Chinas Solarexporte entwerten Chinas Kohlekraftwerke in Pakistan

Kannibalisierungs-Effekt in Pakistan · 4. Oktober 2026

China entwertet seine eigenen Kohlekraftwerke in Pakistan

Chinesische Hersteller verkaufen Pakistan Solarmodule und Batterien, chinesische Staatskonzerne betreiben dort Kohlekraftwerke, denen die Kunden ausgehen. Electrotech verdrängt das fossile Verbrennen genau dort, wo Peking im Ausland am meisten Einfluss hat. Bezahlen müssen das Menschen ohne Solardach.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 6 Min. LESEN


Drei chinesische Kohlekraftwerke in Pakistan, zusammen 3.960 Megawatt, kamen im Finanzjahr 2024/25 auf eine Auslastung von 22,8 Prozent. Pakistan zahlt trotzdem rund 1,3 Milliarden Dollar im Jahr an ihre Betreiber, dafür, dass die Blöcke bereitstehen. Die Zahlen stammen aus einer neuen Studie der Boston University und des pakistanischen Sustainable Development Policy Institute (SDPI). Alle drei Kraftwerke verfeuern Importkohle, alle drei entstanden mit chinesischem Geld im Wirtschaftskorridor CPEC, dem pakistanischen Teil der Neuen Seidenstraße.

Wohin die Kundschaft abwandert, haben Lili Pike und Faseeh Mangi von Bloomberg Anfang Oktober in der Industriezone Port Qasim östlich von Karatschi beschrieben. Auf den Dächern der rund 400 Betriebe liegen Solarmodule, nebenan steht das gleichnamige Kohlekraftwerk, ein Vorzeigeprojekt der Seidenstraße. Der Verpackungshersteller Zaheer Allana deckt rund ein Fünftel seines Bedarfs mit eigenem Solarstrom, zu weniger als einem Drittel des Netzpreises. Die überfälligen Zahlungen an die chinesischen Kraftwerke summierten sich laut Bloomberg bis August auf mehr als 1,5 Milliarden Dollar.

Wie Haushalte, Fabriken und Bauern das pakistanische Stromnetz umgehen, stand Anfang Juli im ersten Teil dieser Recherche. Je nachdem, ob man den Eigenverbrauch hinter dem Zähler mitzählt, liefert Solarstrom inzwischen ein Fünftel bis knapp ein Drittel des Stroms im Land. Andere Länder würden genau beobachten, was aus dem Fall wird, hieß es damals. Jetzt zeigt sich, wer die Rechnung bezahlt.

Peking stoppte 2021 die Auslandskohle, Chinas Hersteller lieferten den Ersatz

Im September 2021 kündigte Xi Jinping vor der UN-Generalversammlung an, China werde keine neuen Kohlekraftwerke im Ausland mehr bauen. Die sieben CPEC-Kohlekraftwerke in Pakistan waren da schon am Netz oder im Bau. Mit 6.600 Megawatt stellen sie rund 90 Prozent der pakistanischen Kohlekapazität: drei Kraftwerke mit Importkohle, vier mit Braunkohle aus der heimischen Thar-Wüste.

Seit dem Baustopp liefert China nach Pakistan vor allem Electrotech, also die elektrische Technikfamilie aus Solarmodulen, Batterien, Wechselrichtern und Elektroautos, die fossiles Verbrennen ersetzt. 2025 war Pakistan laut BloombergNEF der drittgrößte Exportmarkt für chinesische Solarmodule. Im ersten Halbjahr 2026 stiegen zusätzlich die Batterieimporte aus China laut Zolldaten um fast 150 Prozent auf rund 392 Millionen Dollar.

Damit nimmt eine chinesische Industrie einer anderen die Kunden. Betriebswirte nennen das einen Kannibalisierungs-Effekt: Ein neues Produkt verdrängt ein älteres aus demselben Haus. Hier allerdings verkaufen überwiegend private Hersteller die Module und Batterien, während die Kohlekraftwerke Staatskonzernen gehören. Am Kraftwerk Port Qasim hält eine Tochter des Staatskonzerns PowerChina 51 Prozent, finanziert haben solche Projekte chinesische Staatsbanken, abgesichert hat sie die staatliche Exportkreditversicherung Sinosure. Die Gewinne aus dem Solargeschäft verbuchen private Firmen, das Ausfallrisiko der Kohle trägt der chinesische Staat.

Ein Schuldenschnitt träfe also staatliches Geld, und den lehnt Peking laut Bloomberg bisher ab. Pakistans Energieminister Awais Leghari erwartet auch keinen, nur eine Streckung der Laufzeiten. Clayton Christensen hat in „The Innovator's Dilemma“ beschrieben, wie etablierte Unternehmen an disruptiven Technologien scheitern, weil sie ihr altes Geschäft schützen. Peking hat sein altes Geschäft 2021 selbst begrenzt und lässt die eigenen Hersteller den Nachfolger in alle Welt verkaufen. Die Kosten dieser Entscheidung landen in Pakistan.

Wer sich keine Solaranlage leisten kann, zahlt für die Kohle

Chinas Außenministerium erklärte gegenüber Bloomberg, die Energiekooperation habe Pakistans Versorgung gesichert und die Strompreise gesenkt. Laut Daten der Regulierungsbehörde NEPRA liegen die Grundtarife heute doppelt so hoch wie im Finanzjahr 2020/21. Erhöhungen hatte unter anderem der Internationale Währungsfonds zur Bedingung für seine Kredite gemacht.

Die Kapazitätszahlungen verteilen sich dabei auf immer weniger Kilowattstunden. Bei den Verteilnetzgesellschaften lag der Verbrauch in den zwölf Monaten bis Juli 2025 laut NEPRA knapp zwölf Prozent unter dem Wert von drei Jahren zuvor. Ein Fünftel der 255 Millionen Menschen in Pakistan lebt laut Weltbank in Armut. Wer sich kein Solardach leisten kann, bleibt am Netz und trägt mit jedem Betrieb, der abwandert, einen größeren Teil der Fixkosten.

Die Regierung in Islamabad versuchte, die Abwanderung zu bremsen. Finanzminister Ishaq Dar kündigte im Juni 2025 eine Umsatzsteuer von zehn Prozent auf Solarmodule an. Seit Februar 2026 bekommen Besitzer*innen von Solaranlagen für eingespeisten Strom deutlich weniger.

Die Folge beschreiben Bloomberg und das Portal ProPakistani übereinstimmend: Wer eine Solaranlage hat, kauft Batterien und zieht noch weniger Strom aus dem Netz. Der Batterieimporteur Muhammad Mujahid von Innovo Corp. in Lahore spricht von einer Todesspirale für die Versorger.

Forscher*innen rechnen den Kohleausstieg bis 2037 durch

Abgeschrieben ist die Kohle in Pakistan trotzdem nicht. Als die Schließung der Straße von Hormus fast alle Lieferungen von Flüssigerdgas aus Katar abschnitt, liefen die Kohlekraftwerke in Pakistan wieder häufiger. Das zeigen Daten der staatlichen Stromeinkaufsgesellschaft CPPA. Energieminister Leghari will mehr heimische Kohle aus Thar verfeuern. Die vier Thar-Kraftwerke kamen im Finanzjahr 2024/25 auf 67,2 Prozent Auslastung, fast dreimal so viel wie die Importkohle-Blöcke.

Die vier Forscher*innen der Boston University und des SDPI haben trotzdem durchgerechnet, wann die Kohlekraftwerke in Pakistan vom Netz gehen könnten. Sie schlagen vor, die drei Importkohle-Kraftwerke zwischen 2031 und 2033 vorzeitig stillzulegen, die Thar-Kraftwerke zwischen 2033 und 2037. 2025 standen bei den chinesisch finanzierten Kohleprojekten noch rund 3,1 Milliarden Dollar Schulden offen.

Ihr Modell hat vier Stufen. Zuerst klären Pakistan und China die Zahlungsrückstände und refinanzieren die Kredite zu günstigeren Bedingungen. Danach kaufen Geldgeber den Betreibern die restlichen Einnahmen ab, bar oder über den Verkauf von CO2-Zertifikaten. Auf den Standorten entstehen anschließend Solaranlagen mit Speichern oder Anlagen, die das Netz stabilisieren, und Beschäftigte wie Gemeinden bekommen Hilfe beim Übergang.

Für die Importkohle errechnen die Autor*innen eingesparte Kapazitätszahlungen von 3,1 Milliarden Dollar, für Thar weitere 1,8 Milliarden. Zusammen würden rund 180 Millionen Tonnen CO2 vermieden.

Dieselbe Bewegung zeichnet sich in anderen Ländern der Seidenstraße ab. Chinas Solarexporte auf die Philippinen haben sich in den ersten fünf Monaten 2026 mehr als verdoppelt. In Südafrika, wo früher die China Development Bank Kohleprojekte finanzierte, meldete der Versorger Eskom im August 3.363 Megawatt Kraftwerksleistung in kalter Reserve. Bloomberg bringt diese Überkapazität mit dem Boom der Solardächer in Verbindung.

Der Halbjahresbericht des Green Finance & Development Center zur Seidenstraße zählt zwar ein neues chinesisches Kohlekraftwerk in Sambia. Im selben Halbjahr entfielen aber 56 Prozent des chinesischen Energie-Engagements auf Erneuerbare, so viel wie nie seit Start der Initiative 2013.

Für den Ökonomen Kevin Gallagher von der Boston University war Pakistan erst der Liebling der chinesischen Kohleexporte und ist jetzt der Liebling der grünen Exporte. Beides passe nicht zusammen, sagte er Bloomberg.

In Port Qasim hat Mian Muhammad Ahmed, Chef des Verpackungsherstellers Al-Momin, diesen Widerspruch für sich aufgelöst. Sein Betrieb deckt bis zu 40 Prozent seines Strombedarfs mit Solarmodulen vom Dach. Kohlestrom hält er für ein Auslaufmodell wie den Festnetzanschluss, auf den in Pakistan inzwischen mehr als 75 Mobilfunkanschlüsse kommen. „Ich sehe für Kohlekraftwerke keine Zukunft“, sagte er Bloomberg.

QUELLEN

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  1. pv magazine: Distributed solar supplied 27% of Pakistan's electricity in 2025, 4. August 2026.
  2. Eskom (Pressemitteilung): Energy Availability Factor at highest level in six years reaching 67.55%, 14. August 2026.
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