Netzbetreiber machen Stromtrassen zum Lebensraum für Rote-Liste-Arten

NATURSCHUTZ · 24. SEPTEMBER 2026

Ökologisches Trassenmanagement: Wie Netzbetreiber Stromtrassen in Biotope verwandeln

Netzbetreiber pflegen die Schneisen unter Hochspannungsleitungen zunehmend selektiv statt im Kahlschlag. Das Verfahren heißt ökologisches Trassenmanagement. In Baden-Württemberg profitieren davon Arten wie der vom Aussterben bedrohte Blauschwarze Eisvogel.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 8 Min. Lesezeit LESEN


Unter jeder Freileitung verläuft ein Streifen, auf dem kein hoher Baum wachsen darf. Kommen Äste den Leiterseilen zu nahe, droht ein Überschlag und damit ein Stromausfall. Deshalb halten Netzbetreiber diese Schneisen seit Jahrzehnten frei, lange Zeit flächig und mit schwerem Gerät. Allein das Hoch- und Höchstspannungsnetz in Deutschland misst laut Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft rund 130.000 Kilometer, Freileitungen und Kabel zusammen, Datenbasis 2022.

Aus dieser Pflicht zum Freischneiden lässt sich Artenschutz machen. Entnimmt ein Netzbetreiber nur die Gehölze, die den Seilen gefährlich werden, entsteht ein lichter Streifen. Säume, Sträucher und offene Stellen wechseln sich ab, wie es lichtliebende Arten brauchen. TransnetBW und Netze BW wollen bis 2030 über 95 Prozent ihrer wüchsigen und bewaldeten Trassen in Baden-Württemberg so pflegen. Das kündigten beide Unternehmen im Januar 2026 an.

Was ökologisches Trassenmanagement von der klassischen Schneise unterscheidet

Ökologisches Trassenmanagement bezeichnet die selektive Pflege von Leitungsschneisen. Der Netzbetreiber entnimmt gezielt die Gehölze, die in den Gefährdungsbereich der Leiterseile wachsen, und lässt den Rest stehen. Wie ökologisches Trassenmanagement in der Praxis aussieht, zeigt eine rund 50.000 Quadratmeter große Fläche in Karlsruhe-Grünwettersbach. Dort entfernen TransnetBW und Netze BW schnellwüchsige Arten wie Zitterpappel, Weide und Birke. Traubeneichen, Rotbuchen und Hainbuchen wachsen langsam und bleiben deshalb stehen, ebenso niedrige Sträucher wie Holunder, Hartriegel und Ginster.

Mitarbeiter von 50Hertz bei der Trassenbegehung in einer strukturreichen Schneise
Trassenbegehung bei 50Hertz: Die Schneise unter der Freileitung wird so gepflegt, dass wieder natürliche Lebensräume entstehen. QUELLE: 50HERTZ

Andere Teilflächen mähen oder beweiden die Netzbetreiber, bis daraus Offenland wird. Sie gestalten Waldränder neu und legen Totholzstrukturen an. Dieselben Bausteine empfiehlt die NABU-Stiftung Nationales Naturerbe in ihrem Leitfaden von 2019: gestaffelte Pflege auf kleinen Teilflächen, Totholzhaufen, offene Bodenstellen und extensive Beweidung.

Im Juni 2024 hat das Forum Netztechnik/Netzbetrieb im VDE erstmals eine Umsetzungshilfe für Netzbetreiber veröffentlicht. Der Hinweis beschreibt Rahmenbedingungen, Handlungsfelder und Maßnahmen und gibt Verteil- wie Übertragungsnetzbetreibern eine gemeinsame Grundlage.

Auch über Erdkabeln bleibt ein Streifen dauerhaft frei von Bäumen, er fällt aber schmaler aus. Das Kompetenzzentrum Naturschutz und Energiewende beziffert Freileitungstrassen je nach Masttyp auf 36 bis 70 Meter. Eine 380-Kilovolt-Kabeltrasse braucht im Betrieb 20 bis 30 Meter, eine Gleichstromtrasse wie SuedLink zehn bis 15 Meter. Aufwerten lassen sich beide Trassentypen.

Breite von Leitungstrassen im Betrieb. Quelle: Kompetenzzentrum Naturschutz und Energiewende.
Trassentyp Breite im Betrieb
Freileitung (je nach Masttyp)36 bis 70 m
380-kV-Drehstrom-Erdkabel20 bis 30 m
Gleichstrom-Erdkabel (HGÜ)10 bis 15 m

Welche Arten unter Stromleitungen Lebensraum finden

Unter Stromleitungen finden vor allem Arten offener, sonniger Flächen Lebensraum: Tagfalter, Wildbienen, Blütenpflanzen des Grünlands und Reptilien wie die Kreuzotter. Studien aus Schweden und Norwegen zeigen, dass Trassen artenreicher sind als der Wald daneben, eine Studie aus den USA zeigt ihren Wert für Wildbienen.

Platterbsen-Widderchen auf einer Witwenblume
Platterbsen-Widderchen auf einer Witwenblume, aufgenommen in Tschechien. QUELLE: Chmee2 / Wikimedia Commons, CC BY 3.0

In 23 Landschaften Südschwedens zählten Forscher um Åsa Berg Schmetterlinge in Leitungstrassen und ihrer Umgebung. Die Trassen erwiesen sich als eigenständiger Lebensraum, unabhängig davon, ob daneben alter Wald, Kahlschlag oder Acker lag. Artenzahl und Häufigkeit sanken mit wachsendem Abstand zur Trasse, gemessen bis 500 Meter. Die positive Wirkung reichte über Flächen, die mehr als zehnmal so breit sind wie der Korridor selbst, zeigt die 2016 in Biological Conservation erschienene Studie.

An 51 Standorten in Südostnorwegen verglich ein Team um Katrine Eldegard die Pflanzen in Leitungsschneisen mit denen im angrenzenden Wald. In den Schneisen wuchsen mehr Arten halbnatürlichen Grünlands und mehr Blütenkräuter, vor allem auf produktiven Standorten mit regelmäßiger Pflege. Die Autoren sehen darin auch einen Gewinn für bestäubende Insekten, so ihre 2017 veröffentlichten Studie.

Ein Team um Laura Russo wies 2016 und 2017 auf einer Leitungstrasse in Pennsylvania 126 Bienenarten nach, knapp 29 Prozent aller im Bundesstaat bekannten Arten. Die Trasse wird dort nach US-Praxis mit sparsam dosierten Herbiziden gepflegt. Die Vielfalt blütenbesuchender Insekten blieb trotzdem hoch, zeigt die 2021 in PLOS ONE veröffentlichte Studie. Leitungstrassen bedecken in den USA laut der Studie zwei bis drei Millionen Hektar.

In Baden-Württemberg stehen mehrere Zielarten des ökologischen Trassenmanagements auf der Roten Liste. Den Blauschwarzen Eisvogel stuft die Forstliche Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg im Land wie im Bund als vom Aussterben bedroht ein, Kategorie 1. Seine Raupen fressen an der Roten Heckenkirsche. Das Platterbsen-Widderchen gilt im Land ebenfalls als Kategorie 1, bundesweit als stark gefährdet.

Blauschwarzer Eisvogel auf einem Blatt
Blauschwarzer Eisvogel, in Deutschland vom Aussterben bedroht, aufgenommen in der Schweiz. QUELLE: Rob Smeenk / Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0

Die Kreuzotter, im Land wie im Bund stark gefährdet, braucht ein Mosaik aus offenen und zuwachsenden Flächen. Die FVA empfiehlt für sie ausdrücklich, Leitungstrassen auf wechselnden Teilflächen offenzuhalten und 20 bis 30 Zentimeter über dem Boden zu mulchen. So bleibt der Boden unverletzt, und Zwergsträucher können wachsen.

Kreuzotter-Weibchen im Dornacher Ried
Kreuzotter-Weibchen im Dornacher Ried in Oberschwaben. QUELLE: Guntram Deichsel / Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0

Wie Netze BW die Trasse an der Sontheimer Höhle umgebaut hat

Bei Heroldstatt im Alb-Donau-Kreis hat Netze BW die Schneise einer 110-Kilovolt-Freileitung an der Sontheimer Höhle nach den Grundsätzen für ökologisches Trassenmanagement umgebaut. Forstleute nahmen Bäume am Trassenrand heraus, ließen die Roten Heckenkirschen stehen und legten Lesesteinhaufen und Totholz an. Beteiligt waren ForstBW, das Biosphärengebiet Schwäbische Alb und das Regierungspräsidium Tübingen, berichtete die Schwäbische Zeitung im August 2026.

Zielarten sind der Blauschwarze Eisvogel, Widderchen und Reptilien. Die Heckenkirschen, Futterpflanze der Eisvogel-Raupen, bekommen durch die Entnahme mehr Licht. Von Bäumen, die der Leitung hätten gefährlich werden können, blieben vier bis fünf Meter hohe Stämme ohne Krone stehen, sogenannte Hochtorsos. Am Rand der Trasse entstanden vier Lesesteinhaufen und mehrere Totholzhaufen aus dem Schnittgut, gemulcht wurde nur abschnittsweise.

Rote Heckenkirsche mit Beeren auf der Schwäbischen Alb
Rote Heckenkirsche am Teckberg auf der Schwäbischen Alb, Futterpflanze der Raupen des Blauschwarzen Eisvogels. QUELLE: Robert Flogaus-Faust / Wikimedia Commons, CC BY 4.0

Gero Mey, Manager operative Nachhaltigkeit und Ökologie bei Netze BW, begleitet das Projekt für den Netzbetreiber. Ob sich Eisvogel und Widderchen tatsächlich ansiedeln, zeigt sich erst über mehrere Vegetationsperioden.

Warum Netzbetreiber das freiwillig tun und wo die Grenzen liegen

Für ökologisches Trassenmanagement gibt es keine gesetzliche Pflicht. Amprion, TenneT, TransnetBW und 50Hertz nennen ökologisches Trassenmanagement in einem gemeinsamen Positionspapier eine freiwillige Leistung. Im Genehmigungsverfahren können Behörden die Pflege nicht pauschal als Eingriffsminderung nach dem Bundesnaturschutzgesetz anerkennen. Als Ausgleichsmaßnahme zählt sie nur im Einzelfall, wenn sie vertraglich festgelegt ist.

Die vier Übertragungsnetzbetreiber setzen auf dieselben Werkzeuge wie Netze BW: zeitlich gestaffelte Einzelbaumentnahme, langsam wachsende Gehölze, Offenland und Beweidung. Amprion lässt Trassenflächen von Schafen, Ziegen und Eseln abweiden. 50Hertz spricht vom ökologischen Schneisenmanagement und meint in der Sache dasselbe. In Belgien und Frankreich starteten Elia und RTE im September 2011 das EU-Projekt LIFE Elia-RTE. Für drei Millionen Euro legten die beiden Netzbetreiber ökologische Korridore unter Freileitungen im Wald an.

In Baden-Württemberg bringt das Dialogforum Energiewende und Naturschutz Netzausbau und Biotopschutz zusammen. BUND und NABU Baden-Württemberg tragen das Forum seit 2012, seine Laufzeit reicht bis 2029. Das 95-Prozent-Ziel von TransnetBW und Netze BW bleibt trotzdem eine Selbstverpflichtung, die niemand einklagen kann.

Wie Netzbetreiber mit ihren Trassen den Biotopverbund stärken können

Netzbetreiber können mit gepflegten Trassen Lebensräume verbinden, die Äcker, Straßen und Siedlungen voneinander trennen. Der Korridor, den sie ohnehin freihalten müssen, ist nach den Studien aus Skandinavien und den USA selbst Lebensraum. Im Genehmigungsverfahren gilt eine Trasse im Wald dagegen als Eingriff in Natur und Landschaft, der ausgeglichen werden muss. Wo Leitungen, Umspannwerke oder Batteriespeicher entstehen, entscheidet ohnehin oft die Akzeptanz vor Ort über das Tempo.

Das Bundesnaturschutzgesetz verlangt seit 2002 einen Biotopverbund auf mindestens zehn Prozent der Landesfläche. Baden-Württemberg geht weiter und will bis 2030 mindestens 15 Prozent seiner Offenlandfläche als Biotopverbund ausweisen, 2023 waren es laut Landesumweltministerium 10,9 Prozent.

Das EU-Renaturierungsgesetz verpflichtet die Mitgliedstaaten zusätzlich, geschädigte Ökosysteme wiederherzustellen. Für beides braucht es Flächen, und Netzbetreiber verfügen über lange Streifen, die sie ohnehin pflegen müssen. Anders als die Wildnis im Hambacher Forst bleibt eine Trasse gepflegter Lebensraum, der ohne regelmäßigen Eingriff wieder zuwächst.

Ein Netzbetreiber, der so arbeitet, verlegt nicht nur Kupfer und stellt Masten auf. Er bewirtschaftet Flächen quer durch Wälder und Schutzgebiete, die über Jahrzehnte in seiner Verantwortung bleiben. Bei Netze BW verlaufen nach Angaben des Unternehmens rund 40 Prozent des Hochspannungsnetzes durch ökologisch sensible Gebiete. Ob ökologisches Trassenmanagement bundesweit zum Standard wird, entscheiden bislang die Unternehmen selbst, solange das Bundesnaturschutzgesetz der Pflege keinen eigenen Ausgleichswert zumisst.

QUELLEN

  1. TransnetBW und Netze BW: Pressemitteilung zum ökologischen Trassenmanagement, 29.01.2026.

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