO₂-Zertifikat, keine Importabhängigkeit. Umsonst ist die Wärme damit aber nicht: Die rund 40 Millionen Euro Investition müssen sich über Jahrzehnte amortisieren, dazu kommen Kapital- und Wartungskosten.

Für die Kundschaft sinkt der Fernwärmepreis durch das Solarfeld deshalb nicht automatisch. Er bleibt zunächst stabil, wird aber unabhängiger von Gas- und CO₂-Preisen. In einer Energiepreiskrise ist genau diese Stabilität die eigentlich gute Nachricht.

Die Krise nach 2022 hat vorgeführt, wie verwundbar eine gasbasierte Wärmeversorgung ist. Solare Fernwärme ersetzt teuren, schwankenden Brennstoff durch ein berechenbares Stück Infrastruktur, dessen Ertrag nach dem Bau über Jahre feststeht. Genau diese Planbarkeit begründet auch der Leipziger Versorger, der das Projekt als Beitrag zur Versorgungssicherheit einordnet.

Wo die Grenzen der Solarthermie liegen

Wer solare Fernwärme zur Allzwecklösung erklärt, springt zu kurz. Über das ganze Jahr gerechnet deckt die Leipziger Anlage im Schnitt nur rund zwei Prozent der Fernwärmeversorgung. Die Sonne scheint dann am stärksten, wenn am wenigsten geheizt wird.

Auch im großen Maßstab bleibt es bei dieser Größenordnung. Ein Gutachten des Verbands kommunaler Unternehmen sieht für die Solarthermie bis 2045 bundesweit ein Potenzial von rund zwei Prozent der Fernwärme. Derzeit sind in Deutschland etwa 60 solare Freiflächenanlagen in Betrieb.

Ihren vollen Wert entfaltet die Technik deshalb erst im Verbund. Mit saisonalen Wärmespeichern, Großwärmepumpen und Abwärme aus Industrie und Rechenzentren wird aus dem Sommerertrag eine ganzjährige Versorgung. Solare Fernwärme ist ein Baustein im Wärmemix, nicht die Komplettlösung.

Den größten Hebel verspricht der saisonale Speicher. Würde die im Sommer geerntete Wärme in riesigen Erdbecken bevorratet, ließe sich ein Teil davon in den Winter verschieben. Diesen Schritt geht Dänemark seit Jahren, und hier liegt die nächste Ausbaustufe, die auch deutsche Netze brauchen werden.

Was deutsche Städte aus der Anlage lernen können

In Deutschland hängen rund sechs Millionen Haushalte an einem Fernwärmenetz. Das Wärmeplanungsgesetz verpflichtet Großstädte über 100.000 Einwohner, bis Mitte 2026 eine kommunale Wärmeplanung vorzulegen, kleinere Kommunen folgen in einem vereinfachten Verfahren. Die Frage, womit in Zukunft sauber geheizt wird, ist also in den allermeisten Kommunen des Landes derzeit brandaktuell. Neben der Wärmepumpe steht dabei die Fernwärme im Zentrum.

Der Umbau ist gewaltig, denn die deutsche Fernwärme stammt bis heute überwiegend aus fossilem Gas und Kohle. Jede Kilowattstunde, die stattdessen aus Sonne, Abwärme oder Umweltwärme kommt, verkleinert eine fossile Abhängigkeit, die Millionen Haushalte betrifft.

Leipzig zeigt, wie das konkret aussieht. Die Stadtwerke setzen neben dem Solarfeld auf Abwärme aus dem Chemiestandort Leuna, auf Großwärmepumpen wie im Klärwerk Rosental und auf grünen Wasserstoff im Heizkraftwerk Süd. Bis 2038 will die Stadt ihre Fernwärme klimaneutral liefern. Das Solarfeld ist in diesem Mix kein Symbol, sondern ein Baustein, der fossile Erzeugung verdrängt.

Die Blaupause lässt sich kopieren, sofern eine Stadt die Fläche hat: ein vorhandenes Netz, ein Versorger mit Investitionswillen und genügend Platz am richtigen Ort. Die Fläche ist dabei der eigentliche Engpass. In dicht bebauten Städten ist sie knapp und teuer, weshalb sich Brachen, ehemalige Industrieareale und Stadtränder anbieten.

Versiegelt wird der Boden dabei kaum. In Leipzig liegt der Versiegelungsgrad unter 0,01 Prozent, weil die Kollektortische erhöht stehen. Zwischen den Reihen bleibt Raum für extensiv gepflegte Grünflächen, sodass Doppelnutzung statt Flächenkonflikt entsteht.

Ein Detail mit industriepolitischem Wert kommt hinzu. Der Kollektorhersteller Ritter XL Solar sitzt in Deutschland. Anders als bei Photovoltaik-Modulen, die fast vollständig aus Asien stammen, bleibt bei der Solarthermie-Anlage für Fernwärme und Warmwasser in Leipzig ein maßgeblicher Teil der Wertschöpfung im Land. Das eigentliche Hindernis ist deshalb selten die Technik, sondern die Gewohnheit, bei Wärme zuerst an Verbrennung zu denken.

Häufige Fragen zur Solarthermie Leipzig West

Wie groß ist die Solarthermie-Anlage in Leipzig?

Die Anlage in Leipzig-Lausen umfasst 13.200 Solarkollektoren auf 65.208 Quadratmetern und 14 Hektar Gesamtfläche. Sie erreicht rund 41 Megawatt thermische Leistung und liefert jährlich etwa 26 Gigawattstunden Wärme.

Ist es die größte Solarthermie-Anlage der Welt?

Nein. Es ist die größte Anlage Deutschlands und nach Angaben des Herstellers Ritter XL Solar die viertgrößte weltweit, die Wärme direkt in ein Fernwärmenetz einspeist. Den Spitzenplatz hält das dänische Silkeborg mit 110 Megawatt thermischer Leistung.

Wie viel der Leipziger Fernwärme deckt die Anlage?

Im Sommer deckt das Solarfeld bis zu 20 Prozent des täglichen Fernwärmebedarfs in Leipzig. Über das gesamte Jahr gerechnet liegt der Anteil im Schnitt bei rund zwei Prozent.

Was kostet die Wärme aus solarer Fernwärme?

Den Großteil der Kosten verursacht der Bau, in Leipzig rund 40 Millionen Euro, davon etwa 16 Millionen aus Förderung. Im Betrieb fallen Wartungs- und Kapitalkosten an, aber keine Brennstoffkosten. Der Fernwärmepreis sinkt dadurch nicht automatisch, wird aber unabhängiger von Gas- und CO₂-Preisen.

Fazit

Leipzig zeigt, dass solare Fernwärme keine dänische Spezialität bleiben muss. Die Technik ist ausgereift, der Brennstoff kostet nichts, und das Risiko liegt im Bau, nicht im Betrieb. Was eine Stadt dafür braucht, ist vor allem Fläche und der Wille, sie zu nutzen.

Damit ist die Anlage kein Endpunkt, sondern ein Anfang. Mit saisonalen Speichern und einem Wärmemix aus Abwärme und Großwärmepumpen lässt sich der Sommerertrag in den Winter verlängern. Der Rohstoff dafür fällt jeden Sommer kostenlos vom Himmel. Es liegt an den anderen Städten, ob sie ihn ernten.

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