Die Renaissance des Radnabenmotors durch Bosch, DeepDrive oder Donut Labs

ELEKTROMOBILITÄT · 19. JUNI 2026

Warum der Nabenmotor plötzlich wieder interessant wird

Bosch eBike Systems war jahrelang der König der Mittelmotoren. Mit der Hub Line bringt der Konzern nun seinen ersten Nabenmotor für E-Bikes. Der Schritt wirkt wie ein Bruch mit der eigenen Linie, fällt aber in eine Zeit, in der auch DeepDrive oder Donut Lab den Antrieb zurück ins Rad holen.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 10 Min. Lesezeit LESEN


Bosch, der Marktführer bei E-Bike-Antrieben, baut zum ersten Mal einen Nabenmotor. Die Hub Line sitzt nicht mehr am Tretlager, sondern direkt im Hinterrad. 45 Newtonmeter Drehmoment, rund 2,3 Kilogramm Gewicht, knapp 100 Millimeter Durchmesser. Über 25 km/h entkoppelt sich der Motor vollständig, das Rad rollt dann wie ein klassisches Fahrrad.

Wer die Branche kennt, stutzt an dieser Stelle. Denn Bosch hat sein Geschäft über ein Jahrzehnt auf dem Gegenteil aufgebaut: kräftige Mittelmotoren mit Drehmomentsensor am Tretlager, die jedes Trekking- und Mountainbike der oberen Preisklasse antreiben. Der Nabenmotor galt in diesem Segment als technisch unterlegen. Warum also jetzt der Schwenk? Die Antwort hat weniger mit Physik zu tun als mit der Frage, was Stadtmenschen von einem E-Bike eigentlich erwarten.

Der Nabenmotor ist älter als der Mittelmotor

Die Renaissance des Radnamenmotors beginnt gerade. Denn der Nabenmotor ist nicht die neue, sondern die ältere Idee im Vergleich zum üblichen Mittelmotor. Schon 1895 erhielt der US-Erfinder Ogden Bolton Jr. ein Patent auf ein batteriebetriebenes Fahrrad mit einem Elektromotor in der Hinterradnabe, ohne Schaltung, ohne Tretunterstützung. Fünf Jahre später baute der junge Ferdinand Porsche für den Lohner-Porsche elektrische Radnabenmotoren in die Vorderräder und erreichte, ohne Kette und Getriebe, einen für 1900 außergewöhnlichen Wirkungsgrad von rund 83 Prozent.

Der Antrieb im Rad war also von Anfang an da. Verdrängt wurde er beim Fahrrad erst durch die moderne Pedelec-Welle der 1990er Jahre, als Hersteller wie Yamaha den tretkraftgesteuerten Antrieb einführten und der Mittelmotor mit Drehmomentsensor zum sportlichen Standard aufstieg. Der Nabenmotor blieb, vor allem als robuster Direktantrieb, im günstigen und im Lastenrad-Segment. Wenn Bosch jetzt zurück in die Nabe geht, schließt der Konzern also an die früheste Bauform des Elektroantriebs an.

Nabe oder Tretlager: zwei Philosophien des Antriebs

KURZ ERKLÄRT

Wie funktioniert ein Nabenmotor? Ein Nabenmotor ist ein Elektromotor, der direkt in der Nabe eines Laufrads sitzt, beim E-Bike meist im Hinterrad, und das Rad unmittelbar antreibt, ohne Umweg über Kette und Gangschaltung. Er besteht aus einem feststehenden inneren Teil (Stator) und einem äußeren Teil, der sich mitsamt dem Rad dreht (Rotor). Man unterscheidet Getriebe-Nabenmotoren, die über ein kleines Planetengetriebe ein höheres Drehmoment erzeugen und kompakter bauen, und Direktläufer ohne Getriebe, die leiser und wartungsärmer sind, aber schwerer und größer ausfallen. Im Gegensatz zum Mittelmotor am Tretlager misst ein Nabenmotor die Tretkraft nicht direkt, sondern steuert die Unterstützung über Sensoren für Drehzahl, Beschleunigung oder Trittfrequenz.

Ein E-Bike-Motor kann an zwei Stellen sitzen. Der Mittelmotor sitzt dort, wo auch die Pedale ihre Kraft einleiten, am Tretlager. Er misst über einen Sensor, wie stark die fahrende Person tritt, und legt seine Unterstützung exakt darauf. Die Kraft läuft über die normale Kette und die Gangschaltung, der Motor nutzt die Übersetzung mit. Das ergibt am Berg ein natürliches, kräftiges Fahrgefühl. Genau deshalb dominiert der Mittelmotor das sportliche Premium-Segment.

Der Nabenmotor dagegen sitzt direkt im Rad und treibt es unmittelbar an, an Kette und Schaltung vorbei. Das ist mechanisch einfacher, oft günstiger und wartungsärmer. Doch der Ansatz hat zwei strukturelle Nachteile, die seinen Ruf im hochwertigen Segment lange beschädigt haben.

Der erste ist physikalischer Natur. Jedes Gramm im Rad zählt als ungefederte Masse. Sie macht das Rad schwerer beweglich, lässt es bei Schlaglöchern unruhiger abrollen und verschlechtert das Handling spürbar. Der zweite Nachteil betrifft die Steuerung: Ein Nabenmotor weiß ohne zusätzliche Sensorik nicht, wie kräftig getreten wird, weil er das Tretlager nicht direkt abgreift. Das Resultat war früher oft eine grobe, an- und abschaltende Unterstützung statt eines feinfühligen Schubs. Im flachen Stadtverkehr fallen beide Nachteile kaum ins Gewicht. Auf Bergetappen und im Gelände dagegen sehr wohl.

Was die Hub Line anders macht

Bosch löst das Steuerungsproblem nicht über das Tretlager, sondern über Software. Die Hub Line nutzt eine Sensorfunktion, die die Unterstützung laut Hersteller präzise und kontrollierbar hält, beim Anfahren an der Ampel ebenso wie an moderaten Steigungen. Was früher dem mechanischen Drehmomentsensor am Tretlager vorbehalten war, übernimmt damit zunehmend intelligente Sensorik im Motor selbst.

Dazu kommt der Designvorteil, der im Urbansegment alles entscheidet. Mit schwarzem Aluminiumgehäuse verschwindet der Motor nahezu unsichtbar in der Nabe. Ergänzt um den neuen Akku PowerTube 360, mit nur 68 Millimetern Durchmesser und rund 2,1 Kilogramm, lassen sich E-Bikes bauen, die auf den ersten Blick kaum von einem normalen Fahrrad zu unterscheiden sind. 360 Wattstunden reichen laut Bosch für über 80 Kilometer, erweiterbar über einen Range Extender. Das Kalkül dahinter: Wer durch die Stadt fährt, will oft kein sichtbares Kraftpaket, sondern ein schlankes Rad, das zufällig elektrisch ist.

Damit ist Bosch nicht allein. Der Stuttgarter Zulieferer Mahle hat mit dem X20 längst einen extrem leichten Hinterrad-Nabenmotor im Markt, rund 1,4 Kilogramm schwer, mit 23 Newtonmetern und betont natürlichem Tretgefühl. Bosch positioniert die Hub Line mit 45 Newtonmetern darüber und bringt das Argument mit, das in der Stadt am schwersten wiegt: ein vollständig vernetztes System aus Diebstahlschutz, Navigation und Over-the-Air-Updates, gewohnte Bosch-Qualität, Support aus einer Hand. Der Konzern verkauft nicht nur einen Motor, sondern ein Ökosystem.

Eine Renaissance über Branchengrenzen hinweg

Der Bosch-Schritt ist kein Einzelfall, sondern Teil einer auffälligen Rückkehr. Der Nabenmotor, jahrzehntelang als Relikt früher Elektrofahrzeuge belächelt, erlebt gerade quer durch die Mobilität eine zweite Chance. Besonders ehrgeizig ist das beim Auto. Das Münchner Cleantech-Startup DeepDrive entwickelt einen radikal effizienten Radnabenmotor auf Basis einer patentierten Doppelrotor-Technik. Bis zu 20 Prozent Effizienzgewinn gegenüber herkömmlichen Antrieben, deutlich weniger Eisen und Magnetmaterial, niedrigere Fertigungskosten. Acht der zehn größten Autobauer arbeiten bereits mit DeepDrive, die Großserie ist ab 2028 geplant.

Die Anwendungen unterscheiden sich allerdings grundlegend. DeepDrive baut keinen E-Bike-Antrieb, sondern Motoren für Pkw und Nutzfahrzeuge, in 19-Zoll-Rädern, mit hunderten Kilowatt Leistung. Was Bosch und DeepDrive verbindet, ist die Grundüberzeugung, dass der Antrieb ins Rad gehört. Beim Auto kämpft DeepDrive dabei gegen genau das Problem, das den Nabenmotor lange ausbremste: die ungefederte Masse. Die Münchner setzen darauf, den Motor so leicht zu bauen, dass dieser Nachteil schrumpft, in Kooperation mit Continental sogar mit integrierter Bremse. Beim E-Bike wiegt das Problem ohnehin weniger schwer, weil Massen und Geschwindigkeiten geringer sind.

Das radikalste Konzept dieser Renaissance kommt aus dem Motorrad. Der finnische Antriebsspezialist Donut Lab und der Hersteller Verge Motorcycles setzen auf einen nabenlosen Radnabenmotor, einen Antriebsring ohne klassische Achse, bei dem das ganze Rad zum Motor wird. Wir haben diese In-Wheel-Motoren von Donut Lab bereits beschrieben. Es ist der weitestgehende Ansatz am Markt und liegt damit weit entfernt von der nüchternen, urbanen Logik der Bosch Hub Line.

Kein Durchbruch, sondern viele kleine Schritte

Einen einzelnen, spektakulären Durchbruch gibt es hinter dieser Renaissance nicht. Was den Nabenmotor zurückbringt, ist die Summe vieler kleiner Fortschritte: leichtere Materialien und konsequenter Leichtbau, an dem auch Fraunhofer-Institute arbeiten, bessere Sensorik, die das fehlende Tretlager-Signal ersetzt, und kompaktere Leistungselektronik. Erst zusammen machen sie den Antrieb für die Nabe wieder konkurrenzfähig.

Daneben experimentiert die Branche mit Konzepten, die das Antriebsproblem ganz neu denken. Auf der CES 2026 zeigte das Startup Hello Space gemeinsam mit Toyota Tsusho einen seriellen Hybridantrieb, bei dem die Kurbel nicht das Rad antreibt, sondern Strom für einen Nabenmotor erzeugt. Solche Ansätze stehen am Anfang. Sie zeigen aber, dass die Nabe als Ort des Antriebs wieder ernst genommen wird, nachdem sie im Premium-Fahrrad lange abgeschrieben war.

Warum der Radnabenmotor in die Stadt passt

Die Hub Line bedeutet nicht, dass der Mittelmotor ausgedient hätte. Sie folgt der einfachen Einsicht, dass die Stadt andere Anforderungen stellt als der Berg. Im flachen urbanen Raum verliert der größte Nachteil des Nabenmotors, die ungefederte Masse, fast seine Bedeutung. 45 Newtonmeter reichen für Ampelstarts und moderate Steigungen aus. Der eigentliche Vorteil des Konzepts, die unsichtbare Integration in ein schlankes Rad, trifft genau das, was die wachsende Zielgruppe stilbewusster Pendlerinnen und Pendler sucht.

Im sportlichen Premium-Segment wiegt der Physik-Nachteil schwerer als der Designgewinn, im Urbansegment ist die Rechnung umgekehrt. Bosch hat schlicht das Feld gefunden, in dem der alte Nachteil des Nabenmotors kaum noch zählt und die unauffällige Integration zum Verkaufsargument wird. Dass ausgerechnet der Konzern, der den Mittelmotor zum Standard gemacht hat, nun den Nabenmotor ernst nimmt, ist deshalb kein Widerspruch, sondern eine nüchterne Reaktion auf einen wachsenden Markt für urbane E-Bikes.

Die eigentliche Nachricht steckt nicht in den 45 Newtonmetern, sondern in der Gleichzeitigkeit: Bosch beim Stadtrad, DeepDrive beim Auto, Donut Lab beim Motorrad. Eine totgesagte Antriebsart kehrt an mehreren Fronten zugleich zurück, weil sich die Anforderungen an Mobilität verschoben haben. Wer Gewicht, Effizienz und Integration neu gewichtet, landet wieder bei der Nabe. Ob das reicht, um den Mittelmotor breiter zu verdrängen, entscheidet sich nicht an der Technik allein, sondern daran, wie viele Hersteller dem Beispiel folgen.

Häufige Fragen zum Nabenmotor

Was ist der Unterschied zwischen Nabenmotor und Mittelmotor?

Ein Nabenmotor sitzt direkt in der Radnabe und treibt das Rad unmittelbar an, ohne über Kette und Gangschaltung zu laufen. Ein Mittelmotor sitzt am Tretlager, misst die Tretkraft über einen Drehmomentsensor und nutzt die Übersetzung der Schaltung mit. Der Mittelmotor liefert dadurch am Berg ein natürlicheres, kräftigeres Fahrgefühl und dominiert das sportliche Premium-Segment. Der Nabenmotor ist mechanisch einfacher, oft leichter, wartungsärmer und lässt sich unauffälliger ins Rad integrieren.

Welche Nachteile hat ein Nabenmotor?

Der Hauptnachteil ist die ungefederte Masse: Das Gewicht im Rad verschlechtert das Handling und lässt das Rad bei Unebenheiten unruhiger abrollen. Hinzu kommt, dass ein Nabenmotor die Tretkraft nicht direkt am Tretlager misst und die Unterstützung deshalb früher oft weniger feinfühlig wirkte. Bei langen Steigungen kann ein kompakter Nabenmotor zudem stärker zur Überhitzung neigen. Im flachen Stadtverkehr fallen diese Nachteile kaum ins Gewicht.

Wie stark ist der Bosch Hub Line Nabenmotor?

Der Bosch Hub Line leistet 45 Newtonmeter Drehmoment bei einem Gewicht von rund 2,3 Kilogramm und einem Durchmesser von etwa 100 Millimetern. Er ist als erster Nabenmotor von Bosch eBike Systems speziell für urbane E-Bikes entwickelt. Über 25 km/h entkoppelt sich der Motor vollständig, sodass sich das Rad wie ein klassisches Fahrrad fahren lässt. Ergänzt wird er durch den schlanken Akku PowerTube 360 mit 360 Wattstunden und einer Reichweite von über 80 Kilometern.

Für welche E-Bikes eignet sich ein Nabenmotor?

Nabenmotoren eignen sich besonders für urbane E-Bikes, Pendlerräder, Gravel- und leichte City-Bikes, die vor allem in flachem bis leicht hügeligem Gelände bewegt werden. Dort spielt der Designvorteil der unauffälligen Integration die größte Rolle, während der Physik-Nachteil der ungefederten Masse kaum zum Tragen kommt. Für sportliche Mountainbikes und schwere Touren im Gebirge bleibt der Mittelmotor die erste Wahl.

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