Wie Staaten Öl, Gas und Kohle mit Steuergeld verbilligen

VOM DIESELPRIVILEG BIS ZUR KEROSINSTEUER · 16. OKTOBER 2026

Regierungen zahlen fossile Subventionen trotz aller Abbauzusagen weiter

OECD und IEA beziffern die staatliche Unterstützung für Öl, Gas und Kohle 2024 auf 916 Milliarden Dollar. Der IWF rechnet Klima- und Gesundheitsschäden mit ein und kommt auf weitere 6,7 Billionen. Deutschland verbilligte 2024 allein den Verkehr mit 31 Milliarden Euro.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 9 Min. LESEN


Wer fragt, wie viel Geld in fossile Subventionen fließt, bekommt Antworten, die um mehr als das Zehnfache auseinanderliegen. Der Grund liegt in der Rechenmethode. Die Internationale Energieagentur zählt nur, was Verbraucher unter dem Weltmarktpreis zahlen. Der Internationale Währungsfonds zählt zusätzlich die Schäden, für die niemand bezahlt. Beide Zahlen stimmen, sie beantworten nur verschiedene Fragen.

Die G20-Staaten versprachen schon 2009, ineffiziente fossile Subventionen abzubauen. 17 Jahre später liegt die staatliche Unterstützung für Verbraucher und Förderer laut OECD noch immer über dem langjährigen Durchschnitt. In Deutschland stecken die größten Posten im Steuerrecht: billigerer Diesel, steuerfreies Kerosin, die Pendlerpauschale und pauschal besteuerte Dienstwagen.

Was zählt als fossile Subvention

Als fossile Subventionen gelten staatliche Eingriffe, die Öl, Gas oder Kohle billiger machen, als es die Kosten hergeben. Fachleute unterscheiden explizite Subventionen, die im Haushalt sichtbar werden, und implizite, bei denen Klima- und Gesundheitskosten unbezahlt bleiben.

Der IWF definiert eine explizite Subvention als Endverbraucherpreis unter den Versorgungskosten eines Brennstoffs, dazu zählt er direkte Hilfen für Förderer wie Sonderabschreibungen. Implizit nennt der Fonds die Lücke zwischen diesem Preis und dem effizienten Preis. Der effiziente Preis enthält Klimaschäden, Luftverschmutzung, Straßenverkehrsfolgen und die regulär fällige Verbrauchsteuer.

Die zweite Trennlinie verläuft zwischen Verbrauch und Förderung. Mit Konsumentensubventionen senkt der Staat den Preis an der Zapfsäule, auf der Stromrechnung oder im Industriebetrieb. Mit Produzentensubventionen erleichtert er Exploration, Förderung, Transport und Raffinierung. Die OECD führt zusätzlich eine dritte Kategorie: allgemeine Leistungen wie staatlich geförderte Kohle- oder Gasterminals, die künftigen Verbrauch ermöglichen.

Warum rechnen IWF, IEA und OECD so unterschiedlich

IWF, IEA und OECD messen fossile Subventionen auf drei Arten: über Schäden, Preislücken und Haushaltsposten. Deshalb summiert der IWF explizite und implizite Posten für 2024 auf mehr als sieben Billionen Dollar, die OECD in ihrem Inventar auf 371 Milliarden.

Die Internationale Energieagentur arbeitet mit der Preislückenmethode. Sie vergleicht den Endverbraucherpreis mit einem Referenzpreis, der die vollen Versorgungskosten abbildet, und multipliziert die Differenz mit der verbrauchten Menge. Für Importländer gilt der Importpreis als Maßstab, für Exportländer der Exportpreis. Hilfen für die Förderung oder für Forschung bleiben dabei außen vor, die IEA hält ihre Summen deshalb selbst für zu niedrig.

Die OECD sammelt seit 2013 einzelne Maßnahmen aus den Haushaltsberichten der Regierungen: direkte Zahlungen und Steuervergünstigungen. Ihr Inventar von Dezember 2025 umfasst 1.732 Maßnahmen in 52 Volkswirtschaften, die Auswertung für 2024 stützt sich auf 49 Länder. Steuervergünstigungen misst jedes Land an seinem eigenen Referenzsteuersystem, Ländervergleiche hält die OECD deshalb für irreführend. Daten der USA hat die Organisation für alle Jahre entfernt.

MethodeWas sie zähltAbdeckungWert 2024
IEA, PreislückeEndverbraucherpreis unter dem Referenzpreis der Versorgungskosten, nur Verbrauchausgewählte Länder598 Mrd. $
OECD, InventarHaushaltszahlungen und Steuervergünstigungen für Verbraucher und Förderer49 Länder371 Mrd. $
OECD und IEA kombiniertbeide Schätzungen zusammengeführt82 Länder, ohne USA916 Mrd. $
IWF, explizitPreis unter Versorgungskosten plus direkte Produzentenhilfen170 Länder725 Mrd. $
IWF, implizitunbezahlte Klima-, Luft- und Verkehrsschäden, entgangene Verbrauchsteuer170 Länder6,7 Bio. $

Quelle: OECD Inventory of Support Measures for Fossil Fuels 2025 (IEA-Preislücke, Inventar, kombinierter Wert), IWF Working Paper 2025/270 (explizit und implizit).

Wie viel Geld fließt weltweit in fossile Subventionen

OECD und IEA zählten für 2024 gemeinsam 916 Milliarden Dollar fossile Subventionen, elf Prozent weniger als die 1.031 Milliarden von 2023. Den Rekord hält das Jahr 2022, als viele Regierungen in der Energiekrise die Preise für Strom, Gas und Kraftstoffe deckelten.

Allein die Konsumentensubventionen nach IEA-Methode überstiegen 2022 erstmals eine Billion Dollar und fielen 2023 auf 620 Milliarden. Die OECD führt den Rückgang bis 2024 auf auslaufende Krisenhilfen zurück: Deren Kosten sanken von 164 Milliarden Dollar 2022 auf 58 Milliarden 2024.

Gut 84 Prozent der Haushaltskosten im OECD-Inventar betrafen 2024 den Verbrauch, zwölf Prozent die Förderung. Auf den Verkehr entfielen mit 114 Milliarden Dollar die meisten Hilfen, als einziger Sektor verzeichnete er einen Zuwachs. Laut OECD zielt der Großteil der Verbrauchshilfen nicht auf die Bedürftigsten, die Regierungen verbilligen Energie für alle.

Der IWF beziffert für 2024 explizite Subventionen von 725 Milliarden Dollar, 0,6 Prozent der Weltwirtschaftsleistung. Die impliziten Subventionen belaufen sich auf 6,7 Billionen Dollar oder 5,8 Prozent. Drei Viertel davon gehen auf Luftverschmutzung und Klimawandel zurück. In seinem Update von 2023 hatte der Fonds für 2022 sieben Billionen Dollar oder 7,1 Prozent der Weltwirtschaftsleistung errechnet.

Welche fossilen Subventionen zahlt Deutschland

Deutschland zahlt fossile Subventionen vor allem über Steuervergünstigungen im Verkehr und Entlastungen für die Industrie. Das Forum Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft (FÖS) zählt für 2024 klimaschädliche Subventionen von 66,2 Milliarden Euro, davon 31,3 Milliarden im Verkehr.

Das Umweltbundesamt hat seine Studie „Umweltschädliche Subventionen in Deutschland“ zuletzt 2021 aktualisiert, mit Daten für 2018. Damals summierte das Amt 65,4 Milliarden Euro, 47 Prozent davon im Verkehr. Auf Diesel erhebt der Bund laut UBA 18,41 Cent je Liter weniger Energiesteuer als auf Benzin. Das UBA wertet die Summe als Untergrenze, weil Landesprogramme fehlen.

Die FÖS-Autoren haben die Zahlen für die Bertelsmann Stiftung im Klima-Subventionsbericht 2026 fortgeschrieben, nach der UBA-Systematik, aber nur für klimaschädliche Posten. Die Autoren erfassen 45 Tatbestände, 26,4 Milliarden Euro entfallen auf den Energiesektor. Dort wachsen vor allem die kostenlose Zuteilung von CO2-Zertifikaten, die Strompreiskompensation und Rabatte bei den Netzentgelten.

Posten2018 (UBA)2024 (FÖS)
Energiesteuerbefreiung Kerosin8,4 Mrd. €7,4 Mrd. €
Dieselprivileg (Energiesteuer)8,2 Mrd. €6,5 Mrd. €
Entfernungspauschale6,0 Mrd. €6,2 Mrd. €
Mehrwertsteuerbefreiung internationale Flüge4,0 Mrd. €5,7 Mrd. €
Pauschale Besteuerung privat genutzter Dienstwagenmind. 3,1 Mrd. €4,9 Mrd. €

Quelle: Umweltbundesamt, Umweltschädliche Subventionen in Deutschland, Aktualisierte Ausgabe 2021 (Bezugsjahr 2018). FÖS im Auftrag der Bertelsmann Stiftung, Klima-Subventionsbericht 2026 (Bezugsjahr 2024, Kerosin national und international zusammengefasst). Beide Jahre sind laut FÖS wegen unterschiedlicher Abgrenzung nur eingeschränkt vergleichbar.

Pendlerpauschale und Dienstwagenregel stuft der Bericht als teilweise klimaschädlich ein, weil sie nicht nur, aber überwiegend Verbrenner begünstigen. Nominal stieg die Summe seit 2018 leicht. Real fiel sie wegen der Inflation von über 20 Prozent, ein Abbau aus politischer Entscheidung steckt nach Einschätzung der Autoren nicht dahinter.

Was haben G20 und Weltklimakonferenz zum Abbau beschlossen

Die G20 beschlossen im September 2009 in Pittsburgh, ineffiziente fossile Subventionen mittelfristig abzubauen. Auf der Weltklimakonferenz COP28 in Dubai bekräftigten die Vertragsstaaten des Pariser Abkommens das Ziel im Dezember 2023.

In der Abschlusserklärung von Pittsburgh verpflichteten sich die Staats- und Regierungschefs, Subventionen abzubauen, die „verschwenderischen Verbrauch fördern“. Gezielte Hilfen für Arme schlossen sie ausdrücklich aus, ebenso die Förderung sauberer Energie. Eine Frist nannten sie nicht. Die Energie- und Finanzminister sollten nationale Zeitpläne vorlegen.

Die Entscheidung 1/CMA.5 zur ersten globalen Bestandsaufnahme ruft die Staaten auf, solche Subventionen „so bald wie möglich“ auslaufen zu lassen. Die Einschränkung blieb erhalten: Hilfen gegen Energiearmut oder für einen gerechten Übergang gelten nicht als ineffizient. Derselbe Beschluss enthält den Aufruf zur Abkehr von fossilen Brennstoffen in Energiesystemen.

In beiden Texten bleibt offen, welche Subvention ineffizient ist. Jede Regierung entscheidet das selbst, verbindliche Mengen oder Jahreszahlen fehlen. Die OECD bewertet in ihrem Inventar bewusst nicht, welche Maßnahme reformiert werden sollte.

Wie hat die Bundesregierung die Subventionen 2026 ausgeweitet

Die Bundesregierung hat 2026 klimaschädliche Subventionen im Umfang von rund elf Milliarden Euro ausgeweitet oder wieder eingeführt. Diese Zwischenbilanz ziehen die FÖS-Autoren im Klima-Subventionsbericht vom September 2026, Stand Oktober 2026.

Zum Januar 2026 erhöhte die Koalition die Entfernungspauschale, im Juli senkte sie die Luftverkehrsteuer. Landwirte bekommen seit dem 1. Januar 2026 wieder 21,48 Cent je Liter Agrardiesel erstattet, rund 430 Millionen Euro im Jahr. Die Ampel-Regierung hatte das vollständige Auslaufen bis Januar 2026 geplant.

Mit dem Iran-Krieg und dem Ölpreisschock 2026 kam ein Sofortprogramm hinzu, das fossile Subventionen weiter erhöhte. Die Regierung senkte die Energiesteuer auf Diesel und Benzin laut FÖS für zwei Monate um rund 17 Cent je Liter, ähnlich dem Tankrabatt von 2022. Gleichzeitig äußerten sich Finanzminister Lars Klingbeil und der frühere Unionsfraktionschef Jens Spahn positiv zu pauschalen Kürzungen über alle Subventionen. Die FÖS-Autoren halten diesen Ansatz für wenig zielgenau.

Wie verzögern Regierungen mit fossilen Subventionen die Elektrifizierung

Wer fossile Subventionen zahlt, hält Benzin, Diesel und Gas billig und verlängert so die Zeit, bis sich Elektroauto, Wärmepumpe oder Elektrokessel rechnen. Zugleich bindet der Staat Haushaltsmittel, die für den Umbau fehlen.

Die IEA stellt den 620 Milliarden Dollar Konsumentensubventionen von 2023 nur 70 Milliarden gegenüber, die Regierungen für saubere Investitionen der Verbraucher ausgaben. Wo Regierungen Endpreise deckeln, wächst mit jedem Anstieg des Ölpreises die Preislücke und damit die Subvention. Ein Ölpreis um 100 Dollar macht den Wechsel zu E-Auto und Wärmepumpe attraktiver, ein Tankrabatt nimmt einen Teil dieses Preissignals wieder heraus.

Der Ember-Stratege Kingsmill Bond begründet den Umbruch mit Physik, Ökonomie und Geopolitik: Elektrische Technik arbeitet rund dreimal effizienter als fossile. Mit fossilen Subventionen stützen Regierungen die ineffizientere Seite, ähnlich wie mit fossilen Scheinlösungen wie E-Fuels, CCS und der Grüngasquote. Wer sie abbaut, kann die Einnahmen gezielt zurückgeben.

Das Umweltbundesamt schlägt vor, Fahrtkosten zur Arbeit nur noch als Härtefall steuerlich anzuerkennen. Die Mehreinnahmen könnte der Staat laut UBA in den öffentlichen Verkehr oder eine höhere Werbungskostenpauschale stecken, unter dem Strich mit progressiver Wirkung. Der Economist rechnete vor, dass die Energiewende insgesamt günstiger ausfällt als oft behauptet (mehr dazu: Energiewende-Kosten und die Mythen).

QUELLEN

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  1. IWF: IMF Fossil Fuel Subsidies Data: 2023 Update, August 2023.
  2. IEA: Fossil Fuel Subsidies Database, Ausgabe 2025.
  3. Umweltbundesamt: Umweltschädliche Subventionen in Deutschland, Datenseite, Dezember 2021.
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