VOR DER KLIMAKONFERENZ IN ANTALYA · 4. NOVEMBER 2026
Kenny Garcia, Aljun Alvarez / Climate Champions (CC BY 4.0)Brasilien legt Fahrplan für den Abschied von fossilen Energien vor
Jedes Land kann sofort beginnen, egal wie abhängig es heute von Öl, Gas und Kohle ist. Zu diesem Schluss kommt die brasilianische COP30-Präsidentschaft in ihrem Fahrplan, den sie am Dienstag vorgestellt hat.
COP30-Präsident André Corrêa do Lago und COP30-Geschäftsführerin Ana Toni stellten den Fahrplan in den Räumen des UN-Entwicklungsprogramms UNDP in Brasilien vor. Der Abschied von fossilen Energien sei dringend, unausweichlich und machbar, heißt es darin. In das Papier flossen 268 Beiträge ein. 115 Staaten reichten Vorschläge ein, darunter die Gruppen der ärmsten Länder und der kleinen Inselstaaten. Dazu kamen die EU für ihre 27 Mitglieder und 247 Organisationen aus Wissenschaft, Industrie und Zivilgesellschaft.
Im Zentrum steht der „Belém Readiness Approach“, eine Bestandsaufnahme der Ausgangslage. Jedes Land prüft, wie stark es Öl, Gas und Kohle importiert oder exportiert und wie gut seine Wirtschaft den Wechsel verkraftet. Daraus ergibt sich einer von rund einem Dutzend Ländertypen, von Vorreitern bis zu Staaten mit knappen Haushalten. Für jeden Typ nennt der Fahrplan eigene politische Hebel, die den Umbau beschleunigen.
„Jedes Land muss jetzt anfangen“, sagt Ana Toni im Gespräch mit Bloomberg. Gemeinsam sollen die Staaten unter dem Namen „TAFF Mutirão“ bis 2033 vorangehen. Mutirão ist das portugiesische Wort für einen Gemeinschaftseinsatz, bei dem alle mit anpacken.
Bis 2028 prüfen die Staaten ihre Abhängigkeit
Der Fahrplan teilt den Weg in drei Phasen. In den kommenden zwei Jahren sollen die Staaten ihre Energiesysteme durchleuchten, Regeln und Behörden stärken und nationale Übergangspläne schreiben. Die Ergebnisse fließen in die zweite globale Bestandsaufnahme des Pariser Abkommens ein, die 2028 auf der COP33 ansteht.
Bis 2030 sollen die Länder messen, wie weit sie gekommen sind, und festlegen, wie sie die Lücke zum 1,5-Grad-Ziel schließen. Bis dahin sollen sie bereits in Netze und erneuerbare Energien investieren. Von 2031 bis 2033 folgt die dritte Phase. Dann sollen die Staaten Wind- und Solarkraft schneller ausbauen, fossile Energien ersetzen und das Angebot an Öl, Gas und Kohle begrenzen.
Damit schließt sich ein Jahrzehnt seit dem Beschluss von Dubai, in dem sich die Welt 2023 erstmals zur Abkehr von fossilen Brennstoffen bekannte. Bis 2035 sollen die Maßnahmen breit greifen.
Als schnelle Hebel nennt der Fahrplan drei Schritte. Betreiber von Öl- und Gasanlagen sollen weniger Gas abfackeln oder ungenutzt ablassen. Regierungen sollen Subventionen für fossile Energien streichen und erneuerbare Energien ausbauen.
Beim dritten Schritt sind viele Staaten schon weit. Die Internationale Organisation für Erneuerbare Energien IRENA zählte Ende 2025 weltweit erneuerbare Kraftwerke mit 5.149 Gigawatt Leistung, ein Rekord. Das sind 692 Gigawatt mehr als ein Jahr zuvor. Bisher deckt der neue Ökostrom laut Fahrplan aber vor allem zusätzlichen Bedarf, statt Kohle, Öl und Gas zu verdrängen.
Brasilien umgeht das Veto der Ölstaaten
In Belém hatten vor einem Jahr mehr als 80 Staaten einen gemeinsamen Fahrplan für den Abschied von fossilen Energien gefordert. Er scheiterte am Widerstand großer Ölproduzenten wie Saudi-Arabien, denn UN-Beschlüsse brauchen Konsens. Die brasilianische Präsidentschaft kündigte daraufhin an, den Fahrplan selbst zu schreiben. Er ist freiwillig und wird nicht verhandelt, deshalb kann ihn auch kein Staat blockieren. Parallel treiben ehrgeizige Länder seit der Konferenz im kolumbianischen Santa Marta einen eigenen Prozess voran.
„Wir brauchen keine weiteren Verhandlungen. Wir brauchen Regierungen, die handeln“, sagt Corrêa do Lago der Nachrichtenagentur Reuters. Dafür müssten Finanz-, Infrastruktur- und Verkehrsminister*innen mit am Tisch sitzen.
Deutschland hat diesen Schritt bereits getan. Im September beschloss das Bundeskabinett einen eigenen Fahrplan für den Abschied von Kohle, Öl und Gas, als drittes Land nach Frankreich und den Niederlanden. Die englische Fassung trägt den Namen TAFF-Roadmap, nach dem UN-Leitbegriff „Transitioning Away from Fossil Fuels“, den auch Brasilien verwendet.
Brasilien legt den Fahrplan gut eine Woche nach der Wiederwahl von Präsident Lula vor, der den Klimaleugner Flávio Bolsonaro schlug. Das Ergebnis zeige, warum der Wandel national und international verankert werden müsse, sagt Toni. Zeitgleich stellte die Präsidentschaft einen zweiten Fahrplan gegen die Entwaldung vor. Er soll das Geld sichern, um die Rodung von Wäldern bis 2030 zu stoppen und umzukehren. Brasilien selbst hat die Entwaldung im Amazonas zuletzt auf den tiefsten Stand seit Beginn der Messungen gedrückt.
In Antalya stehen Strom und Methan im Mittelpunkt
Am 9. November beginnt die COP31 im türkischen Antalya. Die Verhandlungen dürften sich auf Elektrifizierung und Methan konzentrieren, berichtet Bloomberg, weil fast 200 Staaten der Abschlusserklärung zustimmen müssen. Der türkische COP31-Präsident Murat Kurum setzt auf die Umsetzung bestehender Zusagen statt auf neue. Am Rande der Konferenz erwartet Toni dennoch intensive Gespräche über den Abschied von fossilen Energien. Das Thema dürfe kein Tabu sein, sagt sie.
Wie groß die Aufgabe ist, hat das UN-Umweltprogramm UNEP im Oktober beziffert. Bis 2030 müssen die weltweiten Emissionen gegenüber 2025 um 18 Prozent sinken (mehr dazu: Emissions Gap Report 2026). Katrine Petersen von der Denkfabrik E3G sieht im Fahrplan den Beleg, dass der Umstieg auf saubere Energie schon heute stattfindet. Die COP31-Präsidentschaft müsse Brasiliens Arbeit nun in Antalya fortführen.
QUELLEN
- Reuters (via Al-Monitor): Brazil wraps up COP30 with fossil fuel, forest roadmaps, urging shift from talks to action, 03.11.2026.