Extremwetterkongress: Fachleute ringen um Gehör

METEOROLOGE SVEN PLÖGER · 26. SEPTEMBER 2026

„Beim Spiel Klimavernunft gegen Realitätsverweigerung steht es 1:3”

Die Fachleute beim Extremwetterkongress kennen die Fakten zu Erderhitzung, Rekordtemperaturen und Artensterben. In Hamburg rangen Frank Böttcher, Luisa Neubauer und Co. um etwas anderes: um Worte, die die Ignoranz durchbrechen. ARD-Meteorologe Sven Plöger bemühte dafür den Fußball.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 6 Min. Lesezeit LESEN


„Beim Spiel Klimavernunft gegen Realitätsverweigerung steht es gerade gefühlt 1:3”, sagte ARD-Meteorologe Sven Plöger zur Eröffnung des Kongresses. PR-Fachleuten gelinge es selbst nach diesem Sommer verblüffend häufig, Zweifel zu säen. Bestritten werde heute kaum noch der Klimawandel selbst, sondern die menschliche Verantwortung dafür (mehr dazu: Vier Ausreden, seit Leugnen nicht mehr reicht). Aufgeben will Plöger trotzdem nicht: Spiele könne man drehen.

Rund 1.000 Menschen besuchten den Extremwetterkongress 2026, mehr als je seit der ersten Tagung 2006, unter ihnen viele Journalist*innen. „Das Thema ist nicht weg”, sagte Tagungspräsident Frank Böttcher. Was da draußen gerade passiere, nannte er einen „Angriff derer, die mit der Vernichtung dieses Planeten Geld verdienen”.

An Daten fehlt es den Fachleuten nicht. An mehr als 30 Tagen in Folge lag die globale Tagesmitteltemperatur über allen bisherigen Höchstwerten. Der August 2026 war weltweit der wärmste seit Beginn der Aufzeichnungen. In Deutschland fielen an mehr als 95 Prozent der Messstationen Rekorde. Ohne den menschengemachten Klimawandel lässt sich dieses Wetter nach der Abschlusserklärung der Teilnehmenden nicht erklären. Das 1,5-Grad-Ziel halten sie für gerissen, wie zuvor schon der Overshoot-Report der UN-Umweltorganisation UNEP.

Vor einem Jahr hatten die Deutsche Physikalische Gesellschaft und die Deutsche Meteorologische Gesellschaft gemeinsam Alarm geschlagen. Rekordhitze bis 50 Grad sei in Deutschland meteorologisch möglich, bei drei Grad Erwärmung seien mehrere zehntausend Hitzetote im Jahr zu erwarten. „Keiner von uns möchte sich Alarmismus vorwerfen lassen”, sagte Böttcher damals, doch die Datenlage habe viele dazu gebracht, es auszusprechen (mehr dazu: Das Zeitfenster schließt sich). Der Sommer 2026 hat die Warnenden bestätigt.

Neubauer hört von der Regierung nur Schweigen

Mehr als 16.000 Menschen sind in diesem Sommer im Zusammenhang mit der Hitze gestorben, schätzt das Robert Koch-Institut. Das „sollte ein Aufschrei produzieren”, sagte Klimaaktivistin Luisa Neubauer in Hamburg. „Und es gab nicht ein einziges Regierungsstatement.”

Talk im Windrad: Luisa Neubauer und Marcant auf der Gondel einer Windkraftanlage in Mecklenburg-Vorpommern
Luisa Neubauer hier im Gespräch mit dem Youtuber Marcant - hoch oben im Windrad.

Man stelle sich eine andere Katastrophe mit so vielen Toten vor, sagte Neubauer, „man würde das Land nicht wiedererkennen”. Beim Klima dagegen werde verschwiegen, was geschehen sei. Auf die Frage, wie weite Teile der politisch Verantwortlichen antworten, sagte sie: „Relativierung und Schweigen.”

Kemfert beziffert den Hitzesommer auf bis zu 42 Milliarden Euro

Den Extremsommer 2026 beziffert Claudia Kemfert, Leiterin der Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt am DIW Berlin, nach aktuellen Berechnungen auf 36 bis 42 Milliarden Euro. Das entspricht 0,8 bis 0,9 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung. Schon heute koste das Zögern beim Klimaschutz Deutschland bis zu elf Milliarden Euro an Schäden im Jahr, rechnete sie vor. Der Nutzen von Klimaschutz und Anpassung übersteige die Kosten um den Faktor 1,8 bis 4,8. „Teuer ist das Nichthandeln”, sagte sie.

Neue Gaskraftwerke schaffen nach Kemferts Worten fossile Lock-ins: Wer sie baut, legt sich über Jahrzehnte auf Erdgas fest. „Das ist ein energiepolitischer Kurzschluss.” Wer heute Milliarden in fossile Strukturen lenke, binde Kapital, das für den Umbau dringend gebraucht werde (mehr dazu: Was die verzögerte Energiewende kostet).

Kurzschluss Bestseller Kemfert Rezension Cleanthinking Abrechnung mit der Fossilokratie
Claudia Kemfert ist auch Bestsellerautorin - wie zuletzt das Buch „Kurzschluss“ (siehe Klimabücher) wieder bewies.

In der Pressemitteilung zum Abschluss kritisiert Kemfert die „Blockade der Wirtschaftsministerin” beim Umbau hin zu günstigem Ökostrom für die Industrie. Das treibe Deutschland zurück in energiepolitische Abhängigkeit und gefährde mit hohen Energiekosten den Standort. Mit der EEG-Novelle sabotiert Wirtschaftsministerin Katherina Reiche, was Umweltminister Carsten Schneider den Vereinten Nationen verspricht.

Die Erklärung der Bundesregierung in New York zum Ausstieg aus Kohle, Öl und Gas sei übersehen worden, sagte Neubauer. Im Koalitionsvertrag sei dieser Ausstieg weitgehend überhaupt nicht vorgesehen, eher das Gegenteil (mehr dazu: Schneiders Fahrplan für den Ausstieg).

Böttcher erwartet einen El Niño ohne Beispiel

„Es ist ein El Niño, der auf uns zukommt, den wir so noch nicht beobachtet haben”, sagte Böttcher. Die Meeresoberfläche in der El-Niño-Region im Pazifik sei noch nie so warm gewesen. Nach einem Kongressbeitrag, den er zitierte, könnte dieser El Niño im November den Panamakanal schließen, weil das Wasser fehle (mehr dazu: El Niño auf Rekordkurs).

In seiner Bilanz gab der Tagungspräsident eine Warnung des Meteorologen Karsten Schwanke weiter: Ein Teil des Klimawandels werde „ungebremst über uns hinwegrollen”. Den Klimaschutz habe man schon verpasst, verpasse man jetzt auch die Anpassung, treffe es die Verwundbarsten besonders hart.

Die Fachleute fordern in ihrer Abschlusserklärung, Anpassung und Bevölkerungsschutz zu beschleunigen, Energie- und Wärmewende konsequent umzusetzen, Großspeicher zügig zu genehmigen und Verfahren zu vereinfachen. „Spätestens seit diesem Extremwetterkongress ist es ein Thema der nationalen Sicherheit”, sagte Böttcher über den Umstieg auf erneuerbare Energien.

Wie Menschen im Jahr 2080 leben werden, wisse er nicht, sagte ZDF-Meteorologe Özden Terli der Süddeutschen Zeitung. „Es wird super, super übel werden.”

Anika Heck sucht Worte für die Zeit nach der Hoffnung

Viele Menschen meiden Klimaberichte inzwischen, weil sie unangenehme Gefühle auslösen, sagte die Psychotherapeutin Anika Heck von Psychologists for Future. Mit dem Hans-Ertel-Zentrum für Wetterforschung des Deutschen Wetterdienstes und der FU Berlin hat sie den Medienleitfaden Klima mitverfasst.

Die Klimabewegung habe lange auf die Hoffnung gesetzt, das 1,5-Grad-Ziel zu erreichen, sagte Heck. „Das ist nicht geschafft. Was machen wir jetzt?” Es brauche Konzepte für das, was nach der Hoffnung kommt. Eines davon heißt Selbstwirksamkeit, etwa über Bürgerenergie (mehr dazu: Klimaangst: Das Gegengift heißt Selbstwirksamkeit).

Für seine Aufklärungsarbeit erhielt Terli auf dem Kongress den Ehrenpreis des Deutschen Preises für Klimajournalismus, die Laudatio hielt Harald Lesch. Terli war laut Süddeutscher Zeitung jahrelang in sozialen Netzen angefeindet worden und hat seinen X-Account stillgelegt. Die Jury will ihm ausdrücklich den Rücken stärken und „ein Zeichen setzen gegen jedwede Angriffe auf unabhängige Wissenschaft und Journalismus”.

Das Gefährlichste sei jetzt die Annahme, man könne nichts mehr tun, sagte Luisa Neubauer. „Das ist das größte Geschenk an die fossilen Ausbeuter und Weltenzerstörer.”

QUELLEN

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  1. Extremwetterkongress und Deutsche KlimaManagementTagung: Abschlusserklärung Extremwetterkongress 2026, 24.09.2026.
  2. YouTube: Extremwetterkongress 2026, Livestream Tag 2 mit Abschluss-Pressekonferenz, 24.09.2026.
  3. Extremwetterkongress: Pressemitteilung zur Eröffnung, 23.09.2026.
  4. Extremwetterkongress: Pressemitteilung zum Abschluss, 24.09.2026.
  5. Süddeutsche Zeitung: Reportage vom Extremwetterkongress in Hamburg, September 2026.
  6. Medienleitfaden Klima: Medienleitfaden Klima, überarbeitete Fassung, vorgestellt am 24.09.2026.
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