CARBON REMOVAL · 22. JULI 2026
KI-generiertKlärwerk als CO₂-Senke: Norwegen zertifiziert erstes BECCS-Projekt
Puro.earth hat ein weltweit erstes BECCS-Projekt zertifiziert. Die Anlage scheidet CO₂ aus Biogas an einem Klärwerk ab. Betreiber ist Inherit Carbon Solutions am norwegischen Klärwerk VEAS bei Oslo, das Kohlendioxid landet dauerhaft unter der Nordsee.
Die Zertifizierungsplattform Puro.earth hat für ein Projekt von Inherit Carbon Solutions am Klärwerk VEAS im norwegischen Slemmestad die ersten CO₂-Removal-Zertifikate (CORCs) ausgestellt. Die erste Charge umfasst gut 700 Zertifikate für den Zeitraum Februar bis Mai 2026. Es ist die erste europäische BECCS-Zertifizierung unter Puros Methodik „Geologically Stored Carbon" und das erste zertifizierte Projekt weltweit, das biogenes CO₂ aus der Biogasproduktion abscheidet.
VEAS ist Norwegens größte Abwasseraufbereitungsanlage und versorgt mehr als 800.000 Menschen im Großraum Oslo. Bei der Biogasproduktion aus Klärschlamm fällt biogenes CO₂ als Nebenprodukt an, das bislang meist ungenutzt in die Atmosphäre entwich. Die Anlage ist seit Ende März 2026 in Betrieb und kann bis zu 7.000 Tonnen CO₂ pro Jahr abscheiden.
Wie das CO₂ vom Klärwerk unter die Nordsee kommt
Die technische Kette ist kurz, aber aufwendig. HoopCO2, eine Tochter von VEAS, scheidet das biogene CO₂ direkt am Klärwerk ab und verflüssigt es. Per Lkw geht es zum Northern-Lights-Terminal in Øygarden bei Bergen, von dort per Pipeline offshore und rund 2.600 Meter unter den Meeresboden der Nordsee, wo es dauerhaft gespeichert wird.
Northern Lights ist dieselbe Infrastruktur, die auch fossiles CO₂ aus Climeworks-Luftabscheidungsanlagen und dem Orsted-Kalundborg-Hub aufnimmt. Für das Klärwerk-Projekt ist es die erste Annahme von biogenem statt fossilem CO₂.
„Die Partnerschaft mit Puro.earth gibt uns einen klaren Weg, die Zertifikate zu vermarkten", sagt Kaja Voss, CEO von Inherit Carbon Solutions. Das Projekt zeige, wie viel Potenzial in der Biogas-Lieferkette für die dauerhafte Speicherung von biogenem CO₂ stecke, ergänzt Voss.
Warum das Klärwerk-Modell für Deutschland relevant wird
7.000 Tonnen CO₂ im Jahr sind für sich genommen eine Demonstrationsgröße, kein spürbarer Klimabeitrag. Der eigentliche Wert liegt in der Blaupause: Klärwerke sind punktförmige, kommunal kontrollierte, biogene CO₂-Quellen mit ohnehin vorhandener Biogasanlage. In Deutschland gibt es nach Branchenangaben rund 10.000 kommunale Kläranlagen, ein Teil davon nutzt das anfallende Klärgas bereits energetisch in eigenen Blockheizkraftwerken.
Genau diese Infrastruktur ließe sich um eine CO₂-Abscheidung erweitern, ohne dass Stadtwerke komplett neue Anlagen bauen müssten. Der Flaschenhals ist dabei nicht die Abscheidung selbst, sondern der Transport: Lkw-Fahrten zum nächsten Hafen und die Schiffsroute nach Norwegen rechnen sich bei kleinen Mengen nur, wenn die Zertifikatserlöse pro Tonne im dreistelligen Bereich liegen. Wer das Modell als deutsches Geschäftsfeld erzählt, muss diese Kostenfrage mitliefern, sonst bleibt es eine reine Erfolgsmeldung ohne wirtschaftlichen Unterbau.
Dass die Klärwerks-Schiene mehr als ein Nischenexperiment ist, zeigt der Blick auf das größere Bild: Der schwedische Energieversorger Stockholm Exergi baut am Standort Värtaverket eine BECCS-Anlage, die jährlich rund 800.000 Tonnen biogenes CO₂ abscheiden und ebenfalls über Northern Lights unter der Nordsee speichern soll. Gegen dieses Millionen-Tonnen-Vorhaben ist das VEAS-Klärwerk der kleine, aber leichter kopierbare Bruder.
QUELLEN
- Carbon Herald: Puro.earth Certifies World's First BECCS Project In Norway, 21.07.2026.
- Carbon Herald: First-of-its-kind BECCS Project Begins Operations In Norway, 25.03.2026.
- Carbon Herald: Stockholm Exergi Announces One Of The Largest Carbon Removal Plants In The World, 2025.