ÖKOLOGISCHE TRANSFORMATION · 13. JUNI 2026
Leonhard Lenz / CC BY-SA 4.0Aus dem Hambacher Forst wird Wildnis statt Tagebau
Der Hambacher Forst geht bis spätestens 2035 in öffentliches Eigentum über und wird zum Wildnisentwicklungsgebiet. Landesregierung, Kommunen, RWE und Naturschutzverbände haben sich auf gemeinsame Eckpunkte geeinigt. Aus „Hambi bleibt“ wird ein dauerhaft gesicherter Urwald.
Kein Ort hat den Streit um den deutschen Kohleausstieg so verdichtet wie der Hambacher Forst zwischen Köln und Aachen. „Hambi bleibt“ war über Jahre mehr als ein Protestruf, es war die Kurzformel für die Frage, ob fossile Industrie oder ökologische Vernunft die Zukunft des Rheinischen Reviers bestimmt. Am 9. Juni 2026 haben die Beteiligten diese Frage beantwortet.
In einer gemeinsamen Erklärung verständigten sich das nordrhein-westfälische Umweltministerium, die Wirtschafts- und Landwirtschaftsressorts, die betroffenen Kommunen und Kreise, die RWE Power AG sowie BUND, NABU und LNU auf Eckpunkte für die dauerhafte Sicherung des Hambacher Waldes. Der Wald soll spätestens 2035 in öffentliches Eigentum überführt und als Wildnisgebiet geschützt werden. Dass Naturschutzverbände und Energiekonzern dasselbe Papier unterschreiben, ist das eigentlich Bemerkenswerte.
Aktivistische Proteste rund um den Tagebau Hambach haben lange Tradition. 2019 beispielsweise zeigte sich Greta Thunberg erschreckt von der entstehenden Mondlanschaft durch den Braunkohletagebau von RWE.
Hambacher Forst als Urwald: Was die Erklärung konkret regelt
Die Einigung ist noch kein fertiger Vertrag, sondern eine Empfehlung der „Kleinen Arbeitsgruppe Hambacher Wald“, die bis Ende 2026 in einen verbindlichen öffentlich-rechtlichen Vertrag überführt werden soll. Der Kern: Der Hambacher Forst wird einer ungestörten, natürlichen Entwicklung überlassen und als Wildnisentwicklungsgebiet nach Paragraf 40 des Landesnaturschutzgesetzes ausgewiesen. RWE stellt die forstwirtschaftliche Nutzung schon vor der förmlichen Ausweisung ein.
Die Sicherung läuft in zwei Schritten. Zunächst wird im Vertrag die freie Waldentwicklung vereinbart, dann folgt spätestens 2035 die förmliche Ausweisung als Wildnisgebiet. Beim Eigentumsübergang sichert sich das Land ein Vorkaufsrecht, das es ausdrücklich nur zugunsten eines öffentlichen Eigentümers ausüben will. Der Wald soll dauerhaft der öffentlichen Hand gehören, nicht erneut zur Verhandlungsmasse werden.
Hinzu kommt die Waldvernetzung. Über zwei jeweils rund 250 Meter breite Korridore wird der Hambacher Forst mit der Steinheide und dem Merzenicher Erbwald verbunden, der seinerseits zum Naturschutzgebiet werden soll. Aus isolierten Waldinseln entsteht ein zusammenhängender Biotopverbund, in dem Tiere und Pflanzen wandern können. Ein Radweg, der Hambach Loop, soll den Wald erlebbar machen, ohne die sensiblen Kernzonen zu stören.
Was eine solche Wildnis im Detail bedeutet, ist im Naturschutz klar definiert. In einem Wildnisentwicklungsgebiet wird auf Holzeinschlag, Wegebau und Pflegeeingriffe verzichtet. Tote Bäume bleiben liegen, Sturmwürfe werden nicht beräumt, die natürliche Sukzession bestimmt das Tempo. Für den Hambacher Forst, einen alten Eichen- und Hainbuchenbestand mit teils mehr als 300 Jahre alten Bäumen, ist das die ökologisch wertvollste Variante. Solche unbewirtschafteten Flächen sind in Deutschland selten, der Anteil echter Wildnis liegt deutlich unter dem politisch angestrebten Ziel von zwei Prozent der Landesfläche.
Wo Braunkohle endet, wächst ein Urwald
Die Symbolik ist schwer zu überbieten. RWE hat über die Tochter Rheinbraun jahrzehntelang Flächen für den Braunkohleabbau aufgekauft, ab 1978 wurde gerodet. Seit 2012 bauten Umweltschützer*innen Baumhäuser in den Bäumen, um die Rodung und die Ausweitung des Tagebaus zu verhindern. Aus der Besetzung wurde über Jahre eine der sichtbarsten Klimaproteste des Landes, zeitweise besuchten Zehntausende den Wald.
2018 ließ der Konzern die Baumhäuser räumen, mit Verweis auf den Brandschutz, in einem der größten Polizeieinsätze der Landesgeschichte. Wenig später stoppte das Oberverwaltungsgericht Münster die Rodung vorläufig, 2020 folgte die politische Einigung zum Erhalt. Die aktuelle Erklärung macht aus dieser politischen Zusage nun einen eigentumsrechtlich abgesicherten Dauerzustand. Was als Akt des zivilen Widerstands begann, endet als Verwaltungsvorgang mit Grundbucheintrag.
Bemerkenswert ist, was aus dem Wald werden soll. Ein Wildnisentwicklungsgebiet bedeutet: keine Bewirtschaftung, kein Eingriff, keine Pflege. Der Wald wird sich selbst überlassen und kann über Jahrzehnte zum Urwald werden, zu einer der seltenen Flächen in Deutschland, auf denen Natur ohne menschliche Steuerung abläuft. Ausgerechnet dort, wo die fossile Industrie ihren tiefsten Abdruck hinterlassen hat, entsteht eine der wildesten Flächen des Landes.
Der zweite Teil der Transformation liegt direkt nebenan, im Tagebau selbst. Nach dem Ende der Förderung wird die Abbaumulde geflutet. Es entsteht der Hambachsee, mit rund 3.500 Hektar Fläche, das sind etwa 5.000 Fußballfelder, und gemessen am Volumen nach dem Bodensee der zweitgrößte See Deutschlands. Aus dem größten Loch der Region wird das größte Gewässer. Wildnis am Rand, Wasser in der Mitte: Die fossile Wunde wird zur Landschaft der Zukunft.
Der Preis der Einigung
Doch die Erklärung erkauft den Naturschutz mit klaren Zugeständnissen an RWE. Im Text steht mehrfach und wörtlich, dass die betrieblichen Belange des Konzerns vollständig unberührt bleiben. Tagebauabschluss, Wiedernutzbarmachung, Grundwasseranstieg und die Planfeststellung des Tagebausees laufen ohne Einschränkungen weiter. Die förmliche Ausweisung als Wildnisgebiet erfolgt ausdrücklich erst, nachdem der Tagebau zu Ende geführt ist.
Das ist die nüchterne Lesart hinter der Urwald-Schlagzeile: Der Wald wird gesichert, aber RWE behält den vollen Betriebsfrieden bis zum Schluss. Der Schutz beginnt dort, wo das Geschäft endet. Für die Region ist das ein tragfähiger Kompromiss, für die Bewegung ist es ein Sieg mit Fußnote.
Eine bittere Wendung trägt die Einigung obendrein. Die Kommunen erwarten vom Land, dass die verbliebenen Besetzer den Wald nun zügig verlassen, damit er „zur Ruhe kommt“. Ausgerechnet jene Aktivist*innen, deren Baumhäuser den Hambacher Forst zum bundesweiten Symbol gemacht und seinen Erhalt erst erzwungen haben, werden im Moment des Erfolgs zum Räumungsobjekt. Wer den Wald rettete, soll ihn jetzt freigeben.
Eine Region gestaltet ihre Zukunft
Über den Wald hinaus markiert die Einigung einen Wandel im Selbstverständnis des Rheinischen Reviers. Die Vereinbarung fügt sich in den Rahmenplan Hambach ein, mit dem die Kommunen ihre Entwicklung nach der Kohle selbst in die Hand nehmen. Statt einer Strukturpolitik, die über die Köpfe der Menschen hinweg entschieden wird, entsteht ein Gestaltungsanspruch von unten.
Andreas Heller, Bürgermeister von Elsdorf und Aufsichtsratsvorsitzender der Neuland Hambach GmbH, ordnet die Einigung als Baustein dieses größeren Bildes ein. Die Region habe eine gemeinsam abgestimmte Vorstellung ihrer Zukunft entwickelt, in die sich die Forst-Vereinbarung nun einfüge. Geschäftsführer Boris Linden betont, dass es gelungen sei, unterschiedliche Interessen in einer tragfähigen Vereinbarung zusammenzuführen. Was nach Verwaltungsprosa klingt, ist das eigentliche Kunststück: Energiekonzern, Naturschutz, Landwirtschaft und Kommunen an einem Tisch.
Genau hier liegt die Bedeutung für die Energiewende insgesamt. Der Kohleausstieg gelingt nicht im Konflikt allein, sondern dort, wo aus dem Streit ein gemeinsames Konzept wird. Der Hambacher Forst, einst Schlachtfeld, wird zum Modell dafür, wie sich eine fossile Landschaft in eine ökologische verwandeln lässt.
Vom Loch zur Landschaft
Was 2035 Wirklichkeit werden soll, ist eine doppelte Renaturierung: ein sich selbst überlassener Urwald und der zweitgrößte See Deutschlands, verbunden durch neue Waldkorridore zu einem Biotopverbund. Das ist mehr als die Rettung eines Waldstücks, es ist der Beweis, dass die Spuren der fossilen Ära nicht das letzte Wort behalten.
Offen bleibt die Strecke bis dahin. Der verbindliche Vertrag muss bis Ende 2026 stehen, der Eigentumsübergang hängt am Abschluss des Tagebaus, die Ausweisung als Wildnisgebiet folgt erst danach. Bis aus den Eckpunkten ein rechtskräftiger Schutz wird, vergehen Jahre, in denen RWE den Tagebau in Ruhe zu Ende bringt.
Und doch: Die Richtung steht fest. Aus „Hambi bleibt“ ist „Hambi wird Wildnis“ geworden. Der Wald, um den so lange gekämpft wurde, hat eine Zukunft, die länger reicht als jede Legislaturperiode. Er wächst jetzt in die Freiheit, der er einmal entrissen werden sollte.
QUELLEN
- Umweltministerium NRW (9. Juni 2026): Gemeinsame Erklärung zur großflächigen Waldvernetzung im südlichen Teil des Tagebaus Hambach und dauerhaften Erhaltung des Hambacher Waldes
- Utopia (Juni 2026): Hambi bleibt und wird Urwald: Das sind die Pläne für den Hambacher Forst
- Neuland Hambach GmbH (abgerufen Juni 2026): Der Hambachsee