Klimaneutralität 2045: Ein Konservativer gegen die eigene Lobby

KLIMAPOLITIK · 13. JULI 2026

Klimaneutralität 2045: Warum Verschieben teurer wäre als Festhalten

RWE-Chef Markus Krebber und der Vorsitzende der Chemiegewerkschaft IGBCE, Michael Vassiliadis, wollen die deutsche Klimaneutralität 2045 auf das EU-Ziel 2050 verschieben. Thomas Heilmann, Vorsitzender der Klima-Union, hält das für ökonomisch falsch. Sein Argument: Unsicherheit für Investoren kostet mehr, als das Ziel zu halten.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 5 Min. Lesezeit


Auf einem CDU-Werkstattgespräch zur Klimapolitik forderten Krebber und Vassiliadis gemeinsam, das Ziel der Klimaneutralität 2045 fallen zu lassen und stattdessen erst 2050 zu erreichen, wie es die EU vorschreibt. Wirtschafts- und Arbeitnehmerflügel der Union unterstützen den Vorstoß, wie das Handelsblatt berichtete.

Den wissenschaftlichen Unterbau liefert ein Diskussionspapier des RWI-Ökonomen Manuel Frondel, das bereits im Januar erschien. Es rechnet vor, dass eine frühere deutsche Minderung im EU-Emissionshandel ohnehin nur anderswo in der Union verbraucht werde, und beziffert die Einsparung durch längere Nutzung von Öl- und Gasheizungen, Verbrennern und Erdgaskraftwerken auf Milliardensummen. Die arbeitgebernahe Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft kampagnisiert bereits mit dem Schlagwort vom teuren Alleingang ohne Klimaeffekt.

Wer das Papier liest, findet in der Fußnote einen Hinweis zur Finanzierung: Frondel dankt der FDP „für die finanzielle Förderung dieses Beitrags”. Die Forderung nach dem Zieljahr 2050 stand bereits im FDP-Wahlprogramm zur Bundestagswahl 2025.

Die Lücke im Wasserbett-Argument

Das sogenannte Wasserbett-Argument beschreibt einen realen Mechanismus im EU-Emissionshandel: Sinkt der deutsche Ausstoß in Sektoren, die dem ETS-1 unterliegen, vor allem Strom und Industrie, wird die frei werdende Zertifikatsmenge europaweit gehandelt und kann anderswo verbraucht werden. Vollständig dicht ist dieses Wasserbett allerdings seit der ETS-Reform nicht mehr: Die Marktstabilitätsreserve zieht überschüssige Zertifikate aus dem Markt und löscht einen Teil davon endgültig. Wer früher mindert, sorgt also dafür, dass ein Teil der frei werdenden Menge verschwindet, statt anderswo verfeuert zu werden.

Genau hier liegt die Schwäche der Verschiebungs-Forderung. Den größten Unterschied zwischen 2045 und 2050 machen Gebäude und Verkehr, also Heizungen und Verbrenner. Diese Sektoren hängen am nationalen Klimaschutzgesetz und erst ab 2027 zusätzlich am schwächeren ETS2, das die Wirkung des ETS-1 noch nicht erreicht.

Klimawirkung bemisst sich zudem am kumulierten CO2-Budget, nicht am Zieljahr allein. Fünf Jahre später bedeutet real ein größeres Budget: Jedes Jahr, das Heizungen, Verbrenner und Gaskraftwerke länger laufen, addiert sich zu den Gesamtemissionen. Verfehlt Deutschland dazu seine Ziele in Verkehr und Gebäuden, muss es nach der EU-Lastenteilungsverordnung Emissionszuweisungen anderer Mitgliedstaaten zukaufen, ein Milliardenrisiko für den Bundeshaushalt.

KriteriumZiel 2045 (geltendes Recht)Verschiebung auf 2050 (Vorschlag)
Netto-Treibhausgasneutralität20452050 (EU-weites Ziel)
Minderung bis 2030 ggü. 1990minus 65 Prozentim Vorschlag unverändert
Minderung bis 2040 ggü. 1990minus 88 Prozenttendenziell später erreicht
Sektoren mit größtem UnterschiedGebäude, Verkehrdieselben, da ETS2 erst ab 2027 greift
RechtsgrundlageBundes-Klimaschutzgesetz, Koalitionsvertragderzeit keine politische Mehrheit für Änderung
Kumuliertes CO2-BudgetReferenzpfadgrößer, da fossile Anlagen bis zu 5 Jahre länger laufen

Heilmanns Gegenrechnung

Thomas Heilmann widerspricht dieser Rechnung, ausdrücklich auch wirtschaftspolitisch. Der Jurist und Unternehmer führt seit 2022 die Klima-Union, saß bis 2025 für die CDU im Bundestag und war zuvor von 2012 bis 2016 Berliner Justizsenator. 2024 zog er erfolglos vor das Bundesverfassungsgericht gegen die Aufweichung des Klimaschutzgesetzes.

Die Klimaneutralität 2045 sei geltendes Recht und längst Bestandteil der Investitionsplanung vieler Unternehmen, sagt Heilmann im Interview mit Klimareporter°. Das gelte übrigens auch für führende Industrievertreter, die beim Werkstattgespräch gefehlt hätten.

Eine Debatte über ein neues Zieljahr „senkt keine einzige Stromrechnung, beschleunigt keine Genehmigung und baut keinen Kilometer Netz”, sagt Heilmann. Sie erzeuge vor allem Unsicherheit, und genau die könnten sich Unternehmen am wenigsten leisten, die Milliarden in Wasserstoff, Elektrifizierung oder CO2-Abscheidung investieren sollen. Wer solche Summen bindet, muss wissen, ob die Politik in fünf Jahren noch hinter denselben Rahmenbedingungen steht.

Was moderne konservative Klimapolitik heißen soll

Heilmann warnt davor, dass die Union Klimaschutz den Grünen überlässt oder versucht, die AfD in fossiler Nostalgie zu überholen. Moderne konservative Klimapolitik verbinde stattdessen Verantwortung für die Schöpfung mit Marktwirtschaft, technologischer Stärke, Energiesouveränität und bezahlbarer Energie. Fossile Energieimporte bedeuten für ihn Kapitalabfluss und Abhängigkeit von Preisschocks, während Wind und Sonne ohne Brennstoffkosten über die sogenannte Merit-Order den Großhandelspreis drücken.

Für die Praxis nennt er drei Prioritäten: den Ausbau günstiger Erneuerbarer mit Netzen, Speichern und flexibler Nachfrage synchronisieren, den EU-Emissionshandel als Leitinstrument stärken und dessen Einnahmen an Bürger*innen und investierende Unternehmen zurückgeben, und eine Investitionsagenda mit radikal verkürzten Genehmigungsverfahren. Dass RWE-Chef Krebber selbst schon einmal persönlich bei CDU-Europapolitiker Peter Liese anrief, um den Emissionshandel zu retten, macht die aktuelle Verschiebungs-Forderung nicht konsistenter.

Investitionssicherheit wird damit selbst zum Standortfaktor, ein Muster, das Cleanthinking auch im Gespräch mit Finance-for-Transition-Vorständin Silke Stremlau über privates Kapital für die Klimawende beschrieben hat. Wer als Unternehmen in Wasserstoff oder Elektrifizierung investiert, kalkuliert über Jahrzehnte, nicht über eine Legislaturperiode. Ein wackelndes Zieljahr passt schlecht zu dieser Kalkulation.

2045 bleibt kein Selbstläufer

2045 bleibt nach Heilmanns Einschätzung erreichbar, allerdings nicht im politischen Autopilot. Das eigentliche Problem sei nicht die Technik, sondern das Tempo der Umsetzung: langsame Netzgenehmigungen, blockierte Anschlüsse, ein stockender Smart-Meter-Rollout und widersprüchliche Signale an Investoren.

Für die Vorgaben des Klimaschutzgesetzes, minus 65 Prozent bis 2030 und minus 88 Prozent bis 2040 gegenüber 1990, gibt es ohnehin derzeit keine politische Mehrheit zur Änderung. CDU/CSU und SPD haben sich im Koalitionsvertrag ausdrücklich zur Klimaneutralität 2045 bekannt.

Die Debatte, die Krebber und Vassiliadis losgetreten haben, dreht sich damit weniger um Physik als um Vertrauen. Heilmanns Antwort bleibt unspektakulär: Verlässlichkeit entsteht durch Tempo bei Netzen, Genehmigungen und Investitionen. Ein neues Zieljahr liefert davon keins.

QUELLEN

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  1. Klimareporter°: „Klimaneutralität 2045 nicht verschieben” (Interview mit Thomas Heilmann, Teil 2), 11. Juli 2026.
  2. Handelsblatt: Klimawandel: Wirtschaft fordert Verschiebung des Klimaziels auf 2050, 11. Juli 2026.
  3. RWI - Manuel Frondel: Verschiebung des deutschen Ziels der Treibhausgasneutralität von 2045 auf 2050: Mögliche ökonomische und ökologische Effekte (RWI Materialien 172), Januar 2026.
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