400 Millionen Dollar: Öl-Manager verkaufen im Kriegshoch

ENERGIEWENDE · 30. JULI 2026

Kriegsdividende: Fossile Insider machen Kasse

Insider US-amerikanischer Öl- und Gasfirmen haben seit dem Krieg gegen den Iran fast 400 Millionen Dollar eigene Aktien verkauft, zeigt eine Analyse von Friends of the Earth. Es ist die Kriegsdividende eines Geschäfts, das an Knappheit verdient.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 6 Min. Lesezeit LESEN


Nach den Angriffen der USA und Israels auf den Iran wurde die Straße von Hormus zeitweise blockiert. Öl- und Gasexporte aus dem Nahen Osten gerieten ins Stocken, die Preise zogen an, und mit ihnen die Kurse der fossilen Konzerne. Wer in diesem Fenster verkaufte, erzielte Höchstpreise.

Genau das taten Führungskräfte, Vorstände und Großaktionäre führender US-Öl- und Gasfirmen. Die Analyse der Umweltorganisation Friends of the Earth, aufbereitet für die New York Times, wertet Pflichtmeldungen an die US-Börsenaufsicht aus. Ergebnis: fast 400 Millionen Dollar an Insider-Verkäufen seit Kriegsbeginn.

Wer am meisten verkauft hat

An der Spitze steht ConocoPhillips: Führungskräfte des Konzerns verkauften Aktien im Wert von 96 Millionen Dollar. Auf Platz zwei und drei folgen die LNG-Exporteure Cheniere Energy und Venture Global.

Cheniere Energy und Venture Global exportieren Flüssigerdgas per Tanker in Regionen, die auf Lieferungen aus dem Nahen Osten angewiesen sind. Steigt dort die Nachfrage durch einen Lieferausfall, steigen auch die Preise, zu denen beide Konzerne ihre eigene Ware verkaufen.

Bei allen drei Unternehmen übertreffen die Insider-Verkäufe seit Kriegsbeginn bereits den gesamten Verkaufswert des Jahres 2025. Zwei Einschränkungen gehören dazu: Insider-Verkäufe sind legal und meldepflichtig, kein Regelverstoß. Auch bei Diamondback Energy fielen die Verkäufe hoch aus, die Analyse stuft sie aber ausdrücklich überwiegend als nicht kriegsbezogen ein.

Deshalb lässt sich das Volumen so exakt beziffern. Wer als Führungskraft oder Großaktionär eigene Aktien verkauft, muss das der US-Börsenaufsicht zeitnah melden, die Meldungen sind öffentlich einsehbar. Friends of the Earth hat diese Rohdaten für den Kriegszeitraum ausgewertet und mit dem Vorjahr verglichen.

„Ihre Führungskräfte nutzen Trumps Krieg auch, um sich dynastischen Reichtum zu verschaffen", sagt Lukas Shankar-Ross, stellvertretender Programmdirektor bei Friends of the Earth und Leiter der Analyse. Im US-Kongress fordern demokratische Abgeordnete als Reaktion eine Übergewinnsteuer auf fossile Kriegsprofite.

Für die Demokraten ist das Muster ein Aufhänger: Profitiert eine Branche direkt von einem Krieg, den die eigene Regierung führt, wird die Forderung nach einer Sonderabgabe politisch leichter durchsetzbar.

Ein Muster, das sich wiederholt

Während die Insider verkauften, meldeten die Konzerne selbst Rekordzahlen. Shell wies für das zweite Quartal 2026 einen bereinigten Gewinn von 9,84 Milliarden Dollar aus, mehr als das Doppelte der 4,26 Milliarden im Vorjahresquartal und über den Analystenerwartungen von 8,79 Milliarden Dollar.

Bereinigt heißt: um Sondereffekte wie Abschreibungen oder Wechselkurse korrigiert, die Kennzahl, an der Investoren das operative Geschäft messen. Gerade das LNG-Handelsgeschäft profitiert von Preissprüngen, weil Shell Gas dort einkauft, wo es günstig ist, und dort verkauft, wo die Blockade die Preise treibt.

Es ist der höchste Quartalsgewinn seit dem zweiten Quartal 2022, als Shell nach Russlands Überfall auf die Ukraine 11,47 Milliarden Dollar verbuchte. Treiber waren laut Shell höhere realisierte Preise und starkes LNG-Handelsgeschäft, teils gebremst durch Ausfälle in Katar. Der operative Cashflow lag bei 21,4 Milliarden Dollar im Quartal.

TotalEnergies meldete Ende Juli sein bestes Quartal seit fast drei Jahren. Beide Male ist der Auslöser ein Krieg, 2022 die Ukraine, 2026 der Iran.

Das eigentlich verräterische Detail steckt in den Insider-Verkäufen selbst. Wer die eigene Langfrist-Erzählung glaubt, hält die Aktie. Wer verkauft, behandelt den Ausnahmezustand als das, was er ist: vorübergehend.

Wer verdient eigentlich am Frieden?

Das eine Geschäft wächst mit Überfluss: mehr Sonne, mehr Speicher, sinkende Preise. Das andere wächst mit Mangel: Blockade, Ausfall, Krieg. Im Energiesektor ist das fossile Geschäftsmodell derzeit das einzige, dessen Gewinne mit der Krise steigen.

Die Kostenkurve bei Solarmodulen und Batteriespeichern fällt seit Jahren, getrieben von Massenproduktion und Lernkurven. Ein Windpark oder eine Wärmepumpe wird nicht wertvoller, nur weil irgendwo eine Straße wie die von Hormus blockiert ist.

Die IEEFA hat vorgerechnet, was diesem Modell entzogen wird: Der Zubau an Wärmepumpen, Solar und Wind hat der EU 2024 eine Gasnachfrage von 8,8 Milliarden Kubikmetern erspart, rund zwei Drittel der EU-Importe von katarischem LNG. Ein Ausfall in Ras Laffan trifft Europa deshalb kaum noch.

Jede installierte Wärmepumpe entzieht dem Krisengeschäft ein Stück Nachfrage. Das ist die strukturelle Antwort auf die Kriegsdividende: Unabhängigkeit statt Mangelrendite.

Für Kommunen und Unternehmen, die ihre Energiekosten planen, ist der Unterschied mehr als Symbolik. Wer auf Erneuerbare und Speicher setzt, koppelt die eigene Kostenstruktur von genau jenen Kriegsprämien ab, die die Führungsetagen von ConocoPhillips und Co. gerade einstreichen.

Auch in Deutschland ist die Übergewinnsteuer seit dem Frühjahr 2026 zurück auf der Agenda, seit hohe Sprit- und Dieselpreise infolge des Iran-Kriegs Haushalte und Betriebe belasten. Finanzminister Lars Klingbeil (SPD) wirbt für eine Abschöpfung nach dem Vorbild der EU-Solidaritätsabgabe aus dem Jahr 2022. Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) blockiert den Vorstoß als teuer, wirkungslos und verfassungsrechtlich fragwürdig.

„Die Ökonomie kennt keine Übergewinnsteuer, und die Ökonomie kennt auch keine Übergewinne", sagte Reiche. Statt der Steuer dringt sie auf eine höhere Pendlerpauschale. Die fast 400 Millionen Dollar an Insider-Verkäufen und Shells verdoppelter Quartalsgewinn liefern der Debatte nun frisches Anschauungsmaterial.

Der Widerstand gegen eine Abschöpfung fossiler Krisengewinne hat Tradition. Genauso die Behauptung, die Energiewende habe ohnehin nichts gebracht, ein Vorwurf, den Cleanthinking bereits im Fall des Evonik-Chefs Christian Kullmann faktengecheckt hat.

Auf EU-Ebene läuft parallel der Streit um die Reform des Emissionshandels. Nord- und südeuropäische Staaten ringen dort darum, wie stark und wie schnell der Preis für CO2-Emissionen steigen soll. Der Emissionshandel macht fossile Folgekosten zum Preisbestandteil, statt sie der Allgemeinheit zu überlassen.

Was die Verkäufe verraten

Die Zahlen aus SEC-Meldungen, Quartalsberichten und der IEEFA-Rechnung ergeben zusammen ein einfaches Bild. Fossile Gewinne brauchen Mangel, Electrotech-Gewinne brauchen nur Sonne, Wind und sinkende Speicherpreise.

Wer in den Insider-Meldungen blättert, sieht zwei Signale gleichzeitig: Rekordgewinne in der Bilanz und Verkaufsorders im Depot der eigenen Führungsriege. Beide zusammen ergeben ein Urteil, das die Konzerne selbst nicht offen aussprechen.

Die Führungsetagen von ConocoPhillips, Cheniere Energy und Venture Global haben mit ihren eigenen Verkäufen offengelegt, wie lange sie selbst an diesen Ausnahmegewinn glauben. Wer echte Versorgungssicherheit will, wählt das System, das von Stabilität profitiert. Kriegsdividenden gehören zum anderen Geschäftsmodell.

QUELLEN

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  1. The New York Times: Fossil Fuel Executives Are Cashing In, 28. Juli 2026
  2. RTÉ: Shell profit more than doubles to $9.8bn on Iran war, 30. Juli 2026
  3. Reuters: TotalEnergies Q2 profit up on higher oil price and strong refining margins, 23. Juli 2026
  4. taz: Bundesministerin gegen Übergewinnsteuer: Katherina Reiche dringt auf Erhöhung der Pendlerpauschale, 2026
  5. Friends of the Earth: Analyse der SEC-Pflichtmeldungen zu Insider-Verkäufen, Juli 2026 (der New York Times exklusiv zur Verfügung gestellt, keine eigenständige Veröffentlichung)
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