ENERGIEWENDE · 18. JULI 2026
KI-generiertHat die Energiewende nichts gebracht? Kullmanns Rechnung kippt
1.000 Milliarden Euro verbrannt, so rechnet Evonik-Chef Christian Kullmann. Hat die Energiewende nichts gebracht? Sein eigenes Interview liefert die Gegenargumente, die Daten des ersten Halbjahrs 2026 auch.
„Die deutsche Energiewende hat bislang rund 1000 Milliarden Euro gekostet”, sagt Evonik-Chef Christian Kullmann im Interview mit der Rheinischen Post. Gebracht habe sie: „nichts”. Dieser Satz ist ein Skandal. Denn was die Energiewende gebracht hat, lässt sich messen, und die Messung widerlegt den Manager.
Der Chemiemanager legt im Interview nach: Die Braunkohle werde „mindestens bis 2033” gebraucht, voraussichtlich länger. Deutschland habe eine „Netzinfrastruktur wie in Albanien”. Und Klimaneutralität solle lieber 2050 kommen statt 2045, die „Greta-Hörigkeit” der Politik sei zu groß gewesen.
Zur Fairness gehört: Derselbe Kullmann positioniert sich unmissverständlich gegen die AfD, deren anti-europäische Politik er als Bedrohung für die Wirtschaft benennt, und er befürwortet die höhere Reichensteuer. Diese Haltung verdient Respekt. Umso mehr fällt auf, wie bequem seine Energie-Rechnung ist.
Es ist zudem nicht sein erster Angriff. Im Oktober 2025 forderte Kullmann eine Radikalreform des europäischen Emissionshandels, Cleanthinking hat das Muster damals gemeinsam mit dem Transformationsexperten Mario Buchinger seziert.
Die 1.000 Milliarden und die fehlende Gegenrechnung
Woher die Summe stammt, sagt Kullmann nicht. Je nach Abgrenzung lässt sie sich konstruieren: kumulierte EEG-Vergütungen seit 2000, Netzausbau, Förderprogramme, verteilt über ein Vierteljahrhundert. Als Investitionsvolumen ist das viel Geld. Entscheidend ist, was auf der anderen Seite der Bilanz steht.
Dort stehen zunächst die Kosten des fossilen Status quo: 81 Milliarden Euro zahlt Deutschland Jahr für Jahr für Importe von Öl, Gas und Kohle, hat KfW Research errechnet. Das sind rund 1.000 Euro pro Einwohner, jedes Jahr, ohne dass davon ein Kraftwerk, ein Netz oder ein Speicher im Land bleibt. Über ein Vierteljahrhundert läge diese Dauerrechnung in der Größenordnung von 2.000 Milliarden Euro, grob das Doppelte von Kullmanns Summe.
Und dort steht, was der Umbau liefert. Im ersten Halbjahr 2026 deckten Erneuerbare 58 Prozent des deutschen Stromverbrauchs, ein Rekordwert, wie das Umweltbundesamt meldet. 153 Terawattstunden sauberer Strom, sechs Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Das gesetzliche Photovoltaik-Ausbauziel für das Gesamtjahr wird bereits im Sommer erreicht.
| Kennzahl | Wert | Quelle |
|---|---|---|
| Anteil Erneuerbarer am Stromverbrauch, 1. Halbjahr 2026 | 58 Prozent | Umweltbundesamt |
| Fossile Importkosten Deutschlands pro Jahr | 81 Milliarden Euro | KfW Research, 2025 |
| Russland-Anteil am Wert fossiler Importe, 2021 zu 2024 | 35 zu 0,1 Prozent | KfW Research |
| Stromausfall je Verbraucher, 2024 | 11,7 Minuten | Bundesnetzagentur |
| Installierte Batteriespeicher-Kapazität, Mitte 2026 | rund 28 Gigawattstunden | BSW-Solar |
Dazu kommt die geschrumpfte Erpressbarkeit: 2021 stammten 35 Prozent des Importwerts fossiler Energie aus Russland, 2024 waren es 0,1 Prozent. Die Emissionen der Energiewirtschaft haben sich seit 1990 mehr als halbiert. Wer all das „nichts” nennt, hat die Bilanz nicht gelesen, er hat sie gekürzt.
Der Profiteur der Krise führt den Gegenbeweis
Der stärkste Einwand gegen Kullmanns These steht in seinem eigenen Interview. Evoniks zweites Quartal lief überraschend gut, weil die Blockade der Straße von Hormus die Kosten asiatischer Wettbewerber treibt. Kullmann nennt Evonik dabei selbst einen Profiteur der Krise.
Genau hier kippt die Argumentation. Ein fossiler Engpass am Persischen Golf verteuert Energie und Logistik weltweit, und ein deutscher Konzern verdient daran, weil andere stärker abhängig sind. Was schützt eine Volkswirtschaft vor solchen Schocks? Eigene Erzeugung aus Wind und Sonne, Speicher, elektrifizierte Prozesse.
Wie teuer fossile Abhängigkeit werden kann, hat der Winter 2022 gezeigt: Allein der Abwehrschirm gegen die Gaspreiskrise umfasste bis zu 200 Milliarden Euro. Ein Fünftel von Kullmanns Energiewende-Summe, fällig binnen weniger Monate. Die Energiewende ist die Versicherung gegen genau diese Rechnungen.
Der wahre Kern hinter Kullmanns Klage: Die deutsche Chemie zahlt hohe Energiepreise, deutlich mehr als Wettbewerber in den USA. Nur sind die Treiber fossil. Erdgas ist Rohstoff und Brennstoff der Branche zugleich, und an der Strombörse setzt der Gaspreis in vielen Stunden den Strompreis.
Jede zusätzliche Solar- und Windstunde verringert genau diese teuren Gasstunden und drückt den Börsenstrompreis. Auch die Strukturkrise der Branche mit ihren wegfallenden Stellen hat andere Treiber: Überkapazitäten aus China und teures Gas. Wer die Energiewende dafür haftbar macht, verwechselt Ursache und Therapie.
Albanien am Rhein? Die Netzdaten sagen etwas anderes
Bleibt die Infrastruktur. 11,7 Minuten stand ein deutscher Stromkunde 2024 im Schnitt ohne Versorgung da, meldet die Bundesnetzagentur. Nur die Schweiz ist in Europa noch zuverlässiger, in den USA fällt der Strom im Schnitt 78 Minuten pro Jahr aus. Ein Netz wie in Albanien sieht anders aus.
Meint Kullmann den Netzausbau, trägt der Vergleich ebenso wenig. Die Netzbetreiber investieren auf Rekordniveau, Engpässe und Redispatch sind ein reales, aber adressiertes Problem, dessen tatsächliche Kosten Cleanthinking im Faktencheck eingeordnet hat. Ausgerechnet dort, wo das Netz hakt, helfen vor allem Speicher, Digitalisierung und schnellerer Ausbau.
Auch beim Kohleausstieg argumentiert Kullmann an der Rechtslage vorbei. Der Ausstieg 2030 im Rheinischen Revier ist zwischen Bund, Nordrhein-Westfalen und RWE vereinbart und gesetzlich verankert, 280 Millionen Tonnen Braunkohle bleiben im Boden. Für einzelne Kraftwerksblöcke existiert eine Reserveoption bis 2033, ein „voraussichtlich länger” steht in keinem Vertrag und in keinem Gesetz.
Ob die Option überhaupt gezogen werden muss, entscheidet der Kapazitätsaufbau, und der beschleunigt sich. Allein im ersten Quartal 2026 gingen 2,2 Gigawattstunden neue Batteriespeicher ans Netz, das Großspeicher-Segment wuchs um 270 Prozent, wie Cleanthinking berichtet hat. Dazu kommen die neuen Gaskraftwerke, die Wirtschaftsministerin Katherina Reiche ohnehin plant.
In einem Punkt hat Kullmann recht: Bezahlbarer Wasserstoff fehlt, das benennt auch Cleanthinking seit Langem. Daraus folgt eine Brücke aus Gaskraftwerken und Speichern. Als Argument für Braunkohle bis tief in die 2030er Jahre taugt der Wasserstoff-Rückstand jedenfalls nicht. Die Kapazität, die Kullmann öffentlich vermisst, steht übrigens in seiner eigenen Bilanz: Zwei moderne Gaskraftwerke in Marl gehören zur Evonik-Tochter Syneqt, die er im Interview als Perle zum Verkauf anpreist.
Das 1,6-Prozent-Argument trifft Evonik zuerst
Deutschlands Anteil an den globalen CO2-Emissionen betrage 1,6 Prozent, für das Weltklima sei der deutsche Zeitplan unerheblich, sagt Kullmann. Das Argument ist so alt wie schief. Deutschland gehört zu den zehn größten Emittenten der Welt, liegt pro Kopf deutlich über dem Weltdurchschnitt und ist Teil der EU, des drittgrößten Emissionsblocks überhaupt. Rechnet sich jeder Kleinemittent heraus, handelt niemand.
Vor allem aber hält Kullmanns Logik dem eigenen Maßstab nicht stand. Nach derselben Rechnung wäre Evonik mit seinem verschwindend kleinen Anteil an der Weltwirtschaft global bedeutungslos, jede Konzernentscheidung unerheblich. Kein Vorstandschef würde diesen Maßstab für sein eigenes Unternehmen akzeptieren.
Bleibt die Forderung, die deutsche Klimaneutralität von 2045 auf 2050 zu verschieben. Was nach Entlastung klingt, entwertet die Investitionen derer, die längst umgebaut haben, wie die Debatte um Klima-Union-Chef Thomas Heilmann zeigt. Und die Formel von der „Greta-Hörigkeit” ersetzt Argumente durch Ressentiment.
Jammern ist keine Strategie
Das Muster ist dasselbe wie im Oktober 2025: Ein reales Faktum, hier die Strukturkrise der Chemie, wird so lange vom Kontext befreit, bis als Schuldige nur noch die Energiewende übrig bleibt. Am Ende steht eine politische Forderung, die fossile Geschäftsmodelle verlängert. Cleanthinking nennt dieses Muster fossile Panik.
Dass es anders geht, zeigen Kullmanns Branchenkollegen. Salzgitter liefert grünen Stahl an die Autoindustrie, Covestro-Chef Markus Steilemann verteidigt den Emissionshandel als Erfolgsgeschichte der Chemie. Beide behandeln die Transformation als Geschäftschance.
Hat die Energiewende nichts gebracht? Sie hat einen Rekordanteil sauberen Stroms geliefert, eines der stabilsten Netze der Welt und eine schrumpfende Abhängigkeit von Chokepoints und Autokratien. Die 1.000 Milliarden Euro sind keine verlorenen Kosten, sondern die Anzahlung auf ein Energiesystem, das keine Rechnungen mehr aus Moskau oder vom Persischen Golf bezahlt.
QUELLEN
- Rheinische Post: Die Energiewende hat 1000 Milliarden Euro gekostet – und uns nichts gebracht (Interview), 17. Juli 2026.
- Umweltbundesamt: Erstes Halbjahr 2026: Erneuerbare Energien wachsen in allen Sektoren, Juli 2026.
- KfW Research: Jedes Jahr importiert Deutschland fossile Brennstoffe im Wert von 81 Milliarden Euro, April 2025.
- Bundesnetzagentur: Versorgungsunterbrechungen Strom in 2024 gegenüber Vorjahr gesunken, Oktober 2025.
- pv magazine: Starkes Wachstum im Großspeichermarkt führt zu Batterie-Rekordzubau von über 2 Gigawattstunden im 1. Quartal 2026, 8. Mai 2026.